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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Kolumne

25.11.2010: Wissenschaftszweck

  
 

Forum Wissenschaft 4/2010

Humboldts Lehre von der Zweckfreiheit der Wissenschaft steht Max Webers Befund gegenüber, dass jedem Fach, so werturteilsfrei es intern verfahren müsse, doch eine Entscheidung vorausgehe. Die Medizin gibt sich ihren Sinn durch Vermeidung von Schmerz und verfrühtem Tod. Christliche Theologie, selbst wo sie positivistisch-philologisch verfährt, beruht auf dem Glauben an Offenbarung. Im Mittelalter die Mutter aller Wissenschaften, wurde sie auch von evangelischen Obrigkeiten, die Kirchengut säkularisiert hatten, als Werte stiftend an den Universitäten belassen. Theologische Lehrstühle sind oft durch Konkordate (katholisch) oder andere Staatsverträge (evangelisch) garantiert und selbst unter Sparzwang vor Streichungen geschützt.

An den Universitäten Münster, Osnabrück und Tübingen sollen jetzt Imame ausgebildet werden. Ihr Fach ist islamische Theologie.

Die aufgrund des Bildungsföderalismus nicht völlig zuständige Bundesministerin Schavan gibt die Richtung, in der die neue Forschung und Lehre gehen soll, vor: Wissenschaftlich soll sie sein und irgendwie auch europäisch. Diejenigen Moscheen, die im Verdacht stehen, Stützen einer Parallelgesellschaft zu sein oder werden zu können, erhalten durch die hierorts ausgebildeten Imame Konkurrenz.

Die Etablierung der neuen Lehrstühle soll ganz offenbar einen integrationspolitischen Zweck erfüllen. In einem weiteren Sinn dient sie der inneren Sicherheit.

Dass der Vorgang nicht außergewöhnlich ist, zeigte uns schon der Hinweis auf die Theologie in Mittelalter und früher Neuzeit. Auch die anderen Geisteswissenschaften bedurften immer wieder einer staatlichen Legitimation, zum Beispiel: Lehrerausbildung. Ende der fünfziger Jahre wurde - übrigens zunächst befeuert von Evangelischen Akademien - das Studium des Marxismus zwecks kenntnisreicher Abwehr der sich auf ihn berufenden politischen Bedrohung gefördert. Große Teile auch der weltlichen Geisteswissenschaften, sofern nicht direkt vermarktbar, dienen dem, was Zivilreligion zu nennen man sich allmählich angewöhnt.

Georg Fülberth (Marburg)

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