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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Klonen nicht verboten

15.07.2002: Die Stimmungs- und Gesetzeslage in den USA

  
 

Forum Wissenschaft 3/2002

Die Mehrheit der US-Amerikanischen Bevölkerung lehnt das Klonen von Menschen ab. Gleichzeitig wird von der Forschung an embryonalen Stammzellen ein Durchbruch in der Medizin erwartet. Nach der Entscheidung von US-Präsidenten George W. Bush im Sommer 2001 wird die embryonale Stammzellforschung mit öffentlichen Geldern gefördert. Die momentan debattierten Gesetzesentwürfe, mit denen das menschliche Klonen verboten werden soll, stehen gleichzeitig unter dem Druck, dass sie die Entwicklung der embryonalen Stammzell-Forschung nicht behindern sollen. Volker Lehmann berichtet über die Lage in USA.

Die Debatte über das menschliche Klonen und die Embryonenforschung im letzten Jahr hat in den USA großes öffentliches Aufsehen erregt. Der Streit über die Nutzung embryonaler Stammzellen war der erste große Test für die neue Regierung unter Präsident George W. Bush. Obwohl die Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung das menschliche Klonen ablehnt, sind die Argumentationen der gesellschaftlichen Gruppen sehr unterschiedlich und auch die Forderungen, wie weit Maßnahmen gehen dürfen, mit denen das menschliche Klonen verhindert werden soll. Konsens besteht lediglich, dass das Klonen zu Zwecken der Fortpflanzung verboten werden soll. Grundsätzlich gibt es drei Postionen zum Klonen und zur Embryonenforschung (näheres siehe Kästen):

  • gegen jede Nutzung von menschlichen Embryonen für die Forschung
  • prinzipiell nicht gegen die Nutzung von Embryonen für die Forschung, aber gegen das Klonen menschlicher Embryonen für Therapie und Forschung.
  • für die Nutzung von Embryonen, einschließlich Klonen für Therapie und Forschung.

Wie viel darf es sein?

Die Entscheidung von Präsident Bush im August 2001 brachte den StammzellforscherInnen mehr rechtliche Sicherheit und die Möglichkeit, unter bestimmten Auflagen auch öffentliche Fördermittel zu erhalten. Im Jahr 2001 standen rund 250 Millionen US-$ für Stammzellforschung zur Verfügung, bei der Zellmaterial von nicht-embryonalen Quellen genutzt wurde. Wieviel öffentliche Gelder letztlich für eine Forschung an embryonalen Stammzellen zur Verfügung gestellt werden, ist noch unklar. Nach dem Zugang zu öffentlichen Geldern stritt man sich um die Zahl der in Frage kommenden embryonalen Stammzell-Linien. Die Nationalen Gesundheitsbehörden (NIH) veröffentlichten im letzten Jahr eine Liste mit 64 embryonalen Stammzell-linien. Die Bush-Regierung musste einräumen, dass nur 25 Stammzell-Linien voll entwickelt waren. US-amerikanische Stammzellforscher begannen unmittelbar mit ihrer Lobbyarbeit, um die Vorschriften für die Zulassungen von Stammzell-Linien, die ihren wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, aufzuweichen. Mitlerweile hat sich die Zahl der förderungswürdigen Embryo-Kulturen bereits auf 78 erhöht. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob Qualität und Quantität dieser staatlich verordneten Zell-Linien der Wissenschaftsgemeinde längerfristig ausreichen werden.

Mittel- und langfristig wird sich die Bush-Entscheidung nicht so sehr auf die Qualität oder Anzahl der vorhandenen Zell-Linien auswirken, sondern vielmehr darauf, dass WissenschaftlerInnen keine öffentlichen Gelder nutzen können, um Forschungen mit Stammzell-Linien durchzuführen, die mit privaten Geldern entwickelt wurden. In diesem Sinne ist Bushs Kompromisslösung eine Verschärfung der Situation. Unter dem vorherigen US-Präsidenten Bill Clinton waren diese Forschungen noch erlaubt. Fraglich ist, ob die Entscheidung nun dazu führt, dass die Stammzellforschung zunehmend nur noch von privaten und nicht mehr von öffentlichen Institutionen durchgeführt wird. Einige Stimmen aus der Biotechnologie-Industrie erklären, dass - ähnlich wie bei dem Streit zwischen der privaten Genomforschungs-Firma Celera und dem öffentlich geförderten Human-Genomprojekt - der Privatsektor den Weg vorschreiben wird. Dieses Argument der Industrie will jedoch vergessen machen, dass auch in der Genomforschung die öffentliche Förderung entscheidend war: Ohne die staatlich bezuschusste Forschung, die die Basis bildete, wäre es Celera niemals möglich gewesen, das menschliche Genom in nur zwei Jahren zu entschlüsseln. Andere Biotechnologie-Befürworter, z.B. die Lobbyorganisation der amerikanischen Biotechnologie-Industrie BIO, finden dieses Zusammenspiel zwischen öffentlicher und privater Forschung durchaus nützlich. Ähnlich wie bei der Sequenzierung des menschlichen Genoms könnte die Konkurrenz dazu führen, dass der öffentliche Forschungssektor den Druck auf die Regierung verstärkt, mehr Stammzell-Linien für die öffentliche Forschung zuzulassen.

Rechtsfreier Zustand

Für die Zukunft der embryonalen Stammzellforschung ist nicht nur die öffentliche Förderung ausschlaggebend, sondern auch Regelungen zum Klonen. Ein Gesetzentwurf bezüglich des Klonens - die so genannte "Weldon Bill" - hat bereits das Repräsentatenhaus passiert. Sollte dies Gesetz werden, wäre nicht nur das Klonen von Menschen zu Fortpflanzungszwecken, sondern auch das "therapeutische Klonen" verboten. Gerade davon versprechen sich US-ForscherInnen aber die größten Erfolge im Bereich der embryonalen Stammzellforschung. Weiterhin wäre die Schaffung von Embryonen für Forschungszwecke verboten. Derartige Aktivitäten haben bisher nur private Unternehmen bekanntgegeben: Im Juli 2001 verkündete zum Beispiel eine private Fortpflanzungsklinik in Virginia, dass sie IVF-Embryonen für die Stammzell-Forschung produziert hätte. Einen Tag später verkündete Advanced Cell Technology, ein Biotechnologie-Unternehmen aus Massachusetts, dass sie embryo-ähnliche Gebilde geklont hätten, von denen man embryonale Stammzellen entnehmen könne.

Weldons Gesetzesvorlage, die vom republikanischen Senator Brownback in den Senat eingebracht wurde, wird auch von Präsident Bush befürwortet. Auch wenn Brownbacks Vorstoß mittlerweile Unterstützung von der demokratischen Senatorin Mary Landrieu erhielt, bleibt ungewiss, ob er diesen Sommer im Senat angenommen wird. In den Reihen der demokratischen Senatsmehrheit bleibt es für viele DemokratInnen undenkbar, mit expliziten "Lebensschützern" politisch zusammen zu arbeiten. Außerdem befürworten tonangebende Demokraten wie Senator Edward M. Kennedy, Vorsitzender in der Senatskommission für Gesundheit, die embryonale Stammzell-Forschung und sind nicht gewillt einen Gesetzesentwurf zu unterstützen, der diese Forschung behindern würde.

Alternative Gesetzesvorschläge sehen zum Beispiel ein zehnjähriges Moratorium für das reproduktive Klonen und nur eine freiwillige Beschränkung beim Klonen für Forschungszwecke vor. Ein anderer Kompromiss könnte zum Beispiel sein, dass ein Moratorium das ausdrückliche reproduktive Klon-Verbot der "Weldon Bill" ersetzt. Dieser Kompromiss würde ForscherInnen und Institutionen entgegenkommen, die keine Behinderung der embryonalen Stammzell-Forschung wollen.

Sollte der Gesetzentwurf von Brownback-Landrieus im Senat scheitern, müssten alternative Vorschläge wieder zurück an das Repräsentantenhaus, welches diesen Entwuf bereits gutgeheißen hatte. Andere Vorschläge würden zu einer Verzögerung der Prozedur führen. Im Herbst stehen aber Neuwahlen im Kongress an, und wenn bis dahin keine Entscheidung gefällt ist, wird eine zukünftige Klon-Gesetzgebung aufgrund möglicherweise wechselnder Mehrheitsverhältnisse zunehmend erschwert. Damit würden die USA weiterhin in einem rechtsfreien Zustand verbleiben. Klonen, egal ob für Forschung oder Fortpflanzung, bliebe also weiterhin legal.

Prinzipien und Versprechen

Die laufende Debatte in den USA über embryonale Stammzellforschung und menschliches Klonen ist nicht nur eine Diskussion über spezifische technologische Fortschritte, sondern auch über generelle ethische Werte. In der US-Gesellschaft breit akzeptierte Prinzipien wie zum Beispiel Selbstbestimmung und Wahlfreiheit erschweren die Suche nach einem rechtlichen Rahmen, der mit dem individuellen Recht, jede Technik je nach persönlicher Interessenlage für sich nutzen zu können, übereinstimmt. Darum wird ein breiter sozialer Konsens in den USA darüber, dass kein Mensch geklont werden darf, nicht ausreichen, um derartige Entwicklungen zu verhindern. Die Hoffnung auf einen potentiellen Nutzen der embryonalen Stammzellforschung scheint die Kehrseite der Angst vor dem menschlichen Klon zu sein. Diese Angst wird ausgenutzt und weiter geschürt von einigen gewissenlosen Wissenschaftlern und religiösen Gruppen, wie dem Ufo-Gläubigen-Kult der Raélier. Der wissenschaftliche Mainstream ist derweil eifrig bemüht, sich von diesen Wissenschaftlern und Gruppen zu distanzieren. Man argumentiert lieber mit dem Versprechen, Therapien für bisher nicht behandelbare Krankheiten entwickeln zu wollen. Bleibt die Frage: Was ist, wenn die Versprechen nicht halten, wie es bei früheren Versprechen auch schon der Fall war? Sowohl die Gentherapie als auch die Genomforschung wurden als wissenschaftliche Revolution für die Behandlung von unheilbaren Krankheiten angekündigt. Beide Forschungsrichtungen haben sich als komplizierter als angenommen herausgestellt und gesicherte Ergebnisse sind kaum in Sicht.

Auch wenn nicht sicher ist, ob die Versprechen der embryonalen Stammzellforschung eingelöst werden können, werden die wissenschaftlichen Fortschritte in diesem Bereich die Entwicklung zwangsläufig vorantreiben. So können embryonale Stammzellen benutzt werden, um frühe Stadien in der menschlichen Entwicklung zu erforschen. Diese Forschung liefert unweigerlich weiteres Wissen darüber, wie die derzeitigen Probleme beim Klonen von Menschen gelöst werden können. Dadurch wird das Klonen von Menschen immer wahrscheinlicher. Andererseits wird ein Bann des menschlichen Klonens und der Produktion von menschlichen Embryonen für die Forschung mögliche Fortschritte im Bereich der Stammzell-Untersuchungen limitieren. Eine breite Unterstützung der Stammzellen-Forschung ist darum auch einer der Hauptgründe, warum rigide Anti-Klon-Gesetze weiterhin im Senat stecken bleiben.

Für die momentane rechtliche Sackgasse in den USA könnte auch ein weiteres Motiv eine Rolle spielen: Ein totales Klonverbot würde einen Paradigmenwechsel in der US-amerikanischen Forschungspolitik bedeuten, Forschungspolitik in Zukunft nicht mehr über die Vergabe öffentlicher Gelder, sondern durch Gesetze zu regulieren. Als die ersten gentechnologischen Methoden in den 1970er Jahren entwickelt wurden, gestalteten die WissenschaftlerInnen seinerzeit auf der Asilomar-Konferenz ihre eigenen Sicherheitsregeln für den Umgang mit der neuen Technologie. Seitdem ist die US-amerikanische Biotechnologie-Landschaft geprägt von WissenschaftlerInnen, die über die Vergabe öffentlicher Gelder kontrolliert werden, und den privat finanzierten WissenschaftlerInnen, die sich selbst kontrollieren. Diese Spirale von öffentlicher und privater Forschung ist der Kern des oft beneideten US-Modells biomedizinischer Fortschritte.

Bei der Stammzell-Debatte scheinen sich die Grenzen zwischen öffentlicher und privater Forschung zu verwischen. Fortschritte im privaten Forschungssektor werden dafür benutzt, auch für die öffentliche Forschung neue Gesetzesentwürfe und Förderrichtlinien aufzustellen. So verkündete Präsident Bush bereits, den Etat der NIH im Jahr 2003 auf beispiellose 27 Milliarden US$ anzuheben und damit im Vergleich zu 1998 zu verdoppeln. Bushs Entscheidung, die embryonale Stammzellforschung zu fördern, muss als Zeichen dafür gewertet werden, dass er sich die staatliche Zugriffsmöglichkeit auf die Forschung sichern will. Die Embryonenforschung sollte nicht eingeschränkt, sondern lediglich der zukünftige verwaltungstechnische Umgang sichergestellt werden.

Neue Koalitionen, tiefe Gräben

Einen tatsächlichen Paradigmenwechsel hat es indessen bereits in Sachen Bioethik gegeben. In der Vergangenheit war das höchste staatliche Gremium, das National Bioethiks Advisory Committee (NBAC) mit seinen Vorschlägen zur Ausweitung embryonaler Forschung selbst der keineswegs forschungsfeindlich gesonnenen Clinton-Administration zu weit gegangen. Präsident Bush hat sich im Vergleich dazu mit skeptischeren Geistern umgeben: Nachdem das Mandat des NBAC im Oktober 2001 auslief, wurde stattdessen ein President‘s Council on Bioethics eingesetzt. Geleitet wird dieses Gremium von Leon Kass, einem wertkonservativen Bioethiker, der Bush bereits bei der Entscheidung zur embryonalen Stammzellenförderung beriet und die Forderungen der Wissenschaftsgemeinde zu dämpfen wusste.

In Zukunft könnte es passieren, dass die Förderung vieler biomedizinischer Entwicklungen hinter den Wünschen einiger wissenschaftlicher und biotechnologischer Akteure zurückbleibt. Ihre Ansprüche wiederum müssen ausbalanciert werden mit dem Interesse der Regierung, auf bestimmte religös motivierte WählerInnen Rücksicht nehmen zu wollen. Die bedeutendste langfristige Konsequenz aus dem Kompromiss für die Stammzell-Forschung wird sicherlich sein, dass mit ihr eine breite gesellschaftliche Akzeptanz der Technik geschaffen wird. Schon während der Lobbyarbeit für Bushs Entscheidung konnten Menschen für die Nutzung der embryonalen Stammzellen eingenommen werden, die traditionell für den Schutz ungeborenen Lebens eintreten.

Von diesen neuen Koalitionen wird der biomedizinische Forschungssektor sicherlich insgesamt profitieren. Dagegen sind diejenigen, die die Vorteile der biomedizischen Forschung und die Nutzung von Embryonen in Frage stellen, durch den tiefen Graben zwischen AbtreibungsgegnerInnen und -befürworterInnen bei der Koalitionsbildung eingeschränkt. LebensschützerInnen nutzen die Debatte um die embryonale Stammzellforschung für ihre eigene Politik, um das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung der Frau zu unterhöhlen.

Die Lage verkompliziert sich dadurch, dass das Dilemma über die embryonalen Stammzellen mit der künstlichen Befruchtung zusammenhängt. Die von Frauen zunehmend genutzten fortpflanzungsmedizinischen Methoden für die Umsetzung ihrer reproduktiven Rechte ist auch unter Feministinnen ein umstrittener Punkt, die sich für das Recht von Frauen einsetzen, ihre Schwangerschaft abzubrechen. Viele BefürworterInnen der Abtreibung sind jedoch gleichzeitig einverstanden mit der Nutzung von Embryonen für die Forschung. In der Minderheit sind hingegen diejenigen, die die reproduktiven Rechte der Frau befürworten und dennoch die Embryonenforschung ablehnen.

Im Rahmen der Koalitionsbildung in der US-amerikanischen Debatte erscheint es dringender denn je, sich über die immanenten Werte des menschlichen Lebens zu verständigen. Weil diese Argumentation den Aspekt der Verwertbarkeit von Leben mit einbezieht, könnte sie letztlich zu einem breiteren Verständnis menschlicher Wertvorstellungen führen. Das Argument könnte eine Brücke sein zu denen, die die Nutzung von Embryonen aus einer religiösen Perspektive heraus ablehnen. Nur so eine breite Koalition könnte in der Lage sein, die Ausweitung biomedizinischer Forschung unter Bezug der marktwirtschaftlichen Nutzung des Embryos zu stoppen. Nirgendwo macht die Kombination von marktwirtschaftlichen Anreizen, wissenschaftlicher Kapazität und fehlender rechtlicher Regulierung das Klonen von Menschen so wahrscheinlich wie in den USA. Hier muss es verhindert werden, andernfalls ist das Klonen des ersten Menschen nur eine Frage der Zeit.1


Anmerkung

1) Der Text basiert auf der Studie "Tissues and issues: Human cloning and stem cell research in the USA", die im Oktober 2001 im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung, Büro Washington, erstellt wurde. Die Studie ist elektronisch zu beziehen über www.boell.org/451.html oder vom Autor per email: vlehmann@prodigy.net. Der Text erschien im GenEthischen Informationsdienst 152/2002, S.7-10.


Volker Lehmann ist Wissenschaftsjournalist und arbeitet in einem Forschungsprojekt der Universität Jena zum Thema "Biotechnologische Innovation in den USA"

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