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Klaus Holzkamp

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Plädoyer für (einen) Preußen

15.04.2002: Über Heinrich von Treitschke, Preußen und das Konzept der Nation

  
 

Forum Wissenschaft 2/2002

"Preußen" einschließlich seiner Vordenker und Akteure gilt heutzutage als Synonym für Militarismus, Repression und reaktionäre Politikkonzepte. Das ist aus der posthumen Betrachtung heraus nachvollziehbar, wird aber der Rolle Preußens und seiner Politiker zumindest in der Periode der Reichsgründung nicht gerecht. Hermann Reiter plädiert für eine differenziertere Würdigung der Rolle Preußens und seines Politikers wie Historikers Heinrich von Treitschke.

1701 krönte sich der Kurfürst von Brandenburg Friedrich III. (ab 1701 Friedrich I.) in Königsberg eigenhändig zum König in Preußen. Diese Rangerhöhung innerhalb der feudalen Hierarchie war Folge des bereits begonnenen und Voraussetzung des weiteren Aufstiegs zur Großmacht. Unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) und Friedrich II. ("der Große"; 1740-1786) gelang Preußen tatsächlich ein steiler Aufstieg, den Napoleon in den Schlachten von Jena und Auerstedt (1806) beendete. Doch verschafften die unter dem Schock der Niederlage erfolgten Stein-Hardenbergschen Reformen (1807-1816) und die bedeutenden Gebietserweiterungen im Gefolge des Wiener Kongresses (1814/15) Preußen eine Stellung, die es zum Kristallisationspunkt der nationalen Einigung und zur führenden Macht im Deutschen Reich von 1871 machte. Die Geschichte Preußens endete damit, dass der Alliierte Kontrollrat 1947 Preußen auflöste mit der Begründung, es sei von jeher ein Hort des Militarismus und Imperialismus gewesen. Der Spruch des Gremiums hatte gute Gründe und ist insgesamt berechtigt. Die Folge aber war, dass die vorherige absolute Verherrlichung Preußens in ebenso verbissene Verteufelung umschlug; die früheren Mahnungen einiger DDR-HistorikerInnen zu differenzierter Betrachtung scheinen wenigstens im vergangenen Jubiläumsjahr nicht mehr gefruchtet zu haben.

Zusammen mit Preußen kam sein glühendster Verehrer in Verruf, der Historiker und Politiker Heinrich von Treitschke (1834-1896). Durch Familienangehörige, die sich an den deutschen Freiheitskriegen (1813/14) beteiligt hatten, war Treitschke früh mit der nationalen Frage in Berührung gekommen. Als diese sich in zwei Richtungen - die kleindeutsche und die großdeutsche - ausdifferenziert hatte, schloss er sich den Kleindeutschen an, die einen Nationalstaat unter Führung Preußens und bei Ausschluss Österreichs anstrebten. Seit Beginn der 1860er Jahre trat er in seiner akademischen Lehre und zahlreichen Publikationen für die kleindeutsche Sache ein. Zunächst Beiträger, dann von 1866 bis 1889 Herausgeber der kleindeutsch orientierten Preußischen Jahrbücher, nahm er einen der zentralen ideologischen Posten des Bismarckreiches ein; 1895 erreichte er, mit der Herausgeberschaft der Historischen Zeitschrift betraut, den Gipfel des einem deutschen Historiker Möglichen. Sein bekanntestes Werk ist die fünfbändige "Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert" (erschienen 1879-1894), welche die deutsche Geschichte vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum Ende des Vormärz beinhaltet, vom Titel her gesehen also unvollendet ist. Sie erlebte viele Auflagen und war bis in die Weimarer Zeit hinein ein Standardwerk, das zusammen mit Treitschkes Publizistik tiefe Spuren in der akademischen Welt hinterließ. Politisch ging Treitschke bis 1878 mit den Nationalliberalen, doch ist er nicht eindeutig parteimäßig festzulegen. Ideologisch ist er in vielem mit Lorenz von Stein verwandt, mit dem er die Orientierung auf eine monarchische Staatsform und die Hoffnung auf einen sozial gebändigten Kapitalismus teilte; trotz aller Zugeständnisse an die traditionellen feudalen Mächte bejahte er wie Stein die bürgerlich-kapitalistische Entwicklung.

Wenn im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit Preußen die Rede häufig auf Treitschke kam, war diese meist sehr abträglich. Anscheinend wird Treitschke nur mehr als Antisemit, scharfer Nationalist, Verherrlicher des Brutalstaates Preußen, imperialistischer Großmachtpolitiker und Vorreiter des Nationalsozialismus wahrgenommen. Vehementer noch als im Falle Preußens ist die Ablehnung, die ihn trifft, sie kommt aus allen politischen Lagern. Typisch für den Umgang mit Treitschke scheint mir folgender Fund aus der Literatur zu sein: In dem zuerst in Französisch erschienenen Buch eines respektierten Verfassers über den "arischen Mythos" wird Treitschke nur kurz und eher entschuldigend erwähnt; dagegen führt der Herausgeber der deutschen Ausgabe im Vorwort Treitschke zusammen mit Wagner und Chamberlain als wesentlichen "Vorläufer des nationalsozialistischen Rassenwahns" an.1 Es gibt leider Gründe für dieses Meinungsbild, in puncto Nationalismus und Antisemitismus ist Treitschke jedenfalls schwer belastet, sein Vokabular ist zu einem gewissen Teil vom Nationalsozialismus übernommen worden.

Trotzdem, und aus ebenso guten Gründen, ist die eigentliche Fachwelt Treitschke gar nicht so Feind: Die Fachliteratur (Dorpalen, New Haven 1957; Bußmann, Göttingen 1962; Langer, Düsseldorf 1998) ist ihm von liberalen Standpunkten aus eher wohlgesonnen. Sie ist insgesamt gut brauchbar, leidet aber daran, dass sie den Nachlass noch nicht voll ausgewertet hat. Namentlich die große Wende von 1878, ihre Auswirkung auf Treitschke und Treitschkes Beteiligung an ihr, müsste anhand dieses Nachlasses genauer erforscht werden; Treitschke scheint hier einige Positionen des Liberalismus, dem er in seinen früheren Jahren angehörte, aufgegeben oder zumindest in konservative Richtung umgebogen zu haben.

Treitschke ist ein bedeutender Historiker und Politiker, der ganz eindeutig dem Liberalismus und damit einer im Kontext seiner Zeit prinzipiell positiv zu bewertenden Tendenz angehört; in jedem Fall aber ist er allein auf Grund seiner Wirkung und Nachwirkung eine diskussionswerte Figur, die mit den großen Themen der neueren deutschen Geschichte verbunden ist: der Verfassungsfrage, dem Antisemitismus und dem Nationalismus.

Der Historiker

Wichtig ist mir, Teitschkes anhaltende Bedeutung als Verfasser einer Darstellung des deutschen Vormärz herauszuarbeiten, die es an substanziellem Liberalismus und wissenschaftlichem Gebrauchswert mit heute gängigen Darstellungen durchaus aufnehmen kann. Eckpunkt seiner Darstellung ist die These, dass nicht die süddeutschen Kleinstaaten (von Baden über Bayern bis Sachsen) mit ihrem faktisch weit gehend wirkungslosen Konstitutionalismus - der nur den Partikularismus, die nationale Uneinigkeit, stärkte - sondern Preußen mit seiner leistungsfähigen, nach modernen Prinzipien geführten Verwaltung und seiner friedlich-aufbauenden Politik trotz langem Fehlen einer Verfassung der fortschrittlichere und deshalb zu führender Rolle in der nationalen Bewegung berufene Staat Deutschlands war.

Im derzeitigen allgemeinen historischen Bewusstsein liegt die Sache eher umgekehrt: Die süddeutschen Staaten mit ihren frühen Verfassungen (Bayern und Baden 1818, Württemberg 1819) und den in Folge der Julirevolution nach 1830 gegebenen Verfassungen (Hessen, Sachsen u.a.) gelten als Vorreiter der parlamentarischen Entwicklung, als das bessere Deutschland - Preußen dagegen als Nachzüglerstaat und Hort der Reaktion. Die heute gängige Meinung drückt der Mainstream-Historiker Nipperdey so aus: "Es entwickelt sich die eigentümliche Spaltung und Überkreuzung der deutschen Gesellschaft: ein fortgeschrittenes Verfassungssystem, eine konservative Gesellschaftspolitik in Süddeutschland, ein fortgeschrittenes ökonomisches und zum Teil auch soziales System bei konservativ unmoderner politischer Struktur in Preußen."2

Tatsächlich enthielten die viel gerühmten vormärzlichen Verfassungen viele schöne Sätze, die aber in der Wirklichkeit keine Rolle spielten; faktisch waren die frühen süddeutschen Verfassungen modernisierte Versionen des alten (feudalen) Ständewesens und damit eine spezifisch kleinstaatliche Form der Restauration.3 Trotz aller Repression war die konkrete Freiheit des Einzelnen in Preußen ungleich größer als in allen anderen deutschen Klein- und Mittelstaaten mit und ohne Verfassung; Preußen war der fortschrittlichste Staat des deutschen Vormärz. Die großen weltanschaulichen und politischen Debatten des Vormärz wurden, trotz aller Behinderung, in Preußen geführt; sie konnten nur dort geführt werden. Ein Blatt wie die Rheinische Zeitung (Köln 1842/3) wäre in den anderen deutschen Staaten nicht zwei Tage alt geworden und mancher süddeutsche Liberale war froh und dankbar, in dieser Zeitung seinen Frust über die Zustände in seinem konstitutionellen Musterland abladen zu können. So realitätsgestützt wie Nipperdeys einfältiges Schema sind Treitschkes Thesen allemal.

Selbstverständlich gibt es auch viel sachlich Falsches, Unzureichendes, Überholtes und Problematisches bei Treitschke. Dass er der Rassenlehre folgte, ist gewiss nicht empfehlend, aber keineswegs vernichtend: Die Auffassung von der Überlegenheit der europäischen Völker und der europäischen Rasse(n) war seit Jahrhunderten unreflekierte Lebenspraxis; diejenigen, die den Spruch von der Gleichheit aller, die Menschenantlitz tragen (Herder), sich voll und ganz zu eigen machten, sind im 19. Jahrhundert an den Fingern einer Hand abzuzählen. Die Rassenlehre war Bestandteil verschiedener unverdächtig-ehrenwerter Wissenschaften (z.B. der Sprachwissenschaften) und auch Treitschke benutzte diese Theoreme gelegentlich als Versatzstücke, aber sie stehen nicht im Mittelpunkt seines Werkes, noch haben sie die Aggressivität späterer Jahre, als die Rassenlehre gezielt und unter missbräuchlicher Verwendung Darwins eingesetzt wurde, um die außereuropäischen Völker zu unterjochen. Auch der Antisemitismus war im 19. Jahrhundert als Ergebnis der jahrhundertelangen Diskriminierung der Juden Normalität. Es hätte Treitschkes Rang als Analytiker erhöht, wenn er diese Vorurteile vermieden bzw. überwunden hätte. Doch ist er freizusprechen von jenem aggressiven Rassismus und Antisemitismus, der später den Ton angab; ein Kenner der Materie hält Treitschke für "eher religiös als rassistisch gesinnt" und sieht bei Treitschke vor allem den Wunsch wirksam, "daß das deutsche Volk durch die Assimilation der "israelitischen Mitbürger" geeint werde, ohne diese mit drastischen Maßnahmen zu bedrohen".4 Man muss hier einfach die Relationen sehen: In Treitschkes Werk spielen Rassenlehre und Antisemitismus letztlich nur eine untergeordnete Rolle (was natürlich keine Entschuldigung ist). Für die massenhafte Verbreitung des Antisemitismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts sind ganz andere Richtungen verantwortlich zu machen als diejenige Treitschkes (vgl. z.B. die Rolle der Fürstbischöfsstädte Bamberg und Würzburg in den so genannten Hep-Hep-Unruhen von 1819).

Die grundsätzliche Anerkennung von Treitschkes Sicht der Dinge wertet nicht nur die Person und den Wissenschaftler Treitschke auf, sondern auch sein politisches Werk, das Zustandekommen eines deutschen Nationalstaates.

Nation und Kapitalismus

Die Nation, mehr als ein Jahrhundert lang als der naturgegebene Rahmen menschlicher Gesellschaften und als letzter Richtpunkt der Loyalität betrachtet, wird seit einiger Zeit mit steigender Intensität in Frage gestellt. Die offenkundigen Übersteigerungen des Nationskonzepts haben eine - unbestritten heilsame - Gegenwirkung ausgelöst, transnationale Konzerne führen hohnlächelnd die Nationalstaaten vor. Aufklärende Vernunft hat die hinter der Nationbildung stehenden sozialpsychologischen Mechanismen sichtbar gemacht. In ihren Argumenten, wie sie Balibar5 eindrucksvoll zusammengestellt hat, erscheint die Nation als eine Imagination, die aus Mythen entsteht und wieder vergeht, wenn die Mythen durch Aufklärung enttarnt sind, die einheitlich ethnische Fundierung der Nation wird bestritten. "Volk" und Nation sind ideelle Entitäten, die nicht naturgegeben sind, sondern immer neu aufgebaut werden, und zwar mit Mitteln, die der Religion und dem intimen, familiären Leben entlehnt sind. Die scheinbar kontinuierliche Geschichte einer Nation ist in dieser Sicht eine "retrospektive Illusion" im Nachhinein von den HistorikerInnen dadurch erzeugt, dass die Nation wie ein natürliches Wesen dargestellt wird, das auf der Grundlage der ethnischen Homogenität im Lauf der Zeit schicksalhaft seinen Weg der Selbstentfaltung geht. Und so endet Balibars Text mit der Aufforderung, nationale Identität und Exklusivität zu überwinden. Der Nationalstaat scheint überflüssig, schädlich, überholt.

Balibars Text ist sehr gut geeignet zu erklären, warum Treitschkes "Deutsche Geschichte" zu einem deutschen Kultbuch wurde und der Nationalismus in Deutschland eine so tiefe Wirkung entfalten konnte: Er weist (S. 117) auf den Konnex und die teilweise Identität von religiöser und nationaler Ideologie hin. Treitschkes Text enthält anscheinend eine Metaebene, die ihrerseits eine religiöse Figuration enthält: die Erlösung durch Opfer für Andere. Die Erlösung aus gedrückter Lage geschieht durch das Opfer des eigenen Blutes bzw. Lebens aus Liebe zu den Nationsmitgliedern (in den Befreiungskriegen erfolgte und in weiteren Befreiungskriegen möglicherweise erfolgende). In diesem Sinne ist der Krieg tatsächlich ein "Heilstrunk". Es wäre aber eine "retrospektive Illusion", wenn man daraus folgerte, Treitschke habe mit dieser Vokabel einem Hitlerschen Vernichtungskrieg vorarbeiten wollen. Die Akademikergeneration, die an den Befreiungskriegen beteiligt war, betrachtete diese tatsächlich als "Heilstrunk", ohne im Geringsten im Blutrausch über andere Nationen herfallen zu wollen, eine bewegende - nicht weltbewegende, aber auch nicht einfach als brauner Sud abzuqualifizierende - Poesie gab dieser Deutung eine angenehme Stimme. Die deutsche Geschichte bot hier eine Möglichkeit, reale Geschichte und religiöse Interpretation zu verbinden und den nationalen Gedanken dadurch in eine Tiefe zu verinnerlichen, wie dies bei anderen Nationen nicht möglich war, und Treitschkes Erfolg rührt eben daher, dass er in exemplarischer Weise die Verbindung von realer Geschichtserfahrung, zeitgenössischer nationaler Tendenz und metaphysisch-religiöser Sinngebung hergestellt hat.

Die Frage, die sich im Anschluss an die Lektüre von Balibar einerseits und Treitschke andrerseits stellt, ist allerdings, ob die damaligen Menschen überhaupt eine Chance hatten, dieser gewaltigen, tiefste Sinnschichten einbeziehenden "Imagination", die Treitschke vor ihnen aufbaute, zu entkommen (und wie weit den heutigen dies möglich ist), und es stellt sich ferner die Frage, wie weit der Ausdruck "Imagination" mit seiner pejorativen Zuwaage ("Einbildung") der fast materiellen Dichte des ideellen Konstrukts "Nation" gerecht wird.

Von ganz zentraler Bedeutung für die Beurteilung der Nation-Form ist der Zusammenhang von Kapitalismus und Nation. Dieser Zusammenhang ist in jedem Fall der dichteste, materiell zwingendste Teil der Imagination Nation. Balibar ist auch hier geneigt, die "vom Marxismus bis hin zu den liberalen Geschichtsphilosophien" (S. 110) akzeptierte Auffassung, der Nationalstaat sei ein "bürgerliches Projekt", aufzugeben und als "Mythos" zu betrachten. Er verweist dazu (S. 111) auf kapitalistische Unternehmungen in vornationaler Zeit wie die Hanse oder das "Reich": Kapitalismus sei also auch im vornationalen Rahmen möglich gewesen. Die Hanse war tatsächlich ein anationaler Verband von Städten vor allem des Ostseeraums zum Zwecke des Zwischenhandels. Andererseits wurde die potenzielle Nationalität der Hanse immer anerkannt, so dass z.B. die Hansekaufleute in London 1282 sich als einheitlicher Verband "de hansa Alamanie" darstellten und die Kölner Gildenhalle zur Gildenhalle der Deutschen erklärten. Das Ende der Hanse aber kam vor allem dadurch, dass ihr Sammler-und Jäger-Kapitalismus mit den fortschreitenden Formen des Kapitalismus nicht Schritt halten konnte und deshalb von den aufkeimenden nationalen Kapitalismen Rußlands und vor allem der Niederlande, schließlich auch vom höherentwickelten innerdeutschen Kapitalismus der süddeutschen Handelsherren (Augsburg, Nürnberg, Ulm), beiseite gedrückt wurde. Ein eindrucksvoller Beleg für einen anationalen Kapitalismus ist sie also nicht. Andererseits verhielt sich die Hanse in einer Art und Weise, wie man sie von den Nationalstaaten her gut kennt: Sie behinderte durch ihr Monopol die Entwicklung der nordischen Nationalstaaten. Insofern ist Balibar Recht zu geben, wenn er (S. 110) sagt, dass Nationalstaaten immer entweder kolonisieren oder kolonisiert werden. Der Konnex zwischen Bürgertum, Kapitalismus und Nationalstaat ist aber mit diesen Beispielen nicht überzeugend zu sprengen.

Tendenziell demokratisch

Nach Balibar (S. 129) war die Schwelle, von der ab die Entwicklung zum Nationalstaat unumkehrbar wurde, die Mitte des 16. Jahrhunderts: Das Zeitalter der Nationalstaaten dauert damit schon fast ein halbes Jahrtausend. Das ist nicht wenig für eine Imagination! Auch gibt Balibar (S. 108f.) zu, dass die europäischen Nationalstaaten über Jahrhunderte hinweg eine Entwicklung durchgemacht haben, die in den einzelnen Elementen, von der Entstehung einer nationalen Sprache über die Veränderung des Kirche-Staat-Verhältnisses zur Herausbildung der Doktrin der Staatsräson, bis zu ihrem Ergebnissen - dem Nationalstaat - im Wesentlichen identisch war. Eine Studie6 über die wirtschaftspolitischen Zielsetzungen im Umfeld der Revolution von 1848/49 bestätigt übrigens eine enge Affinität des deutschen Bürgertums zur nationalen Form.

Wenn die nationale Idee nur die Erfindung listiger Krämerseelen gewesen wäre, um einen schnelleren, nicht mehr von zig Landesgrenzen unterbrochenen Fluss von Waren und Geld zu erreichen; wenn sie nicht mehr als ein bloßes Mittel wäre, die Unterschichten zu integrieren und zu treuer Gefolgschaft zu vergattern, dann hätte die Nation-Form nicht ein halbes Jahrtausend überstanden. Nach dem Zerfall der feudalen Ideologie und Wirklichkeit war sie das nächstliegende, fast naturgegebene Mittel, um große Menschenmassen zu gliedern bzw. zusammenzufassen. Intellektuelle des 18. Jahrhunderts (Herder) entdeckten sie, beschrieben sie und bejahten ihre Tauglichkeit; das Beispiel anderer europäischer Staaten und die Erfahrungen im Zusammenhang mit der Französischen Revolution bestätigten, was die Theorie ergeben hatte. Zunehmend stellte sich heraus, dass das Nationskonzept nicht nur eine formale Seite (Zusammenfassung und Abgrenzung), sondern auch eine inhaltliche Seite hat: Wer das Nationskonzept seinem Denken zugrundelegt, geht nicht mehr von einem Einzelnen (Monarchen), sondern von einer Vielheit aus. Der Nationsgedanke war und ist tendenziell demokratisch und wurde deshalb von der (feudalen) Gegenseite immer und grundsätzlich, selbst in seinen unpolitischsten Varianten, heftig bekämpft. So war nicht zufällig die Schaffung oder Entstehung eines Nationalstaates in allen europäischen Ländern verbunden mit einer liberal-demokratischen Entwicklung. Insofern war und ist das nationale Projekt progressiv. Es scheint, dass heutzutage viele (auch Balibar), die politisches Denken im Rahmen der Nation für völlig überholt halten, sich des Zusammenhangs von nationaler und liberaler Tendenz sowie der Mühen - und des Verdienstes - der Nationsbildung überhaupt nicht mehr bewusst sind.

Treitschke hat die Nation geliebt wie seine Frau und verehrt wie einen Gott. Wir tun das heute nicht mehr, und das ist gut so. Dass aber der Nationalstaat schon überholt und am Ende sei, ist eine verfrühte Annahme.


Anmerkungen

1) Poliakov, Léon, Der arische Mythos. Zu den Quellen von Rassismus und Nationalismus, Hamburg 1993, S. 9 - (1. Auflage (Le Mythe aryen) 1971)

2) Nipperdey, Thomas, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983, S. 345

3) Zum vormärzlichen Konstitutionalismus in Bayern vgl.: Reiter, Hermann, Die Revolution von 1848/49 in Bayern, Bonn 1998, S. 14-25

4) Poliakov S. 337.

5) Balibar, Etienne, Die Nation-Form: Geschichte und Ideologie, in: Balibar/Wallerstein, Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg/Berlin 1992 (2. Auflage)

6) Best, Heinrich, Interessenpolitik und nationale Integration 1848/49. Handelpolitische Konflikte im frühindustriellen Deutschland, Göttingen 1980


Dr. Hermann Reiter ist Historiker und arbeitet in Niederbayern

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