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Klaus Holzkamp

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Ungleichheit – Gleichheit – Differenz

15.09.2006: Nachdenken über alte und neue Fragen

  
 

Forum Wissenschaft 3/2006

Der BdWi führt vom 24. bis 26. November in Frankfurt am Main den Kongress „Ungleichheit als Projekt“ durch (Tagungsinformationen und Anmeldung unter www.ungleichheit-als-projekt.de ). Er wird Ungleichheit(en) unter neoliberalen Bedingungen und die Auseinandersetzung mit ihnen behandeln. In seinem Vorfeld veröffentlicht Forum Wissenschaft zwei Beiträge vorab. Im ersten zeigt Alex Demirovic, dass der Kampf um soziale, rechtliche und politische Gleichheit sich immer im Spannungsfeld der Anerkennung und Realisierung von Differenz bewegt. Gleicheit ist insoweit Ziel emanzipatorischer Kämpfe, als sie ermöglicht, „ohne Angst verschieden zu sein“.

Vor Gott sollen alle Menschen gleich sein, sie sind sein Ebenbild. Das ist nicht gerade materialistisch gedacht. Denn die Menschen sind ungleich, verschiedenen Aussehens, verschiedenen Geschlechts, verschiedener Fähigkeiten – sie sind alles Mögliche und das Gegenteil: groß, dick, hübsch, ungeschickt, langsam, blond, rothäutig, intelligent oder blauäugig. Diese Unterschiede wären alle kein Problem, wenn sie nicht in irgendeiner Weise ausgenutzt würden, um Individuen systematisch zu benachteiligen. Was wäre ein Problem daran, dass Menschen unterschiedliche intellektuelle Fähigkeiten und Interessen haben? Eigentlich nichts, sofern dies nicht zum Anlass wird, mit der Behauptung überlegener Fähigkeit Ressourcen aller Art für sich zu beanspruchen und schließlich auch noch die Fähigkeiten selbst und das Monopol über das, was als fähig gilt. Neben den Unterschieden erfahren sich die Menschen auch als solche, also etwas an sich, das ihnen das Gemeinsame ist. Im Lichte dieses Gemeinsamen, das sie zusammen herstellen, ihres kollektiven wie ihres individuellen Lebens, empfinden sie Ungleichheiten als eine Zumutung und als eine Enteignung. Diese Ungerechtigkeiten werden ihnen von denen angetan, die die Macht dazu haben und davon profitieren. Dieses Gemeinsame, das Kollektive, die Kooperation selbst nimmt historisch in irrationaler Weise die übermächtige Gestalt Gottes an, der eine Garantie für die Gleichheit aller ist. Die Forderung nach Gleichheit, die sich hinter dem Rücken Gottes versteckt, hat sozialrevolutionäre Bedeutung. Die Anteillosen – die, die keinen Namen haben, die nicht gezählt, die überhört werden, denen das Recht, Rechte zu haben, nicht wie selbstverständlich zuerkannt ist – verlangen gleichen Anteil. Andere, die sich alles angeeignet haben, müssen abtreten.

Verschiedene Gleichheiten

Da die Individuen ungleich sind, muss es Kriterien und Maßstäbe geben, nach denen sie jeweils als gleich gelten können. Natur ist keine letzte Instanz, aber häufig wird sie angerufen. Die Kriterien der Gleichheit stehen nicht von vornherein fest, sondern ergeben sich in langen Kämpfen und Aushandlungen. So werden sie Gleiche als Gattungswesen im Unterschied zu den Tieren. Aber es gab immer wieder Bemühungen, einzelnen Gruppen von Menschen gerade diesen Status des Menschseins abzusprechen, um sie z.B. rassistisch abzuwerten – und umgekehrt gibt es Bemühungen, die Grenze durchlässig zu machen, um Tierversuchen und -quälereien ein Ende zu setzen. Gleichheit wird dadurch hergestellt, dass sie vermittels eines Äquivalents gleich gesetzt werden. Einzelne Körpermerkmale oder Verhaltensmuster werden herausgegriffen, symbolisch als gleich und zusammenhängend gedeutet und auf diese Weise in einer Vielzahl von immer wieder sich bekräftigenden Praktiken und Sprechakten in den Gegensatz gestellt zu etwas, was als Gegenteil gilt: die Frauen im Unterschied zu den Männern, die Schwarzen zu den Weißen. So werden die Männer und die Frauen jeweils als Geschlechter gleich und gegeneinander unterschieden. Die Differenz reproduziert und bestätigt sich in einer Vielzahl von Ungleichheiten der Belastung durch Arbeit, die Frauen häufig ein Mehr aufbürdet, durch sexuelle und geschlechtliche Abwertung, durch Ausschließung aus den Räumen des gemeinsamen, des so genannten öffentlichen Lebens, durch körperliche und symbolische Gewalt, die ihnen vielfach widerfährt von der Werbung über die häuslichen Übergriffe bis zur Vergewaltigung. Alle diese Praktiken arbeiten an der Äquivalenzbildung mit und bilden einen Zirkel: weil es die Ungleichheit gibt, gibt es die Ungleichbehandlung, die Abwertung, die Ausbeutung, die Gewalt – und diese bestätigen erneut die Ungleichheit und schaffen damit die rechtfertigende Grundlage für erneute Praktiken der Ungleichheit. Aber wenigstens scheint es die Gleichheit der Männer und die Gleichheit der Frauen zu geben. Wer dem Schema nicht entspricht, wird sanktioniert, Mädchen müssen rosa Wäsche tragen, Jungen blaue, Jungen kämpfen, Mädchen spielen mit Puppen; mit zwölf sollen die einen außen-, die anderen innenorientiert sein. Die Natur wird zum Anlass der Unterscheidung, und jeder vollzogene Unterschied scheint die Natur zu bestätigen. Gleichheit erweist sich hier als Maßstab eines symbolischen Drucks und Zwangs, einer Vielzahl von Praktiken, die immer wieder von neuem die Binarität der Verteilung sichern. Die starke Forderung nach Gleichheit zielt deswegen auf die Emanzipation der Frauen von dieser unterordnenden Differenz. Denn es kommt ja noch hinzu, dass die Unterscheidung der Geschlechter die Individuen nicht nur dazu nötigt, sich konformistisch ihrem Geschlecht gemäß zu verhalten, sondern auch noch eine Abwertung vornimmt, derzufolge das weibliche Geschlecht aufgrund der es qualifizierenden Merkmale weniger wert sei. Die Forderung nach Gleichheit kann dies noch verstärken. Denn Gleichheit legt nahe, dass die Frauen den Männern gleichgestellt werden, die gleichen Rechte genießen, die gleiche Bezahlung bekommen. Diese Norm der Gleichheit hält die Höherbewertung der Männer fest, legt nahe, Männer müssten nicht auch von ihrer Männlichkeit emanzipiert werden; Frauen würden sich selbst nicht ernst nehmen. Vieles, was den Frauen zugeschrieben wird und sie als Unterdrückte konstituiert, die Fürsorglichkeit für sich und andere, die Häuslichkeit, die Kommunikationsfähigkeit, die Ablehnung des Kämpferisch-Kriegerischen, ginge verloren. Dem ließe sich aufgrund neuerer moralphilosophischer Diskussion die Forderung nach Anerkennung dieser Differenz entgegenhalten. Frauen fänden die volle Anerkennung ihrer Würde in dem, was sie tun, was sie sind. Sie würden nicht mehr abgewertet. Übertragen könnte in ähnlicher Weise gesagt werden, dass auch die ArbeiterInnen nicht abgewertet werden sollten, sondern Anerkennung finden müssen. Aber das tendiert zum Paternalismus. Denn die Differenz wird beibehalten, und nur die Bewertung wird zum Gegenstand einer ethischen Diskussion. Als problematisch gilt allein, dass die Nichtanerkennung der Differenz, also besonderer Eigenschaften in einem Individuum, seine Subjektivität und Würde verletzen könnte. Aber gerade diese Anerkennung kann zur Form symbolischer Gewalt werden, weil sie Individuen festlegt, sie dazu zwingt, sich glücklich, weil anerkannt zu fühlen, während ihnen relevante gesellschaftliche Ressourcen weiterhin vorenthalten werden. Deswegen bleibt die Forderung nach Gleichheit gültig.

Die Frauen gelten als Gleiche, weil sie Menschen sind. Aber das allein reicht gegenüber den Ungleichheit herstellenden Mechanismen nicht aus. Deswegen werden im Namen der Gleichheit viele Regelungen geschaffen, die gezielt Benachteiligungen beseitigen sollen: Quoten, Gleichstellungsgesetze, Gender Mainstreaming, Kompetenzkurse, Überwachung öffentlicher Räume und Einrichtung besonderer Parkplätze, Verbot der häuslichen Gewalt. Im Namen der Gleichheit empört dies Männer, sie merken plötzlich, dass die Gleichheit bislang ihre Gleichheit war; sie protestieren, manche gehen mit rechtlichen Schritten gegen diese „Sonder“regelungen vor, die sie als Benachteiligung und Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes erfahren. Aber auch die Frauen selbst stellen fest, dass die Praxis im Namen der Gleichheit sich gegen sie richten kann. So fragt sich, welche Art von Gleichheit und wessen Gleichheit unterstellt ist. Gleichheit erweist sich als ein Signifikant, der viele Bedeutungen zusammenfasst, viele Praktiken einander gleichsetzt. Ungleichheiten geraten aus dem Blick oder gehen im Namen der Gleichheit verloren, solche der verschiedenen sexuellen Orientierungen, zwischen Arbeiterinnen und Angehörigen der Mittel- und oberen Klassen, zwischen Frauen aus den Ländern des Südens und solchen des Nordens.

Normen und Ungleichheit

Während die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern gesetzlich bekämpft wird mit der Norm der Gleichheit, während Ungleichbehandlung der Rassen im deutschen Grundgesetz abgelehnt wird und in internationalen Vereinbarungen noch radikaler, solche ideologischen Konstrukte wie Rasse oder Ethnie überhaupt verworfen werden, gilt dies für den Zugang zu den Ressourcen nicht in gleichem Maße. Da wird im Grundgesetz der Bundesrepublik zwar das Leben und die körperliche Unversehrtheit, die Würde und die Freiheit der Person garantiert. Aber die Gleichheit ist nur eine vor dem Gesetz; bei der sozialen, der materiellen Gleichheit schweigt sich das Grundgesetz aus. Vielleicht, so könnte man sagen, schreibt die Norm des sozialen und demokratischen Rechtsstaats vor, dass alle einen gleichen Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen haben sollten. Vorherrschend jedoch wird das Sozialstaatsgebot eher im beschränkten Sinn als fürsorgliches Verwaltungshandeln für Bedürftige verstanden. Von Fördern ist die Rede, allenfalls von Chancengleichheit, nicht von Herstellung sozialer Gleichheit.

Neben die anderen, vom Gesetz zumindest bekämpften Formen der Ungleichheit tritt also eine massive und sich verschärfende soziale Ungleichheit. Die allgemeinen und skandalösen Zahlen sind bekannt: Das eine Prozent der Reichsten der Weltbevölkerung verfügt über ein Einkommen, das dem von 57 Prozent der Menschheit entspricht. Das reichste Fünftel der Menschheit ist 75 mal so reich wie das ärmste Fünftel – und diese Kluft ist seit den 1960er Jahren immer weiter angestiegen. Ein Desaster ist das für alle Modernisierungsideologien, die den Alltags- und wissenschaftlichen Verstand aber im Griff haben und sich nicht beirren lassen. In Deutschland hat Armut vor allem seit den 1990er Jahren zugenommen und liegt über 15 Prozent. Das reichste Zehntel der Haushalte in Deutschland verfügte 2003 über 47 Prozent des Gesamt-Nettovermögens. Vermögenswerte und insbesondere Geld sind insofern ein wichtiger Indikator für Ungleichheit, weil sie Aufschluss über den Zugang zu und die Verfügung über Ressourcen aller Art geben. Denn die Zunahme von Vermögen resultiert aus privilegierten Stellungen in der Wirtschaft: Verfügung über Produktionsmittel und damit die Arbeit anderer. Das ermöglicht es, dass Vermögende zumeist nicht von der Substanz leben und langsam „verarmen“, sondern ihr Vermögen so einsetzen, dass es noch weiter vermehrt wird: ökonomische Investitionen, Vermögensanlagen, Erwerb von Bildungstiteln, soziale Beziehungen, Konsum, Lebensdauer.

Diese Ungleichheiten leben nicht zuletzt fort, weil sie vielfach nicht zum Selbstverständnis der Gesellschaft gehören. Diese nimmt sich auf irgendeine Weise als eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft wahr. Es soll keine sozialen Klassen geben, eher verschiedene Milieus – und eben soziale Ungleichheiten. Aber als Ungleichheiten stehen sie wie unverbunden nebeneinander. Dass die einen viel haben und die anderen wenig, hat dem vorherrschenden Verständnis von sozialer Ungleichheit zufolge wenig miteinander zu tun: die einen leisten etwas, die anderen nicht, die einen haben Glück, die anderen nicht, die einen sind intelligent, die anderen nicht. Dort, wo die Diskrepanzen zu deutlich werden, tut die Gesellschaft ja etwas dagegen. So gibt es die herrschende Meinung, dass es in Deutschland keine Armut gibt, weil dem ja die Sozialhilfe vorbeugt. Es gehört gar nicht in die Vorstellungswelt der deutschen Gesellschaft, dass am Morgen Kinder im Kindergarten oder in der Schule mit hungrigen Bäuchen sitzen und nicht spielen und lernen können, sondern auf das Mittagessen warten. Wie selbstverständlich wird unterstellt, dass 350 oder 400 Euro ALG II doch eine Menge Geld sei und nun kein Missbrauch betrieben werden sollte – so, als wäre das nur ein Taschengeld, das noch zu den sonstigen Einnahmen hinzu käme. Die Armut übersteigt die öffentlich geäußerte gesellschaftliche Vorstellungskraft. Und dort, wo eine Ahnung dämmert, greift befriedend die Modernisierungstheorie ein mit dem Versprechen, dass es irgendwann schon werde und alle zu bescheidenem Wohlstand kommen könnten, wenn sie ihre Chancen nur wahrnehmen wollten – etwas tun müssen sie freilich schon!

Dem fügt sich auch die Rede von der Gleichheit ein. Sicher, die Forderung nach Gleichheit kann sozialrevolutionäre Bedeutung annehmen. Jeder soll seinen gerechten Anteil, das Seinige erhalten. Mit der Gleichheit würde richtig ernst gemacht, es würde umverteilt. Davor schrecken viele Vertreter der Gleichheit und Gerechtigkeit zurück und versichern uns, so sei es nicht gemeint. Gleichheit sei eine Norm, es gehe nicht um empirische Verwirklichung, es handele sich um eine regulative Idee, der immer nachgestrebt werden muss, die jedoch niemals erreicht werden kann. Das ist angenehm, weil man mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen an die Norm erinnern kann, wohl wissend, dass es der List der Geschichte überlassen bleibt, sich dieser Norm ins Ungefähre anzunähern. Die Liberalen, die Bürger sind zufrieden damit, dass in der Moderne, mit Markt und Demokratie und Menschenrechten, das Ereignis der Ankunft der Norm der Gleichheit stattgefunden hat. Das allein reicht aus, vom Ende der Geschichte zu träumen. Alles, was die Menschheit erreichen könnte, wurde schon erreicht. Dort, wo die empirischen Wirklichkeiten den Normen noch nicht entsprechen, braucht es vielleicht noch einiger Bemühungen. Aber es wird schon, noch durch dieses Tal der Tränen hindurch – so lautet der Tenor der Pastoralmacht.

Die Norm der Gleichheit nicht zu verwirklichen und sie lediglich als Norm zu begreifen hat also den interessierten Grund, den Wunsch nach einer tief greifenden Umverteilung der Vermögen, der gesellschaftlichen Ressourcen zu vermeiden oder entsprechende Forderungen zu entmutigen. Doch die Sache ist verzwickt. Denn was würde es bedeuten, dass alle ihren gerechten Anteil erhielten? Wenn dieser Anteil gleich groß ist, kann dies ganz ungerecht sein, denn die einen benötigen mehr, die anderen weniger, die einen haben mehr für das Gemeinwesen getan als die anderen. Wenn aber diese Unterschiede berücksichtigt werden im Sinne einer proportionalen Verteilung, stellt sich die Frage nach den Maßstäben, nach denen proportional verteilt werden soll. Das erlaubt denen, die die Kriterien bestimmen, diese zu ihren Gunsten festzulegen.

Gleichheit und Differenz

In diesem Zusammenhang erschließen sich Marx' Überlegungen zum Wert der Ware als ein wichtiger Beitrag. Denn er kann deutlich machen, dass die kapitalistische Produktionsweise eine geniale Lösung des Gerechtigkeitsproblems darstellt. Niemand wird betrogen oder beraubt. Sie treten als freie und gleiche Besitzer von Waren auf. Der Wert der Waren ist bestimmt durch die zu ihrer Herstellung durchschnittlich gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Das gilt auch für die Ware Arbeitskraft. Alle sind also im formalen Sinne gleich; allein, wenn sie gleich sind, kann es überhaupt zu den Tauschhandlungen auf dem Markt kommen. Gleichheit ist aus Sicht von Marx allerdings nur ein Durchschnittswert. Der durchschnittliche Wert der Arbeitskraft ermittelt sich durch alle Tauschvorgänge hindurch. Gleichheit ergibt sich also allein durch die mehr oder weniger großen Streuungen und die Abweichungen. Weil Gleichheit nur ein Durchschnittswert ist, muss um sie ständig gekämpft werden. Die Gleichheit ist etwas Uneinholbares, weil sie sich nur aus dem Durchschnitt ergibt. Aber aus dem gleichen Grund wäre es fatal, auf die Forderung nach Gleichheit zu verzichten. Der Kampf um die Gleichheit muss geführt werden, obwohl er selbst eine Zumutung darstellt und gerade die Form ist, in der die Gleichheit als bürgerliches Verhältnis existiert.

Wenn die aus dieser bürgerlichen Gleichheit resultierenden Ungleichheiten wieder beseitigt werden sollen, dann deutet Marx zwei Möglichkeiten an. Die eine Möglichkeit will Gleichheit verwirklichen. Das aber führt zum Terror, wie Marx in seiner energischen Kritik an der Französischen Revolution als einer politischen Revolution zeigt. Es handelt sich um den politischen Willen, durch Gesetz und vor dem Gesetz Gleichheit zu normieren, ohne die Verhältnisse zu ändern. Das Ergebnis ist, dass an den Individuen mit politischem Zwang Gleichheit hergestellt werden soll, während die Ursachen für die Entstehung von Ungleichheit fortbestehen. Der Terror ist ein Moment, in den die Gleichheit umschlägt. Das Bürgertum weiß darum und findet darin einmal mehr den Grund dafür, die Gleichheit auf eine regulative Idee zu verkürzen. Denn nur wenn die innere Dynamik der Gleichheit blockiert wird, wenn auf die Verwirklichung der Norm verzichtet wird, lässt sich der Umschlag in den Zwang des Gleichseins verhindern.

Aus diesem Grund wurden in der Tradition des emanzipatorischen Denkens im Anschluss an Marx andere Akzente gesetzt. Marx betont ausdrücklich, es sei nicht Aufgabe des Sozialismus, Gleichheit und Freiheit zu verwirklichen1. Als Ziel bezeichnet er eine Assoziation der freien Individuen, die durch kein die Individuen gleichsetzendes Maß gekennzeichnet wäre: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Auch Adorno wendet sich gegen ein für Gesellschaft konstitutives, vereinheitlichendes Prinzip. Ihm geht es darum, das Prinzip, das die Gesellschaft zur Totalität, zum auf sich selbst verweisenden Gesamtzusammenhang fügt sowie die Individuen auf einen Nenner bringt und zum Leben nach den Regeln des Konformismus nötigt, historisch selbst zu überwinden. Das Heraustreten aus den blinden Prozessen der Naturgeschichte der Menschheit meint die Befreiung zur Vielfalt. Versöhnt wäre eine Form des sozialen Lebens, in dem es möglich wäre, ohne Angst verschieden zu sein. Emanzipation wird erst dann erreicht sein, wenn auch noch diese Dialektik von Gleichheit und Differenz überschritten ist.

Anmerkung

1) Vgl. Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. MEW Bd. 42, Dietz Verlag, Berlin 1983, S.174


Dr. phil. habil. Alex Demirovic ist Sozialwissenschaftler. Er lehrt als Privatdozent u.a. am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Frankfurt/Main zu kritischer Theorie, Staatstheorie sowie Demokratie und Herrschaftsverhältnissen im Neoliberalismus.

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