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Klaus Holzkamp

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Zweischneidige Strategien

15.01.2003: Rassismus und Ethnizität im Alltag von Jugendlichen aus Einwandererfamilien1

  
 

Forum Wissenschaft 1/2003

Die Transformation des Politischen in "Kultur" ist mittlerweile ein verbreitetes Phänomen, das über die Migrationspolitik hinausgeht, in der diese Vorgehensweise hauptsächlich verbreitet war. Welche Rolle ethnische Kategorien im Alltagsleben von Jugendlichen spielen, untersuchten deutsche und englische WissenschaftlerInnen in einem gemeinsamen Forschungsprojekt in Hamburg und London.2 Im folgenden Text wird ein Resultat der Untersuchung vor dem Hintergrund von vier in der Literatur vorfindlichen Positionen zur Bedeutung von ethnischen Kategorien diskutiert.

Insbesondere in Untersuchungen über Jugendliche ist der Begriff "Kulturkonflikt" in der Migrationsforschung nach wie vor bedeutend. Diesem Begriff zufolge haben Jugendliche aus Einwandererfamilien Schwierigkeiten die behaupteten Widersprüche zwischen der Kultur ihrer Eltern und derjenigen des Aufnahmelandes auszuhalten. Diese Jugendlichen seien "zwischen zwei Kulturen" hin- und hergerissen und könnten daher nur schwer, wenn überhaupt, eine homogene Identität entwickeln. Sie seien deshalb besonders durch Identitätskonflikte gefährdet. Solche Aussagen unterstellen, dass Jugendliche (und Menschen überhaupt) durch kulturelle, oder, wie gelegentlich gesagt wird, ethnische Charakteristika determiniert sind.

Der entgegengesetzte Ansatz benutzt den Begriff "Ethnisierung" um diesen Kulturdeterminismus zu kritisieren. Ethnizität wird hier als soziale Konstruktion begriffen, die einerseits Individuen aufgrund ihrer Herkunft aufgezwungen wird, zum anderen von den so Definierten in einem Akt des (vergeblichen) Widerstandes zur Selbstdefinition benutzt wird. Selbstethnisierung wird also zu einer Strategie des Umgangs mit ethnischer Ausschließung. KritikerInnen solcher Ethniserungsprozesse argumentieren, dass Ethnizität in modernen Gesellschaften eine Residualkategorie ist, da diese durch hoch differenzierte Formen der Funktionalisierung gekennzeichnet sei. Daher hätte Ethnizität nur im privaten Bereich Bedeutung, nicht jedoch innerhalb der funktionalen Strukturen der Öffentlichkeit und der Produktion.

Während sich diese Ansätze diametral gegenüberstehen, können der multikulturelle und der rassismuskritische Ansatz zwischen diesen beiden Polen angesiedelt werden.

Multikulturalismus hat einige Gemeinsamkeiten mit dem Kulturkonflikt-Ansatz, insofern als auch hier die Kultur oder Ethnizität von Menschen als wesentlich für Identifikation und Selbstbild angesehen werden. Es gibt unendliche viele Formen von Multikulturalismus: in einigen bezeichnet das "multi" ein Nebeneinander von als statisch betrachteten Kulturen, in anderen wird kulturelle Identität als ein flexibler, sich ständig verändernder Prozess der Identifikation betrachtet. Verschiedene kulturelle Elemente werden zu neuen Identitäten verschmolzen, die Menschen nicht nur in die Lage versetzen, mit Diskriminierung umzugehen, sondern auch ihr eigenes Leben sowie das der Gesellschaft, in der sie leben, zu bereichern. Unterschiedliche Kulturen werden als Ressourcen, als ständig sich verändernde Quelle erweiterter Handlungsmöglichkeiten betrachtet statt als Quelle von Konflikten.

Der rassismuskritische Ansatz hat insofern Ähnlichkeit mit dem der "Ethnisierung", dass er die Unterscheidung von Menschen nach "ethnischen" (oder gar "rassischen" Kriterien) als Problem definiert. Das Problem entsteht diesem Ansatz zufolge dann, wenn solche Konstrukte naturalisiert werden und als Legitimation für die Diskriminierung und Ausgrenzung von bestimmten Bevölkerungsteilen benutzt werden, die als nicht zugehörig zur Nation definiert werden (unabhängig davon, ob sie den entsprechenden Pass besitzen oder nicht). Im Unterschied zum Ethnisierungsansatz wird jedoch nicht notwendigerweise jeder Bezug auf Ethnizität als problematisch betrachtet. Ethnizität wird als historisch bestimmter, sich ständig verändernder Umgang mit spezifischen Lebensformen und insofern alle Menschen als ethnisch begriffen. Die Verkehrung historisch und geographisch spezifischer Lebensformen in Eigenschaften von Personen, bzw. Personengruppen, wird hingegen als Naturalisierung des Gesellschaftlichen, als Rassismus definiert. Rassimusanalyse bedeutet in diesem Sinne die Untersuchung aller Formen, in denen Individuen oder Bevölkerungsgruppen auf Eigenschaften reduziert werden, die ihnen aufgrund ihrer Herkunft3 zugeschrieben werden. Solche Zuschreibungen sind meist, müssen aber nicht immer abwertend sein (vom Standpunkt der Zuschreibenden). Innerhalb von Nationalstaaten dienen sie dazu, die Zugehörigkeit bzw. Präsenz von Bevölkerungsgruppen zum bzw. im Nationalstaat zu delegitimieren. Rassismusanalyse konzentriert sich auf diskriminierende Strukturen und diskriminierende Handlungen/Haltungen. Zuweilen werden auch die Widerstandsformen der von Rassismus Betroffenen untersucht, deren Ethnizität oder Kulturen sind dagegen selten Untersuchungsgegenstand.

In unserer Untersuchung kombinierten wir Elemente aus den Rassismus-, Ethnisierungs- und Multikulturalismus-Theorien. Einerseits interessierten wir uns für die alltäglichen Mechanismen von Ausschließung und Abwertung (der Jugendlichen aus Einwandererfamilien) andererseits dafür, wie mit ihnen umgegangen wird. Insofern sich diese Mechanismen auf "Herkunft" als Ausschlussgrund beziehen, sind sie als Rassismus zu bezeichnen. Aber wir denken auch, dass jeder Vergesellschaftungsprozess die aktive, d.h. sich verändernde Aneignung von Kultur einschließt. Die Art und Weise, in der wir uns als soziale Wesen zu verhalten lernen, wird von den spezifischen Traditionen einer Region, eines Nationalstaates4, und natürlich von Klassenbeziehungen und anderen sozialen Positionen bestimmt. Selbstverständlich gibt es weder einen homogenen Lebensstil noch eine homogene Kultur innerhalb eines Nationalstaates, aber wenn man Institutionen unterschiedlicher Nationalstaaten vergleicht, wird man auch klassen- und regionenübergreifende, historisch entstandene Unterschiede finden, deren Effekte sich in den Alltagspraxen, Haltungen und Denk- und Fühlweisen der Individuen wiederfinden. Ob man dies Habitus, Ethnizität oder Kultur nennt, ist meiner Ansicht nach nicht entscheidend, solange man diese Prozesse als historisch, d.h. sich verändernd und als vielfältig, d.h. als Überlagerung und Verschmelzung verschiedener Dimensionen des Gesellschaftlichen (Ökonomie, Politik, Kultur) begreift.5

Welche theoretische Herangehensweise und welches Design man auch anwendet, real vorfindliche Individuen werden nie in kategoriegeleitete Erwartungsrahmen passen. Sie werden als kontextabhängige Subjekte des Alltags jeden Forscher und jede Forscherin überraschen. AnhängerInnen der oben skizzierten Ansätze können unsere Ergebnisse als Bestätigung ihrer unterschiedlichen Theorien interpretieren, da passende Elemente jeweils wiedererkannt werden können. Aber "Wiedererkennen heißt Verkennen", wie uns Althusser gelehrt hat. Der Versuch, Hypothesen zu verifizieren oder zu falsifizieren macht blind gegenüber den Beziehungen, die nicht in den theoretischen Rahmen passen. Das Verhältnis der von uns untersuchten Jugendlichen zu Ethnizität hing davon ab, wer die Jugendlichen waren, unter welchen Umständen sie lebten und wer wann gerade mit ihnen sprach. Daher mussten wir unsere anfängliche Frage nach der Art und Weise, wie ethnische Zuschreibungen benutzt werden, in die präzisere Frage verwandeln: Wie und unter welchen Bedingungen benutzen unterschiedliche Jugendliche ethnische Zuschreibungen? Im folgenden präsentiere ich einen Ausschnitt aus dem Material, das sich unter dieser Fragestellung interpretieren ließ.

Die Bedeutung von Ethnizität

Wir benutzten unterschiedliche Fragesituationen. Am Ende unseres Projekts (in einem Feedbackinterview) wurden Jugendliche - aus eingewanderten und eingeborenen Familien - direkt gefragt, ob sie glauben, dass ausländische Herkunft im Alltagsleben von Bedeutung ist. Die Jugendlichen aus Einwandererfamilien wurden auch gefragt, ob sie aufgrund ihrer Herkunft eine unterschiedliche Behandlung erlebt hätten. In den ersten Phasen des Projekts hatten wir in verschiedenen Interviews und bei verschiedenen Aktivitäten (Spaziergang durch den Stadtteil, Herstellung von Bildern und Collagen, Schreiben von Geschichten, Reise nach London) über die Beziehungen zwischen Mädchen und Jungen, Kriterien für Freundschaft, Musikgeschmack, die Bedeutung von Markenkleidung, Beziehungen zum Stadtteil, der Rolle von Gewalt usw. gesprochen. Obwohl diese Themen keinen direkten Bezug zu ethnischen Kategorien haben, bekamen wir in diesen Zusammenhängen öfter Geschichten zu hören, in denen Ethnizität eine Rolle spielte. Ich werde mich im folgenden auf die Antworten zu folgenden Fragen aus der Feedback-Phase beziehen:

"Wir haben den Eindruck gewonnen, dass Jugendliche sich ihre Freundinnen und Freunde nach gemeinsamen Interessen, nicht nach gemeinsamer Herkunft aussuchen. Was denkst Du dazu?"

"Macht es für Dich einen Unterschied, wenn Jugendliche oder ihre Eltern aus einem anderen Land als Deutschland kommen?" (Frage für Jugendliche ohne Einwanderungserfahrung)

"Bist Du schon mal anders behandelt worden, weil Du oder Deine Eltern aus einem anderen Land kommen?" (Frage an Jugendliche aus eingewanderten Familien)

Die Fragen sind bewusst offen formuliert, da Unterschiede aufgrund der Herkunft ja auch positiv interpretiert oder neutral eingeschätzt werden können. Ich beschränke mich hier auf die Antworten von wenigen TeilnehmerInnen, vier, deren Eltern oder sie selbst aus der Türkei kamen, einem Mädchen aus Kroatien und einem Mädchen, deren Eltern nicht eingewandert waren.

Alle Jugendlichen wiesen die Bedeutung ethnischer Herkunft energisch zurück. Es sei "Dummheit, Unfug, völliger Blödsinn" Leute nach ihrer Herkunft zu beurteilen. Während dies noch nicht überraschte, da es hier um die Meinung der Jugendlichen selbst ging, waren wir erstaunt zu hören, dass auch die zweite Frage verneint wurde. Die Jugendlichen aus Einwandererfamilien sagten, sie hätten noch nie Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Sie verstanden die Frage nach der anderen Behandlung also sofort als Frage nach Rassismus.

Das erstaunliche an dieser Antwort war, dass wir in den vorangegangenen Jahren des Projekts andere Geschichten gehört hatten. So hatte Zelal, die vor einigen Jahren aus der Türkei gekommen ist, einmal erzählt, dass sie von einer älteren Frau als "Türken-Kanacke" beschimpft worden sei, die "sich verpissen" solle. Ein andermal kam es während einer Reise nach London zu einer Schlägerei, wobei drei Mädchen ein viertes verprügelten, obwohl alle vier während der Reise in einer Freundesgruppe gewesen waren. Heino, ein Junge aus einer eingeborenen Familie, der ebenfalls zu dieser Gruppe gehört hatte, sagte zu Zelal, die ganze Schlägerei sei nur passiert, weil sie Türken seien (was nur für zwei der beteiligten Mädchen stimmte) und es gäbe sowieso zu viele Türken und zu viele Asylbewerber in Deutschland, die auf Staatskosten lebten. Zelal, selbst Asylbewerberin und damals von Abschiebung bedroht, versuchte uns das Verhalten des deutschen Jungen zu erklären: "Er hat in seiner Klasse Probleme mit Türken, sie haben ihn schon mal verprügelt, spielen dauern laute türkische Musik und so. Deshalb ist er ein bisschen rassistisch. Aber das ist nicht seine Schuld, ich mag ihn trotzdem. Rassismus ist sowieso nicht mehr in, das ist alt und vorbei." Ihr Vater sei vor 15 Jahren fast jeden Tag verprügelt worden, aber heute seien nur noch einige Nazis rassistisch. In ihrer Klasse seien Leute mit 13 verschiedenen Nationalitäten, aber es gebe nie Schwierigkeiten.

Ein anderer Junge aus der Gruppe, Cem, der an dem Vorfall beteiligt gewesen war und von Heinos Verhalten sehr verletzt war, erwähnte ihn in unserem Feedback-Interview nicht und beantwortete die Frage, ob er jemals eine unterschiedliche Behandlung aufgrund seiner Herkunft erlebt hätte, mit Entschiedenheit negativ.

Hamide, die die Frage ebenfalls verneinte, beschrieb in ihrem Tagebuch6 eine Prügelei zwischen zwei Jungen in der Schule, die begonnen hatte, weil einer gesagt hatte, "Türken sind Scheiße". Das Tagebuch endet mit der Aussage, sie habe wenig Hoffnung bezüglich ihrer beruflichen Zukunft, da deutsche Firmen nicht gerne "Ausländer" einstellten. Die Erfahrung hätte ihre Schwester schon gemacht.

Rassismus ist anderswo

Was fangen wir mit diesen Widersprüchen an? Sind dies überhaupt welche? Der klare Widerspruch zwischen der Aussage, jemand habe keinen Rassismus erlebt, und den Erzählungen über Rassismus in anderen Kontexten könnte dadurch erklärt werden, dass sich die Aussagen und Erfahrungen auf unterschiedlichen Ebenen von Realität bewegen, bzw. unterschiedlichen Ebenen von Realität zugeordnet werden. Die eine Ebene bezieht sich auf die eigene unmittelbare Umgebung, die FreundInnen, die andere auf die Aussenwelt, auf Leute, mit denen man in der Stadt, bei Reisen, vielleicht sogar auf dem Schulhof konfrontiert wird, die aber nicht zum eigenen Freundeskreis gehören. Ein kroatisches Mädchen (sie bezeichnet sich selbst so) sprach zwar häufig über den deutschen Rassismus, betonte aber ausdrücklich, es gäbe ihn "nicht in der Schule, hier ist es okay." Ihre Mitschülerin Yeliz sagte: "Hier bei uns (in der Schule) ist das kein Problem. Aber anderswo schon. Es gibt halt jede Menge Nazis."

Was bedeutet diese Leugnung von Rassismus/Diskriminierung/Ethnisierung in der eigenen Umgebung? Eine Erklärung könnte in der Arbeit von Goffmann über Stigma zu finden sein. Goffmann führt aus, dass es eine Strategie des Ausgleichs zwischen individueller und sozialer Identität ist, Erfahrungen von Diskriminierung und Ausschluss zu ignorieren. Unter bestimmten Bedingungen suchen Diskriminierte die Ursache der Diskriminierung bei sich selbst. Eine Form, ihre Integrität aufrecht zu erhalten, besteht daher darin, Diskriminierung zu ignorieren.

Es gibt jedoch auch andere Strategien mit Rassismuserfahrungen umzugehen, zum Beispiel, sich dagegen zu Wehr zu setzen - warum wird also gerade die Leugnung gewählt?

Möglicherweise liefert ein anderer Kontext aus unserem Projekt eine Erklärung: In einer Klasse eines Gymnasiums fanden wir zwei Mädchencliquen, die sich nicht nur sich selbst als Mitglieder zweier gegensätzlicher Gruppen betrachteten, sondern auch von LehrerInnen und anderen MitschülerInnen so wahrgenommen wurden. Für uns ForscherInnen bestand der augenfälligste Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen darin, dass in der einen Gruppe nur Mädchen ohne Migrationserfahrungen, in der anderen, mit einer Ausnahme, nur Mädchen mit Migrationserfahrung waren. Von den Mädchen selbst, von den LehrerInnen und anderen MitschülerInnen (mit einer Ausnahme), wurde dieser Unterschied in Gesprächen mit uns jedoch nicht angesprochen.

Zwar beschrieben drei Mädchen ihre Clique als eine "Ausländer"-Gruppe, aber sie sahen das nicht als Ursache der Gruppenbildung an. Dafür gaben sie konkrete Gründe an: Sie kennen sich seit dem Kindergarten, haben alle während eines Schulausfluges in einem Zimmer geschlafen und sich so kennengelernt usw. Offenbar wollten diese Mädchen sich nicht primär als Migrantinnen definieren, andererseits aber auch ihre Herkunft nicht verleugnen: Sie erzählten, sie hörten gerne Musik aus den Ländern ihrer Eltern (sie selbst waren mit einer Ausnahme alle in Deutschland geboren, ihre Eltern in der Türkei, Kroatien, Serbien, Indonesien, der ehemaligen DDR) oder sprächen untereinander die jeweiligen Sprachen, wobei sie sich gegenseitig Teile der anderen Sprachen beibringen. Unterschiede werden in dieser Gruppe nicht nur akzeptiert, sondern genossen.

Im Feedbackinterview fragte ich ein Mädchen, Yeliz, deren Eltern aus der Türkei eingewandert sind, nach einem Beispiel für die Konflikte mit der anderen Clique. Sie erzählte, Jasmin (ein Mädchen ohne Einwanderungserfahrung) habe sich im Ethikunterricht darüber beschwert, dass man über das "Ausländerproblem" spreche. Das sei ein blödes, unpolitisches Thema. Daraufhin hätten sie sich wütend angestarrt und einige böse Worte gewechselt, aber dabei sei es geblieben. Sie selbst fand das Thema wichtig, auch wenn es in der Schule keine Probleme gebe. "Natürlich trifft es mich, wenn Leute sagen, dass die Ausländer ihnen die Jobs wegnehmen. Deshalb habe ich einen Aufsatz geschrieben, der zeigt, dass das nicht stimmt."

Naturalisierung sozialer Unterschiede

Wie kommt es, dass Yeliz sagt, sie sei nie diskriminiert worden, obwohl diese Geschichte selbst auf eine Weise erzählt wird, der sie als Diskriminierung interpretierbar macht? Kann es sein, dass wir als ForscherInnen, in unserem Interesse, Diskriminierung aufzudecken, überall Diskriminierung sehen, wo die Betroffenen ihre Beziehungen ganz anders erfahren?

Jasmin, die rebellisch und antifaschistisch war, aber fand, dass "Ausländer" kein interessantes Thema sind, erklärt die Gegensätze zwischen ihrer und Yeliz’ Clique folgendermaßen: "Ich weiß nicht. Die sind alle Ausländer. Ich weiß nicht, warum, aber die haben sich von Anfang an von uns abgegrenzt. (…) Sie sind einfach anders als wir. Für mich sind sie alle Prolls." Und auf die Frage, was das bedeutet: "Ursprünglich kommt das Wort von Proletarier und es ist auch irgendwie falsch, das zu sagen, schließlich sind wir alle Arbeiter. Wir benutzen das Wort für Leute, denen total wichtig ist wie sie aussehen, die ständig Markenklamotten tragen. (…) Die sind so spießig, glauben jedes Wort in der Bravo und hören bescheuerte Musik, Boygroups und so’n Zeug."

Später reden wir über finanzielle Unterschiede in der Klasse: "Bei uns in der Klasse gibt es nicht so große Unterschiede. Klar haben reiche Leute mehr Möglichkeiten. Zum Beispiel, wir haben viele Ausländer in der Klasse. Ich würde nicht sagen, dass die arm sind, aber sie haben nicht so viel Geld wie wir. (…) Ich will nicht sagen, dass sie weniger intelligent sind als wir. Aber ich habe zum Beispiel eine Musikschule besucht, seit ich klein war und eine Menge anderer Sachen (…) und Fridas Eltern haben auch relativ viel Geld. Das sind die Leute, die bessere Jobs haben, sie sind besser ausgebildet, sie sind eben Lehrer und nicht irgendwelche Arbeiter wie die meisten Ausländer, weil sie keine andere Chance haben, weil sie schlechter Deutsch sprechen. Deshalb haben die Deutschen mehr Geld und können ihren Kindern mehr bieten. Deshalb kann man sich besser mit Frida unterhalten als mit einigen anderen aus der Klasse."7

Außer der Behauptung, "Ausländer" seien ArbeiterInnen aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse, haben Jasmins Kategorien weniger mit Merkmalen zu tun, die im deutschen Kontext zur Beschreibung von AusländerInnen üblich sind (andere Religion, Kopftuch, andere Geschlechterbeziehungen) als vielmehr mit Merkmalen, die allgemein zur Arbeiterkultur gezählt werden. Das könnte eine Erklärung sein, warum die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Cliquen nicht als Konflikte zwischen ethnischen Gruppen gelebt werden. Sie werden mit Begriffen beschrieben, die sich auf zwei unterschiedliche soziale Klassen und die dazugehörige Kultur beziehen. Und tatsächlich sind in diesem Gymnasium (und wohl in Gymnasien allgemein) die Eltern deutscher Kinder materiell besser gestellt, sie sind PsychologInnen, LehrerInnen, BoutiquebesitzerInnen usw, während die eingewanderten Eltern meistens ArbeiterInnen sind. Nationalitätsspezifische und ökonomische Positionen werden von Jasmin auf eine Weise miteinander verknüpft, dass die ökonomische Positionen als Resultat der Nationalität erscheinen. Für Jasmin sind AusländerInnen ArbeiterInnen, weil ihre Sprachkenntnisse unzureichend sind und dies wiederum wird als allgemeine Eigenschaft von AusländerInnen dargestellt, ebenso wie ihre Vorliebe für Markenklamotten.

Für Jasmin geht "Ausländer"-Sein zudem einher mit dem Versuch "sich anzupassen und wie die Mehrheit zu werden" - was sie aufgrund ihrer rebellischen Haltung ablehnt. Während sie sich auf einer allgemeinen politischen Ebene als antirassistisch bezeichnet, kann sie diese Position in ihren Alltagsbeziehungen nicht aufrechterhalten. Dass sie die Alltagskulturen der "Ausländer" nicht mag, müsste kein Problem sein, wenn sie diese nicht ethnisieren und naturalisieren würde.

Der Begriff "Ausländer"

Einer der Gründe für diese Ethnisierung von Klassenkategorien mag darin liegen, dass letztere weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind (und auch aus den Sozialwissenschaften), während die Kategorie "Ausländer" sowohl im öffentlichen Diskurs wie in den Sozialwissenschaften Hochkonjunktur hat.

Aber die Kategorie "Ausländer" ist eine doppelbödige Angelegenheit. Während sie einerseits allgegenwärtig ist und als Erklärung für das Verhalten von MigrantInnen oder ihre Überrepräsentation auf den unteren Ebenen der Hierarchieskala benutzt wird, besteht gleichzeitig ein Tabu, Verhalten mit der Herkunft zu erklären. Die von uns interviewten LehrerInnen versicherten uns, sie behandelten alle SchülerInnen gleich, weil alle gleich seien. Jasmins Äußerungen beinhalten beide Seiten dieser Doppelbödigkeit: Einerseits versicherte sie grundsätzlich, es sei lächerlich zu glauben, alle Menschen einer Nationalität seien gleich, andererseits beschreibt sie aber gemeinsame Merkmale von allen, die nicht als Deutsche gelten (auch wenn ein Teil der Mädchen einen deutschen Pass haben). Das macht sie weder zur Rassistin noch stellt es ihre antirassistischen Überzeugungen in Frage. Aber es zeigt, wie die Kategorie "Ausländer", wenn sie zur Erklärung von Verhaltensweisen eingesetzt wird, statt die sozialen und politischen Bedingungen sozialer Positionierung zu untersuchen, zwangsläufig zur Rassifizierung führt. Soziale Verhältnisse werden in Eigenschaften von Gruppen oder Individuen verkehrt. Mit anderen Worten: das Soziale wird zum Kulturellen und das Kulturelle wird zum Natürlichen.

Der Begriff "Ausländer" hat an sich keinerlei kulturelle Bedeutung, sondern ist ein ausschließlich politischer Begriff zur Beschreibung einer Person, die nicht die Staatsangehörigkeit des Landes hat, in dem sie lebt. Wenn ein solcher rein technischer Begriff mit Verhaltensmerkmalen und sozialen Zugehörigkeiten aufgeladen wird, repräsentiert er für die AnwenderInnen dieses Begriffs eine soziale Gruppe, der diese spezifischen Merkmale aufgrund ihrer Herkunft zugeschrieben werden.

Wenn darüber hinaus die Eigenschaften, die "Ausländern" zugeschrieben werden, sich nicht auf behauptete Merkmale einer Herkunft beziehen, sondern solche Verhaltensweisen, die eine soziale Klasse innerhalb der eigenen Gesellschaft definieren sollen, als Herkunftsmerkmale dargestellt werden, dann werden die sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse innerhalb der eigenen Gesellschaft unsichtbar. Sie werden zu naturalisierten Gruppenmerkmalen derer, die nicht zum Nationalstaat gehören. Sie erhalten den Charakter von Naturgesetzen, da es die Natur ist, die als unveränderbar begriffen wird (selbst wenn das kontrafaktisch ist, weil Menschen die Natur wahrscheinlich mehr und leichter verändern als die sozialen Verhältnisse, unter denen sie dies tun). Aus diesem Verständnis lässt sich Jasmins Formulierung erklären, dass "Ausländer" nie wirklich Deutsch verstehen, "selbst wenn sie es perfekt sprechen".8 Offensichtlich gibt es für "Ausländer" keine Möglichkeit, die Grenze zu überschreiten, die sie von eingeborenen Deutschen trennt. Damit wird auch Jasmins Unwillen, gegen "unpolitische Ausländerprobleme" begreifbar. Wenn die Lage der "Ausländer" ein Ergebnis ihrer natürlichen Eigenschaften ist, kann keine politische Aktion daran irgendetwas ändern.

Formen der Normalisierung

Was bedeutet diese Naturalisierung nun aber für den Widerspruch zwischen der Erfahrung jugendlicher MigrantInnen mit Rassismus und ihrem Schweigen über diese Erfahrungen, wenn sie direkt danach gefragt wurden? Die Leugnung rassistischer Erfahrungen durch die Jugendlichen kann als Gegenstrategie zu solchen Naturalisierungen interpretiert werden: Während Jasmin (und mit ihr eine lange Reihe von Theorien, die die soziale Lage der MigrantInnen durch ihre anderen Kulturen erklären) versucht, sie in unveränderlichem Anderssein festzuschreiben, versuchen die jungen MigrantInnen sich als "normal" darzustellen. Die Verneinung der Diskriminierung kann als eine Form der Selbst-Normalisierung verstanden werden.9

Jasmin benutzt den Begriff "Normalität" als Kritik an ihren Mitschülerinnen. Der Begriff wurde von vielen Jugendlichen in unserer Studie benutzt, unabhängig von ihrer Herkunft. "Normal" war zum Beispiel eine der häufigsten Antworten auf die Frage, wie eine Person sein sollte, mit der man befreundet sein möchte.

Auf Fragen nach dem Vorkommen von Rassismus an ihren Schulen antworteten die von uns interviewten LehrerInnen in der Regel (eine Ausnahme unter 12), sie hielten das nicht für ein Problem. Eine Lehrerin meinte, Beleidigungen kämen natürlich vor, aber sie wären nicht ernst gemeint und unterschieden sich nicht von anderen Beschimpfungen. Allerdings erwähnte sie im Laufe des Gesprächs das Beispiel eines türkischen Mädchens, die solche Beleidigungen sehr persönlich nähme und immer sehr geschockt wäre, wenn sie "als Türkin beschimpft würde".

Solche Antworten sind keine bewußte Verschleierung, sie sind das Ergebnis eines ohrenbetäubenden Schweigens über alltäglichen Rassismus in der Bundesrepublik. Über Rechtextremismus oder Nazismus wird durchaus geredet; rechte Skinheads und sich selbst als Rechtsextremisten bezeichnende Personen sind leicht zu identifizieren. Sie sind eine Minderheit, von der man sich leicht distanzieren kann. Indem man die TäterInnen marginalisiert, werden aber auch die Taten selbst marginalisiert. Sie verschwinden aus dem Alltag. Wenn die Jugendlichen aus Einwandererfamilien ihre Alltagserfahrungen mit Rassismus leugnen, tragen sie zur Herstellung dieser Normalität bei.

In einem unserer Gespräche mit Yeliz fragten wir sie, ob sie es nicht für einen Vorzug halte, zwei Länder und zwei Sprachen zu kennen. Sie lächelte überrascht und sagte: "Ja, doch. Es kann doch nicht falsch sein, zwei Länder zu kennen, oder?"

Wir können aus ihren Aussagen nicht mit Sicherheit herauslesen, ob es ihr niemals eingefallen ist, ihre Herkunft könnte ein Vorzug sein, und ob dies ein Zeichen für mangelndes Selbstwertgefühl ist, aber wir wissen, dass die gesellschaftliche Norm sie als defizitär darstellt - zum Beispiel wegen angeblich mangelnder deutscher Sprachkenntnis. Zu bestreiten, dass sie Rassismus erfahren, ist für Jugendliche aus Einwandererfamilien eine Form der Selbst-Normalisierung, der Unterordnung unter die Normen, durch die man zu einem anerkannten Individuum wird. Diskriminiert werden bedeutet, als nicht normal ausgesondert zu werden. Durch die Reproduktion des Schweigens über Rassismus beteiligen sich die Jugendlichen am Diskurs, der den Alltag als normal darstellt und dadurch stellen sie auch sich selbst als normal dar.

Selbst-Normalisierung ist ein Subjektivierungsprozess und als solcher widersprüchlich: Individuen unterwerfen sich den herrschenden Normen, da sie es jedoch selbst tun, ohne wahrnehmbaren äusseren Zwang, leben sie diese Unterwerfung als autonome Handlung, sich selbst darin als Subjekte im emphatischen Sinne. Jedoch ist für die Jugendlichen aus Einwandererfamilien diese Form der Unterwerfung auch eine Form des Widerstandes. Denn während eingeborene Jugendliche aufgerufen sind, normal zu sein, stehen sie unter der widersprüchlichen Anforderung, normal und anders zu sein. Zum Beispiel war eine Lehrerin, die großen Wert darauf legte, alle Jugendlichen gleich zu behandeln und niemandem "zum Türken" erziehen wollte, enttäuscht, dass die türkischen SchülerInnen in ihrer Klasse keine guten Korankenntnisse hatten. In diesem Kontext des "double-bind" und der Erfahrung von Ausgrenzung wirkt das Bestehen auf Normalität widerständig. Die Begrenztheit dieser widerständigen Strategie zeigt zum Beispiel die Reaktion einer rebellischen Jugendlichen wie Jasmin, für die ihre eingewanderten Mitschülerinnen sowohl "Ausländer" als auch "Mainstream" sind. Beide Kategorisierungen ein Grund, sie abzulehnen. Von einer Außenseiterin wie Jasmin als Mainstream beschimpft zu werden, dürfte für die Mädchen aus Einwandererfamilien jedoch gerade eine Bestätigung dafür sein, dass sie in der deutschen Normalgesellschaft angekommen sind. Sie machten sich ihrerseits über Jasmins punkiges Auftreten lustig.

Fazit

Wir sehen, die Bedeutungen alltäglicher Praxen und Kategorisierungen sind vielfältig bis gegensätzlich und hängen nicht nur von dem jeweiligen Standpunkt der Betrachterin ab, sondern auch von dem spezifischen Kontext, in dem sie gerade agiert. Insofern sind beide Aussagen der Jugendlichen aus unserem Sample "richtig" und "real": sowohl die Negierung von Diskriminierung als auch die Geschichten über erlebte Diskriminierungen. Der Widerspruch liegt nicht in den Aussagen, sondern in der Realität und in den (notwendig) widersprüchlichen Strategien, mit dieser Realität umzugehen. Wenn Jugendliche aus Einwandererfamilien direkt nach Diskriminierung gefragt wurden, also von uns als "Ausländer" angesprochen wurden, war es ihnen wichtig, im Gegenzug den "normalisierten" Teil ihrer Realität zu präsentieren. Dies stellte, wenn man so will, die "offizielle" Version ihres Selbstverständnisses dar. Erzählten sie dagegen "ganz normal" von ihrem Alltag, gehörten Erfahrungen der Diskriminierung ebenso dazu wie der Besuch eines Pop-Konzerts, die Auseinandersetzungen mit LehrerInnen, oder die Teilnahme an einer Volkstanzgruppe.

Es gibt hier keinen Raum, näher darauf einzugehen, aber ich möchte doch wenigstens erwähnen, dass der Prozess der Selbstnormalisierung nicht das gesamte Verhalten der Jugendlichen strukturiert. Die Entwicklung neuer Lebensweisen, in denen sich Werte, Haltungen und Praxen der elterlichen Herkunftsgesellschaft mit denen der Aufnahmegesellschaft mischen, gehören ebenso zum Alltag und weisen über die statische Reproduktion "deutscher Normalität" hinaus.

Die hier diskutierten Ergebnisse beziehen sich nur auf einen kleinen Teil des von uns erhobenen Materials, sie sind daher vorläufig.10 Was sie zeigen ist eine sehr komplexe Struktur, in der Kultur, Klassenbeziehungen, Alltagsrassismus, antirassistische Strategien und Selbstnormalisierung aufeinander verweisende Rollen innerhalb eines spezifischen räumlichen Kontextes spielen.11

Ich habe die Leugnung von Erfahrungen mit Alltagsrassismus als Gegenstrategie gegen die Kulturalisierung und Naturalisierung als "Andere" erklärt. Diese Strategie kann als Versuch gesehen werden, das Gefühl der Herabsetzung zu überwinden, das Rassismus erzeugt. Mein Argument war, dass diese Leugnung des Alltagsrassismus die behauptete Normalität einer nicht-rassistischen Gesellschaft reproduziert, in der alle gleich bzw. nach ihren Leistungen und "inneren Werten" behandelt werden. Damit konstruieren sich Jugendliche mit Migrationserfahrung auch selbst als normal. Innerhalb des speziellen Umfeldes, in dem sie leben und das ihnen (begrenzt) die Möglichkeit bietet, selbst zu definieren, wer sie sind und wie sie leben wollen (weil sie in einem Stadtteil leben, in dem sie eine verhältnismäßig große Minderheit sind12), ist diese Strategie bis zu einem gewissen Grade erfolgreich und bietet ihnen die Möglichkeit, ein Gefühl von Sicherheit und Selbstwert zu entwickeln, das es ihnen möglicherweise erleichtert, sich gegen Rassismus in der Gesellschaft insgesamt zur Wehr zu setzen und die spärlichen Chancen zu nutzen, die ihnen die Aufnahmegesellschaft bietet. Die Gefahr dieses Normalisierungsprozesses ist nicht so sehr, dass er nur einen Teil der Realität darstellt, sondern dass dieser Teil beansprucht, die ganze Wirklichkeit zu sein. Das Schweigen über Alltagsrassismus in den offiziellen Diskursen der Schulen, der Jugendlichen aus Einwandererfamilien selbst und der Öffentlichkeit im allgemeinen führt zu einer Individualisierung der diskriminierenden Erfahrungen. Die gewonnene Sicherheit kann daher im gleichen Zug wieder in Frage gestellt sein, weil es keine akzeptierte Vorgehensweise gegen Diskriminierung gibt und Jugendliche keine Möglichkeit haben, darüber zu sprechen und ernstgenommen zu werden. Im größeren Zusammenhang verleiht das Totschweigen des alltäglichen Rassismus dem Prozess der Naturalisierung von gesellschaftlichen Unterschieden größere Glaubwürdigkeit: Wenn MigrantInnen nicht diskriminiert werden, dann wird ihre soziale Marginalisierung um so leichter als Ergebnis ihrer Andersartigkeit darzustellen sein. So schwächt die Reproduktion von Normalität politische Anstrengungen, die sozialen Lebensbedingungen der MigrantInnen in der Gesellschaft zu verändern.

Auf der einen Seite ist also den VertreterInnen des Ethnisierungsalltags zuzustimmen, wenn sie darauf verweisen, dass Selbstethnisierung eine zweischneidige Widerstandsstrategie ist, weil sie zur Homogenisierung von Gruppen führt und die Vielfalt der sozialen Verhältnisse negiert, die Menschen alltäglich eingehen und von denen sie abhängen. Das hier ausgeführte Beispiel zeigt jedoch auch, dass die entgegengesetzte Strategie, die Abwehr von Ethnisierungsprozessen auf der Grundlage von Selbstnormalisierung, einen ähnlichen Effekt hat: sie kann das Selbstwertgefühl stärken und gleichzeitig ein Hindernis für die Bekämpfung von Alltagsrassismus darstellen.

Anmerkungen

1) Der Begriff ist langatmig, ebenso wie andere im Text benutzte Bezeichnungen. Dennoch hab ich mich hier dafür entschieden, weil die Kurzfassung "Migrantinnen" oder Einwanderer der Tatsache nicht gerecht wird, dass die meisten von uns untersuchten Jugendlichen nicht selbst gewandert, sondern in Deutschland geboren sind.

2) Der deutsche Teil des Projektes "Transformation des Alltagslebens durch Migrationsprozesse. Eine Studie mit eingewanderten und eingeborenen Jugendlichen in zwei Hamburger Bezirken" wurde von der Volkswagen-Stiftung finanziert. Es wurden 160 Jungendliche in zwei unterschiedlichen Bezirken befragt. Der englische Teil "Finding the way Home" von Les Back, Phil Cohen und Michael Keith bezog 120 Jugendliche ein und wurde von der ESRC finanziert. Der Text ein gekürzter und übersetzter Abschnitt aus der Veröffentlichung: Nora Räthzel/Andreas Hieronymus: The Hamburg Story. The everyday lives of young people in a German Metropolis. In: Finding the Way Home. Working paper 6.Centre for New Ethnicities Research, University of East London, pp. 3-56

3) Herkunft ist ein zu vager Begriff, er kann auch Klassenherkunft bezeichnen. Meiner Ansicht nach verknüpft sich Rassismus immer mit einer sozialgeographischen Herkunft, einem räumlichen Ursprung. Im antisemitischen Begriff des "ruhelos umherziehenden" Juden ist der Bezug auf räumliche Herkunft in der Behauptung ihres Gegenteil enthalten.

4) Ich benutze den Begriff "Nationalstaat" statt des Begriffs "Gesellschaft", um zu verdeutlichen, dass unsere gegenwärtigen Gesellschaften immer schon Nationalstaaten sind und das heißt sie definieren wer dazugehört und wer nicht.

5) An anderer Stelle habe ich den Begriff "Ethnizität" und seinen Gebrauch als Fetischbegriff des Nationalstaates analysiert: Räthzel, Nora 2001: Ein Experiment: Nützt uns Marx beim Begreifen von Ethnizität? In Christoph Kniest, Susanne Lettow, Teresa Orozco (Hg.) Eingreifendes Denken. Wolfgang Fritz Haug zum 65. Geburtstag. Münster: Westfälisches Dampfboot. pp. 193-216

6) Wir gaben den Jugendlichen Tonbandgeräte und baten sie eine Woche lang ein "Audiotagebuch" zu führen.

7) Eine ausführlichere Darstellung und Interpretation dieser Konstellation und Aussagen findet sich in Räthzel 2002: Antirassistische Moral als Form der Ausgrenzung. In: Alex Demirovic, Manuela Bojadzilev (Hg.) Konjunkturen des Rassismus. Münster: Westfälisches Dampfboot.

8) Jasmin weiss wahrscheinlich nicht, dass das eine Formulierung von Fichte ist, mit der er den Unterschied zwischen den Deutschen und dem Rest der Welt beschreibt. Er sagte, dass kein Nicht-Deutscher jemals in der Lage sein werde, Deutsch zu lernen, während Deutsche in der Lage sind, jede Sprache zu lernen. Als Grund dafür führte er an, dass Deutsch die Grundlage aller anderen Sprachen sei. Johann Gottlieb Fichte, Reden an die Deutsche Nation, 1808. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1978, S. 60ff

9) Ich beziehe mich auf das Konzept von Normalisierung, wie es unter anderem von Wolfgang Fritz Haug entwickelt worden ist. Vgl. Wolfgang F. Haug, Antisemitismus und Rassismus als Bewährungsprobe der Ideologie-Theorie. In: ders.: Elemente einer Theorie des Ideologischen, Hamburg 1993. Vgl. aber auch Jürgen Link 1996: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Opladen (2. Auflage 1999).

10) Weitere Analysen finden sich in: Andreas Hieronymus, 2001: "Prolls" & "Punks": Mode, Marken und Moneten. Kulturelle Stile, Codes und soziale Positionen. In: Wolf-Dietrich Bukow, Claudia Nikodem, Erika Schulze und Erol Yildiz (Hg.) Auf dem Weg zur Stadtgesellschaft, Opladen. Les Back, Nora Räthzel und Andreas Hieronymus: 1999: Gefährliche Welten - sichere Enklaven. Alltagsleben von Jugendlichen in zwei Hamburger und zwei Londoner Stadtteilen. In: Archiv 2/99. pp. 7-62. Nora Räthzel 2000: Living Differences: Ethnicity and Fearless Girls in Public Spaces. In: Social Identities, Volume 6, No. 2. pp. 119-142. 1998: Listenreiche Lebensweisen: Der Gebrauch von Ethnizität im Alltag von Hamburger Jugendlichen. In: Migration und Soziale Arbeit, 3-4, Zusammenleben in den Städten. pp.32-38.

11) Mit räumlichem Kontext meine ich die drei Ebenen von wahrgenommenem Raum, vorgestelltem Raum und erlebtem Raum, wie sie Henri Lefèbvre entwickelt hat. Vgl. Henri Levèbvre: The Production of Space. London 1991. Vgl auch Räthzel 2000, a.a.O., wo ich diese räumlichen Beziehungen stärker in den Vordergrund gerückt habe.

12) siehe die genauere Darstellung in Räthzel 2000, a.a.O.


Nora Räthzel ist Soziologin und arbeitet am Institut für Soziologie der Universität Umeå, Schweden

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