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Archive der sozialen Bewegungen

15.04.2002: Gedächtnisse der Bewegungen oder linke Altpapiersammlungen?

  
 

Forum Wissenschaft 2/2002

Archive sozialer Bewegungen sind mehr oder weniger die einzigen Orte, an denen die Dokumente der neuen sozialen Bewegungen und der politischen und kulturellen Opposition systematisch gesammelt werden. Bernd Hüttner stellt die bunte Vielfalt dieser relativ unbekannten Bewegungsarchive vor und erleichtert so den Zugang zu ihren Schätzen.1

Linke und soziale Bewegungen sind - dies unterscheidet sie von Organisationen oder gar Parteien - schnellebig. Was vor fünf oder sechs Jahren aktuell und heiß debattiert war, ist heute meist schon wieder vergessen oder für sich Politisierende unbekannt. Erst recht gilt das für weiter zurückliegende Ereignisse oder Debatten. Bewegungen interessieren sich auch kaum für das Sammeln und Abheften ihrer schriftlichen Zeugnisse. Ein kollektives Gedächtnis kann sich so nicht herausbilden, die Vermittlung historischer Ereignisse verbleibt in individueller Hand und wird Resultat persönlicher Zufälle. Die Geschichtslosigkeit der Linken ist so notorisch wie viel beklagt.

Die bislang in den neuen sozialen Bewegungen und in der Linken jenseits der Parteien produzierte Textmenge ist riesig und unüberschaubar. Kein Privatmensch hat Platz für die Aufbewahrung auch nur eines Teils dieses Materials. Wo ist es zugänglich? Politische AktivistInnen, die einen bestimmten Text suchen, die wissen möchten, wann denn jetzt diese und jene Demonstration, Kampagne oder Debatte stattfand oder was es mit den wilden Streiks 1973 oder der Anti-IWF-Kampagne 1987/88 auf sich hat, finden in einem Bewegungsarchiv reichlich Material. Für Menschen, die zu Themen aus dem Kontext der neuen sozialen Bewegungen und der politischen Opposition forschen, sind diese Archive hilfreich und oft unterschätzte Sammlungen von Primärquellen.

Zwar wird auch in Universitätsbibliotheken und Stadt- und Staatsarchiven zu diesen Bewegungen gesammelt, dies aber meist unsystematisch und mit deshalb eher kleinen Beständen. In der Regel fehlt auch die nötige inhaltliche Kenntnis der besonderen Verhältnisse dieses Feldes. Die einzigen Orte, an denen die vielfältigen Materialien der sehr heterogenen neuen sozialen Bewegungen systematisch gesammelt werden, sind die Archive, die diese Bewegungen selbst ausgebildet haben und die ich hier Bewegungsarchive nennen will. Hinzu kommen die wenigen institutionalisierten Archive, die sich auf diesen Schwerpunkt spezialisiert und den Vorteil haben, über finanzielle Ressourcen und archivwissenschaftliches Knowhow zu verfügen, das den Bewegungsarchiven oft fehlt. Diese Archive dokumentieren alle die Geschichte sozialer Bewegungen und Kämpfe, zumindest deren schriftliche Ausdrücke. Sie sind jenseits der Erinnerungen von Einzelpersonen oder der Zeugnisse Dritter (etwa der Staatsschutzbehörden oder der herkömmlichen Presse) die Orte, an denen sich Quellen finden lassen.

Die Archive die hier interessieren, sind in drei Formen zu unterscheiden: In "echte" Bewegungsarchive, institutionalisierte (bzw. staatliche) Archive und Bibliotheken sowie die Mischformen. Sie unterscheiden sich in inhaltlicher Ausrichtung, dem Grad der institutionellen Unabhängigkeit und ihren Sammelschwerpunkten und -umfang erheblich.

Große Bewegungsarchive

Es gibt ungefähr fünf Dutzend größere und noch sehr viele kleinere Bewegungsarchive im deutschsprachige Raum.2 Sie verstehen sich als Teil der politischen und kulturellen Opposition und sind Teil der Bewegungen, zu denen sie auch Material sammeln und aufbereiten. Diese Einbettung bringt für die Archive etliche Vorteile mit sich, über die staatliche Archive nicht verfügen. Zum Beispiel besteht zwischen MaterialspenderInnen und Archiv ein persönliches Vertrauensverhältnis, das die Überlassung erst möglich macht. Bei der Überlassung kann es sich dann um Umsonstabonnements von aktuell noch erscheinenden Zeitschriften oder komplette Nachlässe von Privatpersonen oder aufgelösten Initiativen handeln.

Die meisten Archive sind aus einer Privatinitiative entstanden und die größeren in einem politisch-sozialen Zentrum der Linken beheimatet. Sie verfügen durchweg über geringe Finanzmittel und werden ohne staatliche Zuschüsse betrieben. Die Kontinuität hängt an wenigen Personen, manchmal nur an einer/m Einzelnen. Das Ansehen der ArchivarInnen ist in der Restszene eher schwierig, sehen doch viele keinen Sinn darin, überhaupt Material aufzubewahren. Andere sind gar der Meinung, dass Sammeln und Ordnen sowieso ein (tendenziell) männlicher Wesenszug sei. Wahr daran ist, dass die allermeisten Szene-ArchivarInnen männlich sind. Grundsätzlich werden die Archive innerhalb der Szene aber toleriert und wenn sie an einen Infoladen oder ein politisches Zentrum angebunden sind, oder durch intelligente inhaltliche Aktivitäten auf sich aufmerksam machen, auch unterstützt. Die größeren, professionelleren Bewegungsarchive wie etwa das in Freiburg oder das afas in Duisburg werden auch von der akademischen Forschung frequentiert.

Die Archive verfügen über einen sehr großen Bestand an Zeitschriften sowie einen umfangreichen an Broschüren. Den Großteil macht graue Literatur aus und auch etliche "illegale" Literatur ist zu finden. Meist verfügen sie auch über Bücher, Flugblätter und Plakate. Alle Archive suchen noch Material. Zuviel wird von Privatmenschen und Institutionen achtlos weggeworfen, findet nicht den Weg in ein Archiv und ist damit verloren. Gerade seltene oder ältere Publikationen oder die mit nur lokaler Verbreitung sind sehr gefragt.

Die Nutzung der Bewegungsarchive ist unterschiedlich, werden die einen sehr viel von heute politisch Aktiven frequentiert, berichten andere, dass sie nur dann aufgesucht werden, wenn die Geschichte sozialer Bewegungen an der Universität Thema ist, und die InteressentInnen Material für ihre Hausarbeit suchen. Vielleicht sind Bewegungsarchive also doch nur riesige Altpapiercontainer?

Die größten Bewegungsarchive, die überlokal und vor allem themenübergreifend zu neuen sozialen Bewegungen sammeln, sind Papiertiger in Berlin und das Archiv der sozialen Bewegungen in Hamburg. Etliche der Bewegungsarchive wurden schon Mitte bis Ende der 80er Jahre gegründet, eine zweite Gründungswelle gab es Mitte der 90er Jahre. Aktuelle Gründungen sind ebenfalls zu verzeichnen. In Bremen und in Jena sind im Jahr 2000 linke Archive gegründet worden. Anfang 1999 musste die schon 1986 gegründete und vor allem durch ihren umfangreichen Bestand zu Opposition in der DDR einzigartige Umweltbibliothek in Berlin-Prenzlauer Berg ihre Pforten schließen, ein Teil der Bestände wurde vom Thüringer Archiv für Zeitgeschichte in Jena - das den Schwerpunkt "DDR-Opposition vor und nach der Wende" hat - übernommen.3

Um anhand eines Beispiels eine Vorstellung von den Beständen zu geben, die Angaben des Papiertiger: Dieses 1985 gegründete Archiv verfügt über 3.000 Zeitschriftentitel. Die 4.500 Bücher sind nach der selben inhaltlichen Systematik aufgestellt wie die 1.800 Ordner mit Flugblättern, Broschüren und Zeitungsausschnitten.

Feministische Archive

Feministische Archive gibt es ungefähr 40, von denen die meisten in ida (informieren - dokumentieren - archivieren) zusammengeschlossen sind.4 Das größte Frauenarchiv Deutschlands befindet sich beim Feministischen Forschungs-, Bildungs- und Informationszentrum (FFBIZ) in Berlin. Seit 1978 werden dort zeitgeschichtlich bedeutsame Dokumente zu Frauenleben und -wirken in Berlin, der Bundesrepublik und der Welt gesammelt. Belladonna in Bremen verfügt über ein sehr großes Archiv, es enthält 200.000 Presseartikel, 8.000 Bücher, 400 Diplom- und Examensarbeiten sowie weiteres graues Material. Dort werden 260 in- und ausländische Frauenzeitschriften gesammelt. Den Schwerpunkt "Frauen und Dritte Welt" hat Frauen-Solidarität, die Zeitschrift und gleichnamige Bibliothek. Viele Frauenarchive sind auch Teil von universitären Strukturen. Birgit Latz hat 1986 Selbstverständnis und Nutzungsmöglichkeiten von etlichen institutionalisierten und einigen nichtinstitutionalisierten Frauenarchiven untersucht.5 Damit liegt eine aufschlussreiche, wenn auch veraltete Untersuchung vor, die es so für die anderen Bewegungsarchive leider nicht gibt.

Mischformen

Zu den Bewegungsarchiven hinzu kommen noch die Mischformen, die inhaltlich dieselben Schwerpunkte, aber eine andere institutionelle Struktur haben. Diese Mischformen verfügen über bezahlte Stellen und einen halbwegs geregelten Etat, sind aber gleichwohl nichtstaatlich. Hierzu zählt z.B. die Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Zürich. Sie entstand aus einer Privatinitiative von Theo Pinkus und konnte nach langjährigem Krisenprozess im Sommer 2000 sozusagen in letzter Minute ihre Bestände der Stadtbibliothek Zürich übergeben. So ist nun die weitere Zugänglichkeit und sachgerechte Lagerung und Erschließung dieser seit 1971 existierenden Sammlung gewährleistet. Die Studienbibliothek sammelt vor allem Material zur schweizer und internationalen Arbeiterbewegung, berücksichtigt aber auch andere Formen von Organisierung und Protest. Archiv und Bibliothek des von Jan P. Reemtsma finanzierten Hamburger Institutes für Sozialforschung zählen ebenfalls zu den Mischformen. Sie verfügen vor allem über Material zu Nationalsozialismus, Gründung der BRD, Gewalt und Zivilisation (Bibliothek) bzw. Protest, Widerstand und Utopie in der Bundesrepublik (Archiv).

Institutionalisierte

Universitätsbibliotheken oder Staatsarchive haben nicht immer einen annehmbaren Bestand an Büchern und Periodika aus den sozialen Bewegungen. Es gibt aber auch Spezialsammlungen zu den sozialen Bewegungen: Die Freie Universität Berlin z.B. verfügt über ein Archiv APO und soziale Bewegungen und in Stuttgart unterhält die Bibliothek für Zeitgeschichte seit 1972 eine interessante Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur und sammelt dort einschlägiges, nach 1968 erschienenes Material. Der dortige Bestand umfasst ca. 14.000 Broschüren, 1.100 Zeitschriftentitel und 120.000 Flugblätter sowie 25.000 Plakate, Aufkleber und Anstecknadeln. Der Großteil des Flugblattbestands ist in einer Datenbank verzeichnet. Der größte Bestand an deutschsprachigem Material an Alternativmedien und zu den neuen sozialen Bewegungen befindet sich im ID-Archiv im Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam. Das IISG wurde 1935 gegründet und ist eines der drei größten Institute für Sozialgeschichte weltweit. Das ID-Archiv ist ein Beispiel dafür, wie aus einem Bewegungsarchiv ein institutionalisiertes wurde: Es entstand 1981 aus dem Bestand an Austauschabonnements, die sich im Büro des ID (Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten) in Frankfurt angesammelt hatten. Der ID erschien von 1973 bis 1981 wöchentlich als Nachrichtendienst für die undogmatische und alternative Linke. Von 1981 bis 1988 wurde das ID-Archiv weitergeführt. Als 1987/88 das Ende drohte, wurde der Bestand an das IISG übergeben. Zwei Mitarbeiter wechselten ebenfalls nach Amsterdam und konnten dort die einzigartige Sammlung, die unter anderem aus über 100.000 Einzelexemplaren von Zeitschriften besteht, weiterbetreuen. Durch den Standort ist die Nutzung mit einer Reise nach Holland verbunden. Einen gewissen Ausgleich bieten die sehr umfangreichen Angebote des ID-Archivs im Internet. Desweiteren war es dem ID-Archiv unter anderem Dank der Unterstützung durch das IISG möglich, etliche Verzeichnisse, Bibliographien und Dokumentenbände zu erstellen und zu veröffentlichen. Diese Bibliographien und Dokumentensammlungen waren wiederum der Startschuss für den ID-Verlag, den für die Theorieproduktion der 90er Jahre wichtigsten Verlag der undogmatischen radikalen Linken im deutschsprachigen Raum.6

Oft werden aus selbstorganisierten Archiven auch institutionalisierte, oder große Bestände werden Teil staatlicher Bibliotheken oder Archive und dort als eigener Bestandteil oder Sammlung aufbewahrt. Beispiele sind hier der Umzug von Archiv und Bibliothek der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte als Schenkung an die Universität Bremen, die Übergabe der umfangreichen Materialien des Literarischen Informationszentrums von Josef Wintjes an das Institut für Europäische Ethnologie an der Berliner Humboldt-Uni (unter dem Namen Archiv für Alternativkultur) oder das Archiv der seit 1970 zweijährlich stattfindenden Mainzer Minipressen-Messe als Bestandteil des Gutenberg-Museums der Stadt Mainz. Solche Vorgänge oder auch die Ereignisse um die Pinkus-Bibliothek zeigen, wie schwach und wenig verankert die kritische Archivbewegung ist. So musste die Hamburger Stiftung z.B. noch froh sein, dass sie ihre einmaligen Bestände der Universität Bremen schenken durfte.

"Single-issue"-Archive

Ein sehr sehr weites Feld sind die kleineren, meist themenspezifischen Archive, von ihnen gibt es auch jenseits der Großstädte eine nennenswerte Anzahl. Einige größere Themenarchive seien kurz genannt.7 Für Internationalismus lohnt eine Anfrage bei den Mitgliedern des 1998 gegründeten Netzwerk der Nord-Süd-Archive.8 Umweltbibliotheken und -archive sind vor allem ein Phänomen der neuen Bundesländer, es gibt aber auch etliche in den alten. Die Grüne Liga. Netzwerk ökologischer Bewegungen stellt im world wide web ein aktuelles Verzeichnis dieser Umweltbibliotheken mit detaillierten Angaben bereit.9 Dem Anarchismus widmet sich DadA in einer umfangreichen online-Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, einen sehr umfangreichen Bestand zu Antifaschismus hat das Antifa-Presse-Archiv in Berlin.10 Ein wichtiges Gedächtnisprojekt zur Geschichte und Situation von Schwulen ist das Schwule Museum, das seit über zehn Jahren Material sammelt.11 Ebenfalls in Berlin befindet sich das wichtigste Archiv zur Geschichte militanter Bewegungen und des bewaffneten Kampfes.12

Viele Archive und Bibliotheken sind in der Archiv- und Bibliothekshilfe (ABH e.V.) zusammengeschlossen.13 Sie hat sich die Verbesserung der Kommunikation der linken und alternativen Archive, die Erhöhung ihres Gebrauchswertes für NutzerInnen durch größere Transparenz und die politische Interessenvertretung auf ihre Fahnen geschrieben.

Sehr bemerkenswert ist, dass die Frauen- und Lesbenarchive, zumindest die in ida zusammengeschlossenen, viel enger zusammenarbeiten als die anderen Bewegungsarchive. Feministische Archive verfügen mit ida über einen Dachverband und treffen sich halbjährlich reihum in den einzelnen Archiven.

Frappierend ist ferner die Verteilung der Archive. Im Süden Deutschlands, lässt mensch Leipzig außen vor, gibt es kaum Archive. Eine gewisse Häufung ist in den Hochburgen politischer Bewegungen (Berlin, Hamburg) und auch in den bevölkerungsreichen Ballungsräumen zu beobachten (Nordrhein-Westfalen). Insgesamt gibt es ja nach Definition ca. 200 bis 250 Bewegungsarchive. Der vom ID-Archiv 1990 herausgegebene Reader der "anderen" Archive verzeichnete damals 278 Archive unterschiedlichster Größe und inhaltlicher Schwerpunkte.14 Die Einschätzung ist zwiespältig. Einerseits ist jedes Archiv, und sei es noch so klein, ein Beitrag zur Dokumentation von sonst vielleicht verloren gegangener Geschichte. Andererseits gibt es etliche weiße Flecken auf der Landkarte, in denen der Zugang zu Dokumenten zur Geschichte von Widerstand und Dissidenz, wenn mensch nicht gerade zwei Stunden fahren will, kaum gewährleistet ist. Dieselben Flecken gibt es vermutlich auch bei manchem Thema. Hier werden dann in fernerer Zukunft die ressourcenreichen staatlichen Archive die einzigen Orte sein, an denen interessierte ForscherInnen fündig werden können.

Verzeichnisse

Verzeichnisse sind wichtige Hilfsmittel bei der Recherche und der Forschung. Sie können Adressensammlungen, Bestandsverzeichnisse von Archiven oder Literaturübersichten sein. Der Archivführer Studentenbewegung enthält neben einer Beschreibung von Beständen verschiedenster, meist staatlicher bzw. Universitätsarchive, auch eine detaillierte Chronologie und eine Literaturliste.15 "Protest in Köln" dagegen ist eine ausführliche Beschreibung einer mittlerweile im Stadtarchiv Köln befindlichen Sammlung von Dokumenten sozialer Bewegung von 1970 bis 1995, des (ehemaligen) Köln-Archiv.16 Diese Übersicht zeigt deutlich, wie breit die Thematiken sind, die von neuen sozialen Bewegungen in einer Großstadt bearbeitet wurden.

Materialverzeichnisse bilden den aktuellen (Still-)Stand der Bewegung ab und geben z.B. Hinweise auf existierende Titel zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Verzeichnisses. Ob diese Titel in einem Archiv und wenn ja, in welchem vorhanden sind, dazu sagen die mir bekannten Verzeichnisse nichts. Die DadA-Datenbank nennt luxuriöserweise Standorte in Bibliotheken und Bewegungsarchiven, was eine sehr große Hilfe ist.

Nachdem schon 1980 und 1983/84 Verzeichnisse von Alternativzeitungen der Arbeitsgemeinschaft Alternativpresse (AGAp) erschienen waren, veröffentlichte das ID-Archiv 1989 und 1991 ein Verzeichnis der AlternativMedien. Diese waren sehr umfangreich (über 1.500 Adressen mit weiteren bibliographischen Angaben), sind aber heute veraltet und vergriffen. 1997 erschien eine mit etlichen Fehlern behaftete weitere Ausgabe in einer Kleinstauflage. Das ID-Archiv bietet auf seinen Internet-Seiten vielfältige Dienste und Recherchemöglichkeiten an, unter anderem können dort viele Verzeichnisse kostenlos heruntergeladen werden. Einen ganz passablen aktuellen gedruckten Reader der Alternativmedien enthalten die Bunten Seiten, das Adressenverzeichnis der selbstverwalteten und ökologischen Betriebe und Projekte, das von der diesem Spektrum verbundenen Zeitschrift Contraste herausgegeben wird. Damit liegt ein halbwegs umfassender Überblick über die im weitesten Sinne linke oder kritische Presselandschaft vor.17

Die Dissertation "Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht. Anarchismus und libertäre Presse in Deutschland" von Bernd Drücke dokumentiert die Geschichte der schnellebigen autonomen und anarchistischen Presse in der Bundesrepublik. Sie enthält auch viele Adressen und ist nicht nur deswegen ein unverzichtbares Werk. Gedruckte Verzeichnisse von Broschüren existieren kaum. Das ID-Archiv veröffentlichte 1990, 1991 und 1992 ein Verzeichnis lieferbarer Broschüren, das aber nicht den Bestand des ID-Archivs abbildet, sondern (nur) die sich zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses des Verzeichnisses (angeblich) noch im Handel befindlichen Broschüren. Vom ID-Archiv existiert noch eine sehr wichtige Bibliographie zu Stadtguerilla/bewaffnetem Kampf und ein Verzeichnis deutschsprachiger "alternativer" Literaturzeitschriften.18 Dem Feld der kulturellen Dissidenz ist auch das Spektrum der Fanzines zuzuordnen, zu denen seit zehn Jahren regelmäßig ein Verzeichnis erscheint, das in der aktuellen Ausgabe immerhin 300 Adressen solcher Medienprojekte aus Sport, Comic, Graffiti, Literatur, SF und Fantasy, Kunst, Alternativbewegungen und Subkultur enthält.19

Etliche Recherchemöglichkeiten zu Periodika und Broschüren bieten - sofern diese Möglichkeit angeboten wird - die Internet-Seiten der Archive und Bibliotheken. Die institutionalisierten Archive und die Mischformen sind hier - wegen größerer dafür zur Verfügung stehender Ressourcen - den Bewegungsarchiven voraus. Bei den Bewegungsarchiven wird sich hier in ein, zwei Jahren mit Sicherheit noch vieles verbessern, da immer mehr ihre sowieso schon elektronisch aufbereiteten Bestände im Netz zur Verfügung stellen werden. Nähere Informationen bieten die Homepages der einzelnen Projekte. Einen Eindruck von den Beständen bekommt mensch auf den Seiten des Archivs in Freiburg, der TtE-Bücherei in Köln, des Infoladens in Leipzig (mit der Datenbank dataspace), des FFBIZ und des Papiertiger in Berlin, des Umweltzentrums in Münster oder der Sammlung Berlin.


Anmerkungen

1) Überarbeiteter und gekürzter Nachdruck aus Bernd Hüttner: Archive sozialer Bewegungen. Eine Einführung mit Adressenverzeichnis, Schriftenreihe zur Kritik von Bildung und Wissenschaft des AStA der Universität Bremen, Band 2, Bremen 2002. Einzelbestellungen nur gegen Vorkasse von 4,48 EUR in Briefmarken bei ASTA Universität Bremen , Bibliotheksstraßse, 28359 Bremen. Inhaltsverzeichnis usw. unter archiv.gesellschaftsanalyse.de/reader.htm

2) Insgesamt 225 Archive, darunter auch universitäre Einrichtungen und allein ca. 50 Umweltbibliotheken, s. Hüttner, a.a.O.

3) Eine Linkliste zu Archiven der Opposition und der Bürgerbewegung der ehemaligen DDR findet sich unter home.snafu.de/domaschk/links.htm

4) Adressen der ida-Mitglieder unter www.ida-dachverband.de

5) Birgit Latz: Frauenarchive. Grundlagen und Nutzungsmöglichkeiten; Berlin/Amsterdam 1989, unbekannt dagegen ist Karin Schatzberg (Hrsg.): Frauenarchive und Frauenbibliotheken. Göttingen 1985

6) www.txt.de/id; der Verlag hat seit drei Jahren nichts mehr veröffentlicht und sein Wirken ohne öffentliche Erklärung eingestellt.

7) In Hüttner 2002 sind die Adressen von 35 größeren Themenarchiven aufgeführt.

8) www.ifak-goettingen.de/archiv/archiv-seite.html

9) www.umweltbibliotheken.de

10) www.free.de/dada; www.apabiz.de

11) www.schwulesmuseum.de

12) www.sammlung-berlin.de

13) Kontakt: Universität Duisburg, Fachbereich 1, zu Hd. Jochen Zimmer, 47048 Duisburg, Fax 0203/379 23 18

14) Damals sind nicht nur Bewegungsarchive, sondern auch Mischformen (wie etwa Frauenabteilungen an Universitätsbibliotheken) aufgenommen worden, wenn sie den Schwerpunkt zu den bzw. einem Teilgebiet der neuen sozialen Bewegungen hatten.

15) Thomas P. Becker/Ute Schröder (Hrsg.), Die Studentenproteste der 60er Jahre: Archivführer - Chronik - Bibliographie, Köln/Weimar/Wien 2000

16) Rudolf Kahlfeld: Protest in Köln, Köln/Weimar/Wien 1999

17) Aktuell ist Ausgabe 2002/3 erschienen. Contraste, Postfach 10 45 20, 69035 Heidelberg, www.contraste.org

18) Peter Hein: Stadtguerilla und bewaffneter Kampf in der BRD und Westberlin, Amsterdam 1989, ders: Stadtguerilla und bewaffneter Kampf in der BRD. Ergänzungsband zur Bibliographie, Berlin/Amsterdam 1993. Hein ist Gründer der Sammlung Berlin. Verzeichnis deutschsprachiger Literaturzeitschriften, Güther Emigs VLB, Amsterdam/Berlin 1989

19) Uwe Husslein/Lothar Surey (Hg.): Zines! Fandom Research 2001, Mainz 2001


Bernd Hüttner ist Politologe, Hausmann und Mitarbeiter im Archiv der sozialen Bewegungen Bremen

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