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Klaus Holzkamp

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Beschleuniger am Tatort Stadion

15.04.2002: Fußball als Bühne für rechtes Gedankengut?

  
 

Forum Wissenschaft 2/2002

Rassismus im Fußballstadion ist ein etabliertes Phänomen, auf das mit sozialarbeiterischen bis ordnungspolitischen Mitteln reagiert wird. Verändert hat sich bislang lediglich das Erscheinungsbild der Szenen bzw. Jugendlichen. Die Wander-Ausstellung "Tatort Stadion. Rassismus und Diskriminierung im Fußball"1 des Bündnisses Aktiver Fußballfans (BAFF) und Football against Racism in Europe (FARE) zeigt rassistische und diskriminierende Strömungen und Vorfälle seit den 1980er Jahren in deutschen Stadien auf. Dabei lässt sie nicht nur in die Fankurven blicken, sondern auch zu möglichen Beschleunigern in der Tagespolitik, zu Spielern und Fußball-Funktionären. Beim Publikum, den öffentlichen Medien und fachlich Interessierten kommt sie an, beim Deutschen Fußball-Verband weniger. Gerd Dembowski berichtet.

Fußball ist ein soziokulturelles Ereignis: Millionen Menschen spielen selbst, Millionen verfolgen Fußball im Stadion oder am Bildschirm. Zumindest in der westlichen Hemisphäre versammeln sich nur noch in den Kirchen Woche für Woche so große Menschenmassen am gleichen Ort und in nahezu konstanter Struktur.

Neben Torjubel und Tränen werden die Zuschauerränge für eine Minderheit kontinuierlich zur Bühne ihres neonazistisch orientierten Lifestyles. Sie nutzt Fußball als Ventil für diskriminierende Verhaltensweisen, die im alltäglich tolerierten Rassismus verwurzelt sind. Auch Antisemitismus und Sexismus werden im Fußballstadion an die Oberfläche gespült.

Seit den 1980er Jahren versuchen neonazistische Gruppierungen, Fan- und Hooliganszenen zu unterwandern, um Nachwuchs zu rekrutieren. Bis heute sind dies eben nicht nur irgendwelche "Nazi-Aliens", die sportsfremd im Stadion landen, um "unseren" schönen Fußball zu benutzen, wie es von Vereinen bis zur Politik gern gepredigt wird. Mindestens seit den 1980er Jahren bildet sich eine Kontinuität rechter Fußballfankultur heraus.

Ohne Hooligans mit Neonazis, Boneheads2 bzw. rechten Jugendlichen gleichsetzen zu wollen (solche Pauschalisierungen verfehlen die Realität) gibt es Überschneidungen im Denken: Männerbündelei, Chauvinismus, "hart sein" als absolutes Ideal - da treffen sich Hooligans inhaltlich und in ihren Ausdrucksformen mit Neonazis, Boneheads bzw. rechten Jugendlichen. Ähnlich wie Boneheads sind Hooligans das ungeliebte Zerrbild einer neoliberalen "Erfolgsgesellschaft".

Beide Gruppierungen verbindet eine Brutalität, die durch die Sprache der Presse und des Fernsehens oder durch das Verhalten einzelner Spieler, Trainer und Funktionäre bestätigt wird: Da wird der Gegner "ausgeschaltet", "vom Platz gefegt", "weggebombt", "nieder-" oder "kampfunfähig gemacht". Spieler sind "Leitwölfe" und "Zerstörer", "hart und kaltblütig", die sich "den Arsch aufreißen"(Lothar Matthäus), um "mit der Brechstange" und "Granaten" zu siegen. Klaus Kocks erzählt 1998 als PR-Manager bei VW im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, er sei im "Wirtschaftskrieg" lieber "eine Art Hooligan der feineren Stände" als "Muckefuck-Trinker". Ebenso kämpft Filmlizenznehmer Leo Kirch als Medien-Hooligan mit rücksichtsloser Ellenbogenmentalität für (s)ein Monopol der Fußball-TV-Rechte.

Alle zusammen setzen sich mit ihren Mitteln, Möglichkeiten und einfachen "Wahrheiten" gnadenlos gegen potenzielle Konkurrenten durch, im Notfall bis zur "Vernichtung".

Nicht nur Medien, Funktionäre, Trainer und Spieler können als Beschleuniger von rechten Ressentiments und Gewalt im Stadion wirken, sondern auch die Akteure der Tagespolitik. So wie die Beschneidung des Asylrechts mit Innenminister Manfred Kanther Ende der 1990er Jahre und ihre rigorose Fortführung mit Nachfolger Otto Schily den gesellschaftlich tolerierten Alltagsrassismus verstärken, hatte vor dem Türkei-Länderspiel 1983 der damalige Berliner Innensenator Heinrich Lummer Öl ins Feuer gegossen. Angelehnt an die Bonner "Rückführungskampagne" hatte er die Losung "Berlin muss deutsch bleiben" ausgelobt und behauptet, der Unterschied zwischen Türken und Deutschen beginne schon beim Geruch.

"Ausländer" werden (zunehmend) danach beurteilt, ob sie nützlich für "unser" Land sind. Solche standortnationalistische Politik ist das Schmierfett im Getriebe der Xenophobie und des Rassismus in Deutschland. Rassistisch agierende Fußballfans können sich so als vollstreckende Speerspitze der Gesellschaft fühlen. In vielen Fällen können sie sich rechtfertigen, lediglich das offen auszusprechen oder umzusetzen, was "die da oben" verbreiten.

Rechter Lifestyle

"Es ist "in" rechts zu sein", stellte der im Düsseldorfer Fanprojekt arbeitende Sozialpädagoge Dirk Bierholz in einem Interview mit der Neuen Ruhr-Zeitung im August 2000 fest. Und auch wenn sich rechte Symbolik ständig wechselnder Codes bedient - z.B. um die Stadionordner zu täuschen -, die Parolen bleiben eindeutig: "Wir bauen eine U-Bahn von XY nach Auschwitz" oder "Hier marschiert der nationale Widerstand".

Im Vergleich zum Beginn der 1990er Jahre, als ganze Kurven sich an der Diskriminierung ausländischer Spieler mit vermeintlichen Dschungellauten und Bananenwürfen beteiligten, könnte man meinen, Rassismus in den Stadien wäre zurückgegangen. Das Gegenteil jedoch ist der Fall. Lediglich die Ausdrucksform ist subtiler, verdeckter geworden. Eindeutige Symbolik wurde abgelöst durch Kleidung der Marken CoNSDAPle oder Walhalla, Schals verarbeiten Einzelelemente der verbotenen Reichskriegsflagge zu neonationalistischem Patchwork, im World-Wide-Web grüßen die Kameraden mit verklausulierten Buchstabenkombinationen oder stellen ihren Gedankenaustausch auf sog. Blindseiten ins Netz, die für Außenstehende unauffindbar bzw. unzugänglich sind.

Auch junge Neonazis werden in einer kommerzialisierten Welt groß, in der Marken und hip sein eine große Rolle spielen. Deshalb sind Hakenkreuze im Alltag eher "unsexy" und lediglich das letzte Mittel, wenn keiner zuguckt. Lieber werden z.B. schwarz-rot-weiße Hemden der Marke Fred Perry getragen. Was bei anderen Menschen als Modeerscheinung gelten kann, wird bei Anwendung durch einen Rechten mit nationalistischer und rassistischer Bedeutung und Aussage aufgeladen. Nur selten wird es so offen, wie im Netzforum bei www.tatort-stadion.de am 30.2.2002: "Es müSSen noch mehr rechte in die stadien und die nigger und alis aus den doitschen manschaften jagen.heil hitler", schrieb jemand, der sich als St. Pauli-Skinhead ausgab.

Weniger "auffällig" ist Rassismus auch geworden, weil die verkürzte Klausel "rechtsextrem" immer daran zu messen ist, wie rechtsorientiert sich die Gesellschaft momentan formiert. Vor dem Hintergrund von Zero-Tolerance-Politik, nationalistischen Parolen von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber, faktischer Abschaffung des Asylrechts, Kriegspropaganda, Wahl der "Schill-Partei" in die Hamburger Regierung oder der öffentlichen Debatte um "Ausländerregelungen" im Fußball fallen rechtsorientierte Meinungen und Fans im Stadion genau wie im Alltag einfach weniger auf. Wenn dazu die "Stolz"-Debatte neu akzentuiert wird oder Kanzler Schröder Sexualstraftäter für immer wegschließen will, fühlt die "Speerspitze" sich bestärkt. Gleiches gilt für Sexismus (Frauenfeindlichkeit und Homophobie) und Antisemitismus, die sich nicht nur auf den Stadionrängen eines breiten Konsenses erfreuen.

Im Zeichen repressiver Toleranz stehen Aktionen der Bundesregierung, wie "Gesicht zeigen" oder das "Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt" dem zusammenhanglos gegenüber. Statt das Kind beim Namen zu nennen, verbindet man lieber aufgeblasene "Events" ohne Kontinuität mit dem Begriff "Toleranz" - etwas, das eben vor allem von den "Mächtigen" ausgeübt werden kann. Wer soll wem gegenüber tolerant sein? Und wie soll das auf der Straße funktionieren? Auch der DFB zieht nach mit unverfänglichen Events wie "Mein Freund ist Ausländer" oder "Rote Karte der Gewalt", "Für Toleranz und Integration". Hier mahnte 2001 Prof. Gunter A. Pilz im Sportjournal zur Kontinuität an der Basis: "Überwindung von Gewalt und Rassismus ist kein einmaliger Akt (…) Solche Aktionstage laufen leicht Gefahr, dass man sehr schnell wieder zur Tagesordnung zurückkehrt, sich aber nichts ändert. Das bewirkt auf Dauer überhaupt nichts."

Rassismus in Deutschlands Fußballstadien ist als Seismograph für die Gesellschaft so aktuell wie eh und je. Es gibt Umfelder bei einigen Vereinen, die schon traditionell seit mehreren "Fan-Generationen" ein gefestigtes rechtes Fan-Potenzial haben. Dennoch soll durch eine Nennung von Städten an dieser Stelle nicht zu Pauschalisierungen verleitet werden. Ganz im Gegenteil ist klar, dass rechte Tendenzen an jedem Ort immer wieder auftauchen, vermehrt und offener in den unteren Ligen, u.a. wegen geringerer Kontrolle.

Nicht jede rechte Parole kann dokumentiert und belegt werden, aber jede/r der/die regelmäßig im Stadion oder auf dem Weg dorthin ist, kann von zweifelhaften Gesängen à la "Wir sind deutsch" oder "Fenerbahce, Galatasaray - Wir hassen die Türkei" berichten. Auch ziehen die Auswärtsspiele von Vereinen mit vermeintlich "linkem" Fananhang, wie FC St. Pauli oder TeBe Berlin, immer wieder Boneheads und rechte Jugendliche aus der gesamten Region an, die "den Linken" mit rechter Gewalt entgegentreten wollen.

Heute versuchen viele Fans durch die affirmative Losung "Keine Politik im Stadion" politische Einflüsse jeder Art von sich zu weisen und zu leugnen, dass Fußball Teil der Gesellschaft ist. Andere verharmlosen ihre Meinung als Patriotismus: "Die Franzosen dürfen doch auch stolz auf ihr Land sein. Da meckert keiner", was übrigens auch DFB-Präsident Mayer-Vorfelder in einer Verkettung konservativer Rhetorik benutzt. An die eigene Nationalität knüpft sich die trügerische Hoffnung, dass man zu denen gehört, die auch in der Zukunft versorgt sind. Als Zugehöriger zur eigenen (deutschen) Familie und indem man diese "Mitgliedschaft" einklagt, erwartet man bevorzugte Behandlung gegenüber Fremden, die draußen vor der Tür bleiben sollen ("Das Boot ist voll").

Der französische Fußball-Weltmeister von 1998, Lilian Thuram meint: "Diese Leute meinen, dass wir Schwarzen wie Affen sind, und deswegen müssen wir uns diese "Uh-Uh"-Rufe anhören. Dieses Verhalten gibt es überall in der zivilisierten Welt. Um die Wahrheit zu sagen: Bis vor 100 Jahren haben renommierte weiße Intellektuelle argumentiert, dass die Schwarzen den Weißen unterlegen sind. Europäische Länder haben ihre industrielle und wirtschaftliche Macht auf dem Rücken der Schwarzen aufgebaut. Die "Uh-Uh-Uh" Rufe, die Fans heute von sich geben, sind die logische Folge dieser Kultur."

Konflikt um die Ausstellung

Die Wanderausstellung "Tatort Stadion" thematisiert anhand des populären Mediums Fußball mögliche Ursachen und Wirkungen von Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft, stellt Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Strömungen und (jugendlichen) Fußballfans heraus, bietet Argumentationshilfen für den Alltag und Ansatzpunkte für zivilgesellschaftliches Engagement an. Angesichts der hohen BesucherInnenzahlen, der Betreuung von Schulklassen und Einbindung sozialpädagogischer Projekte an den Ausstellungsorten besteht die Chance, dass dieses temporäre Angebot nicht wirkungslos bleibt. "Tatort Stadion" provoziert spontane Diskussionen und will auch Verbände und Vereine sensibilisieren für auch im Fußballbereich oftmals unterschätzte Kontinuitäten.

Nach der Eröffnung am 7. November 2001 in Berlin entwickelte sich ein Konflikt um die Darstellung des DFB und seinen amtierenden Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder. Auf einer Schautafel in Berlin waren antirassistische Ansätze, aber auch Versäumnisse des DFB aufgeführt, des weiteren die negative Vorbildrolle des ehem. rechtskonservativen CDU-Politikers Mayer-Vorfelder anhand einiger seiner Zitate und Taten. Zu dieser Schautafel gehörte ein Exkurs zu fragwürdigen Aspekten in der Geschichte des DFB in und seit der Nazi-Zeit.

Dem DFB missfiel diese Dokumentation und so trafen sich DFB-Justitiar Götz Eilers, der ehem. Ausstellungsschirmherr, Konfliktforscher und DFB-Berater Prof. Gunter A. Pilz sowie vier BAFF-Vertreter Mitte November 2001 zu einem klärenden Gespräch.

BAFF kam dem DFB entgegen und bot an, eine eigene Schautafel zu erstellen, um die beanstandete "Einseitigkeit" aufzulösen. Dies lehnte DFB-Vertreter Eilers ohne Angabe von Gründen ab. Da er darüber hinaus anmerkte, dass zu wenig über die antirassistische Seite des DFB berichtet würde, bat BAFF ihn um die Zusendung neuen Materials, da das nach dreimaliger Anfrage vom DFB zur Verfügung gestellte Material darüber nicht mehr hergab. BAFF sagte DFB-Vertreter Eilers und dem anwesenden Prof. Gunter A. Pilz eine Überarbeitung der Schautafel zu, die eine Trennung der Themen DFB und Mayer-Vorfelder beinhalten sollte. Doch DFB-Vertreter Eilers zeigte sich nicht kompromissbereit und zog mit Beendigung des Gesprächs die schriftlich zugesagten DFB-Fördermittel von 5000 Euro wieder zurück.

Trotzdem fand BAFF die Idee einleuchtend, die Themen "DFB" und "Funktionäre/MayerVorfelder" zu trennen, vor allem um Interpretationen vorzubeugen, dass die Person Mayer-Vorfelder allein alle antirassistischen Ansätze und Aktionen des DFB unglaubwürdig mache. Prof. Pilz ermutigte BAFF, die Zitate des DFB-Präsidenten in den neuen Texten zu belassen und versah die im Januar 2002 in Hamburg erstmals gezeigten drei neuen Schautafeln mit Korrekturen, die eingearbeitet wurden. Die Meinungen gingen lediglich dahin auseinander, ob die Hofierung von Hitlers Lieblingssoldaten, dem unverbesserlichen Nazi Rudel, durch den DFB während der WM 1978 in den DFB-Part gehöre oder nicht. Pilz bemängelte die "Diktion" des Textes, die ihn dazu bewegte, seine Schirmherrschaft endgültig niederzulegen. Sein Nachfolger wurde Prof. Walter Jens, der nun zusammen mit Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zur Ausstellung steht. Entgegen der Berichterstattung von der Titelseite der Zeit bis hin zu TV-Berichten im WDR und 3Sat wurde Prof. Pilz stattdessen zum einzigen öffentlichen Fürsprecher des DFB.

Der DFB brachte daraufhin am 11.1.2002 ein Schreiben an die Deutsche Fußball-Liga (DFL) bzw. die Klubs auf den Weg, bei Ausstellung in "ihren" Städten die entsprechenden Schautafeln zu zensieren: "Vielfach agieren die örtlichen Fanprojekte als Ausrichter - zumindest aber unmittelbar Beteiligte. Unsere Bitte geht deshalb an die DFL, sich einzuschalten, wenn die Ausstellung in Ihrem Bereich gezeigt werden soll und dann von einer Unterstützung abzusehen, wenn die erwähnten Tafeln weiterhin gezeigt werden. Gegebenenfalls wäre auch eine Intervention über die Trägervereine bzw. Beiräte der Fanprojekte ratsam." Die DFL leitete dieses Schreiben mit der Anmerkung "Ohne das Vorhaben im Übrigen zu behindern, bitten wir darum, dem Teil der Ausstellung, der die Person des DFB-Präsidenten diskriminiert, keinen Raum einzuräumen" noch am selben Tag an alle Vereine der ersten und zweiten Bundesliga weiter.

Zu diesem Zeitpunkt lagen BAFF tatsächlich zahlreiche Ausstellungsanfragen von sozialpädagogischen Fan-Projekten vor, die gewöhnlich zu einem Drittel aus DFB-Geldern finanziert werden - wodurch das DFB/DFL-Schreiben zu einem handfesten Mittel wird, die Ausstellung zu behindern und zu zensieren. Zuvor interessierte Fan-Projekte verhielten sich zurückhaltender. Seit März 2002 gibt es ein erstes entspannendes Signal, als der Beirat der von der Deutschen Sportjugend getragenen Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS) einer Beteiligung der Fan-Projekte ausdrücklich zustimmte.3

In Hamburg distanzierten sich zuvor der Hamburger SV und der Hamburger Fußball-Verband von der Ausstellung, in Bochum der dortige VfL. Das Düsseldorfer Fan-Projekt sagte seine Ausrichtung im Frühjahr 2002 ab, da der diesbezüglich gestellte Finanzierungsantrag keinen Erfolg mehr versprach. Düsseldorf will Austragungsort und Medienzentrum der WM 2006 werden, wobei die Unterstützung von "Tatort Stadion" nicht gerade hilfreich wäre. Dazu kommt, dass sich auch die Spielergewerkschaft VdV aus der Schirmherrschaft zurückgezogen hat. Die von der VdV zuvor für jeden Ort zugesagten Profi-Spieler fehlen nun als Redner, was zu einem Verlust an zusätzlicher pädagogischer und symbolpolitischer Tragweite führt.

"Tatort Stadion" bezeichnet den DFB-Präsidenten Gerhard-Mayer Vorfelder an keiner Stelle als Rassisten, nicht einmal als rechtskonservativen Politiker, der er zweifellos war. Die Schautafel "Tatzeugen Vorbilder" stellt zur Diskussion, dass Aussprüche des DFB-Präsidenten "zu Verstärkern oder Beschleunigern gewisser Haltungen werden" können, da er in besonderem Maße in der Öffentlichkeit steht und eine Vorbildfunktion für Fußballfans und jugendliche Nachwuchsspieler hat. BAFF wehrt sich gegen Mayer-Vorfelders Anschuldigung, es handele sich bei der Schautafel um einen "primitiven Versuch" ihn "in die rassistische Ecke drängen" zu wollen. Mit seiner öffentlichen "Rechtfertigung" vom 18.1.2001 - "Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Rassist bin" - ist er es selbst, der seine Zitate interpretiert. Die breite Öffentlichkeit und der gemeine Fan bekommt schließlich nicht die Möglichkeit, Mayer-Vorfelder kennen zu lernen und kann sich nur auf seine medial zugänglichen Aussagen stützen, die durchaus auch mal beim Bügeln vor dem TV-Gerät aufgeschnappt und behalten werden.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 23.1.2002 sagte DFL-Vertreter Werner Hackmann, dass Mayer-Vorfelder "uns im DFB-Präsidium sehr ausführlich dargelegt hat, wie diese Äußerungen aus dem Zusammenhang gerissen wurden." Der Öffentlichkeit bleibt Mayer-Vorfelder eine entlastende Aufklärung dieses "Zusammenhangs" bislang schuldig. Neben seinen Aussagen stehen die historischen Taten des Politikers Mayer-Vorfelder seinen Zitaten zur Seite (z.B. Engagement in der rechten Filbinger-Stiftung, Wunsch nach Singen der "ersten Strophe" der Nationalhymne an Schulen, Idee der Quotierung von Ausländerkindern an deutschen Schulen, Autorisierung eines Artikels für das September-Heft 1988 der rechtsextremen Monatsschrift Nation und Europa sowie eines Artikels für die rechte Junge Freiheit etc.). Der DFB muss sich demzufolge fragen lassen, wen er sich zum Präsidenten gewählt hat.

Wie auch immer, "Tatort Stadion" wird 2002 und 2003 auf ehrenamtlicher Basis der BAFF-Mitarbeiter noch in vielen Städten zu sehen sein. In Hamburg hat sich der FC St. Pauli als bislang einziger Verein hinter die Ausstellung gestellt; in Bochum hielt die Arbeiterwohlfahrt dem Druck stand und ließ das von ihr getragene Fan-Projekt die Ausstellung ausrichten. Ansonsten werden die Kosten in Zukunft ohne Beteiligung der Vereine und des DFB je nach Ort von DGB, ver.di, Jugendämtern oder örtlichen Initiativen aufgebracht.


Anmerkungen

1) Alle Ausstellungstexte sind unter www.tatort-stadion.de abrufbar

2) "Boneheads" ist die Bezeichnung für neonazistische Skinheads

3) Am KOS-Beirat nehmen u. a. Vertreter des DFB, der DFL, der Innenministerkonferenz, des Deutschen Städtetags, der Obersten Landesjugendbehörde sowie der Wissenschaft teil.


Gerd Dembowski ist Diplom-Sozialwissenschaftler in Berlin und Organisator der Ausstellung "Tatort Stadion".

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