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Klaus Holzkamp

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Vorwärts in die Vergangenheit?

15.04.2003: Zur Situation freier MitarbeiterInnen in Film und Fernsehen

  
 

Forum Wissenschaft 2/2003

Obwohl der Bereich von Film und Fernsehen eine hohe kulturelle, politische und wirtschaftliche Bedeutung in Deutschland hat, ist sehr wenig über die Menschen bekannt, die Filme und Sendungen "machen" - sieht man einmal von den "Stars" und "Sternchen" dieser Branche ab. Die zahlreichen technischen und kreativen MitarbeiterInnen begegnen uns lediglich im Abspann nach dem Film im Kino oder am Fernseher. Andreas Boes und Kira Marrs haben sich die Arbeits- und Leistungsbedingungen dieser meist "frei" arbeitenden Menschen angeschaut. Die Ergebnisse sind ernüchternd und lassen erahnen, wie die Arbeitsverhältnisse nach einer weiteren Aushöhlung kollektiver Mitbestimmung und arbeitsrechtlicher Schutzbestimmungen aussehen können.

Den BefürworterInnen einer "neuen Kultur der Selbstständigkeit" und der "Ich-AG" kann das Feld der audio-visuellen (AV) Medien als Praxistest dienen, um zu prüfen, welche gesellschaftlichen Implikationen der "Erosion des Normalarbeitsverhältnisses" innewohnen. Die AV-Medien bieten aufschlussreiches Anschauungsmaterial, um zu studieren, wie sich die Arbeits- und Lebensbedingungen für Beschäftigte entwickeln, wenn sie sich nahezu frei von den "Zwängen" der deutschen Mitbestimmung und entsprechender Regulierungsmechanismen "entfalten" können.

Im Feld der audio-visuellen (AV) Medien sind viele Momente "traditioneller" Arbeit in weiten Bereichen zurückgedrängt: Statt des Betriebs ist die Projektifizierung der Produktion audiovisueller Dienstleistungen prägend.1 Nicht das "Normalarbeitsverhältnis" - definiert als unbefristetes Vollzeit-Beschäftigungsverhältnis - ist vorherrschend, sondern der Einsatz von flexiblen so genannten Freien MitarbeiterInnen. Die traditionellen Formen kollektiver Interessenvertretung entfalten hier kaum noch Wirkung. Auch der diagnostizierte Wandel der Erwerbsorientierungen von instrumentellen Verdiensterwartungen hin zu neuen Ansprüchen an Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, bezogen auf die Arbeit, aber auch auf die Verbindung von Arbeit und Leben, hat zentrale Bedeutung.

Umbruch in der Film- und Fernsehbranche

Die gegenwärtige "Krise" der Medien stellt eine wesentliche Voraussetzung für das Verständnis der aktuellen Arbeits- und Leistungssituation in der Branche dar. Mit der derzeitigen Krise schließt sich vermutlich ein Entwicklungszyklus: die Boomphase in den 1990er Jahren geht zu Ende. Nach Schaffung des dualen Rundfunksystems und insbesondere seit dem rasanten Wachstum des Werbemarktes kam es zu einer Erhöhung der Anzahl der Fernsehsender und zu einer deutlichen Ausdehnung des Programmangebots. Dies bildete die Grundlage für eine Boomphase, die durch die Börsenentwicklung verstärkt wurde. Die Werbekrise, die "Kirch-Pleite" sowie der Niedergang der Börsenstars am "Neuen Markt" sind die öffentlich wahrnehmbaren Indizien dafür, dass diese Phase zu Ende ist. Damit verändert sich der Rahmen, in dem ein grundlegender Umbruch der Produktionsstrukturen stattgefunden hat.

Die Zulassung des privaten Fernsehens war ein wichtiger Motor für die Veränderung der Produktionsstrukturen. Während der Programmbedarf in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten überwiegend durch "echte" Eigenproduktionen befriedigt wurde, in denen die gesamte Leistungserstellung "inhouse" mit einem hohen Anteil festangestellter MitarbeiterInnen erfolgte, decken die privaten Sender einen nicht unerheblichen Teil ihres Programmbedarfs durch externe Fremdproduktionen. Dies hatte zur Folge, dass der Markt für Fernsehproduktionen in Deutschland expandierte.2 Die öffentlich-rechtlichen Sender reagierten auf die neue Konkurrenzsituation mit zunehmender Ausgründung und Privatisierung von Aufgabenbereichen und somit mit einer verstärkten Leistungserstellung durch Dritte.3 Zudem ist ein verstärkter Einsatz von Freien MitarbeiterInnen bzw. hochgradig flexibilisierten Beschäftigungsverhältnissen auf allen Ebenen zu beobachten.

Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass zwei zentrale Momente "traditioneller Arbeit" in weiten Bereichen fehlen: der Betrieb und die abhängig Beschäftigten. Die projektförmige Produktion audio-visueller Dienstleistungen ist zur bestimmenden Organisationsform geworden. Zeitlich befristet für die Dauer eines Projekts z.B. eines Spielfilms oder eines Werbefilms kommen unterschiedliche Unternehmen und eine Vielzahl von Freien MitarbeiterInnen zusammen, realisieren das audio-visuelle Unikat, um dann nach Abschluss wieder auseinander zu gehen. Häufig treffen die Freien MitarbeiterInnen in unterschiedlichen Projektzusammenhängen immer wieder aufeinander. Sydow und Windeler haben diese Besonderheiten im Begriff des "Projektnetzwerkes" für die Produktion von TV-Inputs zusammengefasst.4 Die Zusammenarbeit innerhalb der zeitlich befristeten Produktionen basiert einerseits auf geteilten Erfahrungen in der Vergangenheit sowie andererseits auf der Erwartung weiterer Kooperationen in der Zukunft.

Der Einsatz Freier MitarbeiterInnen ist nichts Neues für die Branche. So zählten die "Festen Freien", deren Status garantierte Arbeitszeiten und somit auch ein Mindesteinkommen sowie tarifvertragliche Ansprüche in den meisten Sendeanstalten beinhaltet, quasi zum Bestand der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.5 Allerdings gehört dieser Status weitgehend der Vergangenheit an, denn heute dominieren vor allem zwei Gruppen: Das sind einerseits die "Freien MitarbeiterInnen" bzw. die "Freien Freien", die lediglich ein Honorar erhalten. Andererseits wird bei den meisten Film- und Fernsehproduktionen das gesamte Produktionspersonal für die Dauer des Projektes mit einem regulären - aber eben befristeten - Arbeitsvertrag eingestellt. Für beide Gruppen gilt, dass sie keinerlei Ansprüche auf weitere Aufträge oder Weiterbeschäftigung haben und somit dem Druck unterliegen, ständig ihre Arbeitskraft vermarkten zu müssen. Dabei gilt die freie Mitarbeit schon lange nicht mehr als Sprungbrett in eine Festanstellung.

Arbeits- und Leistungsbedingungen

Die überwiegende Mehrzahl der freien Film- und Fernsehschaffenden sind befristet Beschäftigte. Hinzu kommen Personen, die ausschließlich einer selbstständigen Tätigkeit nachgehen, sowie Personen, deren Beschäftigungsstatus zwischen diesen beiden Polen changiert. Der Status "Freie" spielt eine wichtige Rolle, denn ihre Arbeit bezieht sich nicht nur auf die Verausgabung ihrer Arbeitskraft, sondern auch auf deren Vermarktung. Gute Kontakte zu haben, immer erreichbar zu sein, sich gut darstellen und verkaufen zu können, ist entscheidend. Denn bei der ständigen Suche nach Jobs und Aufträgen wird das Arbeitsamt nur selten weiterhelfen können, sie läuft sehr informell über persönliche Beziehungen. Gleichzeitig bedeutet dieser Status, dass die Film- und Fernsehschaffenden in den jeweiligen Projekten eine relativ ungeschützte Position haben: Wenn Probleme auftauchen, sei es, dass sie einen Fehler machen oder dass sie Forderungen stellen, kann es schnell passieren, dass mehr oder weniger dankend auf ihre Mitarbeit verzichtet wird. Dabei fällt unter Umständen nicht nur der potenzielle Auftraggeber weg, zusätzlich besteht die Gefahr, dass der in dieser Branche so wichtige Ruf beschädigt wird.

Befehl und Gehorsam

Die einzelnen Drehtage werden auf der Basis von Drehplänen - in anderen Genres ist es das Showkonzept oder das Treatment - minutiös geplant, kalkuliert und in konkrete Leistungsvorgaben transformiert. Die zu erbringende Tagesleistung des Teams wird klar definiert und täglich im sog. Tagesbericht der Aufnahmeleitung protokolliert und von der Produktionsleitung kontrolliert. Die täglichen Drehpensen sind meist von vornherein zu knapp kalkuliert, müssen aber eingehalten werden, da eine Überschreitung der immer kleiner werdenden Budgets kaum vorgesehen ist und zu finanziellen Katastrophen für die jeweilige Produktionsfirma führen kann. Dieser Kosten- und Zeitdruck wird an die am Dreh beteiligten Personen weitergegeben. Resultat ist ein enormer Leistungsdruck.

In den streng hierarchisch organisierten Produktionen sind Entscheidungs- und Handlungsspielräume oder Kreativität auf den unteren Ebenen Fremdwörter, vorherrschend ist das Prinzip von Befehl und Gehorsam. Die Teamarbeit in den Produktionen ist streng hierarchisch organisiert, mit einer klaren Definition von oben und unten. Die verschiedenen Arbeitsfelder wie Kamera, Ton, Kostüm, Regie etc. sind in einzelne Departments zusammengefasst, die jeweils einen "Head of Department" haben (z.B. Kameramann, 1. Kameraassistent, 2. Kameraassistent bzw. Materialassistent usw.). Die einzelnen Departments stehen in einer spezifischen Rangordnung zueinander, und zwar entsprechend ihrer jeweiligen Relevanz für das Gelingen des Gesamtproduktes. Die beherrschende Stellung liegt bei der Leitung der Regie - von den RegisseurInnen, die verantwortlich für die künstlerische Inszenierung sind, sagt man in Deutschland bezeichnenderweise, sie "machen" den Film ("Filmemacher"). Der Kameramann bzw. die Kamerafrau trägt die gesamte Verantwortung für das Bild und ist insofern auch in anderen Departments weisungsbefugt, nimmt also ebenfalls eine Schlüsselposition ein. Dementsprechend wird die Fähigkeit zur Unterordnung als wichtiges Persönlichkeitsmerkmal angeführt, was manche AnfängerInnen erst einmal lernen müssen. Diskussionen sind unerwünscht.

Flexibilität pur

Die Arbeitszeiten zeichnen sich durch zwei Merkmale aus: sie sind hochgradig flexibel und extensiv. Symptomatisch für die Arbeitszeiten im Feld der AV-Medien ist folgende Aussage eines Oberbeleuchters: "Sehr flexibel. Sieben Tage die Woche, Tag und Nacht im Endeffekt. Also: Alles ist möglich. Und zum Teil auch sehr lange. 12 oder 14 Stunden sind keine Seltenheit." Für das Arbeitsschutzgesetz, vor allem für die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen elf Stunden Ruhepause, haben die meisten Betroffenen nur ein mildes Lächeln übrig. Die Arbeitszeiten sind nicht nur extensiv und flexibel, sie sind zudem fremdbestimmt. Während der Dreharbeiten wird der Arbeitsbeginn und das - wohlgemerkt: voraussichtliche - Arbeitsende durch die Tagesdisposition vorgegeben. Überstunden ergeben sich meist erst im Laufe des Tages und werden von ProduzentIn oder ProduktionsleiterIn angeordnet. Zeitautonomie ist ein Fremdwort. Das Leben während der Drehzeit ist nicht planbar, und freie Zeit muss schlicht zur Residualkategorie schrumpfen.

Das Stichwort Flexibilität trifft auch auf den Arbeitsort zu. Es gibt kaum Film- und Fernsehschaffende, die es sich leisten können, nur Filme im Umkreis des Wohnortes anzunehmen. Räumliche Flexibilität stellt ein Muss dar. Reisen haben dabei zwei Seiten: Sie gelten für manche als Anreiz, als ein "Kick" ihrer Arbeit; gleichzeitig führen sie zu Problemen mit der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben. Mit Ausnahme reiner Studioaufnahmen wechselt der Arbeitsort während eines Projekts häufig. Gedreht wird an jedem nur erdenklichen Ort. Gerade Außendreharbeiten gehen mit Belastungen einher. Nicht nur, dass manchmal keine Toilette vorhanden ist, die Film- und Fernsehschaffenden sind auch den Witterungsbedingungen wie Kälte, Hitze, Wind und stundenlangem Regen relativ schutzlos ausgesetzt.

Der Tagesverdienst der Film- und Fernsehschaffenden kann recht beeindruckend sein, wenn man bedenkt, dass zweite KamerassistentInnen bei einer Werbefilmproduktion bis zu 250 Euro am Tag verdienen. Allerdings werden sie dafür länger als acht Stunden gearbeitet haben und müssen davon auch die Ausfallzeiten überbrücken. Analog zu den Arbeitszeiten ist auch das Einkommen der freien Film- und Fernsehschaffenden ungewiss und sehr flexibel, denn ein festes Monatsgehalt beziehen sie nicht. Die im geltenden Gagentarifvertrag angeführten Tages- und Wochengagen dienen in der Regel nur als Anhaltspunkt. In der Praxis ist die Höhe des Entgelts Verhandlungssache, wobei aufgrund der Arbeitsmarkt- und Auftragslage sowie der häufig gegebenen Austauschbarkeit die Verhandlungsmöglichkeiten der Film- und Fernsehschaffenden darauf beschränkt sind, den Job anzunehmen oder abzulehnen. Die Verdienstmöglichkeiten variieren nicht nur nach Tätigkeit, sondern auch nach den jeweiligen Produktionen. Spitzenreiter ist der Werbespot, der am besten bezahlt wird, am unteren Ende findet sich der Dokumentarfilm sowie künstlerisch ambitionierte Produktionen, bei denen oft nicht mal die Tarifgage gezahlt wird (werden kann).

Das Jahreseinkommen differiert stark innerhalb der unterschiedlichen Tätigkeitsfelder. Insgesamt ist es jedoch relativ gering. Um finanzielle Durststrecken überbrücken zu können, haben viele ein zweites Standbein, sei es, dass sie Taxi fahren, als Kellner arbeiten oder nebenbei noch als Fotografin oder Musiker tätig sind. Viele können die Tätigkeit in der Branche über längere Zeit hinweg nur mit finanzieller Hilfe und Unterstützung ihrer Familien oder ihres festangestellten Partners bzw. Partnerin ausüben. Sehr häufig ist allerdings der Gang zum Arbeitsamt, der in diesem flexiblen Projektgeschäft das unverzichtbare Auffangnetz bietet und all denjenigen prinzipiell offen steht, die einen regulären, aber auf Projektdauer befristeten Arbeitsvertrag haben (ca. 90% der Crew).

Beanspruchungen und Belastungen

Physische und psychische Belastungen stellen in der Wahrnehmung der Film- und Fernsehschaffenden ein zentrales Problem ihrer Arbeit dar, sie werden als Raubbau an den Kräften wahrgenommen. Entgegen den Vorstellungen, die mit moderner Dienstleistungsarbeit oder mit einem "Glamourberuf" oft verbunden werden, handelt es sich vor allem in den Bereichen von Kamera und Licht auch um körperliche Arbeit. Tonnenweise muss technisches Equipment aus- und eingeladen, um- und abgebaut werden. Rückenbeschwerden bis hin zu arbeitsbedingten Bandscheibenvorfällen sind keine Seltenheit. Als anstrengend wird auch der Turnus von Phasen der Konzentration und sehr langen Wartezeiten wegen Umbauten oder Wiederholungen von Szenen geschildert. Belastungen resultieren weiterhin aus dem Arbeitsort und den Witterungsbedingungen, den überlangen und unregelmäßigen Arbeitszeiten sowie dem permanenten und extremen Zeitdruck. Oft wird den Film- und Fernsehschaffenden während der Drehphasen noch nicht einmal die Gelegenheit zum regelmäßigen Essen gewährt. Indikator für die Belastungssituation ist, dass eine kontinuierliche Beschäftigung den Film- und Fernsehschaffenden unter diesen Bedingungen kaum möglich erscheint. Eine Phase der (unbezahlten) Regeneration nach Beendigung der Dreharbeiten wird als unerlässlich angesehen, um sich von den Strapazen zu erholen.

Zusätzlich stellen die Unsicherheiten, die sich aus der Situation als Freie MitarbeiterIn ergeben, eine permanente Belastung dar. Sie alle haben kein unbefristetes Arbeitsverhältnis und kein kontinuierliches Einkommen. Wann ihr nächstes Projekt sein wird, wann sie wieder Geld verdienen werden, ist meist ungewiss. Vor allem die finanzielle Unsicherheit führt bei manchen Personen zu Existenzdruck und Existenzängsten: "Warum ruft mich niemand mehr an?" - "Bin ich nicht gut genug?" - "Kenne ich nicht die richtigen Personen?" - "Werde ich meine Miete bezahlen können?" Dies sind handfeste Sorgen, die viele der Film- und Fernsehschaffenden haben.

Tabuthema Krankheit

Ein Ausdruck für die erlebte Unsicherheit vieler Film- und Fernsehschaffenden ist die Tabuisierung von Krankheit und Alter. Während der Dreharbeiten gilt das Motto "Kranksein, das gibt es nicht" - zumindest nicht während des Projekts. Ansonsten stellt Krankheit für viele eine bedrohliche Risikolage dar und das nicht ohne Grund. Zitate wie: "Da schaut es ganz finster aus", "Das gibt es einfach nicht, krank sein", oder: "Was ich gerne verdränge, ist natürlich die absolute Unsicherheit dessen, was ist, wenn du mal ernsthaft krank wirst. Also, das ist dann in der Tat bedrohlich", sind Ausdrücke dafür, dass sie über keine wirkliche Vorsorge verfügen.

Eine weitere Unsicherheit ist in dieser Branche das Alter bzw. das Älterwerden. Für viele stellt sich die Frage, wie lange sie den Anforderungen gewachsen sein werden - wie lange sie die Leistungsanforderungen noch erfüllen können bzw. noch zu erfüllen bereit sind. Der in der Branche ausgeprägte Jugendkult, bei dem "Hip-Sein" und "die richtige Sprache sprechen" oft mehr zählt als Erfahrung, verschärft diese Situation. Problematisch ist auch das Thema Altersversorgung. Aufgrund ihres unregelmäßigen Arbeitens können nur die wenigsten auf eine halbwegs erträgliche gesetzliche Rente blicken. Häufig werden Lebensversicherungen abgeschlossen, die aufgrund der unregelmäßigen Einkommenssituation wiederum nur kleinere Beträge umfassen können. Auch hier wird auf die Hilfe der Partnerin oder des Partners zurückgegriffen werden müssen, oder die Altersversicherung wird an der Lebenserwartung der Eltern kalkuliert - oder es wird einfach verdrängt und auf die Solidargemeinschaft vertraut.

Fehlen kollektiver Mitbestimmungsstrukturen

Das Feld der AV-Medien ist, bis auf die Rundfunkanstalten und die größeren Produktionsfirmen, weitgehend "frei" von kollektiven Mitbestimmungsstrukturen. Sie wirken hier meist nur indirekt. Allerdings führt dies gerade nicht zu einer vermehrten Selbstbestimmung. Oder wenn man so will: Die Formel "Selbstbestimmung ersetzt Mitbestimmung" greift hier nicht.

Was sich zeigt, ist eine Entsolidarisierung unter den Film- und Fernsehschaffenden. Die allermeisten sind nicht in der Lage, ihre Interessen selbst durchzusetzen. Die Gründe hierfür sind die mit dem Beschäftigungsstatus einhergehende Unsicherheit und fehlende Absicherung sowie die prinzipielle Austauschbarkeit der Personen. Im Konkurrenzkampf unter den KollegInnen kommt es zu einer Abwärtsspirale, in der Schmutzkonkurrenz und Preisdumping zunehmen und eine immer weitergehende Entsolidarisierung bewirken.

Bei vielen Film- und Fernsehschaffenden hat sich ein gewisser Fatalismus hinsichtlich der Gestaltbarkeit ihrer Arbeits- und Leistungsbedingungen ausgebreitet. Obgleich sie die Gewerkschaften nicht ablehnen, ist ihre Haltung zu ihnen davon geprägt, dass diese ebenso wie Berufsverbände und auch informelle kollektive Vereinbarungen an der Realität weitgehend gescheitert sind.

Wenn Betrieb und Festanstellung als zentrale Merkmale abhanden kommen, findet sich hier im Feld der AV-Medien eine Vielzahl atomisierter EinzelkämpferInnen. Der Wunsch nach Solidarität scheitert oftmals daran, dass sie in Konkurrenz zueinander stehen, wenn es um die Vergabe von Projekten geht. Und gerade im Falle einer Krise steht sich jedeR selbst am nächsten.

Neue Ökonomie der Unsicherheit

Das weitgehende Fehlen traditioneller Betriebs- und Beschäftigungsformen, die Arbeit in Netzwerken und deren oft informelle Basis sowie der Mythos einer "Kreativbranche" machen die Medienbranche und die Arbeit in der Medienbranche zu einer Art "Prototyp" moderner Dienstleistungsarbeit. Ein Blick hinter die Kulissen der Arbeit der Film- und Fernsehschaffenden offenbart allerdings einen starken Kontrast zu dieser weit verbreiteten Vorstellung.

Bei vielen Film- und Fernsehschaffenden besteht ein Widerspruch zwischen ihrer tagtäglich gelebten Situation und ihrem Arbeits- und Lebenskonzept. Begriffe wie Selbstbestimmung, Autonomie und kreative Verwirklichung prägen ihre Ansprüche an Arbeit und Leben. Für viele der Film- und Fernsehschaffenden ist die prinzipielle Freiheit, Arbeitszeiten und -orte selbst zu bestimmen, mit verschiedenen Menschen in wechselnden Tätigkeiten und Zusammenhängen zusammenzuarbeiten, ein wichtiger Antriebsfaktor, z.T. war dies sogar ein zentrales Motiv für den Einstieg in die Branche. Sie grenzen sich hierbei bewusst gegenüber der Vorstellung eines "Normalarbeitsverhältnisses" ab. Für viele der Film- und Fernsehschaffenden soll die Arbeit in dieser Branche, die Flair und Faszination transportiert, weit mehr als nur Erwerbsarbeit sein. Sie soll zugleich Hobby sein, Spaß machen und Raum für Selbstverwirklichung bieten.

Ausgehend von diesen Motiven bietet die Tätigkeit als freier Film- und Fernsehschaffender viele Aussichten, diese Ansprüche zu realisieren. An Vorteilen werden genannt: die spezielle Teamtätigkeit, das Reisen, die ständige Abwechslung, eben kein "Normalarbeitsverhältnis" zu haben, das Hobby zum Beruf zu machen, die Möglichkeit der kreativen Selbstverwirklichung, der Traum vom Film oder auch schlicht die Zugehörigkeit zur Medienbranche.

Diese positiven Bewertungen der Arbeits- und Lebenssituation bestehen weiterhin. Sie werden allerdings zunehmend durch negative Erfahrungen überlagert. Die Arbeits- und Leistungssituation wird von der überwiegenden Mehrzahl der Film- und Fernsehschaffenden als unfair, teilweise als "Kohlengrube des 19. Jahrhunderts", "Sklaverei", "Sittenwidrigkeit" oder "Ausbeutung" bezeichnet. Unter dem zunehmenden Druck der wirtschaftlichen Krise in der Branche führen die Merkmale moderner Dienstleistungsarbeit zu einer "neuen Ökonomie der Unsicherheit". Unter diesen Bedingungen geraten die von Selbstbestimmung und Autonomie geprägten Arbeits- und Lebenskonzepte der Film- und Fernsehschaffenden in einen Widerspruch zur realen Arbeits- und Leistungssituation. Diesen Widerspruch wiederum können viele unter den gegebenen Bedingungen nicht positiv auflösen. Bar jeglicher Mittel ihre Interessen durchzusetzen, drohen sie in den Strudel einer Abwärtsspirale zu geraten. Wohin das führt, wagen wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu prognostizieren. Unsere These ist, dass genau die Merkmale moderner Dienstleistungsarbeit, welche in der Phase des Booms durchaus Chancen auf die Verwirklichung der Arbeits- und Lebensansprüche enthielten, in der Phase der Krise ihr destruktives Potenzial entfalten. Es scheint, als führte der Weg in die Zukunft geradewegs in die Vergangenheit.

Anmerkungen

1) Unsere Ausführungen basieren auf einem empirischen Forschungsprojekt im ISF München, das die Arbeits- und Leistungsbedingungen im Bereich AV-Medien zum Gegenstand hat. Das Forschungsprojekt ist Teil des vom BMBF geförderten Verbundvorhabens Dienst-Leistung(s)-Arbeit - Arbeit, Leistung und Interessenhandeln in der "tertiären" Organisation.

2) Pätzold, U./Röper, H.: Fernsehproduktionsvolumen in Deutschland 1998 - FORMATT-Studie über Konzentration und regionale Schwerpunkte der Auftragsproduktionsbranche. In: Media Perspektiven, Jg. 1999, H. 9, S. 447-468, S. 447

3) Schröder, J.: Rechtliche Grenzen von Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Eigenwerbung bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. In: ZUM, Nr. 1, 2000, S. 6-11, S. 6

4) Sydow, J./Windeler, A.: Projektnetzwerke: Management von (mehr als) temporären Systemen. In: Engelhard, J./Sinz, E. J. (Hrsg.): Kooperation im Wettbewerb - Neue Formen und Gestaltungskonzepte im Zeichen von Globalisierung und Informationstechnologie, Wiesbaden 1999, S. 213-235

5) Schneider, B. (2001): Freie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In: Deutscher Journalisten-Verband e.V. (Hrsg.): Von Beruf Frei - Der Ratgeber für freie Journalistinnen und Journalisten, Bonn, S. 257-294, S. 259


Kira Marrs und Dr. Andreas Boes arbeiten als SozialwissenschaftlerInnen im Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München (www.isf-muenchen.de )

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