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Klaus Holzkamp

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Fundamentalismus in Europa

15.07.2003: Eine Skizze

  
 

Forum Wissenschaft 3/2003

Obwohl "Fundamentalismus" meist in "rückständigen" außereuropäischen Gesellschaften verortet und in der Regel mit außenpolitischen Feindbildern verknüpft wurde, wird er gegenwärtig auch in seiner christlich-katholischen Ausprägung wieder vermehrt diskutiert. Das Kursbuch 149 befasst sich mit den Kirchen und auch einige Verlage haben jüngst dazu lesenswertes veröffentlicht.1 Neben einer Definition des Fundamentalismus liefert Hermann Reiter einen unfrommen Blick auf seine Geschichte in Europa.

Die christlichen Gesellschaften bzw. Kirchen Europas, vor allem deren historisch älteste Version, der Katholizismus, haben - wenn auch in abgeschwächter Form - dieselben Prozesse durchlaufen wie derzeit die islamischen Gesellschaften bzw. der Islam. Ausgelöst wurde der Fundamentalismus in beiden Fällen durch eine heftige Konfrontation mit der kapitalistischen Moderne bzw. mit laizistischer Vorherrschaft. Das war in Europa die Französische Revolution von 1789. Die anschließende Reorganisation des kirchlichen Lebens ab 1814/15 geschah unter Verwendung moderner, revolutionär scheinender Mittel und Theorien, aber im Geist der Gegenmoderne und hatte eine fundamentalistische Tendenz. Dass der europäische Fundamentalismus nicht zu herrschender Stellung aufsteigen konnte, zwang ihn zu ideologischen und politischen Anpassungsbemühungen und führte dazu, dass er immer nur in unterschiedlichen Phasen und Maßen Einfluss auf Einzelpersonen und die Gesamtkirche gewinnen konnte. Das ist aber kein Grund, ihn zu übersehen, zumal er eben nicht Randerscheinung war, sondern auf zentralen Stellen der Hierarchie aufruhte und eine ganze Epoche der Kirchengeschichte, nämlich von der Wiedereinsetzung des Papsttums durch die Restauration im Jahre 1814 bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) wesentlich bestimmte. Vor allem im Vormärz war sein Einfluss groß, und es ist auch eine Folge der Revolutionen von 1848, dass diese Entwicklungsvariante für Europa nicht dominant wurde.

Was ist Fundamentalismus?

Es ist den im Dienste der Kirche stehenden Historikern sowie ihren weltlichen Sympathisanten weitgehend gelungen, die Entwicklung der christlichen Kirchen nach 1789, vornehmlich der katholischen, als eine von demokratischen und sozialen Impulsen vorangetriebene Erfolgsgeschichte darzustellen und über die Schulbücher dem allgemeinen Bewusstsein einzuprägen. Sie wurde auch dazu verwendet, eine demokratische Vorgeschichte der nach 1945 entstandenen C-Parteien zu entwerfen und damit eine der Gründungslegenden für Nachkriegsdeutschland zu schaffen.

Als der Sturz des Schahregimes den Fundamentalismus zum allgemeinen Thema machte und gleichzeitig im Katholizismus vorkonziliares Denken zurückkehrte, brachte ein Text von Christoph Weber zum ersten Mal Katholizismus und Fundamentalismus thematisch zusammen.2 Weber belegte den vorkonziliaren Katholizismus mit dem Begriff "Ultramontanismus", definierte ihn anhand von zwölf Begriffen bzw. Begriffspaaren (Traditionalismus, Autoritarismus, Religiöser Fanatismus, Historischer Dualismus, Ökonomischer Romantizismus, Antifeminismus/Antisexualismus, antidemokratische Ideologie, Ablehnung der modernen Wissenschaft, Ritualismus, Mystizismus, reaktionäre Kunstgesinnung, Historismus/generelle Orientierung an Vergangenem) und identifizierte ihn mit Fundamentalismus. Spätere Untersuchungen aus dem innerkatholischen Lager bestätigten Weber.3

Wer als Heranwachsender den vorkonziliaren Katholizismus erlebt hat, wird Weber nicht widersprechen - was nicht heißt, dass Webers Definition ausreichend ist. Weber klammert in seiner Darstellung und Begriffsbildung die politische Dimension weitgehend aus; es gibt Arbeiten, die in dieser Hinsicht weiter sind.4 Nur bedarf es allmählich einer konsequenten Auswertung und Zusammenführung dieser Ansätze.

Ohne in extenso wissenschaftliche Begriffsbildung vorzuführen, soll Fundamentalismus hier als ein durch eine stark irrationalistisch ausgeweitete religiöse Ideologie und durch feudalistisch-vormoderne Gesellschaftsvorstellungen zusammengehaltenes, tendenziell aggressives Bündnis verschiedener, sozial absteigender Schichten gegen die maßgeblichen kapitalistischen Schichten verstanden werden, das durch eine dramatische Enttäuschung an der Moderne zustandekommt. Folgende Gesichtspunkte sind in dieser Definition wesentlich: Zeitgebundenheit (Reflex auf Frz. Revolution) (1), politische Funktion (2), soziale Trägerschaft (Modernisierungsverlierer) (3) und Intensität (Gewaltsamkeit) der Bewegung (4).

Säkularisation und Gegenbewegung

Im europäischen Feudalismus/Mittelalter bestanden zwei politische Systeme nebeneinander, ein klerikales und ein laizistisches. Ersterem fiel zunächst die Vormacht zu, aber innerer Verfall und Spaltungen (Reformation) schwächten es, während das laizistische Element seine Macht vermehrte. Unmittelbar aus den sogenannten Glaubenskriegen heraus entstand die Lehre von der staatlichen Souveränität, die es den von Laien getragenen (National-)Staaten erlaubte, in die äußeren Verhältnisse der Kirchen einzugreifen; entsprechend ihrer Verfassung (Absolutismus) war dieser Eingriff autoritär ("Staatskirchentum"). Schließlich setzte sich 1789 in Frankreich das laizistische System endgültig und vollständig durch, Staat und Kirche wurden getrennt, die Kirche erhielt den Status eines Vereins neben anderen. Die damaligen Päpste (Pius VI., Pius VII.) wurden Gefangene Napoleons, Papsttum und Kirche schienen vernichtet. In Deutschland beendete die Säkularisation von 1803 die unmittelbare weltliche Herrschaft der katholischen Kirche und verkleinerte ihren Besitz beträchtlich.

In Frankreich begann auch der Wiederaufstieg der katholischen Kirche. Die nachrevolutionären Regimes (ab 1794) schonten die Kirche, Napoleon benutzte sie für seinen Aufstieg und garantierte ihren Bestand durch ein Konkordat. Alte gegenrevolutionäre Strömungen, die sich 1793 mit dem Ruf "… es leben die Adeligen und die Priester" gegen die Revolution gestemmt hatten und sich auch postum nicht aussöhnen wollten, fanden unter ihrem schützenden Dach mit radikal-klerikalen Strömungen zusammen. Gegenüber den Unwägbarkeiten der nationalen Politiken sahen diese Kreise das Papsttum als Stütze der Kirche;5 die Orientierung auf das jenseits der (Alpen-)Berge (= ultra montes) liegende Rom gab der Bewegung den Namen ("Ultramontanismus"), der auch für Deutschland passte.

In Deutschland fand der Kampf eines Teils des Klerus gegen die Säkularisation Unterstützung in der Bevölkerung. Die Zeit der Revolution (1789-1814) war für die große Masse der Bevölkerung ein einziges soziales Desaster mit unausgesetzter Bedrohung der sozialen und physischen Existenz. Die Säkularisation vermehrte die Leiden: Die Kirche war ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gab neben dem zahlreichen Klerus einer Menge Leute - Tagelöhner, Handwerker - Arbeit und Brot. Die rüde und größtenteils unproduktive Beseitigung dieses sozialen Gemenges durch die Säkularisation kam einem sozialen Kahlschlag gleich, der die Betroffenen den Ideen der Revolution entfremdete und die in Napoleons Namen tätigen Reformregimes den Leuten verhasst machte. Zum vorsäkularen kirchlichen Sozialbiotop gehörten auch jene paar hundert Adelsfamilien, die ihre nachgeborenen Söhne und Töchter jahrhundertelang im gehobenen kirchlichen Dienst untergebracht hatten. Sie alle zusammen machten jene Erfahrung, die Werner Ruf6 als Auslöser des heutigen, islamischen Fundamentalismus ausgemacht hat: Die bürgerlich-demokratische Modernisierung nutzt nur einer kleinen Schicht, während allgemein die Folge der Revolution und des sie begleitenden Atheismus (bzw. der Minderung des kirchlichen Einflusses) Verelendung ist. Am deutlichsten trat die Abneigung hervor, wo die bürgerlich-demokratische Revolution in Gestalt von Okkupationstruppen daherkam, wie in Spanien (1808) und Tirol (1809 ff.). Hier bildete der Klerus eine Triebkraft des (nationalen) Widerstands, und unter der Hand entstand eine Art von theokratischem Regime mit aggressiver Einstellung gegen die laizistische Moderne. Die romantischen Intellektuellen, meist gewendete Aufklärer, bestärkten mit ihren geradezu epidemischen Konversionen das gewöhnliche Volk ideologisch. So entstand bereits im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ein Bündnis aus konservativen Intellektuellen sowie Revolutions- und Säkularisationsgeschädigten aller sozialen Schichten als Grundlage einer fundamentalistischen Bewegung.

Entwicklung in Deutschland

In Deutschland hatte die Säkularisation keine Trennung von Kirche und Staat mit sich gebracht, in Verbindung mit der staatlichen Bürokratie hatte die Kirche immer noch eine einflußreiche, offizielle Position, und der verbleibende, keineswegs karge Besitz war eine wesentliche Voraussetzung, dass sich gerade in Deutschland (anders als in Frankreich) eine starke politische Organisation (Partei) des Katholizismus herausbildete und über die Monarchie hinaus halten konnte.

Eine der Schlüsselfiguren der weiteren Entwicklung ist Joseph Görres (1776-1848). Als nach Jahren exaltiertester Revolutionsbegeisterung der Staatsstreich Napoleons (1799) die Karriere des gebürtigen Koblenzers beendete, wandelte er sich innerhalb weniger Tage in einen deutschtümelnden Reaktionär; die Romantik nahm ihn umgehend in ihre Arme. Dann kam für Görres die Chance seines Lebens: Er erhielt nach Napoleons Niederlage bei Leipzig (Oktober 1813) die Erlaubnis, eine Zeitung herauszugeben, und so erschien ab Januar 1814 sein Rheinischer Merkur, eine der bekanntesten und wirkungsvollsten deutschen Zeitungen, in der Görres einen aggressiven Nationalismus innerhalb eines militant gegenrevolutionären Geschichtsbildes vertrat. Er stellte sich darin auch gegen die Abmachungen des Wiener Kongresses (1814/15), der Frankreich wieder in den Kreis der europäischen Mächte aufnahm und die von der Französischen Revolution bewirkten Veränderungen nicht völlig rückgängig machte. Görres stand damit ideologisch schon deutlich jenseits der gewöhnlichen Romantik, die sich mit Wien abfand; politisch trennte er sich damit auch von Österreichs Metternich und mehr noch von der eigenen preußischen Regierung (Hardenberg), die 1816 seine Zeitung wegen der von ihr verursachten außenpolitischen Querelen verbot.

Im (durch den Wiener Kongress zu Preußen geschlagenen) Rheinland hatten Säkularisation und von Napoleon veranlaßte Reformen tiefe Spuren hinterlassen. So gab es hier eine Menge Missvergnügter edlen Standes und frommen Gemütes, die in der neuen preußischen, überwiegend mit Protestanten besetzten Verwaltung einen bösen Traum und in den traditionellen regionalen Ständeversammlungen das beste Mittel sahen, den gewohnten politischen Einfluss zu wahren. In Kontakt mit diesen Kreisen arbeitete Görres eine Petition um Einführung einer ständischen Verfassung aus. Mit einer Delegation, die, zum Inhalt passend, in symbolischer Verkleidung als "Lehr-, Wehr- und Nährstand" auftrat, übergab er sie am 15. Januar 1818 dem preußischen Staatskanzler Hardenberg. Nur scheinbar steht Görres dabei mit dem damals weit verbreiteten Wunsch nach Verfassungen (preußisches Verfassungsversprechen von 1815!) in Einklang. Görres’ gereimter Feudalismus war ausgesprochen reaktionär; mit dem Lehrstand war vor allem der Klerus gemeint, dem das Unterrichtswesen zufallen sollte - der Wegweiser war hier schon sehr deutlich in Richtung Fundamentalismus aufgestellt. Hardenberg, der selber gegen große Widerstände auf eine reformiert-monarchische Verfassung hinarbeitete und Görres’ Veranstaltung als ausgesprochen störend empfand, schickte deshalb Görres die Polizei auf den Hals - wobei der Verfolger historisch gesehen weiter war als der Verfolgte. Görres antwortete mit dem Pamphlet "Teutschland und die Revolution" (1819), der ersten Manifestation des Fundamentalismus in Deutschland. Der wie eine Predigt fast nur aus Metaphern biblischer Herkunft bestehende Text beschwört eine desaströse, zur Revolution drängende Gegenwart, der er als Heilmittel die Losungen der Koblenzer Petition bei deutlicher Ausweitung des kirchlichen Einflusses verordnet. Der Text unterscheidet sich grundsätzlich von den übrigen romantischen Texten durch die schroffe, revolutionär scheinende Wendung gegen die "Regierungen", denen pauschal alle Schuld an der desolaten Lage gegeben wird. Der Widerspruch von "revolutionärer" Analyse und grotesk reaktionärem Lösungsvorschlag machte noch den HistorikerInnen in Ost (DDR) und West zu schaffen. Aus unterschiedlichen Gründen nahmen sie in ihrer Not meist nur die scheinbar revolutionäre Seite zur Kenntnis. Doch gehören beide Seiten zusammen, beide richten sich gegen die neuzeitlichen (laizistischen) Staatsbürokratien, die den traditionellen Ständen, insbesondere der Kirche, immer mehr Aufgaben wegnehmen; insbesondere zielen sie gegen Preußen, das grundlegende Anliegen der Moderne (religiöse Parität, Judenemanzipation und Entfeudalisierung) bereits stärker berücksichtigt hatte als jeder andere deutsche Staat. Görres war mit dieser Schrift mit Sack und Pack ins ultramontane Heerlager, also zum kämpferisch-reaktionären Katholizismus, übergelaufen.

Liberales Image

Nachdem Görres Preußen verlassen musste, fand sich in Bayern einflussreiche Hilfe. In Würzburg hatten sich 1812 die "Konföderierten" zusammengefunden, die in ihrer Denkschrift an den Wiener Kongress 1814 ähnliche Vorstellungen wie Görres vertraten. Diesem Kreis gelang es, auf den bayerischen Kronprinzen Ludwig (1786-1868) Einfluß zu gewinnen, der immer auf der Suche nach populären Varianten der Restauration war (was von vielen Zeitgenossen und Historikern als Liberalismus missverstanden wurde/wird). Ihn faszinierte die hinter Görres’ revolutionärer Attitüde aufscheinende fundamentalistische Vision eines von der Religion befriedeten Volkes. Görres erkannte seinerseits den Wert der Verbindung und richtete beim Regierungsantritt (Ludwig I., 1825-1848) an den neuen bayrischen König eine öffentliche Denkschrift, er möge dem Beispiel seines Vorfahren Kurfürst Maximilian I. (1597-1651) - eines gegenreformatorischen Fanatikers, der sein Land unter Vorwand religiöser Motive in den Dreißigjährigen Krieg hineinzog - folgen; weiter heißt es darin, die Kirche sei Hort der Freiheit und stabilster Pfeiler der sozialen Ordnung, ein starker König solle sie schützen und ihre Entfaltung zulassen. Ludwig berief den berühmten Mann bald (1827) an die 1826 neugegründete Universität München. Görres war an strategisch wichtiger Stelle angekommen, hier konnte er (mit Unterstützung des bayerischen Königs) einen Kreis Gleichgesinnter um sich sammeln und Verbindungen über ganz Deutschland hinweg halten, auch nach Wien und vor allem nach Rom.

Der seit 1814 wieder in Rom amtierende Papst betrachtete sich gemäß mittelalterlicher Doktrin noch immer als Herrn der Welt. Indem er den Kirchenstaat vollständig auf vorrevolutionären Stand brachte, schuf er faktisch ein theokratisches Regime im Geiste tiefster politischer und theologischer Reaktion. In Zusammenwirken mit lokalen Kräften in den europäischen Staaten beseitigte Rom die Reste der aufgeklärten Reformtheologie (nationalkirchlich-konziliare Bewegungen, Antizölibatsbewegungen usw.), bei Stellenbesetzungen wurden "römisch" (ultramontan) gesinnte Kandidaten vorgezogen.

Trotz der unverkennbar reaktionären Tendenz seiner Entwicklung, die Papst Gregor XVI. (1831-1846) in der Enzyklika "Mirari vos" (1832) programmatisch herausstellte, und des offenkundigen Zusammengehens mit Metternich gelang dem Katholizismus, durch den Anschluss an nationale Unabhängigkeitsbewegungen ein liberales Image zu erwerben. Es fiel ihm dies um so leichter, je mehr kirchenpolitische Motive dafür sprachen und je weniger die gesellschaftspolitischen Vorstellungen der Aufständischen dem eigenen Weltbild widersprachen.

Das war vor allem in Irland der Fall, wo der Kampf um die Unabhängigkeit auch den Einfluss der anglikanischen Kirche schwächte, während die ursprünglichen antifeudalen Tendenzen längst verschwunden waren. Die unter Führung von Daniel O’Connell (1775-1847) herbeigeführte staatsrechtliche Gleichgestellung der Katholiken ("Katholikenemanzipation" 1829) betrachtete man katholischerseits nicht so sehr als Schritt zum paritätischen Staat und konfessionellen Frieden, sondern zur Herstellung eines Territoriums mit absoluter katholischer Dominanz und mit Modellcharakter für ganz Europa. Die Folgen sind bekannt. Auch in Polen war der Klerus immer eine Stütze der nationalen Selbstbehauptung gegenüber Russland (orthodoxe Kirche) wie gegenüber Preußen (prot. Kirche), was ihn das Ansehen freiheitlich-revolutionärer Gesinnung eintrug, während in Wirklichkeit in allen diesen Fällen ziemlich altertümliche gesellschaftliche Verhältnisse verteidigt wurden. 1830 gelang es der klerikalen Bewegung, das überwiegend katholische Belgien, das vom Wiener Kongress 1814/15 den protestantischen Niederlanden zugeteilt worden war, von den Niederlanden loszureißen und mit einer vielgerühmten Verfassung zu versehen. Die anfängliche Zusammenarbeit zwischen belgischen Klerikalen und Liberalen zerbrach bald an der inneren Unvereinbarkeit der beiderseitigen Zielsetzungen, der Nimbus der Freiheitlichkeit aber blieb den Klerikalen.

Doch schien wenigstens in Frankreich Hugo-Félicité-Robert de la Mennais (1782-1854) ein festes Bündnis zwischen Liberalismus und Katholizismus herzustellen. Im Urteil über seine frühe Phase ist man sich allseits einig,7 seine Exkommunikation durch den reaktionären Gregor XVI. und sein unbestreitbarer Einfluss auf die junge demokratisch-sozialistische Bewegung8 scheinen für eine liberale Weltanschauung zu sprechen. Doch führen Beobachtungen an späteren Texten zu dem Schluss, der Verfasser habe darin nur in neuen Worten und Formen die alten Ziele angestrebt. Heinrich Heine warf dem "furchtbaren Priester" Lamennais (so schrieb er seit 1834 seinen Namen) und seinen Anhängern vor, sie läsen "Messe in der Sprache des Jakobinismus"9. Der meist als Beleg für de la Mennais’ Liberalismus herangezogene Grundsatzartikel im L’Avenir10 instrumentalisiert die üblichen liberalen Forderungen (Freiheit der Religion, des Unterrichts, der Presse, der Vereinigung usw.) zu ausgesprochen reaktionären Zwecken.

Katholische Soziallehre

Franz von Baader (1765-1841), ein Philosoph aus Görres’ engstem Freundeskreis in München, "übersetzte" Lamennais ins Deutsche. Wie sein Gewährsmann Lamennais hatte Baader die Aufstände der Lyoner Seidenweber (1831 und 1834), die ersten großen Arbeiteraufstände des industriellen Zeitalters, als etwas Neues, weit über gewöhnliche Armutsrevolten Hinausgehendes erkannt und in der Schrift "Über das dermalige Mißverhältnis der Vermögenslosen oder Proletairs zu den Vermögen besitzenden Klassen der Societät" (1837) seine Eindrücke verarbeitet. Baader schlug darin vor, die Arbeiter sollten zu von Priestern geleiteten Korporationen zusammentreten und von Priestern in den Landtagen vertreten werden. Häufig wird diese Broschüre als Ausgangspunkt der katholischen Soziallehre bezeichnet: Tatsächlich beginnen ab hier - vergleichbar mit den Wohltätigkeitsvereinen der islamischen Staaten von heute - die großflächigen Versuche reicher Konservativer, durch Wohltätigkeitsorganisationen (Vinzenz-, Elisabethvereine, Orden, Bruderschaften) die Unterschichten für sich zu mobilisieren.

Die Lehren von Lamennais/Baader wurden in einer Vielzahl von Broschüren und Zeitungen popularisiert. Es gab in den 1930er Jahren eine breite theokratisch-fundamentalistische Bewegung, deren führende Köpfe an eine "Irlandisierung" Europas glaubten. Als entwickelte politische Bewegung verfügte sie über eine umfassende Ideologie. Dieser zufolge begann die Menschheit mit der Reformation vom göttlichen Heilsplan abzuweichen und auf den Irrweg der Revolutionen zu kommen. Revolution war in dieser Auffassung der die Kirche knechtende fürstlich-laizistische Absolutismus ebenso wie die von den Massen getragene Revolution, während umgekehrt die Revolution durch ihre Maßnahmen gegen die Kirche ebenso Despotismus war wie der frühere Absolutismus; beide erzeugten den "modernen Staat", der die Freiheit vernichte. Der Liberalismus sei die letzte vorläufige Stufe dieser Entwicklung, aber er werde unweigerlich in Anarchie und Kommunismus abgleiten und die Menschheit ins Verderben stürzen. Nur die Kirche könne die wahre Freiheit und die göttlich-natürliche Ordnung wiederherstellen. Und weil solche Gedanken einen gewissen Aufwand an Begründung erforderten, strebte man eine "katholische Wissenschaft" an. So propagierte der Görres-Freund Ringseis - Ludwig Feuerbach verspottete ihn als "Hippokrates in der Mönchskutte" - eine "katholische Medizin", andere lehrten eine katholische Geschichte usw.

Restauration und Revolution

Inzwischen führten in Preußen (Rheinland) die Mischehenfrage zu einer Konfrontation zwischen Staat und Kirche, die schließlich 1837 in einem Eklat endete. Die preußische Regierung ließ den Erzbischof von Köln von der Polizei abführen und auf seinem (adeligen) Familienbesitz in Westfalen internieren ("Kölner Wirren"); im Osten gab es einen Parallelfall. Görres griff in den Kampf mit der Schrift "Athanasius" (1838) ein, die nicht so sehr vom Inhalt her bedeutsam ist, sondern dadurch, dass sie eine bis dahin ungekannte Flut von Kontroversliteratur auslöste. Was Görres hier, untermalt von heftigen Angriffen auf Preußen, forderte, war nicht die Freiheit der Kirche im paritätischen, weltanschauungsneutralen Staat, sondern die mittelalterliche Herrschaft der Kirche. Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu können, sei festgestellt: Der Standpunkt des preußischen Staates in der Sache selbst, der Ehe- bzw. Mischehenfrage steht den heutigen Auffassungen ungleich näher als der Görres’sche, und die Stellung der Katholiken in Preußen war ungleich besser als die der Protestanten in Bayern.

Dass Görres dieses Mal nicht wieder flüchten musste, lag an seinem Landesherrn, dem bayerischen König Ludwig I. Dieser hatte 1837 das Ministerium Karl von Abel (1837-1847) berufen, das im wesentlichen Görres’ Vorstellungen entsprach, indem es das Schulwesen fast völlig dem Klerus auslieferte und sein Möglichstes tat, um den Feudalismus aufrechtzuerhalten; die fundamentalistische Presse (Historisch-Politische Blätter für das katholische Deutschlan; Fränkischer Courier) wurde von ihm großzügig gefördert.

Der Rückgriff Bayerns und Österreichs auf fundamentalistische Politik hatte seinen Grund in dem Abwehrkampf gegen das protestantisch-liberale Preußen, dessen Überlegenheit allmählich sichtbar wurde. Insofern lässt sich Fundamentalismus als vertikales Bündnis der vom modernen Kapitalismus bedrohten Klassen verstehen, bei dessen Erklärung wohl die Theorie der relativen Deprivation nützlich sein könnte.11 Wie im gegenwärtigen islamischen Fundamentalismus sind die sensationsträchtigen Aktivisten nur vorgeschobene Posten eines Netzwerks, dessen Mitte und treibende Kraft traditionelle Monarchien und Machtzentren sind, die am modernen Kapitalismus durchaus partizipieren, dessen gesellschaftliche Verfasstheit aber möglichst traditionell-autoritär gehalten wissen wollen, weil sie ihnen die angenehmste und einträglichste Variante des Kapitalismus einbringt; wo das scheinbar-vordergründige Interesse der Mittel- und Unterschichten in dieselbe Richtung weist, können sie gewaltige Menschenmassen mobilisieren.

Die Kölner Wirren flauten ab, da der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. (reg. 1840-1861), obwohl Protestant, ein inniges Bündnis mit dem Katholizismus suchte. Um mit der fundamentalistischen Propaganda voranzukommen, wurde der Wunderglaube belebt, die Reliquienverehrung forciert, angebliche Marienerscheinungen häuften sich. Die Liberalen waren entsetzt über diesen Auftrieb mittelalterlichen Wahns und betrachteten - nicht zu Unrecht - die Vorgänge als politisch motivierte Mobilisierung des Unterschichten gegen den Liberalismus. Unter der Gegenwehr der Liberalen und dem aufkommenden innerkirchlichen Widerstand (Deutschkatholiken) brach dieser Aufmarsch des Fundamentalismus zusammen. Die Revolutionen von 1848/49 haben dann den Fundamentalismus als politische Macht endgültig zurückgedrängt.

Eine Fortsetzung dieser Skizze des christlichen Fundamentalismus müsste zunächst Pius IX. (1846-1878), einen unappetitlichen Antisemiten und Antiliberalen, mit dem der Fundamentalismus den Papstthron bestieg, behandeln, ferner die um die Jahrhundertwende entstehenden rechtspopulistischen (Lueger-Bewegung) und ständestaatlichen Bewegungen hin zu den klerikalfaschistischen Regimes sowie das problematische Verhältnis des deutschen Episkopats - insbesondere Faulhaber und Bertram - zum Nationalsozialismus.12

Anmerkungen

1) z.B. Reiner Preul: So wahr mir Gott helfe! Religion in der modernen Gesellschaft. Darmstadt 2003, oder Carsten Frerck: Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland, Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2003. Von Herrman Reiter erscheint demnächst: Kirche, Staat und Revolution - Bayern 1948/49, Bonn 2004)

2) Weber, Christoph: Ultramontanismus als katholischer Fundamentalismus, in: Loth, Wilfried (Hg.): Deutscher Katholizismus im Umbruch zur Moderne, Stuttgart- Berlin-Köln 1991 (Konfession und Gesellschaft. Beiträge zur Zeitgeschichte 3) S. 20-45

3) z.B. Matthias Klug: Rückwendung zum Mittelalter? Geschichtsbilder und historische Argumentation im politischen Katholozismus des Vormärz. Paderborn/München/Wien/Zürich 1995. Klug ist als Materialsammlung sehr nützlich. Seine Bewertungen und Folgerungen sind eher apologetisch.

4) Jaeger, Karin: Die Revolution von 1848 und die Stellung des Katholizismus zum Problem der Revolution, in: Huber, Wolfgang/Schwerdtfeger, Johannes (Hg.): Kirche zwischen Krieg und Frieden. Studien zur Geschichte des deutschen Protestantismus, Stuttgart 1976, S. 243-292

5) Joseph de Maistre: Du Pape, 1802

6) Werner Ruf: Der Islam, Feind unserer Zivilisation? in Forum Wissenschaft 1/2002, insbes. S. 27

7) Valerius, Gerhard: Deutscher Katholizismus und Lamennais. Die Auseinandersetzung in der katholischen Publizistik 1817-1854, Mainz 1983 (=Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte: Reihe B, Forschungen, Bd. 39) - Diese in vielem vorzügliche Arbeit eines kath. Ordenspriesters bleibt bei der traditionell katholischen Auffassung eines Wandels in der Weltanschauung des d.l.M., obwohl aus dem von V. aufbereiteten Material hervorgeht, dass es gerade die konservativsten Gruppen des deutschen Katholizismus waren, die sich d.l.M. anschlossen.

8) Wolfgang Schieder: Anfänge der deutschen Arbeiterbewegung, Stuttgart 1963

9) Zum Verhältnis Heine - de la Mennais vgl. den aufschlussreichen Kommentar in der Heine-Ausgabe von Briegleb, Ullstein-Werkausgabe, Bd. 8, S. 708 f., 786 ff.

10) Übersetzung in: Heinz Hürten: Restauration und Revolution im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1981, S. 93-98

11) Ein Überblick bei: Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, München 1987 S. 695-701 - Wehler schlägt diese von W. G. Runciman (Berkeley-Los Angeles 1966) ausgearbeitete Theorie zur Erklärung von Revolutionen vor, ohne allerdings selber davon merklichen Gebrauch zu machen; mir scheint diese Theorie zur Erklärung gegenrevolutionärer Strömungen ungleich tauglicher.

12) Cornwell, John: Hitler’s pope. The secret history of Pius XII., London 1999 (dt: Pius XII.: der Papst, der geschwiegen hat, München 1999)


Hermann Reiter ist Historiker und lebt in Niederbayern.

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