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Klaus Holzkamp

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Versuch über „Schlüsselerlebnisse“

15.08.2009: Ein Plädoyer für „zweckfreie“ Kulturprojekte – nicht nur in Gefängnissen

  
 

Forum Wissenschaft 3/2009

Strafe wurde in der Geschichte und wird noch heute aus unterschiedlichen Logiken begründet. Mit Freiheitsentzug in Gefängnissen Bestrafte nehmen diese Logiken nicht unbedingt an, auch nicht die Therapeutisierung des Gefängnisses und eine Pathologisierung von TäterInnen. Götz Eisenberg setzt auf eine andere Art Angebot.

Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kennte er mich.“ Dieser Satz des Schriftstellers Robert Walser kann Hintergrund meiner folgenden Überlegungen sein. Ich möchte erläutern, von welchen Ideen ich mich leiten lasse, wenn ich mich im Gefängnis für die Durchführung von Lesungen, Theaterabenden und anderen kulturellen Ereignissen einsetze.

Hegel äußert in seiner Philosophie des Rechts den Gedanken, dass die Strafe nicht nur an sich gerecht sei, sondern dass der Verbrecher ein Recht auf sie habe. Der Verbrecher hat sehenden Auges und willentlich das Recht negiert, nun negiert die Strafe die Verletzung der Rechtsordnung. Die Strafe ist also Verletzung der Verletzung, Negation der Negation. Mit dem Wollen der Tat hat der Verbrecher auch bereits die Straffolge akzeptiert. Wer die Gesetze überschreitet, ist der ideelle Urheber der Strafe, die der Staat über ihn verhängt. Die Strafe ehrt im Verbrecher das verantwortliche und vernünftige Wesen. Der Verbrecher hat sich entschieden und wird durch die Strafe als Subjekt mit Willen und Entschlusskraft gewürdigt. Ein unvernünftiges Tier dagegen kann nur gezüchtigt, nicht aber gestraft werden.

Nach klassischem Verständnis rechtfertigte und bemaß sich die Strafe aus sich selbst, aus ihrem Gleichmaß mit dem Verbrechen, auf das sie Antwort war. Sie rechtfertigte und bemaß sich nicht aus ihren heilenden Wirkungen auf den erwischten Verbrecher von gestern (Resozialisierung, Besserung) oder die anderen möglichen Verbrecher von morgen (Generalprävention, Abschreckung). Gefängnisse waren psychologie- und therapiefreie Räume, die Strafe war ihren Folgen gegenüber „absolut“: von ihnen abgelöst, abgeschnitten, um sie erleichtert; sie hatte zu ihren Folgen einfach kein Verhältnis. Dieses Verständnis wurde abgelöst von „relativen“ Straftheorien, die die Rechtfertigung der Strafe an präventive Funktionen, an die „Anzielung heilsamer Folgen für den Straftäter und die Gesellschaft“ banden. Angesichts der ausufernden Folgen des präventiven Paradigmas – wir werden die präventiven Geister, die wir gerufen haben, nicht mehr los, ja drohen von ihnen verschlungen zu werden – fragt sich Winfried Hassemer in seinem neuen Buch „Warum Strafe sein muss“1, ob Hegel nicht Recht hatte, als er dem präventiven Strafrecht vorwarf, es begegne dem Menschen wie einem Hund, gegen den man den Stock hebt.

Selbst-Umformungen

Wie hätte Jean Genet, der viele Jahre in französischen Gefängnissen verbracht und sich während der Haft zum Schriftsteller verpuppt hat, auf die Therapeutisierung des Gefängnisses und die Pathologisierung des Verbrechens reagiert? Er begriff das Gefängnis als einen zu seinen Ehren errichteten Palast, er erblickte in ihm die Projektion des Wunsches nach Strenge und Klarheit, der in den Herzen der Verbrecher wohnt. Genet wendet im Grunde einen Sartre’schen Trick an, den Peter Bürger als dessen „Philosophie des Als-ob“ bezeichnet hat. Genet verhält sich dem Gefängnis gegenüber wie Sartre dem Zweiten Weltkrieg, in den er plötzlich geworfen wurde und den er dann zu „seinem Krieg“ erklärte. Sartre sagte sich nämlich: Um mit der Situation fertig zu werden, muss ich sie akzeptieren, und zwar so weit akzeptieren, als hätte ich sie wirklich für mich gewählt, als wollte ich gar nichts anderes. Als wäre dieser Krieg, den er natürlich vorher als pazifistisch orientierter Intellektueller abgelehnt hatte, für ihn jetzt „sein Krieg“. Nur dieser voluntaristische Akt ermöglicht es ihm, sich aus seiner misslichen Lage „herauszureißen“, sich von ihr „loszureißen“. Ganz ähnlich beschreibt er später, wie aus Genet Genet wird. Er schildert in seiner fulminanten Einleitung zu Genets Schriften den kleinen Jean Genet, wie er bei einem Diebstahl ertappt wird und wie ihn die Anderen, indem sie sagen: „Du bist ein Dieb“, zum Dieb machen. Dann, und das ist für Sartre der entscheidende Augenblick, beginnt der kleine Genet etwas daraus zu machen, was mit ihm gemacht wurde. Er sagt sich nämlich: Ich will der Dieb sein! Er nimmt es an und macht es zu seiner Sache. Erst dieser Akt des kleinen Genet, der sagt: Ich will der Dieb sein, eröffnet ihm alle späteren Möglichkeiten, letztlich auch die, zum schreibenden Dieb und dann zum Schriftsteller zu werden.

In Don DeLillos Roman „Unterwelt“2 stoßen wir auf die Erinnerung der männlichen Hauptfigur an die Zeit, die er wegen Totschlags in einer Besserungsanstalt verbringen musste, und welche die Sehnsucht des jugendlichen Delinquenten nach Strenge und Halt zum Ausdruck bringt. „Als ich in die Besserungsanstalt kam, wollte ich, dass alles einen Sinn hatte. Ich machte mein Bett ordentlich, mit umgeschlagenen Ecken, und stapelte die Kleidung vernünftig in mein Fach. ... Ich glaubte an die strenge Logik der Besserungsanstalt. ... In Staatsburg gab es eine Psychologin, die mich dazu bringen wollte, über den Schuss zu reden. Sie glaubte, das sei der Weg zu meiner Rettung. Ich sagte ihr, Vergessen Sie’s, Mensch, reden wir lieber vom Wetter. Ich gab ihr nichts, was sie zu meinen Gunsten einsetzen konnte. Ich wollte keine Samthandschuhe. Ich war hier, um meine Zeit abzustottern, anderthalb bis drei, und ich wollte nichts anderes vom System als Ordnung und Regelmäßigkeit. Als in der Küche ein Feuer ausbrach, war ich enttäuscht. Ich nahm es persönlich. Ich begriff nicht, wie gut ausgebildetes Personal dies geschehen lassen konnte. Als drei Jungs hinten im Lieferwagen einer Bäckerei durch das Tor fuhren, ... da fand ich das ein Unding, ein, na, ein Pflichtversäumnis, einen Zusammenbruch, die drei: hinten in einem Silvercup-Lieferwagen kauernd – ich war schockiert über das Ausmaß an Schlamperei. ... Wir waren nicht viel wert, wenn das System, das erdacht war, um uns zu zügeln, andauernd zusammenbrach.“ (S.589)

Nach all dem nimmt es nicht wunder, dass die Therapeutisierung des Gefängnisses und die damit verbundene Pathologisierung der Täter auf Widerstand stoßen: Sie verwandeln Verbrecher in Patienten, das heißt, wie Peter Sloterdijk sarkastisch anmerkt, in Personen ohne Stolz. Man enteignet sie ihrer Täterschaft und nimmt ihnen die Verantwortung ihrer Entscheidung für das „Böse“. Lionel Shriver schildert in ihrem Buch „Wir müssen über Kevin reden“3 den Besuch der Mutter eines amerikanischen School-Shooters im Gefängnis. Sie fragt ihren Sohn, ob er ihr die Schuld gebe oder ob seine Therapeuten glaubten, dass sie die Schuld an dem von ihrem Sohn verübten Massaker trüge. Mütter seien immer schuld. Er erwidert daraufhin bissig: „Warum solltest du die ganzen Lorbeeren ernten?“

In den nachgelassenen Notizen und Interneteinträgen der „Columbine-Kids“ Klebold und Harris stoßen wir auf eine ganz ähnliche Passage: „Es gibt nichts, was irgendjemand hätte tun können, um das zu verhindern. Niemand ist schuld daran außer mir und Vodka (also Dylan Klebold. G.E.). Unsere Aktion ist ein Zwei-Mann-Krieg gegen alle anderen.“4

Maßnahmen vs. Erfahrungen

Dem diagnostisch-therapeutischen Blick ist der Gefangene lediglich „ein Fall von ...“. Gefangene verwandeln sich in reparaturbedürftige Mängelwesen, aus ihren Taten werden Krankheitszeichen, Symptome psychischer Störungen. Die Inhaftierten werden reduziert auf die Summe ihrer Einträge im Bundeszentralregister; die Vielfalt ihrer Lebensäußerungen und Fähigkeiten schrumpft auf Delinquenz und Versagen. „Der Gefangenen xy ist einer therapeutischen Maßnahme zuzuführen“, heißt es im Jargon psycho-sozialer Verwaltung. Welcher Mensch wird gern Objekt und Opfer einer „Maßnahme“? So etwas lässt man über sich ergehen wie der Indianer den Marterpfahl oder man duckt sich weg. Alles, was „von oben“ bürokratisch verabreicht wird, und sei es noch so gut gemeint und durchdacht, trägt den Keim des Scheiterns in sich und wird nur in seltenen Fällen eine Richtungsänderung der Lebensbewegung bewirken. Wir geben vor, nicht zu urteilen, doch die Deutungs- und Diagnose-Sprache ist normativ und setzt Richtlinien für Gesundheit und Normalität. Während wir vorgeben, dem Patienten helfen zu wollen, normieren wir ihn nach den Maßstäben mittelständischer Moral. Wer interessiert sich für die Kreativität, Intelligenz und antibürgerliche Renitenz, die in manchen Straftaten steckt? Wer zeigt Neugier auf spannende, wenn auch im bürgerlichen Sinn gescheiterte Biographien? Wer unterstützt die Gefangenen bei dem Versuch, diesen Energien eine andere, sozial verträgliche oder gar nützliche Richtung zu geben?

Es geht also weniger darum, jene Strukturen zu stärken, die auf technikorientierte Maßnahmenkataloge zur Reparatur aktenkundiger Auffälligkeiten setzen, sondern Orte zu schaffen, an denen Gefangene die Erfahrung machen und sagen können: „Ich bin etwas wert! Ich kann etwas!“ Ein Teilnehmer an einem Theaterprojekt der JVA Siegburg drückt das so aus: Das Theaterspielen gebe ihm Gelegenheit zu zeigen, „dass ich mehr drauf habe, als Scheiße zu bauen“. Die ständige Betonung der Schuld, die der Gefangene durch seine Tat auf sich geladen hat, hält die Vorherrschaft des Gewesenen über das Kommende aufrecht. Gefühle von Schuld und Scham sind zutiefst menschliche Regungen, die wir auch dann vom Straftäter erwarten müssen, wenn wir wissen, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Reue und Besserung gibt. Auf Dauer gestellt und zur Struktur des therapeutisierten Gefängnisses geronnen, setzt die permanente Betonung der Schuld die Fähigkeit zu hoffen und nach vorne zu schauen außer Kraft. Wir vermitteln dem Gefangenen das Gefühl, als sei seine gesamte Zukunft bereits Vergangenheit. Die Reduktion auf denjenigen, der die Tat begangen hat und deswegen ein reparatur- und hilfsbedürftiges Mängelwesen ist, muss ihm so vorkommen, als würde die Vergangenheit am Scharnier der trüben Gefängnisgegenwart einfach nach vorne umgeklappt. Erst durch die psychologisch unwahrscheinliche, moralisch aber unverzichtbare Geste des Verzeihens und die Entdeckung von positiven Fähigkeiten wird der Vorrang des Vergangenen aufgelöst und dem Täter die Freiheit zu einem anderen Anfang zurückgegeben.

Genau hier liegt die Bedeutung von kulturellen Projekten wie Schreib- und Theaterwerkstätten im Gefängnis. Gefangene, die aus dem Labyrinth krimineller Wiederholungszwänge heraus und in ein straffreies Leben zurückgefunden haben, berichten häufig von einem Schlüsselerlebnis, das ihrem Leben eine andere Wendung gegeben hat. Wilhelm Genazino hat in einem Bericht über eine Literatur-Gruppe, die er in den 1980er Jahren in einem Bremer Gefängnis durchgeführt hat, darüber nachgedacht, was das sein könnte – ein Schlüsselerlebnis. Es ist auf jeden Fall etwas, das im geregelten Ablauf einer Therapie eher selten vorkommt und das man Menschen durch noch so ausgefeilte therapeutische Techniken nicht vermitteln kann. Ein Schlüsselerlebnis ist ein individueller geistiger Akt, der aufgrund seiner einmaligen inneren Stärke eine Fixierung – zum Beispiel an Drogen, an ein eingeschliffenes Muster kriminellen Agierens oder ein „perverses Skript“ – aufheben kann. Ein Schlüsselerlebnis ist etwas, das nicht von anderen oder von außen kommen kann; man muss es selbst zulassen oder sogar herbeiführen. Nötig ist dazu jenes „zögernde Geöffnetsein“ des Bewusstseins, von dem Siegfried Kracauer einmal gesprochen hat, eine Haltung, die man auch als aktives Warten bezeichnen könnte: Wer sich nach einem Schlüsselerlebnis sehnt, wird eines Tages auch eines haben können. Umgekehrt wird man mit Seneca sagen können: „Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind günstig.“

Dieser Satz Senecas benennt auch die Bedingungen des Scheiterns so mancher therapeutischer Pflichtübung, die den Gefangenen inzwischen als Teil der Strafe auferlegt wird. Von oben verordnete „Behandlungsmaßnahmen“, denen Gefangene sich unterziehen müssen, wenn sie in den Genuss von Haftlockerungen und einer vorzeitigen Entlassung kommen wollen, erzeugen häufig nichts anderes als eine Atmosphäre systematischer Heuchelei. Gefangene lernen Sätze zu sagen, die man von ihnen hören will. Sie legen ihren Argot ab, den Slang der Straße und der Knäste, errichten eine angepasste Fassade und unterwerfen sich dem psycho-sozialen Code der Behandlung und Besserung.

Ich habe mich vom Schwung meiner Argumentation aus der Kurve tragen lassen und muss mich ein wenig bremsen und korrigieren. Druck von außen, durch Gerichte oder Justizvollzugsanstalten auferlegt, muss kein unbedingtes Therapiehindernis darstellen. Was Imre Kertész in seinem Galeerentagebuch geschrieben hat: „Gott kann man überall finden, sogar in der Kirche“, lässt sich auch auf unseren Kontext übertragen: Man kann sein Leben überall ändern, sogar im Rahmen einer vom Gefängnis auferlegten oder gar erzwungenen Therapie! Wenn das gelegentlich der Fall ist, dann ist es einem Moment der Faszination geschuldet, der persönlichen Übertragung zwischen zwei Menschen oder einer bestimmten glücklichen Gruppenkonstellation. Ein Schlüsselerlebnis kann sich ereignen, wenn ich die Erfahrung mache, dass mir jemand „grundlos“ solidarisch zur Seite springt; wenn ich irgendwo Schwäche zeigen konnte, ohne Stärke zu provozieren; wenn mir plötzlich in einem Gespräch „ein Licht aufgeht“ und ich ein so genanntes „Aha-Erlebnis“ habe; wenn es mir gelingt, über meinen Schatten zu springen und mich als jemanden zu erleben, der seine noch nicht gelebten Möglichkeiten entfaltet und über sich hinauswächst.

Scheinbar therapieferne, „zweckfreie“ Aktivitäten in den Bereichen Sport, Spiel, Kunst und Kultur können Suchbewegungen nach einem Schlüsselerlebnis mitunter beiläufig zu einem Ziel führen. Sie wirken gerade deswegen, weil sie nichts bewirken wollen. Würde man den Teilnehmern einer Kochgruppe oder eines Sport-Projekts verkünden, sie würden beim gemeinsamen Herstellen einer Speise oder im gemeinsamen Spiel ihre „sozialen Kompetenzen“ und ihre „emotionale Intelligenz“ verbessern, würden sich diese Aktivitäten selbst um das Geheimnis ihrer Wirkung bringen. Schlüsselerlebnisse sind gewissermaßen Gratisbeigaben von Aktivitäten, die kein „um ... zu“ verfolgen, keinem ökonomischen Effizienz- oder pädagogisch-therapeutischen Nützlichkeits-Kalkül unterliegen. Ihr Zweck fällt mit ihrer Ausübung und der Befriedigung zusammen, die man bei ihrer Verrichtung empfindet – auch wenn sie Anstrengung und Mühe erfordern. Gerade das „macht“ manchmal etwas mit Menschen, was darauf verzichtet, etwas mit ihnen „machen“ zu wollen.

Suchbewegungen

Im November 1957 warteten in der abgedunkelten North Dining Hall des berüchtigten Zuchthauses von San Quentin vierzehnhundert Insassen auf den Beginn eines dort angesagten Theaterstückes. Johlend und feixend forderte die Menge den Beginn der Show. Als der Vorhang sich hob, blieb die erhoffte Gaudi aus. Sekunden der Verstörung traten ein. Einige wollten gleich wieder gehen, zögerten aber und blieben. Gebannt und erschüttert folgten alle der Aufführung. Bis zum Schluss. Ergriffene Äußerungen nach dem Stück und bewegte Nachgedanken in der Gefängniszeitung. Sie zeigten, dass die Gefangenen ein Theaterstück zutiefst begriffen hatten, welchem die avancierte Kritik in London und Paris teilweise verständnislos gegenüber stand: Samuel Becketts „Warten auf Godot“. Zumindest von einem der vierzehnhundert Zuschauer wissen wir, dass diese Theater-Erfahrung in San Quentin für ihn zu einem „Schlüsselerlebnis“ wurde. Der lebenslänglich dort einsitzende Rick Cluchey gründete daraufhin eine Gefängnistheatergruppe, schrieb für diese über dreißig Stücke und spielte natürlich auch Beckett. Freigekommen, traf Cluchey Beckett in Paris und arbeitete gelegentlich mit ihm zusammen.

Nun könnte man auf den Gedanken kommen und sagen: „Wenn Schlüsselerlebnisse kleine und große Wunder hervorrufen, dann lasst sie uns synthetisch herstellen und in Serie produzieren!“ Doch genau an dieser Stelle wird es brenzlig und kompliziert. Kunst ist kein Ding von Kausalitäten; auch keine erzieherisch-menschheitsveredelnde Wunderlampe. Sie hat die Kraft, große Wirkungen zu erzielen. Sie weiß meist nicht einmal, dass sie über diese Kraft verfügt. Wüsste sie es, drohte sie sie einzubüßen. In den künstlerischen Projekten ist etwas verborgen, das sich verflüchtigt, wenn man es dingfest machen und für die politische oder pädagogisch-therapeutische Verwertung zurechtrücken möchte. Es ist ein bisschen wie im Märchen, wo die Zauberfee verschwindet, sobald man sie barsch bei ihrem Namen nennt. Reinhard Kahl berichtet in der Zeit5 über Tanzprojekte, die der englische Choreograph Royston Maldoom mit Kindern rund um die Welt durchführt – mit Straßenkindern in Äthiopien, traumatisierten Jugendlichen aus Bosnien oder sogenannten Problemschülerinnen und -schülern in Berlin und Hamburg. Sie sind ein Beispiel dafür, dass ihre mitunter erstaunliche Wirkung nur ein Nebenprodukt ist. Maldoom tanzt mit Kindern und Jugendlichen um des Tanzes und der Schönheit willen, und während die Kinder und Jugendlichen tanzen, entdecken sie ungeahnte, bislang verschüttete Potenziale. Die Erfahrung, dass jemand an einen glaubt, kann dazu führen, dass jemand wieder oder zum ersten Mal an sich selbst glaubt. Das solcherart geweckte und gewachsene Selbstbewusstsein kann in der Folge auf andere, weit entfernte Lebensgelände ausstrahlen und so das ganze Leben verändern. Versucht man nun, den Tanz als Mittel zu instrumentalisieren, tritt laut Kahl „ein pädagogischer Midas-Effekt ein. Der antike König, der sich gewünscht hatte, dass alles, was er anrührt, zu Gold werde, hätte verhungern müssen, wenn sich die Götter seiner nicht erbarmt hätten. So geht es auch immer wieder der Schule. Sie vereitelt das Lernen, wenn sie die Welt zu Schulstoff zermalmt. Wenn das Ergebnis all der Aktivitäten schon vor dem Anfang feststeht, warum soll man sich eigentlich noch auf den Weg machen? Lernziele, die nur noch erfüllt werden müssen, geben der Welt einen faden Geschmack. Sie wird nicht zu Gold, sondern zu Pappe.“

Erwachsene und Lehrer müssen es schaffen, Kinder und Jugendliche mit ihrer Leidenschaft anzustecken und mitzureißen. Nur so kann es gelingen, die in ihnen schlummernden besseren Möglichkeiten aus ihnen herauszulocken und zur Entfaltung zu bringen. Dasselbe gilt für das Personal von Gefängnissen im Umgang mit den Inhaftierten. Von in Routine erstarrten Mitarbeitern, die alles bereits zu kennen glauben und darauf warten, dass es Abend wird und das goldene Zeitalter der Pensionierung anbricht, ist Enthusiasmus wohl schwerlich zu erwarten. Und auch im Rahmen mürrisch erbrachter externer Dienstleistungen oder routiniert abgespulter Therapie-Module wird es zu Schlüsselerlebnissen und Therapie-Erfolgen schwerlich kommen. Wir benötigen in unseren Gefängnissen mehr Theater-, Musik- und Kochgruppen, Chöre, Film-, Kunst- und Kulturprojekte, Philosopie-AGs und politische Gesprächsgruppen, Laufgruppen und Boule-Kugeln und enthusiastische Menschen von draußen, die bereit sind, sich für die Aufgabe, Straftäter für die Gesellschaft zurückzugewinnen, zu engagieren und als Menschen in die Waagschale zu werfen. Noch einmal, um Missverständnissen vorzubeugen, etwas moderat-vernünftiger: Auch all die Trainingsprogramme, all die Einzel- und Gruppentherapien und sonstigen im engeren Sinn therapeutischen Bemühungen haben ihre Berechtigung und können durchaus Erfolge vorweisen, aber wir sollten die Chancen nicht leichtfertig ignorieren, die in scheinbar zweckfreien, im weitesten Sinne kulturellen Projekten liegen. Diese fristen in unseren Gefängnissen ein Nischen- und Schattendasein, genießen kaum Wertschätzung und werden allzu oft auch finanziell stiefmütterlich behandelt.

Vergessen wir nicht die Einsicht von Nelson Mandela: „Es heißt, dass man eine Nation erst dann wirklich kennt, wenn man in ihren Gefängnissen gewesen ist. Eine Nation sollte nicht danach beurteilt werden, wie sie ihre höchsten Bürger behandelt, sondern ihre niedrigsten.“

Anmerkungen

1) Berlin 2009      .

2) Köln 1998      .

3) Berlin 2006, S.245

4) Joachim Gaertner: Ich bin voller Hass – und das liebe ich, Frankfurt/Main 2009, S.138

5) Zauberworte der Bildung, Nr. 22 – 2007


Dr. Götz Eisenberg arbeitet als Gefängnispsychologe im Psychologischen Dienst der JVA Butzbach. Er schreibt regelmäßig für Der Freitag, die Schweizer WOZ, psychosozial und die Frankfurter Rundschau.

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