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Klaus Holzkamp

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Der bittere Geschmack von unserem Obst und Gemüse

15.10.2002: Die Ausbeutung illegaler MigrantInnen in der Landwirtschaft der Europäischen Union

  
 

Forum Wissenschaft 4/2002

Die Selbstverständlichkeit, zu jeder Jahreszeit im Supermarkt frisches Obst und Gemüse zu finden, hat ihren Preis. Den bezahlen allerdings nicht die KonsumentInnen. Frisches Obst und Gemüse "on demand" und zu einem Preis, der die Herstellungskosten kaum deckt, ist nur möglich durch ein Heer von unterbezahlten und überflexiblen Arbeitskräften, modernen SklavInnen, deren Verfügbarkeit durch den ansonsten rechtlosen Saisonarbeiterstatus oder - noch kostengünstiger - durch die Strukturen des Einwanderungsrechtes garantiert wird. Dieses sichert einen dauerhaften Pool von "Illegalen", der für die Arbeit in der Landwirtschaft strukturell notwendig ist. Die Ergebnisse einer Untersuchung des Europäischen Bürgerforums über die Lage illegaler MigrantInnen in der Landwirtschaft stellt Nick Bell vor; Silvia Berg übersetzte und überarbeitete den Beitrag.1

Die brutalen rassistischen Ausschreitungen, die im Februar 2000 in El Ejido in Andalusien stattfanden, haben eine Realität ans Tageslicht gebracht, die der westeuropäischen Öffentlichkeit wenig bekannt ist: die rücksichtslose Ausbeutung der größtenteils illegalen EinwandererInnen in der Landwirtschaft, vor allem im Gemüse- und Obstanbau. Das Europäische Bürgerforum hat in Folge dieser Ereignisse beschlossen, im April eine internationale Untersuchungskommission an Ort und Stelle zu entsenden. Bei näherer Untersuchung der Ereignisse wurde vor allem deutlich, dass die Existenz einer großen Anzahl illegaler LandarbeiterInnen ein grundlegender und unentbehrlicher Bestandteil dieses Wirtschaftssektors ist. Der Bericht dieser Untersuchungskommission - El Ejido, Anatomie eines Pogroms - vom April 2000 kann bei der unten angegebenen deutschen Adresse bestellt werden

Es wurde ebenfalls offensichtlich, dass dieses Phänomen nicht nur Spanien betrifft. Die Situation in der Region Almeria erregte zwar am meisten Aufsehen, aber diese Missstände sind in ganz Europa zu finden. Aus diesem Grund hat das Europäische Bürgerforum beschlossen, Ermittlungen auf europäischer Ebene durchzuführen. Ziel ist es, die versteckte Seite eines Produktionszweiges zu beleuchten, mit dem wir alle konfrontiert sind, z.B. wenn wir Obst und Gemüse zu jeder Jahreszeit im Supermarkt kaufen.2

Zum Beispiel Spanien

Die Region Almeria mit ihren 32.000 Hektar Treibhausanbaufläche, verteilt auf 15.000 Betriebe, produziert pro Jahr 2,8 Millionen Tonnen Obst und Gemüse, von denen die Hälfte nach Nordeuropa exportiert wird, hauptsächlich nach Deutschland (75%). Der Erfolg dieser Produktion, ganz besonders des Frühgemüses, hängt vor allem von der Möglichkeit der Unternehmen ab, für eine kurze Zeitspanne eine große Anzahl von billigen Hilfskräften unmittelbar mobilisieren zu können.

Mehr als 90% der LandarbeiterInnen der Region sind MigrantInnen, 64% davon kommen aus Marokko. Die Gemeinde von El Ejido betreibt bewusst eine Politik der Segregation mit zunehmenden Schikanen und Provokationen, um die EinwandererInnen davon abzuhalten, das Stadtgebiet zu "kolonisieren". Für Emma Martin Diaz, Professorin für soziale Anthropologie der Universität Sevilla, "unterscheidet sich diese Situation von der südafrikanischen Apartheid nur insofern, dass sie nicht vom Gesetzgeber sanktioniert ist. […] Die lokalen Praktiken der Segregation sind das Spiegelbild einer Politik, die dafür sorgt, die Einführung von Hilfskräften mit der Negation der Rechte der MigrantInnen zu kombinieren".

Die Mehrzahl der MigrantInnen muss in baufälligen verlassenen Gebäuden oder in mit Plastikabfall zusammengeflickten Hütten wohnen. 55% dieser Unterkünfte verfügen nicht über Trinkwasser, 57% besitzen kein Bad oder Toiletten, 31% keinen elektrischen Strom. Die Beamten der Region schätzen die Zahl der MigrantInnen, die in solchen menschenunwürdigen Unterkünften leben, auf über 17.000.

Die Arbeitsbedingungen der Einwanderer und Einwanderinnen sind nicht weniger unmenschlich, vor allem große Hitze in den Gewächshäusern (bis zu 50 Grad Celsius) sowie enorme Konzentrationen von Pestiziden. Die ArbeiterInnen leiden häufig unter Erbrechen, Kopfschmerzen und Hautausschlägen. Zudem ist die Bezahlung für diese Mühen äusserst gering. Ineke van der Valk, Wissenschaftlerin an der Universität von Amsterdam, stellt fest, dass "die illegalen Arbeiter mühselig mit einem Stundenlohn von 3 EUR überleben, während El Ejido für das Pro-Kopf-Einkommen der Einwohner in Spanien auf dem dritten Platz steht und sich der Wert der lokalen Produktion in 10 Jahren verdreifacht hat".

Die massive Anwesenheit illegaler Einwanderer und Einwanderinnen, die in der spanischen Landwirtschaft arbeiten, wurde noch einmal durch den tragischen Verkehrsunfall deutlich, bei dem in der Nähe von Murcia im Januar 2001 zwölf ecuadorianische Hilfsarbeiter ums Leben kamen. Keiner von ihnen besaß eine Aufenthaltsgenehmigung oder einen Arbeitsvertrag, sie arbeiteten für einen Stundenlohn von 2,41 EUR. Erst durch diesen Unfall wurde bekannt, dass sich 20.000 EcuadorianerInnen illegal in der Region aufhalten und 150.000 in ganz Spanien.

Ausbeutung europaweit

Diese Form von Ausbeutung existiert auf verschiedene Art und Weise überall in Europa. Für Großbritannien beschreibt Don Pollard, Präsident der Landarbeitergewerkschaft, das System, das über "Gangmasters" den Obst- und Gemüsesektor mit Hilfskräften versorgt. Eine "Gang" ist eine Gruppe von ArbeiterInnen, die "Masters" sind ihre Chefs. Diese Gruppenchefs bestimmen quasi als Subunternehmer den Lohn und die Arbeitsbedingungen "ihrer" Leute und werden für diese Dienstleistung von den LandwirtInnen bezahlt.

In den letzten 10 bis 15 Jahren wurde daraus ein Big Business. Einige Gangmasters beschäftigen bis zu 2000 Personen mit einem Umsatz von 15.000 Pfund pro Jahr. In der Region lassen sich jedoch nicht mehr genug Arbeitskräfte finden, daher muss man die Suche ausdehnen. Vor allem in Osteuropa werden zunehmend ArbeiterInnen angeworben. Die Angeworbenen zahlen pro Kopf 2000 bis 3000 Pfund an die Gangmaster, die die Visa vorbereiten und oft gefälschte Papiere ausstellen.

In Holland, einem der ersten Länder, das seine Landwirtschaft intensivierte, sind ein Viertel aller illegalen ArbeiterInnen in der Landwirtschaft, vor allem im Gemüsebau beschäftigt. Einer Analyse der Universität Amsterdam zufolge wird die Zahl der "Illegalen" zurzeit auf 100.000 Personen geschätzt. Jeder Betrieb hat nur noch einige qualifizierte Festangestellte neben einer großen Anzahl von SaisonarbeiterInnen für eine sehr kurze Zeitspanne. Die Produktion ist ultramodern organisiert. Ein Großteil der Gewächshäuser wird durch Computer gesteuert, und seit kurzem werden sogar die ArbeiterInnen per Computer überwacht. Jeder von ihnen sowie auch jedes Gemüsebeet wird durch einen Strichkode identifiziert. Auf diese Weise hat der Gemüsebauer die Kontrolle über Quantität und Qualität der Arbeit, die von den einzelnen ArbeiterInnen ausgeführt wird.

Die Schweiz mit ihren 7 Millionen EinwohnerInnen, von denen 19,8% AusländerInnen sind, ist zur Entwicklung ihrer Wirtschaft stark abhängig von den ArbeiterInnen anderer Länder. Zurzeit befinden sich 150.000 bis 300.000 AusländerInnen ohne Papiere in der Schweiz. Der Wert der "Schwarzarbeit" wird auf 35 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr geschätzt, das sind 9% des Bruttoinlandsproduktes, und in einigen Bereichen herrscht immer noch Mangel an Arbeitskräften.

Wie in den anderen Ländern beruht auch die Landwirtschaft der Schweiz auf schlecht bezahlten Arbeitskräften. Aus diesem Grund sind die Schweizer aus diesem Sektor geflüchtet. In den 1950er bis 70er Jahren hat man daraufhin SpanierInnen, PortugiesInnen und JugoslawInnen ins Land geholt und ihnen einen Saisonarbeiterstatus bewilligt. SaisonarbeiterInnen haben eine begrenzte Aufenthaltszeit von 9 Monaten, können ihre Familie nicht nachholen, den Arbeitsplatz nicht wechseln und sind minimal versichert. Das geltende Arbeitsrecht ist für diesen Status ausser Kraft gesetzt.

Auf der Grundlage der Annäherung an die Europäischen Union hat Bern die Quote der SaisonarbeiterInnen von 160.000 im Jahre 1990 auf 88.000 im Jahr 1998 herabgesetzt. Schlussendlich soll der Saisonarbeiterstatus ganz verschwinden. Die Folge ist, dass die Anzahl der AusländerInnen ohne Papiere und der "Schwarzarbeiter" rasant ansteigt. Gleichzeitig zwingt der Druck der Handelsketten die LandwirtInnen dazu, ihre Produkte immer billiger zu verkaufen und damit, immer billigere Arbeitskräfte zu suchen.

In der BRD wurden in den 60er Jahren bilaterale Verträge mit verschiedenen Ländern zur Anwerbung ausländischer "Gastarbeiter" abgeschlossen, woraufhin auch viele kamen. 1973 gab es dann einen Anwerbestopp, der bis heute gilt. Er wird aber durch eine "Arbeitserlaubnis mit Aufenthaltsverbot", je nach Bedarf, umgangen. Diese Regelung sagt aus, dass AusländerInnen für eine bestimmte Arbeit und eine festgelegte Zeit angeworben werden können. Diese Anwerbung geschieht vor allem in Ländern außerhalb der Europäischen Union. Im Jahre 2000 wurden 340.000 Arbeitserlaubnisse erteilt, davon 220.000 für die Landwirtschaft.

Ökonomie der illegalen Arbeit

1991 wurde das "Statut für Saisonarbeiter" in der Forst- und Landwirtschaft und im Gastgewerbe eingeführt, um ArbeiterInnen aus Osteuropa legal einstellen zu können. Nach diesem Statut dürfen SaisonarbeiterInnen nur drei Monate pro Jahr im Land bleiben, sollten den gleichen Lohn wie Deutsche für die gleiche Arbeit bekommen, sowie Krankenkassenbeiträge und Steuern bezahlen. Auch hier gibt es Ausnahmen: Wenn ArbeiterInnen nicht mehr als 50 Tage arbeiten, haben sie keinerlei Rechte und Pflichten. Von den 192.000 beim Arbeitsamt gemeldeten SaisonarbeiterInnen für die Landwirtschaft im Jahre 1998 waren weniger als 27.000 bei einer Krankenkasse angemeldet.

Landwirtschaftsbetriebe, die Obst, Gemüse, Tabak, Hopfen und Wein produzieren, dürfen während eines ganzen Jahres SaisonarbeiterInnen aus dem Osten einstellen, für die anderen Betriebe ist die Arbeitsdauer auf sieben Monate begrenzt. Eigentlich müssten die Betriebe mehrere Male im Jahr ihre SaisonarbeiterInnen wechseln, da diese ja nur drei Monate bleiben dürfen. 1998 setzte die Regierung das Kontingent für osteuropäische SaisonarbeiterInnen auf 180.000 fest. Auch diese Festlegung wird wieder durch Ausnahmeregeln durchbrochen, z.B. die "Bankrottgefahr durch zu hohe Personalkosten".

Die Vermittlungsgebühr pro SaisonarbeiterIn, die ein Betrieb ans Arbeitsamt entrichten muss, beträgt 60 Euro. Die Bundesanstalt für Arbeit vermittelt die angeforderten Arbeitskräfte über die Arbeitsämter in den jeweiligen osteuropäischen Ländern. Aber es gibt auch private Vermittlungsagenturen, die Arbeitskräfte aus Osteuropa illegal vermitteln - was von den Behörden geduldet wird. LandwirtInnen, die illegale ArbeiterInnen beschäftigen, riskieren 1.250 Euro Strafe. Kontrollen sind in den ländlichen Gebieten sehr selten, auch wegen des Aufwandes für die Behörden. Die LandwirtInnen nehmen wegen des höheren Gewinns dieses Risiko meist in Kauf.

Die Landwirtschaft ist nicht der einzige Wirtschaftszweig, der stark von den "schwarzarbeitenden" und oft illegalen EinwandererInnen abhängig ist. Emmanuel Terray von der Hochschule für Soziale Wissenschaften in Paris charakterisiert diese Struktur als reguläre "Ökonomie der illegalen Arbeit". "Was fordern die Neoliberalen? Sie verlangen möglichst fügsame und flexible Arbeitskräfte, die keinerlei sozialen Schutz genießen und nicht fest gebunden sind. (…) Ausländer ohne gültige Papiere erhalten keinen Minimallohn und verursachen keinerlei Sozialkosten, da sie von jeder Sozialversicherung ausgeschlossen sind. Einer der Gründe, die Migranten nach Frankreich und Westeuropa zieht, ist ein ständiges Angebot von illegaler Arbeit. Betritt ein Migrant den westeuropäischen Boden und akzeptiert die Bedingungen einer illegalen Arbeit, kann er sicher sein, sofort oder spätestens einen Monat nach Ankunft Arbeit zu finden. Alle wissen, dass dieses Angebot besteht, jeder ist auf dem Laufenden. Die illegalen Arbeiter sind folglich gar nicht illegal. In Wirklichkeit toleriert der Staatsapparat die illegalen Arbeitsmärkte".

Besonders im Obst- und Gemüseanbau ist die illegale Arbeit nahezu die Norm. Jean-Pierre Berlan vom Nationalen Institut für agronomische Forschung in Frankreich erklärt, dass der Obst- und Gemüsebau denjenigen Landwirtschaftssektor darstellt, der wenig mechanisiert ist und daher viele Hilfskräfte beschäftigt: "Der Arbeitgeber muss ständig eine ausreichende Anzahl Hilfskräfte zur Verfügung haben, um seine Ernte einbringen zu können, den klimatischen und ökonomischen Bedingungen zum Trotz. (…) Eine Reservearmee von Arbeitern ist notwendig, praktisch als Vollkaskoversicherung, was die Ernte betrifft." Die Reservearmee "besteht aus den illegalen MigrantInnen. Es existiert eine regelrechte Verknüpfung und Komplementarität zwischen illegaler und legaler Einwanderung. […] Der Rassismus spielt in diesem Schema eine absolut strukturierende Rolle. Es ist notwendig, den Arbeitsmarkt durch verschiedene Methoden aufzuspalten, eine davon ist der Rassismus."

Francis Thomas, Mitglied einer Landarbeitergewerkschaft aus dem Departement Bouches-du-Rhône in Frankreich: "Alle wissen es, die Behörden, die lokale Verwaltung und die Leute, die in der Landwirtschaft arbeiten: Das Obst und Gemüse aus dem Mittelmeerraum wird seit 10 Jahren unter dem eigentlichen Produktionspreis verkauft. Um ein Beispiel zu nennen: Im Jahr 2000 wurden die Äpfel ab Produzent für 1 Franc, manchmal nur 80 Centimes, verkauft, obwohl der Produktionspreis bei ungefähr 1,5 Francs pro Kilo liegt. Die einzige Möglichkeit, die dem Produzenten bleibt, sich den neuen Bedingungen anzupassen, sind die Hilfskräfte. Das Problem dabei ist, Hilfskräfte zu finden, die für einen immer niedrigeren Lohn arbeiten, aber die gleiche Leistung erbringen".

Auf der Durchreise

Ein wesentlicher Faktor in dieser Problematik sind die großen Handelsketten. Dazu Francis Thomas: "Nehmen wir z.B. den Handel mit Salat. Die Bauern begeben sich am Morgen nach Château Renard, und jeder zeigt einen Salat. Die Einkäufer kommen vorbei und telefonieren daraufhin mit ihrem Handy. Neuerdings ist es aber so, dass die Bestellungen nicht mehr am Morgen in Auftrag gegeben werden, sondern je nach Nachfrage der Handelsketten. Das bedeutet, dass die Einkäufer an irgendeinem Moment des Tages anrufen, um einen Lastwagen, eine Palette, drei Paletten Gemüse oder Obst zu einer bestimmten Stunde an einen Ort zu bestellen. Es ist also unmöglich, alle Hilfskräfte fest anzustellen, da es z.B. während zwei Stunden 15 Leute braucht, um zu helfen, und es dann lange Zeit keine Arbeit mehr gibt, weil sie nicht im voraus planbar ist. Dies erfordert, auf ein vorhandenes Reservoir von Einsatzwilligen (Arbeitslose, Illegale) zurückgreifen zu können".

Die landwirtschaftlichen Betriebe sind zu regelrechten industriellen Zulieferern geworden. Die ProduzentInnen wissen sich nicht anders zu helfen, als die einzige Möglichkeit, auf die sie noch Zugriff haben, auszuschöpfen: den Arbeitslohn zu drücken. Die landwirtschaftlichen Hilfskräfte sind so einem ständig steigenden Druck ausgesetzt: Verfall der Preise, Verfall der Einkommen der LandwirtInnen, Verfall der Löhne der Landarbeiter. Gleichzeitig steigen die Profite der Supermärkte rasant: Fünf der zehn größten Vermögen Frankreichs sind bei den Besitzern von großen Handelsketten angehäuft. Der westeuropäische Obst- und Gemüsehandel ist vollständig liberalisiert, und die Devise vom maximalen Profit bei einem Minimum an Beteiligten obsiegt über alle sozialen, ökologischen oder menschlichen Betrachtungen. "Die beste Art, um sehr billige Produkte herzustellen, ist, die Sklaverei allgemein zu verbreiten. Die grundlegende Frage heißt, sich klar zu werden, ob man Bereiche akzeptieren will, in denen die Sklaverei Regel ist". (Emmanuel Terray)

Die Diskrepanz zwischen dem Süden und dem Norden, die wirtschaftliche Misere und politische Repression in vielen Ländern des Südens sowie das permanente Angebot auf dem illegalen Arbeitsmarkt des Westens führen zu verhängnisvollen Situationen in den Emigrationsländern. Dies lässt sich am Beispiel Marokko aufzeigen, aus dem ein Großteil der Landarbeiter El Ejidos stammt.

Seit Jahrzehnten ist Marokko ein Land, das Arbeitskräfte exportiert. Laut Lofti Chengly von ATTAC Marokko ist dort "die Arbeitslosigkeit eine tiefe, alte Wunde des sozialen Lebens". Verschiedenen Voraussagen zufolge wird die Arbeitslosenquote im Jahr 2007 50% der aktiven Bevölkerung ausmachen. Einige der Konsequenzen: "Die Auflösung der traditionellen sozialen Solidarität und der Anstieg der sozialen Verzweiflung, die sich in Selbstmord, Straffälligkeit, illegaler Auswanderung, Prostitution, etc. ausdrückt. Die neuen Generationen verlieren jegliche Zukunftsperspektive. […] Millionen von Menschen sind einer Logik des nackten Überlebens und dem Verlust kollektiver Bezugspunkte ausgeliefert, die ein Emporkommen bürgerlicher Bewegungen, die nach sozialer Gerechtigkeit streben, schwierig macht".

Diese Situation begünstigt, laut Mohammed Nadif, Professor an der Universität von Casablanca, "die Kultur der Hrique" - das Trugbild des sozialen Aufstiegs im "Europäischen Eldorado" und die Besessenheit von der Idee, auszuwandern. "Ein Großteil der Leute ist geistig schon ausgewandert, in der Erwartung, das Land zu verlassen. Ihr Gehirn hört auf zu funktionieren und über andere Alternativen nachzudenken. Sie sind auf der Durchreise in ihrem eigenen Land. Die Konsequenz daraus ist, dass sich niemand mehr dafür interessiert, was überhaupt im Land passiert. Die illegale Einwanderung ist für eine große Anzahl von Personen die einzige Möglichkeit, Fuß auf europäischen Boden zu setzen. Man kann mit Sicherheit behaupten, dass in jeder Familie im weiteren Sinne mindestens ein Mitglied illegal ausgewandert ist. Wir haben festgestellt, dass viele illegale Einwanderer Arbeiten ausführen, die sie in ihrem Heimatland ablehnen würden".

Die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes

Man kann zwei Tendenzen bezüglich der Einwanderung in Westeuropa feststellen: In Anbetracht des offensichtlichen Mangels an Arbeitskräften in bestimmten Wirtschaftsbereichen haben einige Regierungen sowie die Europäische Kommission die Pflicht zur absoluten Einschränkung der Einwanderung noch einmal überdacht. Sie erkennen die Notwendigkeit der Einwanderung für den Arbeitsmarkt an. In diesem Sinne denkt man daran, neue Gesetzesvorlagen für zeitlich beschränkte oder Saisonarbeit zu schaffen. Diese neuen Gesetze sollen es möglich machen, ArbeiterInnen kommen zu lassen, ohne dass diese jedoch das Recht auf einen längeren Aufenthalt haben oder ihre Familien nachholen können.

Es ist zu befürchten, dass man die seit Jahrzehnten in Frankreich existierenden OMI-Verträge (Office des Migrations Internationales) als Vorbild für diese neuen Gesetze nimmt. Diese Verträge gestatten es marokkanischen, tunesischen oder polnischen Staatsangehörigen, eine gewisse Anzahl von Monaten in Frankreich zu arbeiten. Mehr als die Hälfte dieser Verträge sind übrigens im Departement Bouches-du-Rhône konzentriert.

Der OMI-Vertrag verschafft den ArbeiterInnen eine ganz spezielle Form von Allgegenwart: ihre Körper arbeiten in Frankreich, während sie sich als moralische Person und was das Arbeitsrecht betrifft auf marokkanischem Boden befinden. Die ganze Zeitspanne, die ein Arbeiter unter OMI-Vertrag in Frankreich verbracht hat, wird bei einer eventuellen Anfrage für eine Aufenthaltsgenehmigung nicht angerechnet. Dies bedeutet, dass eine Person, die sich fünf Jahre illegal in Frankreich aufgehalten hat, eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen kann, aber ein Arbeiter mit OMI-Vertrag diese Möglichkeit nicht hat. Die 8 Monate pro Jahr, die er seit 25 Jahren in Frankreich arbeitet, gelten de jure nicht als Aufenthalt auf französischem Boden.

Die gleiche Perversion gilt für die Sozialleistungen. Die ArbeiterInnen entrichten Sozialbeiträge, können diese aber nur solange in Anspruch nehmen, wie ihr Arbeitsvertrag läuft. Der Nachzug der Familie ist unmöglich, da sie sich ja nicht auf französischem Boden aufhalten. Die Sozialbeihilfe wie z.B. Kindergeld wird zu marokkanischem Tarif bezahlt, d.h. fünfmal weniger als in Frankreich.

Jeder OMI-Vertrag ist nominal. Die ArbeiterInnen sind an ihren Chef gebunden und können ohne dessen Erlaubnis die Arbeitsstelle nicht wechseln. Im folgenden Jahr beantragt der Unternehmer aufs neue einen Vertrag für dieselben Personen. Falls es einem Arbeiter einfallen sollte, Lohnforderungen zu stellen oder schlecht bezahlte oder unbezahlte Überstunden abzulehnen, kann er sicher sein, dass er im nächsten Jahr nicht mehr angestellt wird. So hatte kürzlich das seltene Ereignis, dass eine Arbeiterin ihren Chef wegen verschiedener Verletzungen ihrer Rechte anklagte, zur Folge, dass ihr Vater, der seit 25 Jahren jedes Jahr für denselben Arbeitgeber gearbeitet hatte, seine Stelle verlor. Nicht anders erging es mehreren Brüdern, Cousins und anderen Verwandten der Klägerin.

Zudem scheint es so zu sein, dass die Behörde in Marokko bevorzugt AnalphabetInnen für diese Verträge anwirbt. Man will vermeiden, dass sich die Leute organisieren oder sich über ihre Rechte informieren. Allgemein ist es üblich, dass die marokkanischen ArbeiterInnen 3000 bis 4500 EUR an eine Mafia von Mittelsmännern bezahlen müssen, um an einen ersten OMI-Vertrag zu gelangen. Für die Erneuerung berappen sie dann jedes Jahr noch einmal zwischen 300 und 750 EUR.

Die Europäische Union bereitet sich gleichzeitig auf eine Erweiterung nach Osteuropa vor, wo der Lebensstandard deutlich niedriger ist als in Westeuropa. Laut Jean-Pierre Alaux von GISTI (Groupe d`information et de soutien aux Travailleurs immigrés) Frankreich, sind zahlreiche Staatsangehörige dieser Länder bereits "von diesem ökonomischen Gefälle angezogen. […] Während der notwendigen Anpassungszeit der Neumitglieder an das wirtschaftliche Niveau der EU werden die Osteuropäer vermutlich den Mangel an Hilfskräften auf dem Arbeitsmarkt der Union ausgleichen". Diese Entwicklung hat zur Folge, dass eine starke Konkurrenz auf dem Sektor der illegalen niederen Arbeiten entsteht, die traditionell von den MigrantInnen aus dem Süden übernommen werden. Ganz zum Vorteil der Chefs. Die "unsichtbare" Anwesenheit legaler oder illegaler Einwanderer und Einwanderinnen stellt einen besonders wertvollen Vorteil für die Marktwirtschaft dar.

In der westlichen Zivilisation ist Unsichtbarkeit gleichbedeutend mit der weißen Hautfarbe, versehen mit der Zugehörigkeit zu einer möglichst christlichen Kultur. "Wir können feststellen", so Jean-Pierre Alaux, "dass sich die Tendenz zum Weissmachen hier und da schon verwirklicht hat. Nach den rassistischen Unruhen in El Ejido wurden vermehrt Arbeiter aus der ehemaligen Sowjetunion angestellt, um die Arbeiter aus dem Süden zu ersetzen. Die Dritte Welt ist auf der Ebene der Entwicklungshilfe schon fast vergessen, und läuft Gefahr des letzten Ventils verlustig zu gehen, das ihr half, mit der ständigen Krise zu leben, nämlich der Export von Arbeitskraft".

Jüngste Informationen aus der Region Huelva, die für ihre Erdbeeren berühmt ist, bestätigen diese Tendenz. Jedes Jahr, von März bis Juni sind in der Region 55.000 SaisonarbeiterInnen beschäftigt, 10.000 davon sind AusländerInnen. Die spanische Regierung hat im Jahr 2002 aufgrund bilateraler Verträge mit Polen und Rumänien die Quoten für die ausländischen SaisonarbeiterInnen auf 5800 PolInnen, 1000 RumänInnen, 418 MarokkanerInnen und 150 KolumbianerInnen festgelegt. So stehen ungefähr 7000 MarokkanerInnen, die wie auch die vergangenen Jahre zur Ernte nach Huelva gekommen sind, vor dem Nichts. Von den ca. 4000 marokkanischen Arbeiterinnen, die einen legalen Saisonarbeiterinnenstatus für drei Monate haben, aber nun nicht mehr angestellt werden, blieben viele in Spanien und kamen letztlich nur im "Wirtschaftssektor" Prostitution unter.

Bestandteil unserer Lebensweise

Nach zwei Jahren Recherche über die Ausbeutung der Einwanderer und Einwanderinnen im europäischen Obst- und Gemüsebau sind wir noch weit von einer umfassenden Kenntnis über diese versteckte Seite der Landwirtschaft entfernt. Die breite Öffentlichkeit ist über die Verhältnisse wenig informiert, aber die Behörden sind bestens auf dem Laufenden und versuchen dennoch nicht, dieser Situation abzuhelfen. Der Wille, einen Wirtschaftszweig zu schützen, der von "Schwarzarbeit" abhängig ist und die Preise so niedrig wie möglich zu halten, hat Vorrang vor allen anderen Erwägungen. Das Resultat dieser Situation ist eine Politik der Mittäterschaft, des Stillschweigens und des Nichteingreifens.

Nach unserem Wissen ist die Recherche, die vom Europäischen Bürgerforum und der Revue Information et Commentaires herausgegeben wurde, einer der ersten Versuche, diese Thematik aufzurollen. Es ist wahr, dass das Problem der "Sans-Papiers" und der illegalen Einwanderer und Einwanderinnen in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit in Frankreich und der Schweiz erfahren hat. Die Realität der ländlichen Gebiete mit wenig EinwohnerInnen, wo kaum Organisationen tätig sind, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, ist jedoch weit weniger bekannt.

Andererseits ist ein Eingreifen traditioneller sozialer Kräfte wie Gewerkschaften und Gruppen, die "Sans-Papiers" unterstützen, schwierig zu realisieren. Trotz der inakzeptablen Arbeitsbedingungen lehnen es die meisten MigrantInnen ab, dass man über ihre Probleme spricht. Sie haben Angst vor den Konsequenzen, Angst vor dem Verlust dieser Einnahmequelle und davor, ausgewiesen zu werden, während die UnternehmerInnen ohne eine ernsthafte Bestrafung davonkommen.

Diese Problematik enthüllt einen weniger erfreulichen Aspekt der Funktionsweise der westlichen Gesellschaft. Man muss sich bewusst sein, dass es schwierig sein wird, an diesem Problem etwas zu ändern, ohne unsere Art zu produzieren und zu konsumieren in Frage zu stellen. Auf diese Weise nehmen wir teil an einer grundlegenden Debatte über die soziale und ökonomische Realität der europäischen Landwirtschaft und ihre Beziehung zur Krise in den Ländern südlich des Mittelmeers. Die Situation dieser ArbeiterInnen sowie auch der illegalen Hilfskräfte in anderen Bereichen der Wirtschaft appelliert nicht nur an unser Solidaritätsgefühl. Sie verlangt andere Reaktionen, da diese Entwicklung notwendig Rassismus begünstigt und die in langen Kämpfen errungenen Arbeitserleichterungen für alle ArbeiterInnen verschlechtert.

Andere Fragen wurden ebenfalls aufgeworfen: Unter anderem könnte man z.B.die verheerenden Konsequenzen nennen, die aus der intensiven Produktion von Obst und Gemüse für die Landwirte entstehen, die versuchen mit ökologischen und sozial verträglichen Methoden zu produzieren. Jede Initiative muss unterstützt werden, die diese Art von Produktion und den Direktverkauf fördert.

Aus all diesen Gründen will das Europäische Bürgerforum diese Recherche, die Überlegungen und das Denunzieren dieser unhaltbaren Situation weiterführen. Wir laden alle, die sich von diesem Problem betroffen fühlen, ein, sich an dieser Arbeit zu beteiligen oder sie zu unterstützen.3

Anmerkungen

1) Der Beitrag ist ein Auszug aus der französischen Broschüre "Le goût amer de nos fruits et légumes" herausgegeben vom Europäischen Bürgerforum und Informations et commentaires im März 2002. Dieser deutsche Auszug und die französische Broschüre können an den unten angegebenen Adressen bestellt werden.

2) In diesem Zusammenhang haben wir im Jahr 2001 zwei Treffen mit LandwirtInnen, WissenschaftlerInnen und GewerkschafterInnen aus mehreren Ländern organisiert; im Juni in Paris und im August in St. Martin de Crau (Departement Bouches-du-Rhône). Das Europäische Bürgerforum wird diese Ermittlungen und die Informationsarbeit fortführen. In diesem Sinne hat es in Zusammenarbeit mit Marie-Claire Caloz-Tschopp von der Universität Genf ein Treffen organisiert, das Akademiker und Vertreter von Vereinen und Gewerkschaften aus mehreren europäischen Ländern zusammenführte, mit dem Ziel, ein internationales Forschungsnetzwerk zu diesem Thema zu schaffen

3) Nick Bell, Europäisches Bürgerforum, B.P. 42, F-04300 Forcalquier, Tel.: (33)4 92 73 05 98, e-mail: longomai@karatel.fr ; in Deutschland: Europäisches Bürgerforum, Silvia Berg, Dorfstrasse 68, 17159 Stubbendorf, Tel.: 039959-20329, Fax: (33)4 92 73 18 18, Fax: 039959-20399, e-mail: ulenkrug@t-online.de


Nick Bell und Silvia Berg sind MitarbeiterInnen beim Europäischen Bürgerforum

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