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Klaus Holzkamp

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Die glänzenden Seiten des Krieges

15.01.2003: Die politische Ökonomie der Konflikte in Afrika

  
 

Forum Wissenschaft 1/2003

Nie zuvor gab es in Afrika so viele Konflikte wie heute. "Stammeskriege" oder "ethnische Konflikte" sind das gängige Etikett für eine politische Ökonomie des Krieges, deren enorme Gewinne es für transnationale Konzerne, korrupte Regierungen, Nachbarstaaten, Warlords1, private Söldnerfirmen und die Eliten der jeweiligen Länder sehr viel lukrativer machen, den Krieg auszubeuten, als den Sieg davonzutragen. Aber auch nach dem Ende von Bürgerkriegen bleiben die Handelsstrukturen im Kriegszustand. Anne Jung zeigt am Beipiel Angola, wie im Krieg Ausbeutungsverhältnisse geschaffen werden, die nach dem Krieg weiter Bestand haben.

Viele afrikanische Länder, die Schauplatz von Stellvertreterkriegen der Großmächte waren, haben ihre geostrategische Bedeutung weitgehend verloren. Mit dem Zurückgehen der finanziellen Unterstützung durch die beiden Großmächte brach die finanzielle Basis für viele Kriegsparteien zusammen. Zur weiteren Sicherung der Kontrolle lokaler Ressourcen und der Beherrschung des Marktes etablierten sich Kriegsökonomien, deren Aufrechterhaltung zur Ursache des Krieges selbst wurden: Ideologische und politische Gegensätze traten hinter die kurz- und langfristigen ökonomischen Interessen zurück.2 Es entstand eine "politischen Ökonomie des Krieges".

Das schwer durchschaubare Geflecht der unterschiedlichen Akteure im Kampf um die Rohstoff-Kontrolle zeigt sich besonders deutlich am Beispiel des angolanischen Diamanten- und Ölhandels.

Ein Alptraum im Wachzustand

In Bezug auf Bodenschätze ist Angola das viertreichste Land der Welt - und steht doch ganz vorne auf der Liste der ärmsten Länder. Mit dem immensem Rohstoffreichtum wird seit drei Jahrzehnten ein Krieg finanziert - von der einen Seite mit Diamanten, von der anderen mit Öl. Der Rüstungsetat des Landes beträgt ca. 1 Mrd. US-$ und macht damit 25% des Bruttoinlandproduktes aus3 - die Regierung leistet sich eine der größten Armeen des Kontinents. Der Krieg hat seit 1961 über 500.000 AngolanerInnen das Leben gekostet, zehntausende sind nach Unfällen mit Landminen verkrüppelt. Millionen von Minen liegen noch in der Erde und stellen eine permanente Gefahr für die Bevölkerung dar.

Diese Situation hat eine lange Vorgeschichte. Über zehn Jahre dauerte allein der bewaffnete Kampf gegen die portugiesische Kolonialherrschaft. Dieser Kampf ging in einen typischen Stellvertreterkrieg der Großmächte über, nachdem die Unabhängigkeit 1974 eine MPLA-Regierung (Volksbewegung für die Befreiung Angolas) an die Macht brachte, die von der UdSSR und Kuba unterstützt wurde. Der Kampf der Rebellenbewegung UNITA (Nationalunion für die volle Unabhängigkeit Angolas) gegen diese Regierung wurde vom Apartheitstaat Südafrika und den USA getragen. Der Krieg erlaubte es Regierung wie Rebellen jahrzehntelang, die furchtbaren Folgen der Gewalt für die Zivilbevölkerung zu ignorieren. Die Menschen wurden von beiden Kriegsparteien terrorisiert und ausgeplündert.

Kriegsgewinne

Haupteinkommensquelle der UNITA sind Diamanten. Aus den Verkäufen auf den Märkten Europas erzielte sie zwischen 1992 und 1998 Gewinne von mindestens 3,7 Milliarden US-$.4 Angolanische Diamanten gehören mit einem Verkaufspreis von durchschnittlich 250 Dollar pro Karat (1 Karat entspricht 0,2 Gramm) zu den hochwertigsten der Welt.

Ein zentraler Abnehmer der UNITA war jahrzehntelang der Großkonzern De Beers. Seit 60 Jahren dominieren das südafrikanische Unternehmen und seine Central Selling Organization (CSO)5 die internationale Diamantenindustrie, indem sie über 65 Prozent der weltweiten Produktion klassifizieren, bewerten und verkaufen. Im Zuge der gigantischen Werbekampagne zum Millenniumswechsel stieg das Verkaufsvolumen der CSO um 57% auf 5,2 Mrd. US-$. De Beers und andere Diamantenkonzerne haben in den vergangenen Jahren mit UNITA-Diamanten Millionen verdient.

1998 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat eine Resolution, die den direkten oder indirekten Export von nicht-offiziellen Diamanten aus Angola und Sierra Leone verbietet. Das Embargo richtet sich gegen Diamanten, die kein Herkunftszeugnis (Certificate of Origin) besitzen und schließt daher die von offiziellen Regierungen - so undemokratisch oder korrupt sie auch sein mögen - gehandelten Steine nicht mit ein. Die "Konfliktdiamanten" machen zwischen 4 und 15% des Welthandels aus, wobei bereits 4% einem Wert von ca. 270 Millionen US-$ entsprechen.

Der UN-Bericht über die Einhaltung der internationalen Sanktionen gegen die Kriegsdiamanten kommt zu dem Ergebnis, dass die Steine der Rebellenbewegung nach wie vor an die Börse von Antwerpen gelangen. Organisiert wird der Verkauf hauptsächlich von einem in Antwerpen operierenden Netz von Händlern und Gesellschaften, die die UNITA-Kämpfer im Austausch mit Waffen versorgen.6 Rafael Marques, angolanischer Bürgerrechtler, spricht sogar von "Gentlemen`s Agreements" zwischen Armeegenerälen und der UNITA, d.h. die beiden Kriegsparteien machten bis zum Ende des Krieges auch untereinander Geschäfte.7

De Beers bekundete nach der Lancierung der von medico international initiierten Kampagne gegen Konfliktdiamanten8 sich vollständig vom Markt in Angola und Sierra Leone zurückziehen zu wollen und damit über die Vorgaben des UN-Embargos noch hinaus zu gehen. Der Großkonzern wirbt mittlerweile mit seiner neuen Geschäftsidee der konfliktfreien Diamanten.

Das Einlenken von De Beers liegt vor allem in der Angst vor einem Imageschaden begründet, denn die Diamantenindustrie lebt in doppelter Hinsicht vom symbolischen Wert der Diamanten. Zum Einen verkörpern die Steine unvergängliche Liebe, Glück und Wohlstand - eine Verbraucher-Kampagne gegen Diamanten aus Kriegsgebieten würde mit Sicherheit zu Umsatzeinbußen führen. Zum Anderen lebt die Branche von dem selbstgeschaffenen Mythos, die Steine seien selten. De Beers hält Vorräte im Wert von ca. 2 Mrd. US-$ zurück, um den Preis künstlich hoch zu halten.

Die Stabilität des Diamantpreises ist durch die Konkurrenz aus dem informellen Sektor gefährdet - durch den illegalen Markt schwer kontrollierbarer Diamantenschmuggler und Kleinförderer. Schon vor Jahren hat De Beers Söldnerfirmen beauftragt, die Schmuggelroute zwischen dem diamantenreichen Sierra Leone und Liberia zu unterbrechen, um die Kontrolle über den Markt zu sichern. Die neue Strategie ist besser durchdacht: De Beers befürwortet die Einhaltung des Embargos und versucht damit, konkurrierende Förderer vom Markt zu drängen. "Mit der Unterstützung des UN-Embargos hat De Beers die UN auf sehr effektive Weise dazu verwendet, als Polizei den Job zu übernehmen, den bislang Söldner und Diktatoren übernahmen: den Markt von billigen Diamanten freizuhalten."9 Ein Sprecher des Hohen Diamantenrats - des wichtigsten offiziellen Gremiums der Diamantenhändler - warnt unverblümt: "Wenn man die Entwicklung Angolas zu einem der größten Diamantenproduzenten der Welt aufhalten will, muss man es jetzt tun."10

Öl für den Krieg

Neben Gold und Diamanten ist Öl einer der wichtigsten Rohstoffe zur Finanzierung von Kriegen, so auch in Angola. Für die MPLA-Regierung unter Staatspräsident José Eduardo dos Santos ist die Erdölförderung mit 94% der Exporterlöse der wichtigste Devisenbringer. Nach neuen Funden wird Angola bald zum größten Erdölexporteur Afrikas südlich der Sahara aufsteigen. Öl im Wert von 11 Millionen US-$ wird schon jetzt täglich gefördert. Die erwarteten Jahres-Einnahmen für die Regierung in Luanda zwischen 2003 und 2010 liegen zwischen 3 und 8 Milliarden US-$.

Die guten Rahmenbedingungen - die Ölfelder liegen vor der Küste und damit ausserhalb der Reichweite der UNITA - locken immer mehr Investoren ins Land, u.a. Chevron, Elf Aquitaine, BP-Amoco, Shell und Exxon/Mobil. "Wir sind in der Lage, Angola beim Wachstum seiner Ökonomie zu helfen und die sozialen Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen", ließ Chevron-Direktor Richard Matzke verlauten - keine Rede davon, dass die Öleinnahmen von der Regierung vorab verpfändet wurden, um weitere Waffenkäufe tätigen zu können.11 Die Abhängigkeit der angolanischen Regierung macht sie für die Ölkonzerne zu einem willkommenen Handelspartner.

In den kommenden Jahren wird die Bedeutung des angolanischen Öls weiter wachsen. US-amerikanische Konzerne haben 4 Milliarden Euro in Angola investiert, das derzeit 8% des amerikanischen Öl-Bedarfs deckt.12 Auf 16% soll dies bis zum Jahr 2005 gesteigert werden. Die Ölfunde in Angola waren für die USA Grund genug, nach über 20 Jahren auch politisch auf die Seite der MPLA zu wechseln und die Unterstützung der UNITA aufzugeben.13 Durch die unübersichtliche Situation im Irak nimmt die strategische Bedeutung des afrikanischen Öls zu. "Wer die Welt beherrschen will, muss das Öl im Griff haben. Alles Öl. Wo es auch sei."14

Eine Studie der britischen Organisation global witness hat aufgedeckt, dass einige Ölfirmen (Elf, Chevron, Agip) gleich doppelt von dem Handel mit Angola profitieren, indem sie einerseits Öl exportieren und andererseits Waffen - zumeist über Zwischenhändler - importieren. So musste der Direktor von Elf-Aquitaine in Angola zugeben, dass sein Vorgänger jahrelang illegal Waffen für die UNITA gekauft und nach Angola geschmuggelt hat.15 Der Öl-Multi BP gab zu, er habe 111 Millionen US-$ Bestechung für Bohrrechte in Angola bezahlt.

Ende 2001 wurde ein Korruptionsskandal aufgedeckt, der auch für angolanische Verhältnisse ungewöhnlich war: Sage und schreibe ein Drittel der Öleinnahmen des Jahres 2000 - 1,5 Milliarden US-$ - sind aus den offiziellen Büchern verschwunden. Dies wurde nach einer Untersuchung des Internationalen Währungsfonds (IWF) bekannt. Die Öleinkünfte sind offenbar in dem "Bermudadreieck" zwischen der staatlichen Ölgesellschaft Sonangol, dem Finanzministerium und dem Umfeld des Präsidenten verschwunden. Die internationalen Öl-Multis sind Komplizen in diesem Geschäft: Da sie keine Zahlen über ihr Angola-Geschäft veröffentlichen, ermöglichen sie diesen Raub an der angolanischen Bevölkerung. In der Hauptstadt Luanda wird das verschwundene Geld sichtbar: Designerboutiquen wie Prada oder Armani haben in Luanda ihre Pforten geöffnet. Die Preise sind auch für westliche Verhältnisse unerschwinglich. Hier kauft die Elite des Landes, die mit Luxuskarossen durch die von BettlerInnen und Krüppeln gesäumte Innenstadt fährt: "In Luanda, wo alles aus Abfall, Schutt, heruntergekommenen Gebäuden und Straßen besteht, und gigantische Vorstädte das umgürten, was von einer früher sehr modernen Stadt übriggeblieben ist, gibt es ein paar Hundert Privilegierte mit einem geradezu obszönen Lebensstandard. Ein Ökonom meinte: "Wer hier reich ist, ist es auf der ganzen Welt." Wie wahr. Hier findet man die teuersten Autos Afrikas. […] Autos sind das Lieblingsspielzeug der Politiker. Der Spitzname für die Nationalversammlung ist Auditorium. Der Lifestyle dieser Stadt ist die Korruption selbst."16

Geschäftszweig Sicherheit

Bei der Kontrolle von Bodenschätzen stehen Privatarmeen (Private Military Companies, PMCs) und private Sicherheitsdienste den Großkonzernen und Warlords in Afrika und anderswo zur Seite. Sie tragen maßgeblich zur Stabilisierung von Bürgerkriegsökonomien bei. Das Ende des Ost-West-Konflikts und die Dynamik der neoliberal geprägten Globalisierung hat in vielen Ländern zur Aushöhlung der regulären Ökonomien geführt, in die private Sicherheitsakteure eindringen. Die reguläre Ökonomie verliert in diesem Prozess zunehmend an Bedeutung gegenüber dem informellen Sektor und kriminellen Netzwerken, die global operieren. "Dadurch entstehen sog. gewaltoffene Räume, die privaten Sicherheitsanbietern ungeahnte Möglichkeiten der Entfaltung und Expansion eröffnen".17 Das Geschäft mit der privaten Sicherheit ist nicht neu, aber die Ausweitung ihrer Kompetenzen stellt eine neue Dimension dar.

Privatarmeen und private Sicherheitsdienste bieten umfassende "Serviceleistungen" an: Sie nehmen direkt an militärischen Operationen teil; oft übernehmen sie beratende und ausbildende Funktionen, die militärisches Training und Analyse einschließen. Des Weiteren bieten sie dem Auftraggeber logistische Unterstützung an, z.B. durch die Auslieferung von Material, oder beteiligen sich an sog. "Maßnahmen zur Verbrechensprävention", z.B. Geiselbefreiung.18

Ein besonders hoher Bedarf an privater Sicherheitsdienstleistung findet sich in Ländern, die für den Weltmarkt von Interesse sind. In Angola z.B. hat die Regierung verfügt, dass sich alle Konzerne und Hilfsorganisationen selbst um ihre Sicherheit zu kümmern haben. Die Beschäftigung eines Sicherheitsdienstes ist dort Pflicht. Darüber hinaus sichern die angolanische Regierung und Konzerne die Rohstoffkontrolle mit Hilfe der Privatarmee Executive Outcomes (EO). Executive Outcomes wurde 1989 in Südafrika gegründet und war lange Zeit Marktführer in der privaten Sicherheit. Mittlerweile hat sich der Konzern offiziell aufgelöst und ist in verschiedenen Tocherfirmen aufgegangen. Die Angebotspalette umfasst sämtliche militärische Dienstleistungen, die für einen Bodenkrieg notwendig sind. 1992 hat EO für die in Angola operierenden Ölgesellschaften Gulf Chevron und Petrangol Ölfelder an der Küste von Soyo von der UNITA zurückerobert. Zwei Jahre später eroberten die Söldner die Diamantenzentren Saurimo und Cafunfo in der Provinz Lunda Norte von der UNITA zurück.19 Hauptgewinner dieser Operation war De Beers - der Konzern beobachtete mit wachsendem Unmut die Kontrolle der UNITA über die Diamantengebiete - sowie der mit EO assoziierte Konzern Diamond Works. Auch die angolanischen Eliten verdienten gut an diesem Einsatz.

Damit hat sich ein Markt herausgebildet, in dem militärische Offensiven, wirtschaftliche Ambitionen und teilweise auch humanitäre Erwägungen ineinandergreifen. Im Namen einer neoliberalen Ideologie verteidigen Privatmilizen die Investitionen und Werte der transnationalen Konzerne; sie sind der militärische Arm imperialistischer Handelsstrukturen. Oft werden die afrikanischen Regierungen durch die Interessenallianz von privaten Sicherheitsfirmen und ausländischen Konzernen in eine Geiselrolle gebracht: ein modernisierter "multinationaler Neokolonialismus".

Krieg als Produktionsform

Die Gewinner der "neuen Kriege" um die afrikanischen Rohstoffe sind benannt worden: Transnationale Konzerne, korrupte Regierungen, Nachbarstaaten, Warlords, Schmuggler, private Sicherheitsfirmen und die Eliten der jeweiligen Länder. Sie konkurrieren oder kooperieren - je nach Bedarf - und halten damit die Funktionsfähigkeit der Kriegsökonomie aufrecht. Die Reproduktionsmechanismen des Krieges reichen von Raub und Plünderung über Schutzgelderpressung, illegalem und legalem Export von Rohstoffen, Drogen, Menschen- und Waffenhandel, Zwangsabgaben bis zur Aneignung humanitärer Hilfsgüter. Zumeist eine Kombination mehrerer derartiger Einkommensquellen verhindert oft jahrzehntelang, dass kriegerische Konflikte in die wirtschaftliche Erschöpfung einer Seite münden.20

Die Liberalisierung des Weltmarkts erleichtert den transnationalen Konzernen den Handel - eine Folge der wirtschaftlichen Globalisierung. Diese setzt sich aus drei Sphären zusammen, aus der regulären, der informellen und der offen kriminellen Ökonomie.21 Diese drei Sphären sind eng miteinander verflochten; ein Akteur der kriminellen Sphäre kann Waren in die reguläre Ökonomie einschleusen (z.B. Diamanten), und legal produzierte Waren wie Waffen gelangen in die kriminelle Sphäre (z.B. zur UNITA). Je größer der Sektor der informellen Ökonomie ist, desto besser sind die operativen Bedingungen für kriminelle Akteure. Würden Kriegsökonomien auf eine in kontrollierten rechtlichen Bahnen verlaufende Weltwirtschaft stoßen, hätten wirtschaftskriminelle Akteure wenig Chancen, Devisen zu erwirtschaften und als Käufer auf Schwarzmärkten aufzutreten.

Rebellenbewegungen benötigen immer Hehler, die Waren von der kriminellen in die reguläre Wirtschaft einschleusen, und sie zahlen dafür saftige Abschläge. Aber auch die offiziellen Regierungen von Kriegsgesellschaften rutschen schnell in die kriminelle Sphäre ab: Um die militärische Auseinandersetzung aufrecht erhalten zu können, werden alle nicht-militärischen Ausgaben stark gekürzt; dies verschärft die soziale Destabilisierung. Zudem werden verfügbare Rohstoffe und deren Abbaurechte oft zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen, was die Auslandsverschuldung in die Höhe schnellen lässt. Der "nationale Notstand" lässt die letzten Dämme gegen Korruption und vollständige Aneignung der Exporteinkommen durch die herrschenden Cliquen brechen. Im Krieg fallen nicht alle gesellschaftlichen Ordnungssysteme in sich zusammen, lediglich die Friedensordnung zerbricht. Rohstoffreichtum erlaubt es Herrschern, ihre Macht unabhängig von ihrem Rückhalt in der Bevölkerung und von einem effizienten bürokratischen Apparat zu konsolidieren. Sie können einen repressiven Sicherheitsapparat unterhalten und sich damit begnügen, einen engen Kreis von Kollaborateuren zu belohnen, da die Rohstoffe die Notwendigkeit eines breitgefächerten Steuersystems, wie es normalerweise in diversifizierten Wirtschaften zu finden ist, überflüssig macht.

Die Mehrheit der Bevölkerung verliert im Krieg den Zugang zu Gütern der Grundversorgung wie Nahrung und Gesundheitsversorgung. Oft bleibt ihnen nur die Möglichkeit, sich entweder aktiv am Krieg zu beteiligen oder zu flüchten. Da in vielen afrikanischen Ländern mehr als die Hälfte der Jugendlichen erwerbslos sind, brauchen sich die Truppen um Zulauf keine Gedanken zu machen: Der Dienst in der Armee oder in den Banden der Warlords ist für große Teile der männlichen Bevölkerung zur einzigen Verdienstmöglichkeit geworden - Krieg als "zweckrationale Form der Interessenverfolgung"22.

Für Regierungen und Konzerne im Norden sind die kriegszerütteten Länder Afrikas beliebte Handelspartner, weil sie durch den Verlust der Kreditwürdigkeit erpressbar geworden sind. Hohe Risikoabschläge vermindern den Marktwert von Ressourcen. Meist können Schürf- und Explorationsrechte so günstig erstanden werden, dass die erheblichen Kosten für private Sicherheitsunternehmen nicht mehr ins Gewicht fallen. In Afrika erreichen die Profitraten der multinationalen Konzerne bis zu 40%. Im letzten Jahrzehnt investierten transnationale Konzerne deutlich mehr in Afrikas rohstoffreichen (Krisen-) Regionen als in anderen Teilen des Kontinents. Die Abhängigkeit und Ausblutung Afrikas wird durch die systematische Ausbeutung seiner Naturressourcen perpetuiert, ohne dass produktive Investionen erfolgen, die Arbeitsplätze und Exportmöglichkeiten schaffen würden.23

Im Februar 2002 wurde UNITA-Chef Jonas Savimbi ermordet, nur zwei Monate später (am 4. April) wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet. Aber in der ölreichen angolanischen Enklave Cabinda - dort wird über 60% des Erdöls gewonnen - wird weiterhin gekämpft. Die FLEC (Frente de Libertção de Cabinda) kämpft für die Unabhängigkeit der Enklave, denn von den immensen Gewinnen aus dem Ölgeschäft fliesst fast nichts in die Region zurück.

Die Ursachen für das Ende des offiziellen Krieges, an dem die Eliten des Landes so prächtig verdient haben, sind vielfältig. Die Sanktionen gegen die sog. Konfliktdiamanten der UNITA haben zu einem spürbaren Rückgang des Diamantenhandels geführt, zudem ist die Taktik der Regierungsarmee, die UNITA durch die Entvölkerung ganzer Landstriche auszuhungern, aufgegangen - wenn auch mit dramatischen Folgen für die Bevölkerung, die häufig zwangsdeportiert wurde. Auch haben viele militärische Machthaber längst ihre Pfründe für die Nachkriegszeit gesichert, so dass sie kein gesteigertes Interesse mehr an einer Fortführung des Konflikts hatten. Angolas Präsident dos Santos z.B. ist längst Milliardär und zählt zu den reichsten Männern der Welt. Er hat Machtstrukturen geschaffen, die nach dem Ende des militärischen Konflikts fortbestehen: in allen Gremien, in denen er nicht selbst präsent sein kann, hat der Präsident Familienangehörige plaziert. Auch die UNITA hat vorgesorgt: Sie kontrolliert auch nach dem Ende des Krieges viele Diamanten-Minen, auch um sich die Möglichkeit offen zu lassen, zum Guerilla-Krieg zurückzukehren.24

In Mosambik beruhte der Erfolg des Friedensabkommens im Jahr 1992 - nachdem sich sogar viele Hilfsorganisationen aus dem Land zurückgezogen hatten - vor allem darauf, dass auf beiden Seiten die Ressourcen für die Fortführung des Krieges fehlten. Die gesellschaftliche Produktionsweise des Krieges, vor allem in ihrem wirtschaftlichen Aspekt, stand zur Disposition. Frieden zu schließen erschien den Kriegsparteien - auch aus ökonomischen Gründen - attraktiver, als weiter zu kämpfen. Wären die transnationalen Konzerne bereit, die materielle Unterstützung der Konflikte einzustellen und die Wirtschaftsbeziehungen der Kriegsherren zu blockieren, dann würde das Geschäft mit der Gewalt unrentabel. Einen Versuch wäre es wert.

Nachtrag: Die Abwesenheit von Krieg bedeutet noch lange keinen Frieden. Im Nachkriegs-Angola zeigt sich, welche langfristigen Folgen diese kriegswirtschaftlichen Verflechtungen haben. Einerseits beklagen sich Polizei- und Provinzbehörden, nichts gegen den wuchernden Schmuggel und Raubbau durch Garimpeiros (Diamantenschürfer) in vielen Regionen des Landes unternehmen zu können, weil sie unter dem Schutz von Regierungs-Generälen der FAA (Forças Armadas Angolanas) stehen.25 Gleichzeitig leidet die Zivilgesellschaft unter gewaltsamen Übergriffen, Vergewaltigungen, Plünderungen, Erpressungen und die Besetzung ihres Agrarlandes durch Militärs, Polizei und Sicherheitsfirmen. Ein Amnestiegesetz soll vor allem den militärischen Frieden mit der UNITA vorantreiben. Keine der ehemaligen Kriegsparteien denkt daran, Menschenrechtsverletzungen oder das Schicksal Verschwundener aufzuklären. "Ohne die Tarnung Krieg wird die gewaltkriminelle Dimension der in Jahrzehnten desintegrierten gesellschaftlichen Verhältnisse sichtbar werden. In Angola werden auf längere Zeit mehr oder weniger große gewaltoffene Räume bestehen, in denen es zu Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Gewaltakteuren kommen wird."26 Der militärische Frieden geht mit einem sozialen Krieg einher, die de-facto-Diktatur wird ebenso weitergeführt wie die systematische Plünderung der Ressourcen durch die Regierungselite und internationale Konzerne.

Es gilt daher weiterhin nach Wegen für eine gerechtere Gestaltung des Handels zu suchen.

Anmerkungen

1) Der Begriff "Warlords" definiert Personen, die eine Region in einem bewaffneten Konflikt kontrollieren und keinen weiteren Befehlshabern unterstehen. Die Macht des Warlords wird durch die Schwäche einer Regierung begünstigt, deren Einfluss er weiter zurückzudrängen versucht. Eine "Mischform" stellen die sog. Sobels dar ("SOldier by day, reBEL by night"), bestehend bspw. aus Soldatengruppen, die ihren Sold lange Zeit nicht ausgezahlt bekommen und im daher nachts Dörfer überfallen.

2) Dies soll im Umkehrschluß nicht heißen, dass ökonomische Interessen zuvor keine Rolle gespielt hätten; sie waren nur weniger augenscheinlich, solange sie mit einem ideologischen Überbau versehen waren.

3) Human Rights Watch spricht von bis zu 41%. In: Kontrolle der Erdöleinkünfte Angolas. In Wissenschaft und Frieden 3/01

4) Auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Diamantenminen in Angola, Sierra Leone, in der Demokratischen Republik Kongo sowie in den indischen Schleifereien (Kinderarbeit!) kann hier leider nicht genauer eingegangen werden.

5) Die neu gegründete und von De Beers kontrollierte Diamond Trading Company (DTC) hat mittlerweile die Central Selling Organisation abgelöst: Damit agiert De Beers offiziell nicht mehr als Kartell und kann auch in den USA und Kanada ungehindert Geschäfte machen. (Pressemitteilung 13.07.2000)

6) Vgl. Basler Zeitung vom 24.04.01. Ein Name sollte in diesem Kontext nicht unerwähnt bleiben: Lev Leview. Seine Firma Lev Leview Diamonds ist ansässig in Tel Aviv und wird als größter Konkurrent zu De Beers angesehen. Er ist der einzige Diamantenhändler, der seine eigenen Minen besitzt. Leview gehört zu den Gründern der Angolan Selling Corporation (ASCORP), der einzigen Organisation, der es z.Z. offiziell gestattet ist, mit angolanischen Diamanten zu handeln (WOZ, 30.08.01). ASCORP kontrolliert ca. 10% des Welthandels an Diamanten. Leview verfügt über hervorragende Kontakte zu den großen Waffenhändlern, vor allem in Russland.

7) Vgl. Marcel Hänggi in Frankfurter Rundschau vom 28.05.02.

8) Vgl. www.medico.de

9) Vgl. Pressemitteilung von Comtex 24.08.00

10) die tageszeitung vom 13.03.00

11) Auch deutsche Banken halfen der staatlichen angolanischen Ölgesellschaft Sonagol durch großzügige Kreditvergabe bei der Ausbeutung der Ölquellen. Als Teil eines europäischen Konsortiums wurden 310 Millionen US-$ zur Verfügung gestellt.

12) Damit ist Angola als Handelspartner für die USA wichtiger als Kuweit; diese 8% entsprechen 62,7 % des angolanischen Exports.

13) Die USA finanzierten den Krieg der UNITA bis zum Beginn der 90er Jahre mit 60 Millionen US-$ jährlich (New York Times, 14.01.01)

14) Michel Collon in konkret 12/02.

15) epd-Entwicklungspolitik 1/2001.

16) Pedro Rosa Mendes in Lettre 52, 2001. Ein Audi der Luxusklasse war neben mehreren zehntausend US-$ das Weihnachtsgeschenk des Präsidenten an alle Parlamentsabgeordneten im Jahr 1999

17) Peter Lock in: Brühl, Tanja u.a. (Hg.), Die Privatisierung der Weltpolitik. Entstaatlichung und Kommerzialisierung im Globalisierungsprozess, Bonn 2001, S.202

18) Diese Kriterien wurden erarbeitet von David Shearer: Private Armies and Military Intervention. New York 1998

19) EO nahm den Auftrag sehr ernst; 20 Mitarbeiter kamen bei dem Einsatz ums Leben, die entweder im Kampf gefallen sind oder an Krankheiten verstarben.

20) Vgl. zu den unten stehenden Ausführungen Peter Lock in epd 6/2001. Diese Verbindung ist allerdings nicht zwangsläufig. Rohstoffreiche Staaten wie Botswana oder Norwegen werden nicht von Konflikten geplagt; ebenso wenig sind alle kriegsführenden Parteien für ihren Kampf auf natürliche Ressourcen angewiesen.

21) Das jährliche Bruttokriminalprodukt wird auf 1000 Mrd. US-$ geschätzt.

22) Herfried Münkler in Frankfurter Rundschau Juni 2002.

23) Vgl. Sanou M`Baye in Le Monde Diplomatique Juli 2002.

24) Christian Dietrich: Hard Currency. The Criminalized Diamond Economy of the Democratic Republic of the Congo and ist Neighbours. Juni 2002

25) Vgl. VOA (Luanda): Garimpo de diamantes no Bié veste-se de fardas militares, 14.10.2002: O Apostolado: Sofisticação do garimpo, 11.10.2002

26) Peter Lock in medico international (Hg.): Ungeheuer ist nur das Normale. Zur Ökonomie der "neuen Kriege". Frankfurt 2002


Anne Jung ist Politologin und arbeitet in der Öffentlichkeitsabteilung von medico international

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