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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Ein Laboratorium kritischen Denkens

  
 

Forum Wissenschaft 4/2009

"Das Argument" feierte kürzlich seinen 50. Geburtstag. Stefan Howald wirft einige Schlaglichter auf die Geschichte der "Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften".

Sie hat Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erzogen. Dreieinhalbtausend Autorinnen und Autoren, so schätzt Herausgeber Wolfgang Fritz Haug, haben in der Zeitschrift Das Argument geschrieben. Seit den ersten hektografierten Blättern aus dem Jahr 1959 ist man bei Nummer 282 angelangt, und um die Zeitschrift ist ein Verlag mit weit reichenden Projekten angesiedelt: ein Laboratorium kritischen Denkens.

Gegen die atomare Aufrüstung entstanden, hat Das Argument die Studentenbewegung vorgedacht und begleitet, den Eurokommunismus und die Krise des Marxismus reflektiert, Neoliberalismus, neue soziale Aufbrüche und theoretische Umbrüche analysiert. Einst wurden die Hefte mehrfach nachgedruckt, in zehntausenden von Kopien. Seit dem Höhepunkt um 1969 ist die Auflage jedoch kontinuierlich gesunken, auf kaum noch 1.400 Exemplare. Doch die Zeitschrift hat hartnäckig an einem undogmatischen Marxismus festgehalten, ja, so etwas wie einen Argument-Marxismus gepflegt. Der Begriff ist leicht kokett, aber zutreffend. Er meint nicht eine fixe inhaltliche Position, sondern eine Denk- und Arbeitsform. Von Marx lernen. Und von Antonio Gramsci. Und von Rosa Luxemburg. Vor allem aber von der Wirklichkeit.

Ist diese Tradition nicht ein Trümmerhaufen der Geschichte? Nein. Lernen und umsetzen, heißt die Devise. Im Übrigen: Erlebt Marx nicht angesichts der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise eine neue Konjunktur? Die Zeitschrift dokumentiert solche wissenschaftstheoretischen Umbrüche und versucht sie zugleich voranzutreiben.

Haug und Haug

Das Argument ist undenkbar ohne das Ehepaar Wolfgang Fritz Haug ( Jg. 1936) und Frigga Haug (Jg. 1937). Wolf ist der unbestrittene Gründer und treibende Motor, Frigga, Redakteurin seit 1967, hat das Projekt verbreitert, vor allem durch die Zumutungen des Feminismus. Gemeinsam sind die Haugs durch Erweiterungen und Erneuerungen, durch Trennungen und Zerspaltungen in der Redaktion, durch mehrere Krisen und auch durch Beinahe-Konkurse gegangen. Darüber hinaus haben viele unschätzbare Arbeit geleistet, der Jubiläumsband 280 dokumentiert das in zahlreichen Artikeln. In ihrer historischen Aufarbeitung charakterisiert Frigga Haug die Zeitschrift als "pädagogische Anstalt", geleitet von Wolfs "diktatorischer Demokratie" - ohne beide, mittlerweile über siebzig, gäbe es das Projekt nicht und nicht mehr.

Das Argument: So hieß die Flugblattserie, die der 23-jährige Student Wolf Haug im Mai 1959 in Westberlin gestartet hatte, Aufrufe und Begründungen gegen die Atombombe und die deutsche Wiederaufrüstung, unterstützt von Persönlichkeiten wie Helmut Gollwitzer, Margherita von Brentano oder Günther Anders. Mit Nummer 15, im März 1960, wurden die Flugblätter zu einer regelmäßigen Broschüre ausgebaut; weiteten sich die Themen aus: Französischer Kolonialkrieg in Algerien, Analyse des Antisemitismus, Faschismus in Portugal, Verhältnis von Herrschaft und Sexualität. Haug selber zeigte in einer brillanten Dissertation über "Jean-Paul Sartre und die Konstruktion des Absurden", dass es in Deutschland eine Kritik links der kulturpessimistischen Frankfurter Schule gab. Bedeutsamer noch: Er lieferte nicht einfach eine Kritik bestimmter philosophischer Positionen, sondern zeigte Gedanken in der Verfertigung - warum also und wie eine Weltanschauung in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation konstruiert wird.

Warenästhetik und Automation

Das Argument bearbeitete die Themen, die in den Aktionen der Studentenbewegung wieder spektakulärer auftauchten. Hier wurden Faschismustheorien vorgestellt, die Kritik der bürgerlichen Wissenschaften durchgeführt und über Erziehung reflektiert; hier wurden auch die ersten Studien publiziert, die Haug 1971 zur "Kritik der Warenästhetik" ausarbeitete. PR und Werbung wurden darin nicht als Verdummung durch die Kulturindustrie oder Gesinnungsterror denunziert, sondern aus der ökonomischen Form des Warentauschs entwickelt. Soeben ist eine überarbeitete und weitergeführte Fassung zur "Warenästhetik im High-Tech-Kapitalismus" aufgelegt worden.

Frigga Haug ihrerseits brachte Frauenpolitik und Kritische Psychologie in den Theorienfundus der Zeitschrift ein. 1975 initiierte sie die interdisziplinäre "Arbeitsgruppe Automation und Qualifikation". Deren bis 1988 entstandene neun Bände forderten eine Linke heraus, die damals in der Automation nur eine Verschlechterung der Arbeitssituation durch minder bezahlte, monotone Tätigkeiten und drohende Arbeitslosigkeit sehen wollte. Dagegen zeigte die Arbeitsgruppe, dass in der Automation auch Chancen zur Qualifizierung und zur Selbstermächtigung liegen. Die Alltäglichkeit der neuen Technologien hat die damaligen Auseinandersetzungen längst entschieden; die Fragestellung bleibt aktuell im Bezug auf den Computer, der uns befreit und zugleich gefangen nimmt. 1980 veröffentlichte Frigga Haug den Argument-Band "Frauenformen. Entwurf zu einer Theorie weiblicher Sozialisation" und hielt im gleichen Jahr einen Vortrag unter dem Titel "Opfer oder Täter?". Darin formulierte sie, dass Frauen nicht nur Opfer seien, sondern auch in ihre Unterwerfung einwilligten. Weibliche Sozialisation sei als aktiver Prozess, nicht nur als passive Prägung zu verstehen, und sei nur dank eines Stücks Zustimmung möglich. Heftige Angriffe und Debatten folgten; doch auch diese Frage bleibt für jede emanzipatorische Politik zentral.Die weitere Erforschung von weiblichen Sozialisationsprozessen führte Frigga Haug zu einer neuen Methode kollektiver Erinnerungsarbeit: Eigene Erfahrungen werden schriftlich aufgearbeitet und gemeinsam diskutiert - eine Weiterentwicklung des Konzepts von Selbsterfahrungsgruppen. In diesem Rahmen entstanden auch Bücher zu Themen wie Zukunftserwartungen von Jugendlichen und kulturellen Einstellungen, die sich im Kopftuchtragen islamischer Frauen äußern.

Ausbau und Krise

In den 1970er Jahren kam man um Das Argument nicht herum, auch nicht in der Abstoßung. Die "Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften" erreichte eine Auflage bis zu 18.000 Exemplaren. Damit begab man sich zugleich in die linken Grabenkämpfe. Es folgte die langsame Erkaltung der Bewegung, und mit dem Gegenwind des Neoliberalismus wurde die Luft für kritisches, gar marxistisches Denken dünner. Perestrojka und Gorbatschow erweckten die kurze Hoffnung auf einen Ausbruch aus dem Kalter-Krieg-Schema. Die wurde bald begraben.

Ab 1988 war der Argument-Verlag mit den feministischen Ariadne-Krimis, dann mit weiteren Krimi- und SF-Serien und Belletristik ausgebaut worden. Die Expansion, zuerst erfolgreich, führte nach einem Jahrzehnt in die Krise. Mittlerweile ist der Verlag wieder redimensioniert, die Zeitschrift braucht jede Hilfe, die sie bekommen kann. Aber sie bleibt hartnäckig bei der Aufgabe, die neuen Formen des globalisierten Kapitalismus zu durchdenken und zu beschreiben.

Krise und Intellektuelle - sie standen im Zentrum der Veranstaltungen zum fünfzigjährigen Jubiläum der Zeitschrift, die Mitte 2009 stattfanden. "Für jede Befreiungstheorie ist der Begriff Krise elementar, denn sie setzt auf Wendungen, Veränderung, Umsturz, die allesamt auch als Krise gedacht werden müssen", erklärte Frigga Haug einleitend. In der Krise kann sich ein neuer Weg zeigen. Soll und kann die Linke gegenwärtig triumphieren? Das wäre oberflächlich. Denn die gegenwärtigen linken Krisenanalysen sind durchaus divergent. Die Arbeit beginnt erst.

Zum Beispiel mit Fragen: Hat die Linke die Krise überhaupt richtig begriffen? Und welche europäischen Perspektiven tun sich auf? Ist der Neoliberalismus wirklich am Ende, und was kommt danach? Erleben wir einen "Kapitalismus in Krise" (Argument 278), oder handelt es sich um eine "Krise des Kapitalismus" (Argument 279)? Ist das Finanzkapital erledigt? Herrschte flexibler oder High-Tech-Kapitalismus, und herrscht er weiter? Sind die Begriffe und Konzepte griffig genug, um die Wirklichkeit zu begreifen und zu verändern? Geht es um die grundlegende Produktionsweise oder das kurzfristigere Akkumulationsregime?

Darüber diskutierte ein breites Spektrum von Linken, mit Thomas Sablowski (Zeitschrift Prokla), Christoph Lieber (Zeitschrift Sozialismus), Mario Candeias (Rosa-Luxemburg-Stiftung), Ulrich Brand (attac), Bob Jessop (Universität Lancaster), Dick Boer (Amsterdam), Bernd Röttger (Ruhr-Uni Bochum) und anderen.

Wolfgang Fritz Haug skizzierte eine langfristige Perspektive. Für ihn stehen wir an einer Weggabelung. Pessimistisch vorstellbar ist ein Rückfall ins frühe 20. Jahrhundert, mit einem Abbau der globalen Verflechtung, Zerfall in Regionalimperien, Kriegen. Gemäßigt zu hoffen ist ein sozial und ökologisch abgefedertes neues Akkumulationsregime. Das ist großflächig gedacht. Und doch wird dabei das nahe Liegende nicht preisgegeben. Die Linke muss sich um eine Humanisierung durch globale Institutionen bemühen, Europa muss eine Rolle spielen. Die Systemfrage muss offen gehalten werden, steht aber nicht auf der Tagesordnung.

Entsprechend hat Frigga Haug in den letzten Jahren die "revolutionäre Realpolitik" von Rosa Luxemburg rekonstruiert und sie in eine Frauenpolitik umgesetzt, die am Zusammenhang ihrer vielfältigen Interventionen festhält. Daraus ist die "Vier-in-einem-Perspektive" entstanden. Mit ihr soll die Zusammensetzung eines Frauenalltags und weiblichen Lebens gedacht werden: vier Stunden Erwerbsarbeit, vier Stunden Reproduktionsarbeit, vier Stunden eigene Weiterentwicklung und Muße sowie vier Stunden öffentlich-politische Tätigkeit. Das Modell in seiner schönen Symmetrie lässt Fragen offen. Anregende Fragen: Warum überhaupt Lohnarbeit? Sollte Care-Arbeit nicht auch entlöhnt werden, und wenn nein, warum nicht? Was zählt zur Weiterentwicklung? Frigga Haug versteht das Konzept als einen Kompass, der hilft, sich im vielfältigen Geflecht der gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Strategien zu orientieren.

Kollektives Denken

Heute garantiert Das Argument, als Nischenprodukt, den Anschluss an internationale Debatten, nicht nur im angelsächsischen Raum, sondern auch im spanischsprechenden, lateinamerikanischen. Die Zeitschrift versucht eine Ökumene der Linken. Seit ein paar Jahren erscheint jedes Jahr eine Doppelnummer, die auch als Buch angeboten wird. Gewalt-Verhältnisse (2006). Großer Widerspruch China (2007). Liebes-Verhältnisse (2008). Schließlich, 2009: 50 Jahre Das Argument - Kritisch-intellektuelles Engagement heute.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt der Rezensionsteil, der die Zeitschrift beinahe seit den Anfängen auszeichnet. Manche später bekannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben beim Argument ihre ersten Texte abgeliefert. Noch heute enthält jedes Heft 40 Seiten Besprechungen, zu einem breiten Spektrum, verfasst von einem weiten Mitarbeiter/innen/kreis, redaktionell intensiv betreut. Arbeitsökonomisch ein Wahnsinn, doch wird diese Schulung als bildungspolitische Aufgabe verstanden.

Um die Zeitschrift kreisen Gestirne. Das Forum Kritische Psychologie, bei Nummer 53 angelangt. Das Jahrbuch Kritische Medizin, mit 44 Ausgaben. Die Ariadne-Krimis, die zehnbändige deutsche Erstausgabe von Gramscis Gefängnisheften und das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus. Dazu zahlreiche Einzelpublikationen, etwa Erich Wulffs Vietnam-Bücher, eine glänzende Studie von Thomas Barfuss über Konformität und Spießertum, fundierte Auseinandersetzungen mit Foucault oder Luhmann, oder gerade jüngst eine monumentale Nietzsche-Kritik von Domenico Losurdo.

Die Ariadne-Krimis, im Herbst 1988 lanciert, verstanden sich als feministisches Projekt, eine von Gramsci angeregte Popularkultur zu fördern. Ein Jahrzehnt lang trugen sie den Verlag, gingen durch den modischen Höhepunkt der Frauen-Krimis hindurch. Bis heute sind über 300 Titel veröffentlicht worden. Nach dem kommerziellen Einbruch konzentriert man sich seit einigen Jahren auf deutsche Autorinnen, von denen Christine Lehmann und Monika Geier hervorstechen.

Und da ist das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus (HKWM). Es ist ein Unternehmen, das seinesgleichen sucht. 1994 begonnen, wird es mittlerweile in einer internationalen Kooperation von 800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorangetrieben. Bisher sind sieben Bände im Großformat mit 8.400 Spalten Text erschienen; Band 7/II ist auf Ende 2009 angekündigt. Das Lexikon bereitet das historische Wissen einer sozialen Bewegung kritisch auf und durchdenkt es zugleich in aktuell eingreifender Absicht. Man wird zuverlässig mit der Entwicklung eines Begriffs in der marxistischen Geschichte bedient, und zugleich wird dessen aktuelle Bedeutung diskutiert.

Einmalig ist am HKWM auch die Arbeitsweise: Die Mitarbeitenden treffen sich in jährlichen Werkstätten, um die wichtigsten Artikel zu diskutieren. Da legt ein Autor, eine Autorin einen Entwurf zu einem Stichwortartikel vor, der von zwanzig bis fünfzig Interessierten diskutiert wird. Das wird verarbeitet, der Artikel wird umgeschrieben, schriftlich begutachtet, kommentiert, erneut umgeschrieben, redigiert. Es ist ein absurd aufwändiges Verfahren, wenn man sieht, wie viel Kraft und Anstrengung für einen einzigen Artikel verbraucht wird. Und doch bringt dieses gemeinsame Nachdenken und Verbessern ungeahnte Qualitäten hervor.

Symbiose von Gerechtigkeit und Vernunft

Gewiss, die kollektive Arbeit ist in letzter Zeit nicht einfacher geworden. Anlässlich der jüngsten Tagung zeigte sich: Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden hat wohl die fünfzig überschritten und der Frauenanteil auf etwa zehn Prozent abgenommen. Auch unter kritischen Intellektuellen finden sich Tagungs-Charaktermasken, die eigene Steckenpferde reiten, sich selber inszenieren, akademische Umwege gehen, im Jargon eingesponnen bleiben, oder in der Vergangenheit. Und doch lässt sich immer wieder die Bewegung des Geistes spüren; die konkrete Arbeit am Gegenstand, an der Sprache, das Beharren auf Genauigkeit, das gemeinsame Bemühen, besser verstehen zu wollen, um besser handeln zu können für ein besseres Leben.

Was bleibt den kritischen Intellektuellen zu tun? Mit dieser Frage kehrte die Konferenz aus Anlass des Jubiläums zum Anfang zurück. Eine Aufgabe ist eine revidierte Narration. Die letzten Jahrzehnte müssen anders und besser erzählt werden. Dreißig Jahre neoliberaler Misswirtschaft: Reicht die moralische Empörung aus? Oder ist die neoliberale Selbstverantwortung bereits so weit verinnerlicht, dass die Menschen schon wieder an ihre eigene Schuld zu glauben beginnen? Umgekehrt: Reicht die Beschwörung der Systemkrise aus? Offensichtlich nicht. Gerechtigkeit und Vernunft müssen wieder zusammen gehen. Gefragt ist damit nicht die Rückkehr zur großen Erzählung, aber ein Sammelband neuer linker Kurzgeschichten. Argument und HKWM liefern dazu weiterhin Bausteine.



Dr. phil. Stefan Howald lebt als Publizist und Übersetzer in Dielsdorf/Schweiz

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