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Klaus Holzkamp

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Kinder vor Ausbeutung und Kinderarbeit schützen

25.11.2010: Und vor der Resignation fragwürdiger Helfer

  
 

Forum Wissenschaft 4/2010

Viele international engagierte zivilgesellschaftliche Organisationen haben sich dem Kinderschutz verschrieben. Über den Weg zu diesem Ziel gibt es Kontroversen. Während die einen für eine stärkere politisch-rechtliche Regulierung der Kinderarbeit im Sinne sozialer und humaner Mindeststandards und in Richtung einer Solidarischen Ökonomie eintreten, fordern andere deren generelles und bedingungsloses Verbot. Dafür argumentieren auch Uta Mader und Jens Wernicke. Die Redaktion stellt beide Positionen in dieser Ausgabe bewusst einander gegenüber.

Es werden 215 Millionen Kinder auf unserer Erde durch Kinderarbeit ausgebeutet.1 Der in der UNO Konvention über die Rechte des Kindes (1989) in Artikel 32 geforderte "Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung" wird täglich in hohem Maße verletzt, vor allem in Entwicklungsländern. Die "volle und harmonische Entfaltung der Persönlichkeit", wie sie in der Präambel der Kinderrechtskonvention gefordert wird, ist bei diesen Kindern empfindlich gestört. Laut Charta der Vereinten Nationen und zugesichert durch die Kinderrechtskonvention haben jedoch alle Menschen die gleichen Rechte. Kinderarbeit verletzt die Menschenrechte.

Das in der Kinderrechtskonvention proklamierte Recht "auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit", Artikel 24, sowie das "Recht auf Bildung" im Artikel 28 werden nicht verwirklicht, wenn Kinder in Kinderarbeit gefangen sind. Die international bekannte Kinderärztin Eva Schmidt-Kolmer schrieb: "Die herrschenden Klassen schaffen zwei unterschiedliche Erziehungssysteme: das eine für die Kinder ihrer Klasse, die darauf vorbereitet werden, führende Positionen in der Produktion und in der Gesellschaft einzunehmen und als Vertreter einer Elite tätig zu werden; das andere für die Kinder der Ausgebeuteten, die auf körperliche Arbeit vorbereitet werden."2

Ausbeutung ist es, wenn Millionen von Kindern Mehrarbeit, d.h. unbezahlte Arbeit für Besitzer von Produktionsmitteln leisten müssen, unter Bedingungen, die von diesen mit dem Ziel, die Kapitalmasse zu vermehren, diktiert werden. Nicht jedes Kind, das arbeitet, wird auch ausgebeutet. Nicht jede Form der Beschäftigung der Kinder muss bekämpft werden. Ob Arbeit zu einem Problem für Kinder wird, hängt von den Auswirkungen auf ihre Entwicklung ab.3

Was ist Kinderarbeit?

306 Millionen Kinder im Alter von 5 - 17 Jahren (rund 20 Prozent dieser Altersgruppe weltweit) sind in Beschäftigung, sie arbeiten regelmäßig. Das wird noch nicht als Kinderarbeit bezeichnet. Ausschließlich die Arbeit, die für Entwicklung und Gesundheit des Kindes schädlich ist, wird vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF und von der Internationalen Arbeitsorganisation (engl. ILO) als "Kinderarbeit" ausgewiesen, das heißt, wenn Kinder entweder unter gefährdenden Bedingungen arbeiten, sie das Mindestalter (i.R. 15 Jahre) nicht erreicht haben oder ihre Schulausbildung empfindlich gestört ist.4 Nach dieser Definition befinden sich rund 70 Prozent der 306 Millionen beschäftigten Kinder (= 215 Millionen) in Kinderarbeit.

Nicht als "Kinderarbeit" angesehen wird hingegen, wenn Jugendliche ab zwölf Jahren einige Stunden pro Woche eine erlaubte, leichte, nicht gefährliche Tätigkeit verrichten, die den Schulbesuch nicht einschränkt, z.B. leichte Arbeit im Haushalt, handwerkliche und landwirtschaftliche Tätigkeiten in der Familie oder Nachbarschaft.

Bei der Bewertung von Kinderarbeit werden Schweregrade unterschieden. Um gezielter die gefährlichen (und schlimmsten) Formen der Kinderarbeit zurückdrängen zu können, wurde im Jahr 1999 das ILO-Übereinkommen 182 verabschiedet.

Leider gibt es aber immer noch 115 Millionen Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre, d.h. über 50 Prozent von den 215 Millionen Kinderarbeitern, die gefährliche und ihre Entwicklung sehr belastende Arbeit verrichten. Bei männlichen Jugendlichen (15 - 17 Jahre) stieg dieser Anteil in den letzten Jahren um auffällige 20 Prozent, insbesondere in Afrika südlich der Sahara.

Für Entwicklung und Gesundheit der Kinder schädliche Arbeit wird auf Plantagen, in Hauswirtschaften, in Fabriken und in Minen verlangt. Aus den Berichten von UNICEF, ILO und Kinderschutzorganisationen geht hervor: Die Kinder heben zu schwere Lasten, hantieren ohne Schutzkleidung mit Chemikalien oder müssen als Dienstmädchen bis zu 16 Stunden am Tag schuften. Sie leben als Straßenkinder oder werden als Kindersoldaten eingesetzt. Kinderarbeiter werden geprügelt, missbraucht, gering oder gar nicht bezahlt. Für den Schulbesuch bleibt häufig weder Zeit noch Kraft. Weltweit sind die meisten Kinderarbeiter in der Landwirtschaft tätig (60 Prozent), es folgt der Dienstleistungssektor (26 Prozent), und in der Industrie sind es 7 Prozent. Besonders extremen Bedingungen sind 8,4 Millionen Kinder unterworfen - als Zwangsarbeiter, Schuldknechte, Kindersoldaten oder Prostituierte. Schätzungen zufolge werden allein in Asien jährlich mindestens eine weitere Million Kinder in die Prostitution gezwungen (UNICEF).

2006 schien ein Durchbruch beim Kampf gegen Kinderarbeit möglich. "Das Ende der Kinderarbeit ist in greifbarer Nähe", schätzte ILO-Direktor Juan Somavia optimistisch ein.5 Am stärksten war die Kinderarbeit in Lateinamerika und der Karibik zurückgegangen. Besonderes Lob wurde China und Brasilien gespendet. Als Problemzonen galten noch Asien, der pazifische Raum ohne China sowie die afrikanischen Länder südlich der Sahara.

Ein visionäres Ziel wurde aufgestellt: alle schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis zum Jahr 2016 zu beseitigen, festgehalten im Globalen Aktionsplan 2006. Auch der Gründungskongress des Internationalen Gewerkschaftsbundes IGB im Jahr 2006 nahm das Ziel der Beseitigung der Kinderarbeit in seine Verfassung und in sein Aktionsprogramm auf.

Eine traurige Bilanz musste jedoch nach 4 Jahren mit dem 3. Gesamtbericht der ILO (2010) gezogen werden: das Tempo der Verringerung habe "infolge des globalen wirtschaftlichen Einbruchs" nachgelassen. Während der Rückgang der Kinderarbeit von 2000 zu 2004 insgesamt 9,5 Prozent betrug, erfreulicherweise zugunsten der jüngeren Kinder und von Kindern, die unter gefährlichen und schlimmsten Arbeitsbedingungen leiden mussten, betrug der Rückgang von 2004 zu 2008 nur noch 3 Prozent. Verstöße gegen die Kinderarbeitsgesetze nehmen, wie in anderen Industrieländern, dabei auch in Deutschland ("Gesetz zum Schutz der arbeitenden Jugend") in den letzten Jahren zu. Vor allem Kinder ethnischer Minderheiten und von Einwanderergruppen haben darunter zu leiden. Die USA haben umfassenden Nachholbedarf, denn sie haben bisher weder die Kinderrechtskonvention noch das Mindestalterübereinkommen unterzeichnet und von den Regelungen, die sich gegen gefährliche Kinderarbeit richten,6 auch noch die Arbeit in der Landwirtschaft ausgenommen.

Ursachen der Kinderarbeit

Krasse materielle Armut in den Entwicklungsländern ist die Hauptursache dafür, dass Kinder ihre Familie durch Erwerbsarbeit unterstützen müssen. Was jedoch löst diesen ständigen Kreislauf von Armut, mangelnder Bildung, Ausgegrenztheit von Minderheiten und unterdrückten Gruppen aus? Wer verursacht die Kriege und Bürgerkriege mit ihren Waisen? Wie kam es zu dieser ungeheuren Verbreitung von Aids, vor allem in Afrika? Eltern gaben bei einer Umfrage an, dass sie ihre Kinder niemals zur (Erwerbs-) Arbeit schicken würden, wenn sie nicht äußerste Not dazu gezwungen hätte (terres des hommes).

Dieser "Ausweg" ist aber für arme Eltern ein zweischneidiges Schwert, denn Kinderarbeit führt umgekehrt zu einem erhöhten Angebot an billigen Arbeitskräften und damit wiederum zu niedrigeren Löhnen für die Elterngeneration.

Die wirtschaftliche Globalisierung, wie sie heute von Konzernen und Banken vorwiegend der Industrieländer betrieben wird, hat verheerende Auswirkungen; sie ist Ursache von Armut und ausbeuterischer Kinderarbeit. Der "Unterbietungskampf", der Drang nach dem "besten Niedriglohnsektor" drückt die Weltmarktpreise z.B. von Rohstoffen, Kaffee, Kakao oder Baumwolle auf ein derartig niedriges Niveau, dass die Bauern in Entwicklungsländern verarmen und die Familien sich nicht mehr ernähren können. Dazu kommen Verwüstungen durch Anlegen von Monokulturen (Soja für die Massentierhaltung in den westlichen Ländern, Pflanzen zur Gewinnung von Biokraftstoffen), Kriegszerstörungen und andere "Segnungen des Fortschritts". Die Zahl der Hungernden ist im Jahr 2009 weltweit um rund 100 Millionen im Vergleich zum Vorjahr gestiegen und beträgt nun über 1 Milliarde Menschen, berichtet die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO-Bericht 2009).

Und auch der UNICEF-Report 2010 zeigt deutlich, wer den höchsten Preis für die Folgen der gegenwärtigen globalen Krise und der tief greifenden Armut in vielen Ländern der Welt zahlt: die Kinder in den Entwicklungsländern. Viele leiden unter chronischer Mangelernährung und bleiben in ihrer Entwicklung zurück, müssen die Schule verlassen - landen in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen. Diese Kinder sind die Vergessenen der aktuellen kapitalistischen Krise.

Entwicklungsfördernde produktive Tätigkeit

Arbeit als bewusste Tätigkeit des Menschen ist elementar für das gesellschaftliche Leben, "in gewissem Sinne hat sie den Menschen selbst geschaffen" (Engels). Das, was in der auf Privateigentum an den Produktionsmitteln beruhenden Gesellschaft unter Arbeit verstanden wird, ist jedoch das Gegenteil von dem, was der freie Mensch während des zuvor Jahrtausende bestehenden Gemeineigentums gelebt hat. Die Menschen waren nicht von den Produktionsmitteln getrennt, sondern die Produktionsmittel waren im Besitz der Gemeinschaft.

Diese Form der Arbeit, als Quelle von Kultur und Würde, bezog Kinder traditionell in die gemeinschaftlich organisierten Arbeits- und Lebensprozesse mit ein. Das bestand in indigenen Gemeinschaften weiter, wie Forschungsreisende im 18., 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts über Kindererziehung in "Indianer"- und Papuagemeinschaften sowie aus Grönland berichteten.7

Auch heute noch hat in vielen Gegenden der Welt die Mitarbeit der Kinder in der häuslichen Wirtschaft eine wichtige Funktion für die Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden.

Reformpädagogen, der Aufklärung verpflichtet, nahmen "Handlungsorientierungen" in ihre pädagogischen Konzepte auf (z.B. Pestalozzi, Diesterweg, Makarenko). Ein Kind hat das Bedürfnis nach Tätigkeiten und Handlungen und realisiert sie im Spiel beim Nachahmen Erwachsener, beim Basteln, Turnen, Malen, bei der Hilfe im Haushalt und später in produktiver Tätigkeit als Mittel zur Selbstverwirklichung. Aber diese Tätigkeiten sind nicht mit Kinderarbeit zu verwechseln, bei der das Kind seine Arbeitskraft auf selbstschädigende Weise einsetzen muss.

Das Kind entwickelt sich körperlich und geistig durch Spiel, Lernen u.a. Betätigungen. Dafür sind solche gesundheits- und entwicklungsfördernden Tätigkeits- und Umweltbedingungen erforderlich, die die psychophysische Belastbarkeit der Kinder berücksichtigen.8

Ein Beispiel, wie diese notwendige Verbindung von Entwicklung, Lernen und der Teilnahme der Kinder an der produktiven Tätigkeit angestrebt wurde, liefern uns die Erfahrungen der Schulbildung in der DDR. Anknüpfend an die freien Schul- und Werkgemeinschaften sowie den Werk- und Schulgartenunterricht in der Weimarer Republik wurde der Schulunterricht in der DDR seit 1959 ab 7. Klasse mit dem Unterrichtstag in der Produktion (Betriebe und landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) verbunden.

Diese sog. Polytechnische Bildung und Erziehung, also Einbeziehen von praktisch orientierten Unterrichtsanteilen, wurde verstärkt, als ab Schuljahr 1962/63 für die 9. und 10. Klassen schrittweise Berufsausbildung eingeführt wurde. Für alle Jugendlichen, die nach der 10. Klasse die Gemeinschaftsschule verließen (in der Regel mit 16 Jahren), war ein Ausbildungsplatz und der Besuch einer Betriebsberufsschule selbstverständlich. Von den verbleibenden Schülern konnten viele nach dem 12. Schuljahr mit dem Abschluss des Abiturs auch den Facharbeiterbrief erwerben.

Die entscheidenden Fragen sind, ob das Kind seine Arbeitskraft verkaufen und unter schädigenden Bedingungen einsetzen muss, um den Unterhalt für sich und Angehörige zu sichern - und wie sich die verrichtete Arbeit auf die körperliche und psychische Entwicklung des Kindes sowie auf seine Gesundheit auswirkt.

Umstrittene Fragen

Kinderarbeit ist ein seit jeher kontrovers diskutiertes Thema. Verstärkt seit etwa 15 Jahren verlangen eine Reihe politischer Akteure und Organisationen aus verschiedenen Ländern die Aufhebung des "Kinderarbeitsverbotes". Leider hat es den Anschein, dass es diesen Akteuren gelingt, ihre Positionen zunehmend zu verbreiten. In der Bundesrepublik Deutschland treten in diesem Sinne vor allem ProNATs (Manfred Liebel9), ein Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder und Jugendlicher, die Christliche Initiative Romero (Johanna Fincke) und Oikos - Eine Welt e.V. auf. Sie verlangen, die Kinderarbeit nicht weiter "zu kriminalisieren", sondern die Arbeitsbedingungen der Kinder zu verbessern.

Aufgrund ihrer Initiative ist als Kontrastpunkt zum Internationalen Tag gegen Kinderarbeit (am 12. Juni, seit 2002) ein Welttag der arbeitenden Kinder am 9. Dezember eingeführt worden (im Jahr 2006). Das II. Welttreffen der Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendlicher im Jahr 2004 fand in Berlin statt. Es sollte weitere Argumente gegen das "Verbot der Kinderarbeit" liefern. 30 Kinder und Jugendliche aus 23 Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika nahmen teil. Die Organisatoren (Oikos - Eine Welt e.V. sowie ProNATs) wählten das Motto: "Ja zur Arbeit - Nein zur Ausbeutung". Sie stellen nicht dar, was sie unter Ausbeutung verstehen. Ver.di und GEW, der Evangelische Entwicklungsdienst u.a. unterstützten das Treffen.

In der Abschlussdokumentation sind folgende Forderungen zu lesen: die Mindestalterkonvention abschaffen, sich gegen ein pauschales Verbot von Kinderarbeit stark machen, sich für den Widerstand der Betroffenen bis hin zur gewerkschaftlichen Organisierung einsetzen, gegen Ausbeutung und Verschuldung der armen Länder des Südens, für eine kostenlose Bildung und Ausbildung eintreten.

Unter dem Titel "Streit unter Weltverbesserern: Pro und contra Verbot der Kinderarbeit" wird in einem Artikel im GegenStandpunkt Nr. 1/201010 diese Kontroverse aufgegriffen und das "alte" Rezept (Verbot) dem "neuen" Rezept (einfach ordentlich erlauben und regulieren) gegenübergestellt. Ein Satz am Schluss des Artikels bringt dabei nach unserer Ansicht die Intention der "Pro-Initiativen" deutlich zutage: "Am Ende gibt es nichts verlässlich Humaneres als den Kapitalismus selbst! Nur im Verein mit den Mahnern selbstverständlich, die ihm ständig seine wahre Vernunft vor Augen halten müssen: ethisch und betriebswirtschaftlich!"11 Ist es das, was diese Streiter erreichen wollen?

Den Akteuren, die sich für die Abschaffung des Kinderarbeitsverbotes einsetzen, müssen folgende Argumente entgegengehalten werden:

  • Wenn Kinder sich organisieren und auf diese Weise selbstbewusst auftreten, ist das sehr zu begrüßen. Nicht zu verstehen ist, dass von den Initiatoren ein Gegensatz zwischen dem Anliegen dieser arbeitenden Kinder und den internationalen Normen des Kinderarbeitsschutzes konstruiert wird. Es ist nicht hinzunehmen, dass vom Ziel der Abschaffung der Kinderarbeit weltweit abgewichen werden soll, um stattdessen Kinderarbeit "fairer" zu gestalten. Es gibt keinen Gegensatz, sondern: Kinderarbeit muss überwunden werden - und auf dem Weg dahin ist Kinderarbeitern zu helfen, sich zu organisieren und sich zu wehren.
  • Das Verbot der Kinderarbeit hat in Preußen und Deutschland, ebenso wie in anderen westlichen Ländern, eine Vorgeschichte. Als die Folgen der Industrialisierung zu einem derart schlechten Gesundheitszustand der jungen Generation führten, dass sie unübersehbar wurden, z.B. bei den Musterungsuntersuchungen, kam es 1839 zum Verbot der Kinderarbeit unter 9 Jahren. 1853 wurde das Mindestalter für Fabrikarbeit auf 12 Jahre angehoben. Im Gothaer Programm der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), der Vorläuferorganisation der SPD, wurden 1875 (Art. 5) und 1891 (Art. 9) weitergehende Verbote zur Kinderarbeit verlangt. Ab 1904 untersagte ein Kinderschutzgesetz des Deutschen Reiches jede gewerbliche Beschäftigung von Kindern unter 12 Jahren, und diese Entwicklung ging in der Weimarer Republik und international weiter. Warum nun sollten die im 19. und 20. Jahrhundert in den Industrieländern schwer erkämpften Rechte im 21. Jahrhundert ausgerechnet für Kinder in den Entwicklungsländern nicht angewendet werden? Ist das nicht strukturell rassistisch? Oder sollen diese Kinderrechte danach auch in den Industrieländern für bestimmte Schichten wieder in Frage gestellt werden? Die durch Sarrazin forcierte Eugenik-Debatte, in der es hintergründig vor allem darum geht, "Arme" gegeneinander auszuspielen und einem Teil von ihnen sukzessive die Existenz streitig zu machen,12 lässt es nicht als allzu utopisch erscheinen, dass in absehbarer Zukunft wieder über Zwangsarbeit für diese Menschen diskutiert werden wird.
  • Die Streiter gegen das Kinderarbeitsverbot verstehen offenbar unter Kinderarbeit jegliche Beschäftigung von Kindern. Das ist ein Irrtum, wie am Anfang dieses Artikels dargestellt. "Alle von Kindern verrichtete Arbeit als gleichermaßen verwerflich einzustufen ist wenig hilfreich, wenn man Kinderarbeit wirklich abschaffen will", stellt UNICEF klar.13 Was genau wollen die "Freunde der Kinderarbeit" wirklich?
  • Wenn Ausbeutung und Verschuldung der armen Länder des Südens angeklagt und eine kostenlose Bildung und Ausbildung verlangt werden, so sind das begrüßenswerte, aber keinesfalls neue Forderungen. Sie decken sich mit dem, was UNICEF und ILO seit Jahren von den Mitgliedsländern erwarten. Sie als Argument für die Aushebelung der Kinderarbeitsnormen zu benutzen, ist gefährlich und muss zurückgewiesen werden.
  • Eine Behauptung ist: "In keiner Region der Welt hat das Verbot der Kinderarbeit in den letzten Jahren bewirkt, die Zahl der arbeitenden Kinder zu verringern."14 Das ist leicht zu widerlegen: Beispielsweise nahm gemäß ILO-Bericht die Zahl der Kinder in gefährlicher Arbeit im Zeitraum 2000 bis 2004 um 24,7 Prozent ab, von 2004 bis 2008 noch um 10,2 Prozent. Dass die in den letzten Jahren verringerte Abnahme laut ILO im Zusammenhang mit dem aktuellen "globalen wirtschaftlichen Einbruch" (s.o.) steht, wollen die Befürworter der Kinderarbeit anscheinend nicht wahrhaben.
  • UNICEF, ILO und die meisten Kinderhilfsorganisationen setzen sich für Alternativen zur Kinderarbeit ein: Soziale Sicherheitssysteme, Hilfen für die Familien, alternative Arbeitsmöglichkeiten, die noch Zeit für die schulische Bildung von Kindern lassen.
  • Zwangsarbeiter, Schuldknechtschaft, Kindersoldaten, Kinder-Prostituierte gibt es millionenfach. Das ist nicht wegzuleugnen, wie es zum Teil von den Kinderarbeitsfreunden dennoch geschieht. Nicht umsonst waren zwei Ergänzungen zur Kinderrechtskonvention im Jahr 2002 erforderlich: das Verbot von Kinderhandel, Kinderprostitution und Kinderpornografie sowie ein Kindersoldaten-Protokoll.
  • Durch eine Legalisierung der Kinderarbeit würden die Löhne aller sinken. Das beschleunigt den Kreislauf aus Armut und Verelendung nur: Je mehr Kinder arbeiten, desto weniger verdienen die Eltern und umso "notwendiger" wird anscheinend die Kinderarbeit.
  • Sollte das Grundmuster der Argumentation derjenigen, die Kinderarbeit "legalisieren" wollen, wirklich lauten: Da weltweite Erfahrungen belegen, dass wir sie, die Kinderarbeit, nicht wirklich abzuschaffen vermögen, regulieren wir diese ab sofort doch besser, um den Kindern "wenigstens" eine Knechtschaft in Würde, eine Arbeit mit "fairen" Löhnen zu gewährleisten. Entspräche das nicht bspw. der Argumentation, da man die Todesstrafe in den USA offensichtlich bisher nicht abzuschaffen vermochte, sollte man sich nun als gesellschaftliche Linke daran machen, stattdessen für ein humaneres Hinrichten einzutreten? Unserer Auffassung nach bleibt eine humanistische Aufgabe auch dann richtig, wenn es täglich schwerer wird, diese und ihre Realisierung in einer zunehmend barbarisch werdenden Welt offensiv zu benennen und einzufordern.
  • Nur Informationen und Appelle an Moral und Ethik oder Defensivpositionen wie "Da wir nicht gewinnen können, müssen wir unsere Ansprüche senken", sind beim Kampf gegen Kinderarbeit und andere Formen der Barbarei weltweit, zunehmend aber auch im eigenen Land, wenig erfolgreich angesichts von Profitgier und Konkurrenzkampf. Die Grundinteressen der "Besitzenden" einerseits und jene der abhängig Beschäftigten und der dazugehörenden Schichten andererseits klaffen mehr und mehr auseinander. Stattdessen müssen die sozialen Kräfte in der Bundesrepublik gebündelt werden. Das verlangt, die Gräben zuzuschütten und gleichberechtigt miteinander an der Lösung der großen sozialen Probleme zu arbeiten - sowohl Basisorganisationen (z.B. das Erwerbslosenforum), linke Parteien als auch Gewerkschaften. Sie sollen Mitstreiter in allen Schichten suchen und jeder muss in seinem Wirkungsfeld das Bestmögliche für die Durchsetzung der Menschen- und Kinderrechte beitragen. Der Kampf gegen Ausbeutung, Privatisierung und prekäre Arbeit ist dabei entscheidend für das Zurückdrängen von Kinderarbeit.

    Solange Kinder billige Arbeitskräfte sind, die den Kapitalisten ihren Profit zu vergrößern helfen, und wenn ihre Gesundheit dadurch Schaden erleidet oder sie sogar sterben, sie "nur" als Kollateralschäden wie beim Einsatz von Kindersoldaten betrachtet werden, solange werden Kinder in der Welt nicht den ihnen zukommenden Platz einnehmen können.

    Anmerkungen

    1) Diese und die folgenden Zahlenangaben sind, wenn nicht anders angegeben, aus dem 3. Gesamtbericht der ILO an die 99. Tagung der Internationalen Arbeitskonferenz in Genf, Mai 2010: "Das Vorgehen gegen Kinderarbeit forcieren" entnommen, siehe www.ilo.org/public/german/region/eurpro/bonn/aktuelles/gr_2010.htm

    2) "Gesundheitsschutz für Kinder und Jugendliche"/hrsg. von Eva Schmidt-Kolmer. VEB Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1986, S.21

    3) UNICEF-Bericht "Zur Situation der Kinder in der Welt 1997: Kinderarbeit", hrsg. Dt. Komitee für UNICEF, Fischer Taschenbuch Verlag, 1996, S.30

    4) UNICEF-Bericht a.a.O.

    5) 2. Gesamtbericht der ILO 2006: "Das Ende der Kinderarbeit - zum Greifen nah" www.ilo.org/public/german/region/eurpro/bonn/aktuelles/2006/globalreport06.htm

    6) Übereinkommen 182 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit von 1999, siehe www.ilo.org/public/german/region/eurpro/bonn/aktuelles/2006/globalreport06.htm

    7) Krecker, Margot: Aus der Geschichte der Kleinkindererziehung. Verlag Volk und Wissen, Berlin 1959

    8) Ockel, Edith: "Die Belastbarkeit des Kindes im pädagogischen Prozess". VEB Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1972

    9) Vgl. den Beitrag von Manfred Liebel in dieser Ausgabe

    10) Dieser ist fast wortgleich nachzulesen unter: www.sozialistischegruppe.de/hefte/2010/shz_53.pdf

    11) Ebd. S.13

    12) FTD vom 21.9.2010: Integrationsdebatte: Sarrazin will Ausländern an die Existenz; im Internet unter: www.ftd.de/politik/deutschland/:integrationsdebatte-sarrazin-will-auslaendern-an-die-existenz/50172773.html

    13) UNICEF-Bericht a.a.O. S.29

    14) Manfred Liebel, in: blz 9/2007 (Mitgliederzeitschrift der GEW Berlin)


    Bei diesem Artikel handelt es sich um eine überarbeitete Fassung des Artikels von Uta Mader "Kinder vor wirtschaftlicher Ausbeutung schützen" aus dem "Freidenker" 3/2010, der Mitgliederzeitschrift des Deutschen Freidenkerverbandes e.V. Dr. med. Uta Mader: Ehemalige Mitarbeiterin im Institut für Hygiene des Kindes- und Jugendalters, Berlin. - Jens Wernicke: Referent für Bildungs- und Hochschulpolitik der Fraktion DIE LINKE im Hessischen Landtag.

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