BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressum
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Das Herz der Finsternis

15.10.2002: Die medialen Masken des Rassismus in Deutschland und Belgien

  
 

Forum Wissenschaft 4/2002

Die Kolonialherrschaft Deutschlands und Belgiens Ende des 19. Jahrhunderts auf dem afrikanischen Kontinent benötigte zu ihrer Legitimation die Abwertung der ausgebeuteten und misshandelten AfrikanerInnen. Die besondere Brutalität der zu spät gekommmenen und daher auf eiligen Profit bedachten Kolonialherren bedurfte auch einer besonders effektiven Inszenierung des Rassismus, wobei ihnen die neuen Möglichkeiten medialer Verbreitung wie Film und Bücher, aber insbesondere auch die "Völkerschauen" zu Diensten waren, wie Renate Maulick und Peer Zickgraf herausarbeiten.

Deutschland und Belgien sind Ende des 19. Jahrhunderts die Zuspätgekommenen unter den europäischen Kolonialnationen. Der Mangel an ökonomischen und territorialen Ressourcen stachelte die Herrschenden beider Länder zu besonderem Ehrgeiz an. Leopold II. von Belgien setzte alle Hebel in Bewegung, um 1885 doch noch in den privaten Besitz einer gewaltigen Kolonie zu gelangen, dem Kongo. Deutschland forderte nach der Reichsgründung 1871 nicht weniger als die Neuaufteilung der nicht-europäischen Welt. Um Rückhalt in der Bevölkerung zu gewinnen, war das koloniale Säbelrasseln seit 1874 von einer gigantischen Public-Relation-Maßnahme begleitet, den so genannten Völkerschauen. Diese Zurschaustellung farbiger Menschen fand in ganz Europa statt und hatte überall die gleiche Funktion: Sie förderte den Rassismus in der Bevölkerung. Die dem Blick dargebotenen "Exoten" galten nicht als Angehörige anderer Kulturen, anderer Erdteile, sondern wurden reduziert auf ihre fremdartige Körperhaftigkeit, wurden zu passiven Schauobjekten, die der Belustigung und Unterhaltung dienten. Vor allem aber wurden sie zu Objekten der Wissenschaft,1 von dieser vermessen und - als minderwertig - begutachtet.2 So dargestellt galten sie als Beweis für die Überlegenheit der weißen Rasse, die in der Maske des Zivilisationsbringers berechtigt war, die "Minderwertigen" zu unterjochen und sie nach eigener Willkür zu behandeln. Nationen, die ansonsten auf die Menschenrechte schworen, erwarben damit die Legitimation, die Ausbeutung fremder Völker und ihre Kolonisierung zum Teil ihres Herrschaftsprogrammes zu machen und die Ungleichgewichtung in der internationalen Arbeitsteilung rigide voranzutreiben.

Wohin die Brutalisierung im Umgang mit dem Fremden führte, ist am Beispiel Belgiens und Deutschlands klar ersichtlich. Beide Länder stehen stellvertretend für einen europäischen Kolonialismus, der auch nicht vor Völkermord zurückschreckte.3 Kündeten die "Völkerschauen" oder Menschenzoos - noch vorgeblich harmlos - von den ersten Begegnungen mit dem Exotisch-Fremden, so legte sich über die belgischen und deutschen Verbrechen in den Kolonien ein dunkler Schleier des Verschweigens, der bis in die jüngste Zeit reicht.

Ein "Fernrohr" auf Fremde

"Das Fernrohr nach Afrika wurde von Weißen aufgestellt, aber es zeigt auch durch Afrika wieder auf kannibalisch heiße Wünsche der Weißen" .4

Meister des Managements der "Völkerschauen" und damit der Menschenzoos war der Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck. Bereits vor 1874 gehörte die Firma Hagenbeck mit ihrem Handel exotischer Tierarten zu den Größten ihrer Branche. Aus einem kleinen Hamburger Tierhandels- und Schaustellerunternehmen war im Zuge aktiver deutscher Kolonialpolitik ein tonangebendes Export-Import-Geschäft geworden.

Ein Freund Hagenbecks, Heinrich Leutemann, gab den entscheidenden Hinweis für die geschäftliche Innovation der Menschendarbietung, als er dem selbst ernannten "Schöpfer des Paradieses" empfahl, die Tiere aus dem äußersten Norden von Lappländern und Samoanern begleiten zu lassen. So begann das Millionengeschäft mit dem exotisierenden Rassimus.

Dabei war die Idee, das Exotische einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, eigentlich nicht verwerflich. Der Wunsch des Kennenlernens fremder, exotischer Welten stärkte besonders seit dem 18. Jahrhundert die Vorliebe der Europäer für Reiseberichte und Literatur dieses Genres. Aber bei den Reisenden früherer Jahrhunderte war in der Auseinandersetzung mit dem Fremden vornehmlich noch das unvoreingenommene Interesse an der anderen Lebensweise vorhanden. Es war eine Dialogbereitschaft zu erkennen, die die exotischen "Anderen" als Subjekte des Dialoges in einer gleichwertigen Partnerschaft im kulturellen Austausch und Vergleich ansah. Ganz anders dagegen ist der neugierige Blick der vom kolonialen Gedankengut beeinflussten Besucherscharen des Menschenzoos im 19. und 20. Jahrhundert zu werten.

Effekt der "Völkerschauen" als Zoo war die Betonung der inneren Distanz des Publikums zu den Ausgestellten. Die Erfahrung des Fremden geschah durch einen prüfenden Blick, ein visuelles Abtasten, wie es sonst den seltenen Tieren galt. Trotz der Nähe der exotischen Menschen war die Betrachtung nicht unmittelbar, sie wurde durch die Distanziertheit instrumentalisiert, einem Fernrohr gleich, das den Abstand zwischen Subjekt und Objekt im Prozess des Schauens festschreibt. Der exotische Mensch, im Fadenkreuz dieses "kalten" Blickes, verlor seine Eigentlichkeit, seine Besonderheit, um derentwillen er vorgestellt werden sollte. So seiner eigentlichen Gestalt, seines Wesens und seiner Menschlichkeit beraubt, verwandelte er sich zum "Fremden": zu einer Fremdheit, die sich aus den Projektionen der Weißen zusammensetzte. Die Fremden existierten nur noch als Abbild der Fiktionen der Weißen, die sich dadurch Herrschaft anmaßten und die Fremden zum "Tier" erniedrigten.

"Die dunklen Schönheiten […] frieren wie die "Affen" den Tag über; […] Sobald ein warmer Sonnenstrahl den grauen Himmel durchbricht, so verlassen die Neger ihre Hütte, wie die Ameisen ihren Bau."5

Eine Denkungsart, die sich auch im Verhalten der - vorwiegend männlichen - Zoobesucher zu den "Insassen" widerspiegelte, die sie mit Stöcken traktierten, mit Steinen bewarfen und mit sexuellen Anzüglichkeiten verhöhnten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewannen sozialdarwinistische Auffassungen in Deutschland und Belgien die Oberhand, denen zufolge die niederen, ökonomisch nutzlosen Rassen den starken Herrenrassen zu weichen hatten. Im Kontakt mit den Kulturvölkern seien sie ohnehin zum Aussterben verurteilt.6 Das Bild des Fremden als monströser "Untermensch" in den zahlreichen Menschenzoos Europas illustrierte diese Botschaft hinlänglich.

Die Weißen sind aber nicht nur Subjekte, Handelnde, sie sind auch Opfer ihrer eigenen Entfremdung als Zeichen eines nicht mehr selbstbestimmten gesellschaftlichen Lebens. Sie sind Objekte, unterworfen dem Verwertungsprozess des Kapitals, der inzwischen umfassend die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bestimmt und sie unter das Primat der Warenwirtschaft stellt. Der Selbstwert des Einzelnen definiert sich durch den Nutzen für diesen Prozess, nur diese Leistung zählt. Der damit einhergehende Identitätsverlust sucht seinen Ersatz in einer neuen Identität: Er schafft - in Abgrenzung zum Fremden - die Erscheinung des überlegenen Herrenmenschen. Da der Weiße nicht mehr sein eigener Herr ist, macht er sich zum Herren über den Schwarzen. Die Zerstörung der Persönlichkeit und der Lebensumstände des exotischen Menschen, seine "Entmenschlichung" ist die Grundlage für den Aufbau dieser neuen Identität und der Rassismus ihre Legitimation.

Die "kannibalische" Aneignung der Identität der Fremden schafft jedoch eine immerwährende Angst, diese könnten sich das ihnen mit Gewalt Geraubte zurückholen. Dies macht sie zur Bedrohung, zum Feind, den es zu vernichten gilt. Damit verlassen die Fremden die Rolle des bloßes Schauobjekts im Menschenzoo und werden zu "Totgeweihten" auf der Bühne des Imperialismus.

Medien des Rassismus

Die Wende zum 20. Jahrhundert steht nicht nur für eine Zeit des aggressiven europäischen Imperialismus, sie markiert auch eine Zäsur in der Entwicklung neuer Medientechniken, die bedeutsame Auswirkungen auf die Darstellung des Fremden hat. Nach Friedrich Kittler beginnt ein "Aufschreibesystem", das neben dem Grammophon auch den Film hervorbringt und neue Möglichkeiten der Verbreitung und Codierung alter rassistischer Stereotype erlaubt.7 Bücher und die journalistischen Printmedien mit ihrer Reichweite von vielen Millionen Lesenden bekommen Konkurrenz von den audiovisuellen Medien, allen voran Radio und Film. Letzterer lernte zwar erst 1899 das Laufen, schwang sich aber nach dem Ersten Weltkrieg zum populärsten Medium auf. So konnten Filme mit farbigen Schauspielern und Schauspielerinnen entstehen, deren Bilder von den Fremden in ihrem Vorstellungswert auf die Völkerschauen zurückgehen. "Waren schwarze Schauspieler im Kino zu sehen, dann hatten sie immer für ein Bild einzustehen, das schon lange vor ihnen existierte. Ihre Kino-Geschichte ist eine Geschichte weißer Fantasien und Projektionen. […] Es waren Bilder, die von einem weißen Überlegenheitsanspruch kündeten, oft auch von Neid und Verachtung".8

Die Medien schufen kontinuierlich ein Bild der Fremden: Zunächst dargestellt als "gute Wilde", degenerierten sie dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu "bösen Untermenschen". Die Presse diente sich als willfährige und allgegenwärtige Komplizin des Rassismus an. Sie ergötzte sich an "schmutzigen, faulen, häßlichen und immer noch etwas gefährlichen Patagoniern"9 und inszenierte eine gnadenlose rassistische Auslese. Völker aus Ländern, denen eine besonders niedrige Kulturstufe zugeschrieben wurde - wie etwa Feuerland - denunzierte man als Kannibalen.

Die politische Macht und die Macht des institutionalisierten Wissens verbündeten sich im Kampf um die Herausbildung einer rassistischen Ideologie in der Bevölkerung. Das für tradierte Bildung einstehende Buch, für mehrere Jahrhunderte vorherrschendes Medium der Linearität des Denkens und der Wissenschaft, klassifizierte und hierarchisierte die Menschen nach Rassen und deren Wertigkeit. Ganz oben rangierte die Farbe weiß, ganz unten schwarz. Die Popularisierung der Stereotype übernahm die Presse. Sie war aber auf anerkannte Persönlichkeiten der Wissenschaften angewiesen, welche ihre Aussagen bestätigten und untermauerten. Ein Protagonist und Advokat dieser "Exaktheit" war der Arzt und Naturwissenschaftler Rudolf Virchow. Zeitgenössische Fotografien zeigen ihn an seinem bevorzugten Aufenthaltsort: im Labor zwischen Skeletten und Totenschädeln.

"Rudolf Virchow, der Hagenbeck Vorschläge für neue Völkerausstellungen unterbreitete und jede ihm sich bietende Gelegenheit wahrnahm, Außereuropäer anthropologisch zu vermessen, bemerkte hinsichtlich der in Berlin 1885 anwesenden Zulukaffern, daß sich an ihnen ein von der europäischen Zivilisation bedrohtes Volk "in seinem Kampf um das Dasein" beobachten ließe, womit er den herrschenden Imperialismus in Naturgeschichte umdeutete".10

Die koloniale Finsternis

Der Fremde als Objekt der Medien erschloss sich den Europäern in einem grellen öffentlichen Licht. Weitgehend unbeachtet blieben dagegen die Exzesse der Macht in den Kolonien Deutschlands und Belgiens. Menschenvernichtung durch Menschenversuche und Völkermord zeugen von einer kalkulierten Brutalität, die in ihrem Ausmaß exemplarisch für die Verbrechen der Kolonialmächte in Afrika stehen kann. Im Hintergrund stand die Konkurrenz der Industrienationen und die gewaltsame Erschließung neuer Märkte für das europäische Kapital. Für die verspäteten Kolonialländer Deutschland (1890ff.) und Belgien (1885) bedeutete dies einen ersehnten Zuwachs an ökonomischen Ressourcen und das Versprechen einer baldigen Lösung der sozialen Frage. Den überzähligen und verarmten Bevölkerungsschichten, die den Anschluss an den Arbeitsmarkt des Mutterlandes verpasst hatten, bot sich als Alternative die Besiedlung der Kolonien. Es winkten rascher Reichtum und eine unbegrenzte Machtfülle für die vorwiegend männlichen Auswanderer. Der Anteil an europäischen Abenteurern mit dunkler Vergangenheit war insbesondere im belgischen Fall sehr hoch. Missionare, Kolonialbeamte, Händler und Tropenmediziner folgten ihnen im Regelfall nach. Das Muster des belgischen Kolonialismus hatte eine simple, aber wirkungsvolle Struktur. Erst wurden Vertreter der rohen Gewalt in die Kolonie geschickt, die den Boden bereiteten, um dann der organisierten Macht aus Militär und Bürokratie Platz zu machen: "Mehr als einmal folgte der Eroberung durch Flinte und Maschinengewehr die Annexion durch Feder und Tinte auf dem Fuße. […]. Es war, als ob dadurch, dass Afrika ‚zu Papier gebracht‘ wurde, der endgültige Beweis für die Überlegenheit der europäischen Kultur erbracht worden wäre".11

Dabei wurde die Gewaltherrschaft maskiert: krudestes Profitinteresse in Verbindung mit Massenmord umgab sich mit dem Deckmantel der Philantropie.12 Als der Kongo 1885 belgische Kolonie wurde, beruhte die Ausbeutung des Kautschuks, des Elfenbeins und anderer bedeutender Rohstoffe auf Sklavenarbeit. Trotzdem besaß Leopolds II. privates Kolonialreich großes Ansehen in Europa. Es galt lange Zeit sogar als vorbildlich: Der belgische Kolonialismus sollte in besonderem Maße zur Zivilisierung des Kongo beitragen. Diese öffentliche Meinung wurde durch Leopolds Auftreten unterstrichen, z.B. wenn er feierlich Edikte gegen den Sklavenhandel erließ.

Tatsächlich bestand die belgische "Zivilisierung" des Kongo in Mord, Hungertod, Tod durch Erschöpfung, Obdachlosigkeit, Krankheit und als Folge davon einer drastisch fallenden Geburtenrate.13 Zu den verheerenden Krankheiten gehörte die Schlafkrankheit, die die geschwächten Einheimischen besonders bedrohte.

"Im Jahr 1924 wurden zehn Millionen Einwohner gezählt, und diese Zahl wurde durch spätere Erhebungen bestätigt. Entsprechend den genannten Schätzwerten hieße das, dass unter Leopolds Herrschaft und in den Jahren danach die Gesamtbevölkerung des Landes um etwa zehn Millionen Menschen geschrumpft wäre. Die belgische Kolonialverwaltung ordnete 1924 die Volkszählung deshalb an, weil sie zutiefst besorgt über den Mangel an Arbeitskräften war".14

Aufbegehren und Kritik

Den Wendepunkt im Umgang mit dem Kolonialismus leitete E. D. Morel ein. Morel war Buchhalter einer Reederei, die das Handelsmonopol mit dem Kongo innehatte. Er rechnete nach: Wieviel mögen die Waren wert gewesen sein, die aus Afrika kamen und wieviel waren die wert, die dorthin exportiert wurden? Die große Differenz, die ungeheuren Profite zu Gunsten der Kolonialmacht ließen sich "nur mit Zwangsarbeit in einer ganz schrecklichen und kontinuierlich betriebenen Form … erklären (…) Ich war auf eine Geheimgesellschaft von Mördern mit einem König als Oberhalunken gestoßen."15 Morel führte einen aufreibenden, aber letztendlich erfolgreichen Kampf zur Aufdeckung der Schreckensherrschaft im Kongo. Der Einsatz einer Menschenrechtsbewegung - der ersten weltweit - und die ebenfalls ausführlich gewürdigten mutigen Proteste einiger weniger schwarzer Männer und Frauen, welche die Gräueltaten bezeugten, beendeten zumindest die schlimmsten Auswüchse des Regimes.

Joseph Conrad nahm in "Das Herz der Finsternis" (1911) den Faden des internationalen Protestes gegen die Verbrechen in den europäischen Kolonien auf. Conrad, der in einem kleinen Dampfer den Kongo befuhr, hatte sich ein eigenes Bild der belgischen Kolonialherrschaft machen können. Beamte wie Kurtz - den Protagonisten seines Romans - lernte er persönlich kennen. Kurtz, ein Monster in Menschengestalt, ist in die Literaturgeschichte als das vollendete Prinzip europäischer Mordlust und Raffgier eingegangen. Heute sieht man in ihm nicht nur eine fiktive Figur, sondern einen aus den realen Bedingungen des Kolonialismus heraus gestalteten Protagonisten.16 Er ist Dichter, Wissenschaftler, Journalist und vor allem erfolgreicher Elfenbeinjäger. Sein Raubzug durch den afrikanischen Dschungel ist von persönlicher Bereicherungssucht getragen und stabilisiert hinter seinem Rücken das Ausbeutungssystem Leopolds II., in dessen Diensten er steht. Ein "Strom aus […] Baumwolltüchern miesester Qualität, Glaskugeln und Messingdraht floss in die Tiefen der Finsternis und zurück kam ein Rinnsal aus Elfenbein", das eines der wertvollsten Güter dieser Zeit war.17

Kurtz errichtet seine Herrschaft auf der Grundlage von Profitinteresse und einer Aura des Übermenschen: "Wir nähern uns ihnen mit der Macht der Götter". Mit lediglich zwei Gewehren kann er die rebellierenden Eingeborenen in Schach halten (Im realen Kolonialismus metzelten europäische Kolonialisten mit Schnellfeuergewehren und Kanonen die Einheimischen aus sicherer Distanz und mit minimalen eigenen Verlusten ab).18

In einem Schreiben an die Internationale Gesellschaft für die Unterdrückung fremder Bräuche fordert Kurtz das Undenkbare "Schlagt die Bestien alle tot". Adam Hochschild belegt ausführlich in seinem Buch über den Völkermord im Kongo, dass die aus vielen realen Charakteren zusammengesetzte Figur des Monsieur Kurtz unleugbar historischen Hintergrund hat, und dass Belgisch-Kongo ein über das unterdrückte Land hinaus wirksames Ausbeutungs- und Vernichtungssytem darstellte. Er unterstreicht, dass Millionen aus dem Leserkreis Joseph Conrads die Anspielungen auf die Schreckensherrschaft im Kongo erkannten.19

Rassismus und Menschenversuche

In Deutschland machte indessen eine Legende die Runde: der Mythos des humanen deutschen Kolonialismus. Bekannt waren die als "Strafexpedition" getarnten Gewaltaktionen und der Völkermord 1904 an den Hereros: Sie starben in Konzentrationslagern und verhungerten nach einem Mordbefehl zu Tausenden in der Wüste.20 Die deutsche Öffentlichkeit störte dies nicht. Erst neuere Forschungen des Medizinhistorikers Wolfgang U. Eckart21 offenbaren Verbrechen, die ein Schlaglicht auf die Vorgeschichte des deutschen Faschismus werfen: tödliche Menschenexperimente der deutschen Tropenmedizin unter dem Deckmantel des medizinischen Fortschritts.

Deutsche Tropenärzte wurden zwischen 1905 bis 1910 eingesetzt, um die Schlafkrankheit zu bekämpfen. Sie beeinträchtigte die Arbeitskraft der einheimischen Bevölkerung und ließ die Angehörigen der Kolonialmacht wie die Fliegen sterben (nahezu jeder zweite Europäer starb innerhalb von vier Jahren in Afrika). Daher wurde der Medizin-Nobelpreisträger Robert Koch von Seiten der Kolonialbehörde angeworben, um dieses drängende Problem zu lösen. Koch arbeitete in einer deutschen Kolonie und stand damit außerhalb der Kontrolle des bürgerlichen Rechts. Er wähnte sich in einem "Krieg" mit den Tropenkrankheiten und dieser forderte zwingend Opfer. So wurden Menschenexperimente an großen Gruppen von schwarzen Frauen, Männern und Kindern durchgeführt. Da die rassistische Ideologie auch in der Intelligenz Wurzeln geschlagen hatte, existierten in dieser Hinsicht keine Skrupel, und es entspann sich ein Schreckensszenario neuer Qualität: Koch schlug vor, die mit dem Erreger der Schlafkrankheit Infizierten "herauszugreifen", um sie in "Konzentrationslagern" zusammenzuführen. Er orientierte sich bei diesem Begriff an den so genannten Concentration Camps, wie England sie eingerichtet hatte, um politische Häftlinge und später auch Infizierte zu internieren.

Im Schutzgebiet Ostafrika hatte man sich Kochs Vorschläge zu eigen gemacht und zunächst in drei Lagern je 1.200 PatientInnen isoliert. Stabsarzt Kleine berichtete, der "Hauptvorteil" von Konzentrationslagern bestehe darin, daß sie "eine erhebliche Anzahl von Parasitenträgern dem Verkehr entzögen" und zudem die Gewähr böten, "ungehindert neue Medikamente zu erproben."22

Mit erschreckender Deutlichkeit zeigen sich hier die Parallelen zu den Menschenversuchen und der Menschenvernichtung im Nationalsozialismus. Die Zeit der kolonialen Finsternis war Vorbote für die Finsternis des Dritten Reiches und hätte als Mahnung verstanden werden können, wäre sie nicht an der Gleichgültigkeit gescheitert.

Wesentlich für ein reibungsloses Funktionieren der kolonialen Ausbeutung war der Rückhalt in der Bevölkerung des Mutterlandes, welche die grausame Vorgehensweise in den Kolonien nicht infrage stellen sollte. Die rassistische Ideologie mit der Implikation der Herabsetzung des Fremden auf die Stufe des Tiers vermittelte sich hierbei für eine breite Öffentlichkeit vorzüglich durch die Völkerschauen und ihre Propaganda in den Medien und schuf damit die Legitimation für die Herrschaft des Grauens.

Anmerkungen

1) Carl Hagenbeck, der Organisator der "Völkerschauen" in Deutschland, wurde für seinen Einsatz für die Wissenschaft von der Presse gelobt: "Das Verdienst durch Herbeischaffung derartiger Hülfsmittel dem Ethnologen von unbestreitbaren Nutzen zu sein, darf in erster Reihe Karl Hagenbeck, der bekannte und geachtete Thierhändler, für sich in Anspruch nehmen." Eißenberger, Gabriele, Entführt, verspottet und gestorben. Lateinamerikanische Völkerschauen in deutschen Zoos, Frankfurt am Main 1996, S.141

2) vgl. dazu im Folgenden die Forschungen Rudolf Virchows

3) vgl. Lindquist, Sven: Durch das Herz der Finsternis, Zürich 2002

4) Ernst Bloch, zit. aus: Nagl, Tobias, in: Jungle World, 8. Mai 2002, S.15 -18, S.16

5) Balthasar Staehelin, Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879-1935

6) Lindquist, a.a.O, S.209

7) vgl. Kittler, Friedrich: Aufschreibesysteme 1800-1900, München 1995

8) Nagl, Tobias, a.a.O.

9) Eißenberger, a.a.O., S.141

10) Goldmann zit.aus Eißenberger, a.a.O., S.75

11) Hochschild, Adam, Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines fast vergessenen Menschheitsverbrechens, Hamburg 2002

12) ebd, S.102ff

13) ebd., S.348

14) ebd., S.359

15) ebd.

16) vgl. Hochschild und Lindquist, a.a.O.

17) vgl. Conrad, Joseph: Das Herz der Finsternis, München 2001, S.159

18) vgl. Lindquist, a.a.O., S.86ff.

19) Hochschild, a.a.O., S.224ff.

20) Lindquist, a.a.O., S.216

21) Eckart, Wolfgang U.: Medizin und Kolonialimperialismus. Deutschland 1884-1945, Paderborn 1997

22) Aufgrund der Behandlung mit Atoxyl, das wegen seines hohen Arsengehaltes das Nervensystem angreift, können "nach einer im Jahre 1911 erstellten Statistik von über 11.000 Internierten nur etwa ein Fünftel geheilt werden, 1.500 Patienten waren der Seuche oder der Therapie erlegen, ca. 3.000 zur Beobachtung entlassen oder geflohen, 1.700 Kranke wurden noch im Bestand gemeldet." vgl. Eckart, a.a.O.


Renate Maulick und Peer Zickgraf sind Diplom-PolitologInnen und Lehrbeauftragte am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg

Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion