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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Kritische Regionalwissenschaften

15.07.2010: Plädoyer für ihre Vernetzung

  
 

Forum Wissenschaft 1/2010

Seit einigen Jahren tobt in den Regionalwissenschaften eine Debatte über ihre Ausrichtung. Einerseits geht es dabei um unterschiedliche Vorstellungen der akademischen Identität im Spannungsverhältnis zwischen regionaler Fachrichtung und Disziplin. Andererseits geht es um die grundlegende Frage des Verhältnisses zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Insbesondere der zweite Diskussionsstrang ist eng mit den Veränderungen der Wissenschaftslandschaft seit dem Bologna-Prozess verwoben und darf von einer kritischen Wissenschaft nicht unbeachtet bleiben.

Das Interesse an regionalwissenschaftlichen Fachrichtungen (oder: area studies) hat seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 sowohl bei der Politik als auch in der Wirtschaft wieder stark zugenommen. Wie bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren der Ausbau und die zunehmende Anerkennung regionalwissenschaftlicher Forschung sicherheits- und wirtschaftspolitisch motiviert. Verschiedene Disziplinen, insbesondere der Soziologie und Politikwissenschaft, der Kultur- und Sozialanthropologie, der Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften schlossen sich auch in der Bundesrepublik in Zentren zusammen, um möglichst umfassende Kenntnisse über eine Region zu erarbeiten und zu vermitteln, auf die Politik, Wirtschaft und Militär bei ihren Entscheidungen zurückgreifen konnten.

Mit der Zunahme globaler Handlungszusammenhänge ist der Bedarf an ExpertInnenwissen über außereuropäische Regionen noch weiter angewachsen. Parlamente, Regierungen, Medien und Unternehmen fordern praxisrelevante Forschung und Beratung. Mit diesem Verständnis droht Regionalwissenschaft auf reine Politikberatung oder allein auf ökonomische Verwertbarkeit reduziert zu werden.

Dieser Trend scheint sich durch die wachsende Abhängigkeit der Forschung von Drittmitteln zu verstärken. Private und öffentliche Geldgeber orientieren ihre Finanzierung an der individuellen Nutzbarkeit eines Projekts. Die antragstellenden WissenschaftlerInnen passen ihre Forschungsvorhaben dadurch an diese Wünsche an oder scheitern bei der Auswahl. Die wissenschaftliche Freiheit der Regionalstudien ist - eher kleine Fächer an den Universitäten - durch Ökonomisierung und politische Einflussnahme besonders gefährdet.

Regionalwissenschaften dienen aber nicht lediglich dazu, eine erweiterte empirische Basis für disziplinäre Theorien zu liefern. Als trans- und interdisziplinäre Forschung mit regionalspezifischen Bezügen haben regionalwissenschaftliche Arbeiten die Forschung mit neuen Ansichten und Erkenntnissen bereichert. Die Wahrnehmung wissenschaftlicher Diskussionen außerhalb der nordwestlichen Sphäre führte erst den Eurozentrismus der westlichen Wissenschaften vor Augen. Aus den kritischen Arbeiten regionalwissenschaftlicher Kulturwissenschaftler konnten mit den postcolonial studies die Kontinuitäten kolonialer Vorstellungen und Abhängigkeiten aufgezeigt werden. Regionalwissenschaftliche Historiker stellten mit den neuen Ansätzen der Transferforschung die Topoi "Nation" und "Kultur" in Frage. Exotische und kulturalistische Bilder des "Fremden", beispielsweise orientalistische und okzidentalistische, konnten dekonstruiert werden.

Ohne die Fähigkeit, regionale Gegenstände und Prozesse in ihre lokalen Sprachen, Begrifflichkeiten und kulturellen Referenzsysteme einordnen zu können, kann keine globale Perspektive gelingen. Kritische regionalbezogene Forschung hilft also, die uns umgebenden Systeme global zu verstehen. Durch die Abhängigkeit der Regionalwissenschaften von politischen und wirtschaftlichen Interessen sind diese kritischen Ansätze jedoch gefährdet. Es gilt somit, der Einschränkung von wissenschaftlicher Freiheit an Instituten und Universitäten durch politischen und wissenschaftlichen Austausch zwischen kritisch arbeitenden RegionalwissenschaftlerInnen entgegenzuwirken.

Ich werbe daher für eine Vernetzung kritischer RegionalwissenschaftlerInnen beim BdWi. Sie würde den wissenschaftlichen Austausch erleichtern, es ermöglichen, mit gemeinsamen Veranstaltungen und Publikationen politische Themen zu setzen und regionalwissenschaftliches Wissen beim BdWi zu bündeln.

Ich freue mich auf Kritik, Anregungen und Unterstützung!



Julian Plenefisch ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Japanologie an der Freien Universität Berlin. Da sein Text ein Aufruf ist, publizieren wir ausnahmsweise die Mailadresse des Autors: julian.plenefisch@fu-berlin.de

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