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Klaus Holzkamp

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Endlosschleife der Nothilfe?

15.10.2002: Ein Bericht aus Tadjikistan

  
 

Forum Wissenschaft 4/2002

"Früher war alles besser" - ein Satz, den Beate Schoreit oft genug gehört hat. Er entbehrt nicht einer gewissen Grundlage, denn nach 11 Jahren "Unabhängigkeit" dürfen die EinwohnerInnen der ehemaligen Sowjetrepublik Tadjikistan zwar wählen, dafür werden sie allerdings kaum mehr satt. Daran ändern auch die vielen Hilfsprogramme wenig, die Saatgut und Mehlsäcke ins Land schicken, Strategien zum Wiederaufbau einer eigenen Infrastruktur jedoch zu kurz kommen lassen.

Am 9. September 2001 ist die Innenstadt von Duschanbe abgeriegelt. Überall Polizei und Miliz, man fühlt sich in Bürgerkriegszeiten zurückversetzt. Heute dient das Aufgebot einem erfreulicheren Zweck: Tadjikistan feiert den zehnten Jahrestag seiner Unabhängigkeit und das Polizei- und Militäraufgebot dient dazu, die BesucherInnen und AkteurInnen an ihre Plätze zu geleiten und einen reibungslosen Ablauf der Feierlichkeiten zu gewährleisten. Präsident Emomali Sharipovitsch Rahmonov hat sich mit seinen engsten Vertrauten auf dem Ehrenpodest vor dem 1999 erbauten Denkmal des Königs Samoni aufgebaut. Der Gründer der 1100 Jahre alten Samoniden-Kultur stellt auf dem zentralen Platz die neue/alte Identität der Tadjiken dar.

Einheiten der Präsidentengarde, des Militärs und der mannigfaltigen Milizen defilieren an der Ehrentribüne vorbei, gefolgt von RepräsentantInnen von Bildungseinrichtungen, Universitäten und Produktionsstätten, von denen viele offiziell bereits privatisiert sind. Untermalt wird die Parade mal von Militärklängen, mal von traditionellen tadjikischen Weisen, unterbrochen von Tanzgruppen in bunten traditionellen Kostümen, ausgestattet mit Blumen-, Schleifen und Tücherpracht, die sie im warmen Spätsommerwind schwenken. Die Veranstaltung hätte auch Lenin alle Ehre gemacht, der den Platz beherrschte als Tadjikistan noch Sowjetrepublik war.

Viele der Leninstatuen stehen noch, und es ist sicher keine Minderheit, die sich die guten alten Zeiten wieder herbeisehnt. Während die ersten sechs der 15 Sowjetrepubliken seit 1988 bereits ihre Souveränität und Unabhängigkeit verlangten, schlitterte Tadjikistan geradezu unvorbereitet in die durch den Zerfall der Sowjetunion nicht mehr zu vermeidende "Unabhängigkeit". Die Folge waren schwere Kämpfe um die Führung im neuen Staat, die ab 1992 zu einem blutigen Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden Clans und Volksgruppen führten, der nach offiziellen Angaben 50.000, nach inoffiziellen Schätzungen über 100.000 Menschenleben fordert.

Aufgrund seiner geographischen und gesellschaftlichen Besonderheiten gehört Tadjikistan zu den Sowjetrepubliken, die am meisten von der "Vorherrschaft" der SU profitieren konnten. Tadjikistan ist ein Agrarstaat. Über 70% der 6 Millionen EinwohnerInnen leben auf dem Land. In dem Hochgebirgsland sind jedoch weniger als 7% der 143.100 qkm Landesfläche landwirtschaftlich nutzbar - fast 50% liegen über 3000 m. Traditionell waren die Tadjiken Krieger, NomadInnen und als Anwohner der Seidenstraße GastwirtInnen, HändlerInnen und Räuber. Die Gesellschaft war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts feudalistisch und in Clans strukturiert. Nachdem der Norden des heutigen Tadjikistans bereits 1918 in die Sowjetrepublik Turkestan eingegliedert und frühzeitig industrialisiert worden war, wurde Tadjikistan 1929 eine eigenständige Unionsrepublik mit seiner bis heute bestehenden Grenzziehung. Die Eingliederung Tadjikistans in die Sowjetunion brachte dem Land Infrastruktur in Form von Straßen, Elektrizität, Wasser- und Abwasser, Bildungseinrichtungen und Gesundheitsversorgung, Ansätze einer Industrialisierung und - wieder eine Besonderheit - eine nationale Identität, die bei den Tadjiken zuvor nicht bestanden hatte. Die Clan-Struktur hat sich trotz Kollektivierung erhalten. Dennoch blieb Tadjikistan auch in Sowjetzeiten das Armenhaus unter den Republiken in der Gemeinschaft und erhielt hohe Subventionen aus Moskau. Tadjikistans Beitrag bestand im Export von Baumwolle, Aluminium, Gold, Elektrizität und mineralischen Erzeugnissen.

Der große Bruder hielt, was er versprach: Brot für alle! In den unwegsamen Bergregionen musste dieser Slogan zwar wörtlich genommen werden, aber hungern musste zumindest niemand. Das sieht heute anders aus. Bei einer offiziellen Arbeitslosigkeit von weniger als 3% der arbeitsfähigen Bevölkerung reicht der monatliche Durchschnittsverdienst von 13 EUR nicht einmal mehr für Brot - ganz zu schweigen davon, dass die informelle Arbeitslosigkeit bei über 30% liegt. Wie kommen die LehrerInnen und ÄrztInnen mit monatlich 3-5 EUR über die Runden? Und was ist mit dem Heer alleinstehender RentnerInnen, die 50 Jahre lang am Aufbau einer blühenden Sowjetrepublik mitgearbeitet haben und nun mit einer monatlichen Mindestrente von 1 EUR "abgespeist" werden - auf die sie manchmal auch noch monatelang warten müssen. Selbst der Landwirtschaftsminister kann mit 50 EUR Verdienst keine großen Sprünge machen, er muss aber aufgrund seiner Stellung wenigstens nicht seinen Hausrat am Straßenrand verkaufen. Wenn man der aktuellen Situation die vielfältigen Berichte von "früher" gegenüberstellt - mietfreie Wohnungen, gegen Null gehende Nebenkosten, freie Gesundheitsversorgung, freie Erziehung und Studium, von der Produktionsstätte organisierte und finanzierte Kinderbetreuung, Ferienlager und Sanatoriumsaufenthalte mit einem monatlichen Verdienst von 200-300 Rubeln - versteht man das Zögern Tadjikistans in Fragen der Unabhängigkeit und möchte in den Chor einzustimmen: Früher war eben wirklich alles besser!

Opium, Waffen und Religionskämpfer

Der Zusammenbruch der Wirtschaft, der durch Infrastruktur-Zerstörungen im Bürgerkrieg und fehlende finanzielle Mittel für Wiederaufbau und Instandhaltung zusätzlich beschleunigt wurde, ist die eine Seite.1 Die andere Seite, die zu großen Einschnitten führte und führt, sind die neu aufzubauenden Aussenwirtschaftsbeziehungen. Die früher in das sowjetische System integrierten Handelsbeziehungen zu den Nachbarrepubliken sind empfindlich gestört: Usbekistan beschuldigt Tadjikistan, fundamentalistische Kräfte zu unterstützen, welche regelmäßig im usbekischen und kirgiesischen Teil des Fergana-Tales um einen unabhängigen islamistischen Staat kämpfen. Das führt nicht nur dazu, dass Tadjikistan immer öfter der lebensnotwendige usbekische Gashahn zugedreht wird, sondern auch dazu, dass Handelstransporte von Tadjikistan in Drittländer, welche unweigerlich durch Usbekistan führen, stark behindert und zeitweise ganz unterbunden werden. (Neue politische Spannungen zwischen den Ländern lassen sich sofort daran erkennen, dass sich der Preis für russisches Importbier mal wieder verdoppelt oder überhaupt kein russisches Bier mehr in der Hauptstadt Duschanbe zu finden ist.) Mit Kirgistan gibt es einen begrenzten Warenaustausch, überwiegend auf regionaler Ebene in Form von Tauschhandel - z. B. Obst aus dem tadjikischen Karategin-Tal gegen Weizen aus Kirgistan. Die Grenze zu China ist schwer zu erreichen, noch schwerer zu passieren und führt zudem in ein wirtschaftlich vernachlässigtes Gebiet. Am besten funktioniert immer noch der Handel mit Opium, Waffen und Religionskämpfer mit Afghanistan.

Tadjikistan muss sich nun auf dem Weltmarkt orientieren. Als Neuling in der freien Marktwirtschaft und mit den begrenzten vorhandenen Ressourcen keine leichte Aufgabe. Internationale Investitionen sind nach wie vor mäßig und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Tadjikistan ist weiterhin begrenzt. Seit Beginn des Krieges im Nachbarland Afghanistan Anfang Oktober 2001 ist die Investitionsbereitschaft weiter gesunken. Es gibt jedoch inzwischen auch einige Beispiele gut etablierter Joint-Ventures mit asiatischen und europäischen Partnern, hauptsächlich im kaum vom Bürgerkrieg berührten, besser zugänglichen und wirtschaftlich entwickelteren Norden des Landes. Dies reicht allerdings bei weitem nicht aus, Tadjikistan aus seiner Depression zu führen, geschweige denn, die Bevölkerung zu ernähren.

Die steigenden und inzwischen zu 70% nach Europa gehenden Exporte stehen einer wachsenden Auslandsverschuldung mit jährlich steigenden Tilgungsbeträgen gegenüber.2 Daher muss der Getreideanbau vermehrt dem Exportschlager Baumwolle weichen - insbesondere auf den bewässerten Flächen. So erklärt es sich, dass während der drei Jahre anhaltenden Dürre von 1999 bis 2001 die Getreideproduktion signifikant sank3, da viele unbewässerte Flächen einen Ertrag von Null aufwiesen. Am stärksten betroffen sind kleine ländliche Haushalte, die ohne Bewässerung auskommen müssen, und während der Dürre nicht nur bis zu 100% Ernteverlust erlitten, sondern auch noch ihr Saatgut verloren haben und keine Alternativeinkünfte erwirtschaften können. So verwundert es kaum, dass die Weltbank im Jahr 2000 feststellte, dass 85% der tadjikischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, davon 17% in extremer Armut. Diese Zahlen finden schon seit Jahren ihre Bestätigung in Untersuchungen und Berichten internationaler Organisationen (Weltbank, Asian Development Bank, Vereinte Nationen, Europäische Union, Föderation des Roten Kreuzes und internationale Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen). Die internationale Gemeinschaft reagiert mit Saatgut- und Nahrungsmittellieferungen in Höhe von bis zu 100.000 Tonnen pro Jahr.4 Offensichtlich ohne großen Erfolg, denn im Dezember 2001 stellt eine von USAID (United States Aid for International Development) in Auftrag gegebene Ernährungsstudie den traurigen Rekordwert von 14% akuter Unterernährung bei den untersuchten Kleinkindern fest.5 Als Hauptursache für die steigende akute Unterernährung wurde das dritte Dürrejahr in Folge mit entsprechenden Ernteeinbußen und sich erschöpfenden Auffangmechanismen der Betroffenen benannt.

Internationale Hilfe

In Anbetracht fast 10-jähriger internationaler Unterstützung drängt sich bei solchen Ergebnissen die Frage auf, woran es liegen mag, dass die Wirkungen internationaler Nahrungshilfekampagnen offensichtlich gegen Null tendieren. Ein Vertreter der Europäischen Union sagte dazu nur, man müsse sich mal vorstellen, wir hätten nichts geliefert. Durch unsere Hilfe habe sich die Ernährungssituation der Bevölkerung wenigstens nicht verschlechtert sondern sei konstant geblieben. Durchaus ein Argument, aber nicht zufriedenstellend, wenn man bedenkt, dass die chronische Unterernährung von Kleinkindern seit 8 Jahren bei rund 40% liegt und die akute Unterernährung sich in diesem Zeitraum um 6% bewegt. Nach 8 Jahren sollten die internationalen Organisationen und auch die Gebernationen gemerkt haben, dass es nicht das Ziel sein kann, diesen Status aufrechtzuerhalten.

Die meisten in dem Zusammenhang erstellten Ernährungsstudien gehen den Ursachen auf den Grund: die unzureichende Versorgung ist nicht alles. Eine wesentliche Rolle spielen falsche Essgewohnheiten, falsche Ernährungspraktiken bei Säuglingen, unzureichende Hygiene, die gerade bei Kleinkindern zu regelmäßigen Durchfallerkrankungen bis hin zum Tod führt, und mangelnde Gesundheitsversorgung. Viele Berichte geben Empfehlungen für nachhaltiges Handeln: Die mangelnde Versorgung liegt an der unzureichenden Produktion und sinkenden Erträgen, welche wiederum ihre Ursachen in unzureichender Bewässerung, schlechter Saatgutqualität, Monokultur statt Fruchtwechsel, Mangel an Dünger und Pflanzenschutzmitteln, Mangel an adäquater Technik für optimale Flächenbewirtschaftung, abnehmendes landwirtschaftliches Fachwissen, Erosion etc. haben. Was dagegen getan werden kann, liegt auf der Hand: Rehabilitierung des Bewässerungssystems, Förderung der Saatgutvermehrung und Aufbau einer Saatgutzucht, Unterstützung des landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungswesens, der Universitäten und Forschungseinrichtungen, Aufbau eines Beratungssystems und Aufbau von Vermarktungssystemen, Förderung der Landtechnik, etc. Viel wird darüber geschrieben und diskutiert, getan wurde bislang zu wenig.

Die vor Ort agierenden internationalen Organisationen sind sich einig, dass die politische Lage in Tadjikistan sich soweit stabilisiert hat, dass auch langfristige und "nachhaltige" Projekte verstärkt angegangen werden können. Dennoch kommt es nicht zu einer einheitlichen Politik, die Koordination zwischen den Organisationen sowie mit der Regierung lässt zu wünschen übrig. Jede Organisation hat ihr Mandat und kämpft um die eigene Existenz, das heißt um Finanzierung und Arbeitsplatzsicherung. Dazu kommen wirtschaftliche und außenpolitische Interessen. Die Mandate sind bei manchen relativ festgelegt, bei anderen wiederum flexibler und anpassungsfähiger. Die Föderation des Internationalen Roten Kreuzes und Roter Halbmond (IFRC), die sowohl als Geber als auch implementierende Organisation auftritt, hat zwei Hauptprinzipien: das erste ist ein humanitäres Mandat, menschliches Leiden zu verringern und die Lebenssituation der Bedürftigsten zu verbessern; das zweite ist die Unterstützung und Entwicklung des nationalen Roten Kreuzes oder Roten Halbmondes, um sie in die Lage zu versetzen ihrem humanitärem Mandat effektiv gerecht zu werden. Laut Programm sind längerfristige Entwicklungshilfeprojekte möglich, Schwerpunkt und Expertise liegen jedoch deutlich bei Sofort- und Nothilfe und Organisationsentwicklung. Also nimmt die IFRC jede Gelegenheit wahr, sich für Nothilfemaßnahmen einzusetzen, ungeachtet einer nur begrenzt zu erwartenden "Nachhaltigkeit".

Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die als privatrechtliches Unternehmen die Bundesregierung bei der Erreichung ihrer entwicklungspolitischen Ziele unterstützt, fokussiert auf technische Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit. Das Interesse der deutschen Regierung und damit das Engagement der GTZ in Tadjikistan waren bisher beschränkt. Die langjährige finanzielle Unterstützung eines integrierten Ernährungssicherungsprojektes im tadjikischen Gorno Badakhschan weist zwar gute Erfolge in der autonomen Oblast mit 200.000 EinwohnerInnen auf, dient aber gleichzeitig dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) als Entschuldigung für die Zurückhaltung mit weiterer nachhaltiger Unterstützung. Ungeachtet dessen kann das BMZ jährlich um die 500.000 EUR für Nothilfemaßnahmen in Tadjikistan ausgeben, obgleich es wichtiger wäre, auch im übrigen Teil des Landes die Landwirtschaft wieder anzukurbeln. Die deutschen RegierungsvertreterInnen argumentieren nicht nur mit dem begrenzten Entwicklungshilfebudget, sondern verweisen immer wieder darauf, dass die Sicherheitslage in Tadjikistan zu instabil für weitere nachhaltige Unterstützung sei.

Wenig Anreize

Die meisten implementierenden NRO arbeiten mit Kofinanzierung und hängen damit von den Donoren, deren Mandat und Politik ab, wenn sie ihr Standbein, ihre Projekte und ihre Arbeitsplätze nicht verlieren wollen. Die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) feiert dieses Jahr ihren 40sten Geburtstag der Unterstützung der hungernden Weltbevölkerung durch Hilfe zur Selbsthilfe. Das Mandat, Menschen in Not so zu unterstützen, damit sie sich langfristig selber helfen können, hat die DWHH in vielen Ländern der Erde erfolgreich umsetzen können. In Tadjikistan besteht jedoch nach der inzwischen 7-jährigen Projekttätigkeit der zentrale Aufgabenbereich immer noch darin, Mehl- und Getreidesäcke unter das Volk zu bringen. Unzweifelhaft ist die Notwendigkeit für Nothilfe weiterhin vorhanden. Hätten jedoch Organisationen wie die DWHH mit einem auf Selbsthilfe ausgerichteten Mandat schon vor Jahren ihre Aktivitäten auf Rehabilitierungs- und Entwicklungshilfeprojekte konzentriert, wären die Nothilfeerfordernisse heute mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich geringer. Warum dies so lange versäumt wurde, liegt wiederum nicht am mangelnden Interesse sondern vorrangig an den Kofinanzierungsmöglichkeiten. Bis zum Jahr 2000 war das Angebot an Geberorganisation eingeschränkt. Die Europäische Union war bis 2001 vor Ort nur durch ihre Nothilfeabteilung ECHO vertreten, die ein rein humanitäres Mandat hat. Die Abteilung für technische Zusammenarbeit TACIS (Technical Assistance to the Commomwealth of Independent States) hatte ihre Aktivitäten nach der tragischen Entführung des TACIS-Repräsentanten 1997 in Duschanbe, die mit dem Tod der Partnerin des TACIS-Vertreters endete, eingestellt. Die Planung von TACIS, im Jahr 2001 ein Büro in Duschanbe zu eröffnen und die Aktivitäten wieder aufzunehmen, wurde wegen einer Geiselnahme von 15 MitarbeiterInnen der DWHH im Juni 2001- mit glücklicherweise gutem Ausgang - erneut aufgeschoben. Ein weiterer major player ist das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP), ebenfalls im Bereich der humanitären Nothilfe angesiedelt. WFP hat trotz seiner beachtlichen Infrastruktur, die es im Lande aufgebaut hat, Schwierigkeiten, die manchmal über 40.000 Tonnen Nahrungsmittel jährlich selber an die Bedürftigsten zu verteilen. So nimmt auch WFP gerne die Dienste von NRO in Anspruch, die im Nothilfebereich tätig sind und die entsprechende Erfahrung und Logistik besitzen, die Verteilung eines Teils der WFP-Nahrungsmittel zu übernehmen.

Die Entwicklungshilfeabteilung der Europäischen Union finanziert bereits über Jahre landwirtschaftliche Projekte von Partner-NRO, welche z.T. nach wie vor starken Nothilfecharakter aufweisen. Übergreifendes Ziel dieser Projekte ist die Ankurbelung der landwirtschaftlichen Produktion und Produktivität. Die Projekte konzentrieren sich auf Saatgut- und Düngemittelimporte, welche den neuen Kleinbauern nicht mehr umsonst sondern als Natural-Kredit zur Verfügung gestellt werden. Im Rahmen von ertragsreduzierenden Seuchen oder Dürren werden - je nach implementierender Organisation - dann bei der fälligen Rückzahlung ein oder beide Augen zugedrückt und neues Saatgut aus dem Ausland herbeigeschafft. Die wenigen tadjikischen Saatgutvermehrer, von denen einige durchaus akzeptable Qualität produzieren, bleiben auf ihren Erzeugnissen sitzen. Für die tadjikischen Getreide- und Kartoffelproduzenten besteht somit kaum ein Anreiz, sich der aufwändigen Saatgutvermehrung zu widmen.

Die meisten im Landwirtschaftsbereich arbeitenden Organisationen betreiben ihre eigenen Versuchsflächen. Resultate sind auf Anfrage erhältlich. Mit den tadjikischen landwirtschaftlichen Instituten wird peripher bis gar nicht zusamengearbeitet. Die Schweizer Caritas versuchte aus Anlass ihres Kartoffelvermehrungsprojektes im Süddistrikt Muminabad im Jahr 2000 einen regelmäßigen Austausch und die Gründung eines national/internationalen Forums über Saatgutvermehrung zu initiieren mit dem Zweck, die Ergebnisse, Erfahrungen und Empfehlungen von Versuchsflächen und landwirtschaftlichen Projekten zu sammeln und allen InteressentInnen zugänglich zu machen. Diese notwendige und begrüßenswerte Initiative endete ein Jahr später aufgrund mangelnden Interesses und mit dem Weggang des sehr engagierten Caritas-Mitarbeiters. Weiterhin werten die Organisationen ihre eigenen Versuchsflächen aus und versuchen - wie es manchmal scheint in einem Wettlauf mit der Zeit (und um die nächste Kofinanzierung für die Projektverlängerung) - die chancen- und ertragreichsten Weizen- und Kartoffelsorten für Tadjikistan zu bestimmen und gegebenenfalls auch ohne die staatliche Sortenanerkennung einzuführen.6 Allein die GTZ betreibt ein Projekt zur Unterstützung der Saatgutvermehrung auf drei Pilotbetrieben und bemüht sich um die Zulassung neuer Sorten durch das tadjikische Sortenamt - mit Erfolg. Die Pilotbetriebe erbringen ihre ersten guten Resultate. Doch auch hier will es mit der Vermarktung nicht so recht klappen, sei es weil die produzierten Mengen für die Internationalen zu gering sind, sei es dass die Kaufkraft der tadjikischen Bauern nicht ausreicht (und sie lieber die günstigen Kredite der internationalen Organisationen aufnehmen), sei es weil die Verfügbarkeit des Saatgutes nicht ausreichend bekannt ist oder weil die internationalen Organisationen ihr Saatgut lieber weiterhin von Produzenten und Händlern der Geberländer kaufen (müssen?). Letzteres führt ja immerhin das "gestiftete" Geld in den eigenen Wirtschaftskreislauf zurück, gleichzeitig erschließt sich ein potenzieller neuer Markt für die hochwertige westliche Produktion. Wozu langwierig und kostenintensiv den Aufbau einer Saatgutzucht in Tadjikistan unterstützen, wenn es bereits hunderte altbewährter und neuer Sorten auf dem internationalen Markt gibt?

Neues Interesse

Bislang reicht in dem Land, das laut Human Development Report 2001 der Vereinten Nationen (UNDP) im Human Development Index (HDI) auf Platz 103 von 162 Ländern liegt, die Kaufkraft nicht einmal für die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln. Eine nachhaltige Entwicklung sollte im Interesse der Geberländer sein, will man langfristig erfolgreiche Wirtschaftsbeziehungen zu Tadjikistan aufbauen. Seit Zentralasien durch den Krieg in Afghanistan und aktuelle Erkenntnisse über verfügbare Ressourcen in Form von Erdöl, Erdgas, Mineralien, Wasser und der daraus zu gewinnenden Energie neue internationale Aufmerksamkeit erfahren hat, haben die Rufe nach Stabilität und Nachhaltigkeit zugenommen. Fieberhaft hacken ExpertInnen und MitarbeiterInnen internationaler Organisationen auf ihre Tastaturen ein und erstellen langfristige Regional-Konzepte und Strategien. Neue Geber und NRO drängen in die Region und auch die "alten" beginnen ihre Repräsentanz vor Ort auszubauen.

Ein radikaler Wechsel bahnt sich an. Bereits in diesem Jahr soll die über 10-jährige Repräsentanz von ECHO durch die Entwicklungshilfeabteilung der Europäischen Kommission ergänzt werden, TACIS will nun endgültig wieder ein Büro in Duschanbe eröffnen und die Nothilfefinanzierung von ECHO soll im nächsten Jahr auslaufen. Die GTZ hat für das BMZ ein zielgerichtetes Programm zur Zusammenarbeit mit Zentralasien erarbeitet. Das BMZ will einen Beitrag zur Krisenprävention leisten und die USA visieren die Eröffnung einer ständigen Vertretung in Tadjikistan für das Jahr 2003 an.

Seit letztem Jahr werden die NRO aufgefordert Projektvorschläge für Rehabilitierungs- und Entwicklungshilfemaßnahmen auszuarbeiten und einzureichen. Endlich scheint sich die Finanzierungssituation für nachhaltige Projekte verbessert zu haben. Die ersten Projekte in den Bereichen Training, Organisationsentwicklung, Klein- und mittelständische Unternehmen, ländliche Entwicklung, Bewässerung, landwirtschaftliche Ausbildung und Beratung, Förderung der Privatisierung, Wirtschaftsberatung, Demokratisierung und civil society sind angelaufen. Die jahrelang geplanten großen Infrastrukturprojekte der Asian Development Bank, Weltbank und Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung werden verstärkt, neue Grants und Kredite an die tadjikische Regierung bewilligt.

Bleibt zu hoffen, dass die Aufbruchstimmung auch im Falle einer Stabilisierung Afghanistans anhält. Bleibt zu hoffen, dass künftig Appelle der tadjikischen Regierung, die internationalen Organisationen mögen sie doch bitte über erbaute Brücken, Bewässerungskanäle und Infrastrukturmaßnahmen in Kenntnis setzen, nicht mehr vonnöten sind. Bleibt zu hoffen, dass die Mehlsäcke zukünftig aus tadjikischer Produktion oder Importen stammen. Bleibt zu hoffen, dass wassergefüllte Kanäle die Saatgutvermehrungsflächen bewässern. Bleibt zu hoffen, dass die archaischen Holzpflüge wieder in Traktoren umgetauscht werden können. Bleibt zu hoffen, dass die TadjikInnen, die ihr Land intimer kennen als die RepräsentantInnen der internationalen Gemeinschaft, als gleichwertige PartnerInnen am Wiederaufbau ihrer Gesellschaft teilhaben dürfen. Bleibt zu hoffen, dass die internationalen Organisationen ihre Konkurrenz zurückstellen und transparent, informativ, engagiert und konstruktiv mit ihren GastgeberInnen auf das gemeinsame Ziel hinarbeitet, dem gastfreundlichen, toleranten und hoch gebildeten Volk in diesem fasziniernden Land ein Leben in Würde und Sicherheit zu gewährleisten.

Anmerkungen

1) Eine im Januar 2001 fertiggestellte Studie der Asian Development Bank beziffert den wirtschaftlichen Zusammenbruch auf 60%.

2) Im Jahr 2000 betrug die Auslandsverschuldung 1,2 Milliarden US-$. Die erforderliche Tilgung betrug 32 Millionen US-$, wovon 22 Millionen bezahlt wurden. In den folgenden Jahren wird eine erforderliche Tilgung von 70-80 Millionen US-$ erwartet.

3) Einem jährlichen Getreidebedarf von über 1 Million Tonnen stehen laut FAO in den Jahren 1999, 2000, 2001 eine Getreideproduktion von 444, 355, 303 Tausend Tonnen gegenüber.

4) Bei der Vielfalt der Organisationen und Geber und der wechselnden Kooperationen untereinander sind bislang alle Versuche, die genaue Menge humanitärer Hilfe zu bestimmen, fehlgeschlagen. Bsp.: Im Jahr 2001 berichtete die Presse, dass die USA über 30.000 Tonnen Weizen als humanitäre Hilfe für Tadjikistan zur Verfügung stellen wollten. Das Welternährungsprogramm (WFP) berichtete, dass es bis Juni 2001 fast 40.000 Tonnen Weizenmehl verteilt habe, und weitere 33.000 Tonnen Weizen in Aussicht habe. Es wird dabei nicht klar, ob es sich bei den 33.000 Tonnen um den Weizen aus den USA handelt. Im November 2001 wirbt die NRO Care International um Partner, die sich an der Verteilung von 10.000 Tonnen Weizen, finanziert durch die USA, beteiligen sollen. Die NRO Deutsche Welthungerhilfe wiederum kann über mehr als 2000 Tonnen Getreide berichten, die sie für und in Kooperation mit WFP verteilt hat. Ein Teil des Mehles ist jedoch von der Europäischen Union (ECHO) finanziert, welche wiederum ihre eigene Statistik hat, in der dann auch Teile von WFP-Mehl auftauchen, und so weiter, und so weiter…….

5) In einer von ECHO (European Commission Humanitarian Office) finanzierten Ernährungsstudie im Jahr 2000 waren die Werte für akute Unterernährung signifikant niedriger. Demnach waren ein Jahr vorher ca. 6% der untersuchten Kinder in Bergregionen und 10% der untersuchten Kinder in Tälern akut unterernährt.

6) Formelle Hürden bei der Einfuhr nicht zugelassener Sorten sind schnell aus dem Weg geräumt. Die Behörden lassen dies geschehen, ist doch ein Geschenk ein Geschenk, und ein mit Saatgut versorgter Bauer eine Verantwortung weniger.


Beate Schoreit ist Agraringenieurin und war von 1999 bis 2002 Programm-Koordinatorin in Tadjikistan.

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