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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Blinder Fleck der Bildungspolitik

  
 

Forum Wissenschaft 2/2002

Die OECD hat in ihrem PISA-Bericht als zentrale Aussage herausgestellt, dass Schüler und Schülerinnen aus benachteiligten Milieus in den Schulen schlechtere Leistungen erzielen, wo die Gesamtheit der Schülerschaft ebenfalls als sozial benachteiligt gelten kann. "Unter solchen Umständen bleiben Begabungen ungenutzt und werden menschliche Ressourcen vergeudet."(S. 252) Die OECD lässt keinen Zweifel daran, dass diese Effekte für Länder wie Deutschland mit einem hohen Grad an schulischer Segregation nach sozioökonomischen Faktoren besonders gravierend sind und auf das Gesamtergebnis durchschlagen. Daher rät sie der hiesigen Politik zu Maßnahmen, die geeignet sind, die schulische Segregation zu vermindern.

Folgt man der Darstellung des deutschen PISA-Berichts, dann weisen die Sonderschulen für SchülerInnen mit Lern- und Verhaltensproblemen die sozial homogenste SchülerInnenschaft auf. Diese kommen aus Elternhäusern mit dem niedrigsten sozioökonomischen Status (S. 460) und erreichen die absolut geringste Lesekompetenz. Leistungsüberschneidungen mit SchülerInnenleistungen aus anderen Schulformen gibt es praktisch nicht. (S. 456) Damit bestätigt sich, dass die externe Differenzierung nach sozioökonomischen Kriterien den sozial Benachteiligten am meisten schadet.

Umso mehr erstaunt es, dass der nationale PISA-Bericht unter der Federführung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin im Gegensatz zum internationalen Bericht der OECD sich damit begnügt, die Ergebnisse der Sonderschulen darauf zurückzuführen, dass diese "gerade hinsichtlich des Leseverständnisses eine eigene schwierige Klientel bedienen". (S. 456) In den Leistungsvergleichen zu Einzelaspekten taucht die Sonderschule gar nicht auf. Es fehlen Aussagen darüber, wie bei gleichen Lernvoraussetzungen der Kompetenzerwerb der SchülerInnen in der Sonderschule sich zu dem der SchülerInnen in der Hauptschule verhält. Ein mehr als nahe liegender Untersuchungsaspekt, da auch Sonderschulen den Hauptschulabschluss vergeben. Bei dem überproportionalen Anteil der SchülerInnen mit Migrationshintergrund in den Sonderschulen wäre nachzufragen, ob sich die Lernverläufe von SchülerInnen mit und ohne Migrationshintergrund in den Sonderschulen signifikant unterscheiden und welche Rolle geschlechtsspezifische Merkmale spielen. Insgesamt bleibt die zentrale Frage unbeantwortet, welchen Anteil die in anderen Ländern unbekannte Separation der SchülerInnen mit Lern- und Verhaltensproblemen an dem schlechten Gesamtergebnis der deutschen SchülerInnen hat.

Während die am PISA-Bericht beteiligten deutschen Wissenschaftler Klassenwiederholung und Rückstellung eingehend in ihren Auswirkungen problematisieren, werden die Sonderschulüberweisungen von einer kritischen Betrachtung ausgenommen. Dabei gehören diese zu den einschneidendsten, folgenreichsten Formen der herkunftsgebundenen Segregation und wirken sich nachhaltig negativ aus, weil sie den Kindern den Stempel der Behinderung aufdrücken. Lediglich die segregierte Sekundarstufenstruktur gerät in den Blick, die Segregation in der Grundschule durch die Sonderschulen wird verschwiegen. Damit macht Prof. Baumert,verantwortlich für den nationalen PISA-Bericht, es der deutschen Bildungspolitik wahrlich einfach. Warum sollten die eisernen Verteidiger der Gliederung des Schulsystems sich Fragen stellen, die der Forschungs-Bericht nicht einmal aufgeworfen hat?

Die Antwort der deutschen Bildungspolitik auf die Problematik der SchülerInnen mit den niedrigsten Lesekompetenzen erfolgte als KMK-Mitteilung zeitgleich zur PISA-Veröffentlichung:"Verstärkte Anstrengung zur Förderung von Schülerinnen und Schülern im unteren Leistungsbereich, insbesondere auch durch Entwicklung neuer Konzepte für das Lernen in Hauptschulen und Förderschulen." Die wirklich neuen und erfolgreichen Konzepte mit anderem strukturellen Zuschnitt werden totgeschwiegen. Das Lernen im Gemeinsamen Unterricht ohne Ausgrenzung von SchülerInnen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen jeglicher Art wird politisch behindert. Der Gemeinsame Unterricht soll aus der PISA-Diskussion herausgehalten werden, zeigt er doch, was offensichtlich in Deutschland nicht sein darf: dass die integrative Lernkultur mit der Orientierung am einzelnen Schüler bessere Leistungen für alle ermöglicht.

Auch die Reform der Lehrerausbildung, wie sie zur Zeit in NRW betrieben wird, macht deutlich, dass der schulischen Segregation Vorrang eingeräumt wird. Es soll weiterhin ein grundständiges Lehramt für Sonderpädagogik neben den anderen Lehrämtern geben. Die Sonderpädagogik bleibt damit Wächterin über die Kinder und Jugendlichen mit Lern- und Verhaltensproblemen sowie mit anderen Beeinträchtigungen und Behinderungen. Diese bleiben der Zuständigkeit der allgemeinen Pädagogik entzogen. Dagmar Hänsel, Professorin an der Universität Bielefeld, hat in einem Vortrag unlängst darauf aufmerksam gemacht, dass die Sonderschulbesuchsquote für die SchülerInnen mit Verhaltens- und Lernschwierigkeiten mit durchschnittlich 3% eines Altersjahrgangs zwar relativ gering ist, dass aber die Sonderpädagogik inzwischen 15 bis 25 Prozent eines Jahrgangs für behindert und damit sonderpädagogisch förderbedürftig erklärt.

Das Festhalten und Zementieren des alten Zustands der strukturellen Benachteiligung der Kinder und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Milieus geht auch nach PISA unvermindert weiter. Dies ist ein Vorwurf an die Adresse der deutschen PISA-Forschung, die im Gegensatz zur OECD dieses Thema für Deutschland nicht ausleuchtet. Es ist ein Vorwurf an die Politik, die zwar Chancengerechtigkeit und Chancengleichheit postuliert, aber die sozial segregierenden Strukturen für unverzichtbar erklärt.

Aus der Sicht von Andreas Schleicher, PISA-Gesamtkoordinator für die OECD, wird es von der grundsätzlichen Änderung der Schulstrukturen abhängen, ob Deutschland zu den Ländern aufschließen kann, in denen die SchülerInnen bessere Leistungsergebnisse auf breiter Basis erzielen. Die neueste Ankündigung aus dem NRW-Schulministerium zeugt jedoch nicht von Einsicht. Statt mit der Verminderung von sozialer Segregation haben wir eher mit einer Verschärfung zu rechnen. Die Einführung von einheitlichen Leistungstests in einem hierarchisch gegliederten Schulwesen, die zugleich nach dem Willen des Ministeriums den Wettbewerb zwischen den Schulen fördern sollen, werden noch mehr VerliererInnen am unteren Ende der Skala in Sonder- und Hauptschulen produzieren.


Brigitte Schumann ist Sprecherin der LAG Bildung in NRW von B90/Die Grünen

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