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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Toleranz statt Gleichberechtigung?

15.04.2002: Der Umgang mit dem "Fremden" und die Multikulturalismus-Debatte

  
 

Forum Wissenschaft 2/2002

Zumindestens unter den fortschrittlichen Menschen in Deutschland ist man sich - gerade unter dem Druck von Asylgesetzgebung und alltäglichem Rassismus der Gesellschaft - darüber einig, dass "Fremde" toleriert werden müssen. Aber ist Toleranz eine hinreichende Voraussetzung für Gleichberechtigung und eine Integration der EinwanderInnen in die deutsche Gesellschaft? Hilal Onur setzt sich mit den dazugehörigen Haltungen und Werten sowie den Mängeln der Multikulturalismus-Debatte auseinander.

Der folgende, sarkastisch anmutende Text kann als Reaktion auf Stigmata der "Fremden" aufgefasst werden; als eine Reaktion auf Vor-Urteile fremden Lebens: ""Junge türkische Familie mit vierjähriger Tochter sucht 3-4 ZKB in Gießen bis 1.200.- DM warm, Tel 06 41 / 39 46 88" Achtung wir warnen! Unsere Anzeige klingt zwar harmlos, aber wir sind, wie jede ausländische Familie, nicht ganz unproblematisch. Wir haben zwar z.Z. nur eine Tochter, aber wir vermehren uns wie die Heuschrecken. In ein paar Jahren werden wir mehrere laute, ungezogene, schmutzige Kinder haben, die durch ihren Lärm Ihr Haus zur Hölle machen werden… Diese Bengel werden den ganzen Tag herumschreien und Sie werden kein Wort davon verstehen! Sollte Ihr Haus einen gut gepflegten ordentlichen Garten mit wunderschönen Bäumen, Pflanzen und Blumen haben, werden Sie ihn in wenigen Minuten nicht wiedererkennen. Unsere Kinder werden ihn nämlich total verwüsten und wir werden unsere Wäsche dort aufhängen. Die Wäsche wird nur dann fehlen, wenn wir Ihren Garten mit unzähligen Verwandten und Bekannten zum Grillen zweckentfremden. Übrigens: Wir schlachten unsere Lämmer grundsätzlich in der Badewanne. Das Treppenhaus wird, wenn wir einziehen, nur nach Knoblauch und exotischen Gewürzen stinken. Aus dem Fenster unserer Wohnung wird den ganzen Tag ohrenbetäubende türkische Jaulamusik ertönen. Bei uns wird die Frau mindestens einmal in der Woche krankenhausreif geschlagen. Deshalb wird Ihr Haus für die örtliche Polizei eine wohlbekannte Adresse sein. Vor Ihrem Haus wird auch deshalb oft Einsatzwagen mit Blau-Licht erscheinen, weil wir nicht selten in Machenschaften verwickelt sein werden, die die Innere Ordnung gefährden. Messerstecherei ist bei uns normal… Wir sind zwar eine dreiköpfige Familie, aber wir werden die Wohnung mit mindestens 20 Personen bewohnen, weil wir ständig Besuch bekommen. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die immer noch zum Urlaub in die Türkei fliegen, obwohl die türkischen Maschinen wie tote Vögel eine nach der anderen vom Himmel fallen, dann haben wir vielleicht eine Chance, bei Ihnen eine Wohnung zu bekommen. Denn Sie sind offensichtlich unbelehrbar. Kommt Ihnen das ganze spanisch oder gar getürkt vor? Dann freuen wir uns auf Ihren Anruf."1

Verlust der Unbefangenheit

Wir blicken mittlerweile auf eine mehr als vierzigjährige Geschichte der Einwanderung zurück, eine Tatsache, die bislang nicht akzeptiert und mit einer entsprechenden Politik gefördert wurde. Und vierzig Jahre nach der Einwanderung ist die Lage in der Bundesrepublik Deutschland hinsichtlich der multikulturellen Gesellschaft und des zum kontroversen Diskurs einladenden Begriffs der "Integration" immer noch verworren und unübersichtlich. Seit Beginn der 90er Jahre kommt es zu einer Eskalation rassistisch motivierter Gewalttaten gegen "Andere", "Fremde". Gewalt gegen Andersaussehende, Nichtdazugehörende beginnt aber nicht erst mit physischen Angriffen, sie setzt vielmehr und explizit im Alltagsverhalten an. Darin, dass Nichtdeutsche oder solche, die nichtdeutsch aussehen, marginalisiert, ausgeschlossen und als "nichtdazugehörend" stigmatisiert werden.

Die Unübersichtlichkeit an der Rolle der "Fremden" in der bundesrepublikanischen Gesellschaft darzustellen und Wege aufzuzeigen, diese zu überwinden, ist ein schwieriges Unterfangen. Denn das Fremde scheint Ängste zu schüren und zu verunsichern. Darüber sind sich alle einig, wenn es darum geht, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu erklären. Im direkten Kontakt wirken allerdings oft gerade die RassistInnen eher sicher, wohingegen diejenigen, die sich mit Rassismus und Diskriminierung in unserer Gesellschaft auseinandersetzen, sehr viel eher verunsichert sind. Sie haben vielfach das Gefühl, nicht zu wissen, wie sie sich verhalten sollen. In der Beziehung zum "Fremden" wird die Aufmerksamkeit ganz auf die Andersartigkeit gerichtet; mit dem Versuch, dass das durch den "Fremden" ja nicht bemerkt werden soll. Der Konflikt besteht also zwischen der so genannten Toleranz und der Fixierung auf das Stigma. Aus diesem Zwiespalt resultiert die Spannung zwischen den diskriminierenden Vorstellungen und Gefühlen, die die Mehrheitsangehörigen mit den "Fremden" verknüpfen, und dem Bemühen, unvoreingenommen und tolerant zu sein. Insbesondere hier ist das Bemühen um Toleranz zum Scheitern verurteilt.2

Der innere Kampf gegen Stigmatisierungen zeigt sich auch in dem Bemühen, negative Assoziationen durch positive zu ersetzen. Dies zeigt sich in der Idealisierung von Menschen dunkler Hautfarbe als besonders natürlich oder musikalisch, was auch als "positiver Rassismus" bezeichnet wird. Aber diese Fixierung auf "Ehrung" des "Fremden" deutet auf den Verlust von Unbefangenheit. Die Verunsicherung führt nicht nur dazu, diese Kontakte zu meiden, sondern auch das Anderssein überhaupt zu tabuisieren, selbst wenn der Kontakt sehr intensiv ist. Auch wenn in kulturbezogenen Ansätzen von der "Annäherung an die Fremden"3 die Rede ist, zeigt sich beispielsweise in interkulturellen Beziehungen, dass in Freundschaften zwischen Mehrheits- und Minderheitsangehörigen die Unterschiedlichkeiten kaum thematisiert werden. Die Verherrlichung des "Anderen" trägt teils romantische Züge, denn zweifellos ist das Zusammenleben von Minderheiten und Mehrheiten keine Idylle der konfliktfreien Völkerverständigung.4 Aus diesem Blickwinkel heraus müssen die "Anderen" fremd bleiben.

Insofern muss "Fremdheit" als Resultat eines Bemühens verstanden werden, immer wieder eine Grenze zu den Fremden zu ziehen. Das zeigt sich in einer umfassenden gesellschaftlichen Segregation. Die meisten Deutschen ziehen es vor, in ihrer Freizeit, an der Arbeitsstelle und in ihrem Bekanntenkreis mit "ihresgleichen", mit Deutschen zu leben. Eine Untersuchung in 64 Hauptschulklassen in den 1990er Jahren stellte heraus, dass ein deutscher und ein türkischer Junge die einzigen waren, die einen Freund aus der anderen Gruppe wählten. Diese völlige Trennung von "In"- und "Aus"ländern auf der Ebene von Freundschaften ist hierzulande die Normalität.5

Mehrheitsinteressen

Fremdheit ist kein Problem mangelnder Kenntnis der anderen Lebensweise, zumal es in der Informationsgesellschaft mit ihren Medien die Möglichkeit geben sollte, sich mit dem Fremden zu befassen - erst recht, wenn es sich um "Fremde" handelt, die seit Generationen hier leben. In der Konstruktion von Fremdheit werden die Grenzlinien gezogen, wer zu dieser Gesellschaft gehört und wer nicht. Dabei spielen die Feindbilder und Stigmatisierungen eine zentrale Rolle: In den Bildern von Menschen mit dunkler Hautfarbe spiegelt sich die Geschichte des Kolonialismus wider, im Bild vom "fanatischen" und "gefährlichen" Moslem der jahrhundertelange Kampf um politische und kulturelle Hegemonie zwischen Morgen- und Abendland.6

Seit einigen Jahren wird in der Politik, von Kirchen und sozialen Einrichtungen der eher philosophische Begriff der Toleranz verwendet und immer wieder für Toleranz und Akzeptanz als Grundlage einer multikulturellen Gesellschaft plädiert. Auch ist in der politischen Philosophie eine Verlagerung des Interesses von der Analyse von Verteilungskämpfen zur Frage nach Anerkennung, nach Toleranz und Akzeptanz partikularer Identitäten festzustellen. Schlagwortartig könnte man von einer Tendenz zur "Politik der Anerkennung" sprechen, da die Analyse von Problemen der Gerechtigkeit und Chancengleichheit von Forderungen nach Respekt vor Identität und Differenz überlagert wird.7 Der Respekt vor Identität und Differenz setzt jedoch einen Dialog voraus. Aber der "Gedanke eines umfassenden Dialogs, zu dem alle in gleicher Weise Zugang haben und in dem alles (…) in gleicher Weise zur Sprache kommen kann, gehört zu den Illusionen eines Totalitätsdenkens."8 Wenn Toleranz nicht nur die Duldung der Meinung des anderen, sondern auch Selbstkritik ist, in der jeder Einzelne dem anderen die Möglichkeit der Wahrheit zugesteht, weil er sich gleichzeitig die Möglichkeit des Irrtums eingesteht, dann bringt "die Erfahrung des Fremden die Grenzen zwischen Eigenem und Fremden in Bewegung, und dies um so mehr, je näher uns das Fremde rückt."9

Hierzulande sind das Wissen, Interesse und Mitgefühl gegenüber dem Fremden nicht zufällig verteilt, sondern markieren die Grenze zwischen denen, die als fremd zu gelten haben, und denen, die scheinbar dazugehören. Die Zugehörigkeit ist mit Privilegien verknüpft, die nur den Mehrheitsangehörigen zugänglich sind, wie z.B. nicht aufzufallen oder auch die Chance, nach persönlichen Qualitäten beurteilt zu werden und nicht nach der Gruppenzugehörigkeit. Das bedeutet auch, dass jedes Sichtbarwerden von Andersartigkeit gleich als Bedrohung empfunden wird. Diese Angst um den Verlust der kulturellen Dominanz ist uferlos, so dass jede noch so harmlose Äußerung von "Fremdheit" zum Anlass heftigster Verfolgungsphantasien werden kann. Schon eine einzige Moschee unter Hunderten von Kirchen scheint bereits das gesamte christliche Abendland zu gefährden. Wenn aber die "Fremden" nicht auffällig leben, werden sie als "Schläfer", sozusagen als menschliche Zeitbomben, dämonisiert. In diesen "Ängsten" und Bedrohungsphantasien artikuliert sich der eigene Anspruch nach vollständiger Bestimmung der Wirklichkeit und dieser ist in der Tat immer gefährdet, da er der Realität nicht entsprechen kann. Diese ist immer von einem Leben mit Differenzen geprägt. Je mehr man hingegen bereit ist, diese Realität zu sehen, und je mehr man die Ansprüche einer demokratischen Gesellschaft soweit internalisiert hat, dass man mit jedem Menschen, gleich welcher Herkunft, human und respektvoll umgehen möchte, desto mehr gerät man aber in Konflikt mit dem eigenen Interesse an Zugehörigkeit und Privilegierung. Daraus resultiert auch die eingangs geschilderte Verunsicherung von seiten der Mehrheitsangehörigen.

Hilflosigkeit der Aufklärung

Die Frage ist, wie man mit diesen Konflikten umgeht, ob man ihnen aus dem Weg geht, oder ob sie Anlass zur weiteren Auseinandersetzung werden. Daran schließt sich die Frage nach dem "Wie" der Auseinandersetzung an. Es dürfte deutlich geworden sein, dass eine Aufklärung, die der Verzerrung des "Fremden" das "wirkliche" Bild entgegensetzen möchte, nicht viel bewirken kann, da sie das Interesse an der Konstruktion und Aufrechterhaltung von Fremdheit nicht thematisiert, das Interesse am Nichtwissenwollen, an Distanzierung und Hierarchisierung. Im Gegenteil, oft dient eine solche "Aufklärung" erst recht dazu, die Fremdheit der anderen herauszustellen, sie zu exotisieren und so die Distanz zum Vertrauten zu unterstreichen. "Im Umgang mit dem Fremden meldet sich also eine Form der Responsivität zu Wort, die über jede Intentionalität und Regularität des Verhaltens hinausgeht in Form einer eigentümlichen Antwortlogik, die dem Fremden seine Ferne beläßt."10

Aufklärung und Kontakt nützen nur dann etwas, wenn sie dissonante Erfahrungen herbeiführen, indem z.B. die Hierarchien umgekehrt werden: wenn Angehörige diskriminierter Minderheiten in Führungspositionen erlebt werden. Die eigenen Normalitätsvorstellungen müssen durch eine andere Perspektive verrückt und damit die eigene Definitionsmacht in Frage gestellt sowie die eigenen Interessen an der Aufrechterhaltung des Status quo refelktiert werden. Dann kann auch die eingangs geschilderte Verunsicherung produktiv werden als ein erster Schritt aus einer Selbstverständlichkeit heraus hin zu einer allmählichen Wahrnehmung der eigenen Borniertheit und des eigenen Nichtwissens und Nichtwissenwollens. Hat man sich dabei die eigene Widersprüchlichkeit bewusst gemacht, dann ist es letztlich eine Entscheidungsfrage, in welche Richtung man sich orientiert.

Die Debatten über Toleranz und Akzeptanz werden in der Regel von Begriffen des Rassismus und Eurozentrismus überlagert, die gemeinsame Merkmale aufweisen. Diese Gemeinsamkeit ist die selbstverständliche, nicht hinterfragbare Höherbewertung der eigenen - d.h. europäischen und in unserem Falle der deutschen - Kultur. "Es wird erwartet, daß die "Anderen" zunächst und zumeist die (je national bedingten) europäischen Werte an- und übernehmen."11 Indem das Interesse der Mehrheitsangehörigen an der Thematisierung des "Anderen" und "Fremden" nicht reflektiert wird, bleibt die Sicht des "Fremden" im Eigenen verhaftet und die eigenen Probleme werden im "Fremden" verortet. Wenn sich aber im interkulturellen Dialog eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Empfinden des "Fremden" vollzieht, werden die üblichen Klischees über das "Fremde" reproduziert.12 Hierbei wird nicht danach gefragt, ob das an den "Anderen" als fremd empfundene diesen tatsächlich eigen ist und warum und in welcher Weise sie zu Fremden werden. In diesem Rahmen wird allein betrachtet, warum das "Fremde" bestimmte negative Gefühle auslöst, das "Fremde" wird als gegeben vorausgesetzt. Als Projektion von eigenen Wünschen oder Ängsten wird der "Fremde" selektiv betrachtet, werden Minderheiten auf "exotische" Elemente reduziert.

Aus ihrem allgemeinen kulturellen Kontext gelöst können die Minderheiten dann als Bereicherung der eigenen Normen und Lebensgewohnheiten dienen. "Fremde" Gewohnheiten wie "fremde Küche", "exotische Musik" usw. werden in den Alltag der Mehrheit hereingeholt, indem sie willkürlich von ihren gesellschaftlichen und historisch bedingten Bezügen getrennt und gleichzeitig nicht mit dem neuen gesellschaftlichen Kontext verwoben werden. Diese Herangehensweise ist eng mit den Vorurteilen verbunden, die zwar eine Übernahme von bestimmten Verhaltensweisen erlauben, aber die "Fremden" und "Anderen" in ihrer gesamten Lebensart von der "Normalität" der Gesamtgesellschaft ausschließen.

Multikulturalismus

Die Suggestion von Vorurteilen entspricht den allgemeinen Bewusstseinsstrukturen einer auf Dominanz gerichteten Kultur. Sie haben die gleichen Quellen wie die hierarchischen Sozial- und Wirtschaftsstrukturen, deren abstraktes Abbild sie sind. Sie materialisieren sich auf allen Ebenen der Gesellschaft, in der Gewalt von Männern und der Unterwürfigkeit von Frauen, im autokratischen Führungsstil von "Vorgesetzten" und im Buckeln ihrer "Untergebenen", in Polizeistaat und fehlender Zivilcourage. Wer sich der Herrschaft unterwirft, neigt selbst zu autoritärem Verhalten. Aber in einer multikulturellen Gesellschaft sind Toleranz und Akzeptanz Grundvoraussetzungen, auf die sich eine solche Gesellschaft stützen muss. Ist heute von dieser Voraussetzung auszugehen? Diese Frage ist mit einem entschiedenen "Nein" zu beantworten.

Daher besteht heute mehr denn je die Pflicht, Begriffen wie Akzeptanz und Toleranz neue Inhalte zu geben. Diese meist philosophischen Begriffe sind in ihrer heutigen Deutung nicht für die politische und soziale Anwendung zu operationalisieren. Denn um mit Goethe zu sprechen: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt Beleidigen."13 Toleranz als Duldung verstanden reicht offenbar nicht für die Aufnahme in den Kreis der Menschen aus, die selbstverständlich das tägliche Leben einer Gesellschaft teilen. Toleranz als Duldung reicht erst recht nicht für ein gleichberechtigtes Mitgestalten einer Gesellschaft aus.

Die Operationalisierung dieser Begriffe wird insbesondere in der Debatte um die "multikulturelle Gesellschaft" deutlich. In der Debatte über den Kern der multikulturellen Theorie wird insbesondere die antirassistische Ausrichtung hervorgehoben, denn Multikultur wird als eine Ideologie begriffen, die sich gegen den heute sichtbaren "kulturellen" Charakter des Rassismus stellt. Aber in der Multikulturalismus-Debatte ist die Frage bis heute nicht umfassend erörtert, in welcher Form die dem Rassismus inhärente Höherbewertung der eigenen - hier westlich geprägten - Kultur überwunden werden kann. In der Theorie der Multikultur wird gegen die Angst vor der Verschiedenheit und gar "Überfremdung" die Gleichberechtigung der Minderheit und der Mehrheit in der Gesellschaft betont. In Deutschland kann jedoch bis heute gegen die "Angst vor der Verschiedenheit, auf welche der Rassismus baut"14, die Gleichheit nicht durchgesetzt werden. Denn Gleichberechtigung setzt Andersartigkeit erst voraus. Aber die gesamte Multikulturalismus-Debatte - zumindest in Deutschland - stolpert über die Tatsache, dass die Grenzen der Differenz, wie die Grenzen sozialer Rechte, durch bestimmte hegemoniale Diskurse festgelegt sind, die vielleicht universalistisch, aber ganz sicher nicht universell sind.

Wenn die multikulturelle Gesellschaft funktionsfähig sein soll, kann und muss sie sich auf die Aussage stützen, dass sie nur dann bestehen kann, wenn sie bereit ist, rechtliche und kulturelle Rahmen zu setzen, in denen die Normen von Toleranz für alle Mitglieder der Gesellschaft gleichzeitig gelten. Nur wenn die Legitimation mehrerer Kulturen in der Gesellschaft, der Mehrheitskultur und der Minderheitenkulturen, eine Berechtigung hat, ist die multikulturelle Gesellschaft realistisch denkbar. Damit kann die Kultur der Minderheit, das Andere, als zugehörig betrachtet werden. Mit dieser Theorie kann auch die Klassifikation in Begriffe wie "Dazugehörende" einerseits und "Nichtdazugehörende" oder "Fremde" andererseits infrage gestellt werden. Auch können Diskursebenen kritisiert werden, deren Aussage nach Nichtdazugehörende der staatlichen Kontrollen unterliegen müssen, um den status quo nicht durch "Unterwanderung fremder Kulturen" zu gefährden. Damit kann auch die informelle und formelle Diskriminierung des Nichtdazugehörenden, d.h. Fremden, auf dem Arbeitsmarkt und in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens thematisiert und somit reformiert werden.


Anmerkungen

1) Aus Domit (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei e.V.), www.domit.de

2) vgl. R. Forst: Toleranz, Gerechtigkeit und Vernunft. In: R. Forst (Hg.), Toleranz. Philosophische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis einer umstrittenen Tugend. Frankfurt/M., 2000 S. 119-143

3) E.M. Leyer: Migration, Kulturkonflikt und Krankheit. Zur Praxis der transkulturellen Psychotherapie. Opladen 1991, S. 16

4) vgl. T. Schmid: Die multikulturelle Gesellschaft als Chance und Zumutung. Kleines Plädoyer wider die Xenophilie. In: M. Fischer (Hg.), Fluchtpunkt Europa. Migration und Multikultur. Frankfurt/M 1997, S. 121-137

5) R. Dollase: Die Asozialität der Gefühle. Intrapsychische Dilemmata im Umgang mit dem Fremden. In: W. Heitmeyer u. R. Dollase (Hg.): Die bedrängte Toleranz. Frankfurt 1996

6) vgl. W.Brown: Reflexionen über Toleranz im Zeitalter der Identität. In: R.Forst (Hg.), Toleranz. Philosophische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis einer umstrittenen Tugend. Frankfurt/M. 2000, S. 119-143

7) vgl. S. Benhabib: Kulturelle Vielfalt und demokratische Gleichheit. Politische Partizipation im Zeitalter der Globalisierung. Frankfurt/M. 1999, S.33

8) B. Waldenfels: Topographie des Fremden. Studien zur Phänomenologie des Fremden I. Frankfurt/M. 1997, S. 33

9) ebd., S. 44

10) ebd., S. 52

11) P. Essed: Multikulturalismus und kultureller Rassismus in den Niederlanden. In: Institut für Migrations- und Rassismusforschung e.V. (Hg.), Rassismus und Migration in Europa. Berlin/Hamburg 1990, S. 379

12) vgl. J. Kristeva: Fremde sind wir uns selbst. Frankfurt/M. 1990

13) J.W.Goethe: Maximen und Reflexionen, Nr. 875, zit.n. O. Höffe, Demokratie im Zeitalter der Globalisierung. München 1999, S. 205

14) vgl. W. Elfferding: Funktion und Struktur des Rassismus. Eine Theorieskizze. In: O. Autrata u.a. (Hg.), Theorien über Rassismus. Berlin 1989


Dr. Hilal Onur ist Politikwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der RWTH Aachen

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