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Klaus Holzkamp

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Oppositionswissenschaft

15.09.2006: Noch einmal Abendroth: Wissenschaft und Politik

  
 

Forum Wissenschaft 3/2006

Was bedeutet heute eingreifende Wissenschaft? Was wären ihre Arbeitsweisen? Um diese Fragen beantworten zu können, wird immer wieder auf historische Beispiele zurückzugreifen sein, wird die Geschichte gesellschaftskritischer Wissenschaft immer wieder aufgerollt und gegebenenfalls neu bewertet werden. Richard Heigl stellt Abendroths Denken zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik vor der Folie von Positionen der Frankfurter Kritischen Theorie dar.

Im kollektiven Gedächtnis der Linken steht das von Wolfgang Abendroth geleitete Marburger Institut für wissenschaftliche Politik (IwP) bis heute deutlich im Schatten des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) mit Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Hier dürfte eine Neubewertung fällig sein, zumal sich das IwP schon in den 1950er Jahren zu einem zentralen wissenschaftlichen und politischen Akteur der außerparlamentarischen Bewegung entwickelt hatte.

Ein Universitätsinstitut als Netzknoten demokratischer Bewegungen – dieses Novum in der deutschen Geschichte nahm seinen Ausgang mit der Berufung Wolfgang Abendroths nach Marburg auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Wissenschaftliche Politik im Jahr 1951. Abendroth trat für hochschulpolitische Reformen ein. So forderte er die Beseitigung der sozialen Schranken und die Einrichtung interdisziplinärer, wissenschaftlicher Zentren der politischen Wissenschaft, die die Disziplinen Recht, Wirtschaft, Sozialpsychologie und Geschichte zusammenführen. Das hatte zum Ziel, das bestehende akademische Rekrutierungssystem zu durchbrechen und Demokraten in der zivilen und politischen Gesellschaft zu installieren.

Gegen herrschende Ideologie

Doch die Etablierung von Demokratiewissenschaften erwies sich als steiniger Weg. Das Marburger IwP und das Frankfurter IfS blieben Inseln für eine an Marx anknüpfende dialektisch-kritische Wissenschaft. Marxistische Wissenschaft sei, so Abendroth, notwendigerweise „Oppositionswissenschaft gegen die herrschende Ideologie“.1 Und das bedeutete in den 1950er Jahren vor allem eine Kampfansage an den Positivismus. Auch wenn Abendroth nicht direkt in den Positivismusstreit der Soziologie eingriff, bezog er doch in seiner kurzen, wichtigen Einleitung zum Sammelband Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie (1967) Stellung: „Bloße Photographie aller Einzelheiten, zudem von einem Standort, der nicht kritisch bestimmt wird, schlechter, das heißt nicht auf konkrete Klärung konkreter Probleme gerichteter Empirismus, kann in den Gesellschaftswissenschaften kein sinnvolles Resultat liefern. […] Nur auf der Grundlage sinnvoller Fragestellung, die sich der Geschichtlichkeit aller sozialen Vorgänge bewußt ist, werden die Techniken der formalen und der neo-positivistischen Soziologie fruchtbar.“2

Adorno und Horkheimer konnten mit dem Marburger Politologen thematisch wenig anfangen. Die Kritischen Theoretiker versuchten, Soziologie, Psychoanalyse und dialektisch-kritische Philosophie methodisch zu integrieren. Ihre kulturtheoretischen Arbeiten erschlossen bis dahin vom Marxismus vernachlässigte Themen und Wissensbereiche. Der Jurist und Politologe Abendroth orientierte sich dagegen an den klassischen Themen der ArbeiterInnenbewegung. Am Marburger Institut entstanden Arbeiten zur Politischen Soziologie des Dritten Reichs, zur lokalen und regionalen Wahlforschung, zum antifaschistischen Widerstand und historisch-soziologische Studien zur ArbeiterInnenbewegung. Hier produzierte das IwP viel beachtete Pionierarbeiten und entwickelte in den 1950er und 1960er Jahren ein eigenes wissenschaftliches Profil.3

Seine Verknüpfung von Wissenschaft und allgemeinpolitischem Engagement machte Abendroth zum Enfant terrible der westdeutschen Gesellschaft. Er hatte die Bedeutung der Wissenschaft für den Erfolg einer demokratischen Bewegung erkannt und entwickelte sich zum Paradebeispiel eines „politischen Professors“, wie er auch in der Spätaufklärung zu finden war. Rasch wurde er zur führenden Figur des marxistischen, linkssozialistischen Flügels in der SPD. Er kritisierte öffentlich ihre Anpassungstendenzen in der Frage der Wiederbewaffnung und ihren Kurs zur „Volkspartei“. Gegen die Integrationsideologie des Kalten Krieges forderte er eine sozialistische Deutschlandpolitik jenseits der Freund-Feind-Linien. In den Gewerkschaften beteiligte er sich bei den großen Kämpfen um das Betriebsverfassungsgesetz und das politische Streikrecht. Wissenschaft hatte sich für ihn auf die Seite der Subalternen zu stellen, betonte Frank Deppe anlässlich einer Festrede zu Abendroths 100. Geburtstag.4 Abendroth lieferte vor allem Argumente, hielt Reden und schrieb in den Zeitschriften der demokratischen und linkssozialistischen Subkultur. Und vor allem half er bei der Organisation der Bewegungen, u.a. als Gründungsmitglied des BdWi.

Sein Augenmerk galt nicht zuletzt der Entwicklung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Dass hier Kerne der Neuen Linken entstanden, ist unmittelbar auf die Anwesenheit von LinksozialistInnen zurückzuführen. Abendroth war einer der wichtigsten unter ihnen. Als der linkssozialistische Flügel seinen Kampf um die Hegemonie in der SPD Ende der 1950er Jahre verlor, wurde er zusammen mit dem SDS 1961 aus der Partei ausgeschlossen. Marburg blieb jedoch weiter Knotenpunkt der Bewegung gegen die Notstandsgesetze, der Abrüstungsbewegung und später der StudentInnenbewegung.

Abendroth-Schule?

Schon diese kurze Skizze zeigt, dass sich das IwP traditionellen Maßstäben der Scientific Community entzog. Die 25-jährige Tätigkeit Abendroths kann mit der Herausbildung eines marxistischen Flügels der Politikwissenschaft verbunden werden. Ebenso gab das Institut Impulse für eine neue Generation linker Staatsrechtler, die u.a. durch die Bewegung gegen die Notstandsgesetze sozialisiert worden waren. Trotzdem endet die Frage, ob man von einer Abendroth- oder einer Marburger Schule sprechen kann, in einer fruchtlosen Debatte. Abendroth selbst wollte keine weltanschaulich geschlossene marxistische Theorierichtung gründen. Wichtiger war ihm die Vermittlung der Grundlagen marxistischen Denkens, vor allem gegen deren Verkürzungen. Auch bildeten die Mitarbeiter im Institut keine weltanschaulich geschlossene Gruppe. Eine eigene wissenschaftliche Zeitschrift konnte es nicht vorweisen; man nutzte lieber die bestehenden Medien. Wenn ein Charakteristikum des Abendroth-Instituts genannt werden kann, dann dieses: hier entstand unter dem Schutz eines Ordinarius ein Freiraum, der für damalige Verhältnisse flache Hierarchien aufwies. Hier vermittelte Abendroth eine bestimmte Haltung. Und hier entwickelte sich ein Denk- und Arbeitskollektiv, das durch ähnliche Arbeits- und Lebensweisen geprägt war; vor allem aber durch den Praxisbezug der wissenschaftlichen Arbeit. Der Verdacht, die wissenschaftliche Tätigkeit sei hinter dem politischen Engagement zurückgetreten, greift also nicht.

Nun kann es nicht darum gehen, der Kritischen Theorie erneut ihre Praxisferne vorzuhalten. Spannender ist die Frage, warum Adorno und Abendroth so unterschiedliche Wissenschaftskonzepte entwickelten.

Abendroths Festhalten an der ArbeiterInnenbewegung als historischem Subjekt und seine optimistischere Sicht der allgemeinen Erkenntnispotenziale waren für die Frankfurter Philosophen nicht nachvollziehbar. Das erklärt sich aus spezifischen Erfahrungen und soziokulturellen Hintergründen. Für Adorno und Horkheimer, die nie einen direkten Kontakt zur ArbeiterInnenbewegung hatten, stellte sich die Welt, wahrscheinlich auch mit ihren Erfahrungen des Exils in den USA, ganz anders dar als für den im Widerstand sozialisierten Abendroth mit seinem direkten Bezug zu den sozialen Bewegungen. In ihren philosophischen Arbeiten kamen Adorno und Horkheimer bekanntlich zum Schluss, die verwaltete Welt mit ihren Integrationspotenzialen lasse eine Emanzipationsbewegung nicht mehr zu. Die Theorie galt ihnen als Statthalterin der Emanzipation. Daraus zogen sie die Konsequenz, jetzt sei eine Strategie des Überwinterns einzuschlagen. Die Aufgabe des Theoretikers beschränkten Horkheimer und Adorno darauf, der „schlechten Faktizität die bessere Möglichkeit vorzuhalten“.5 Die Kritische Theorie verstand sich selbst als Geste, „die vor der Gefahr einer Gesellschaft warnt, in der grundlegende Gesellschaftskritik verstummt sein wird.“6 Damit erhielt das Theorie-Praxis-Problem eine Akzentuierung der Theorie. Dafür rückte die Subjektrolle gesellschaftlicher Minderheiten in den Blick. Herbert Marcuse stellt in seiner berühmten Schrift Der eindimensionale Mensch (1964) fest, nur noch Randgruppen, das „Substrat der Geächteten und Außenseiter“ der Gesellschaft, könnten die gesellschaftlichen Verhältnisse durchbrechen, nämlich die Ausgebeuteten und die Verfolgten anderer „Rassen“ und anderer Farben, die Arbeitslosen und Arbeitsunfähigen.7 Ihre Opposition, so Marcuse, treffe das System von außen und werde deshalb nicht durch das System abgelenkt. Sie sei eine elementare Kraft, die die Regeln des Spiels verletze und es damit als „aufgetakeltes Spiel“ entlarve.8

Einsprüche

Für Abendroth fielen die Kritischen Theoretiker damit hinter die Erkenntnisse des historischen Materialismus zurück. Selbstverständlich sah auch er die erheblichen sozialpsychologischen Folgen für die geistige Selbstständigkeit, die sich aus der Hebung des Konsumniveaus und der sozialen Sicherung ergaben. Und mit Adorno und Horkheimer teilte er die Auffassung, dass die Klassengesellschaft im „Spätkapitalismus“ nicht verschwunden ist.

Aber aus seiner Sicht stand ein relativ hohes Lebenshaltungsniveau der Entwicklung eines politischen Selbstbewusstseins nicht notwendig entgegen.9 Anders gesagt, war für Abendroth erzwungene Fremdbestimmtheit ein objektiver, aber deshalb noch nicht unbedingt bewusstseinsbestimmender Faktor.10 Dies begründete er nicht nur theoretisch, sondern in erster Linie mit Verweisen auf konkrete historische und zeitgenössische Beispiele. Schon in früheren Entwicklungsstadien der europäischen Arbeiterbewegung habe sich gezeigt, dass die Entwicklung sozialistischer Parteien durch den ökonomischen Aufschwung und die Steigerung des Lebensstandards der Arbeiterinnen und Arbeiter nicht per se behindert, sondern auch gefördert worden sei. Tagesaktuell zeigte sich das für ihn in den sozialen Bewegungen der europäischen Nachbarländer Italien, Frankreich, Belgien oder auch Finnland. Die Bewegung gegen die Wiederbewaffnung, gegen die Notstandsgesetze und die zahlreichen lokalen Streiks bestätigten ihn ebenfalls in seinem Urteil, dass die Manipulation auch im Zeitalter des „eindimensionalen Menschen“ nicht vollständig griff. Auch in den Zentren war immer wieder mit Widerstand zu rechnen, auch mit labor unrest für selbstbestimmte Arbeits- und Lebensweisen in allen nur denkbaren Formen.

Für Abendroth ließ sich die Deutung der Frankfurter aber auch kapitalismustheoretisch widerlegen. Denn wenn es eine Konstante des Kapitalismus gab, dann seine Widersprüchlichkeit und Krisenanfälligkeit. Die prosperierenden wohlfahrtsstaatlichen und hochindustrialisierten Gesellschaften könnten in gesellschaftlichen Ruhelagen den Unterklassen einen verhältnismäßig hohen Lebensstandard gewähren. Das Denken sozialer Unterschichten tendiere in Ruheperioden meist dahin, von den Ideologien der Oberschichten bestimmt und überlagert zu werden, „wenn es nicht durch die Vermittlung bewusster politischer Gegenkräfte zu einem eigenen Sozialbewußtsein entwickelt werden kann“.11 Im Stadium der wirtschaftlichen Rezession bauten diese Gesellschaften jedoch ab, was sie eigentlich erhält: die materiellen Leistungen, die bisher die ideologische Verschleierung ermöglichten.12 Insofern müsse jede Oppositionspolitik die Konjunkturen einplanen und sich entsprechend antizyklisch ausrichten.

Abendroth lenkte in den 1950er und 1960er Jahren den Blick auf die Rüstungswirtschaft. Dort blieben die Widersprüche erkennbar, da zum Beispiel Vollbeschäftigung und die konsumexpansive Wohlstandsgesellschaft nur durch den gemeinsamen Nenner des Rüstungskapitalismus und der Rüstungsplanung gewährleistet werden könnten. Er erinnerte daran, dass sich die ökonomischen Schwierigkeiten des US-amerikanischen Kapitalismus durch den Vietnamkrieg, vor allem die internationale Währungskrise, schließlich nur auf Kosten der Lebenshaltung der Arbeiterklasse mildern ließen.13 Es entstünden also immer wieder konkrete Klassengegensätze und damit Ansatzpunkte für linke Politik. Daran änderten auch die neuen Technologien, die Automation in den Betrieben und ihre bewusstseinsverändernden Wirkungen nichts.

Bewusstseinsfragen

Generell gab es für Abendroth, gerade was die Entwicklung des politischen und sozialen Bewusstseins angeht, keinen Automatismus. Vehement wandte er sich damit gegen jeden Rückfall in deterministische Sichtweisen, die auch bei der Kritischen Theorie durch die Hintertür wieder hereinkamen. Die Annahme vieler Linker, aktives Klassenbewusstsein sei in früheren Perioden – einmal abgesehen von revolutionären Krisensituationen – quasi automatisch aus der Situation erwachsenes Bewusstsein der Arbeitermassen gewesen, sei verfehlt. Klassenbewusstsein im Marxschen Sinne sei stets das Ergebnis langen geistigen Ringens, selbstverständlich in Anknüpfung an die soziale Lage der Massen, und in entwickelter Form auf kleinere Kader der Funktionäre der Arbeiterorganisationen beschränkt gewesen.14

Gesellschaftsanalysen waren für Abendroths und Adornos Aufgabenbestimmung der Wissenschaft konstitutiv. Adorno notierte in seinen Überlegungen über eine Erziehung nach Auschwitz: „Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“15 Für Abendroth gab es das hier vorgestellte Außen nicht. Die Strategie des Nicht-Mitmachens, Marcuses „große Weigerung“, griff für ihn viel zu kurz. Er stellte die Frage nach ihren gesellschaftspolitischen Konsequenzen: „[…] konnte diese Weigerung nicht auch gleichsam private Flucht aus der wirklichen Geschichte, aus dem gesellschaftlichen Kampf werden, die ‚repressive Toleranz’ des Widersinns der bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse eher stärken als durchbrechen?“16 Für Abendroth eine rhetorische Frage. Wissenschaft musste Widersprüche und den Akteuren Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Theorien der Hoffnungslosigkeit betrachtete er für verfehlt: „Auswege hat es in noch so katastrophalen Lagen der Weltgeschichte immer gegeben und kann es auch heute geben. Natürlich hat heute die Theorie der Hoffnungslosigkeit eine reale Grundlage, weil nämlich im Fall eines Krieges jede Zivilisation ausgelöscht werden kann. Das macht es aber für die Bevölkerung umso dringlicher, gegen diese Gefahr zu kämpfen. Und aussichtslos ist dieser Kampf nicht.“17

Damit sprach er nicht dem Voluntarismus das Wort, aber die Aussichten einer Oppositionspolitik hingen auch davon ab, ob Handelnde sie gestalteten oder nicht. Und ob die Arbeiterbewegung weiterhin als Subjekt betrachtet werden konnte, war für ihn eine Machtfrage. Aus diesem Grund warnte er die 68er-Studentenbewegung auf ihrem Höhepunkt davor, ihre Kräfte zu überschätzen. Kurzzeitige Erfolge bescherten ein falsches Machtgefühl. Intellektuelle allein könnten das neue historische Subjekt nicht sein. Sie hätten im Zusammenhang immer eine Dienstleister-Funktion; Angestellte und Arbeiter bedürften dennoch „der kritischen Hilfe und aktiven Tätigkeit von Intellektuellen, die dieses eigene Sozialbewußtsein formulieren und propagieren.“18

Abendroth ging es um die Stabilisierung und Förderung von Mittlergruppen, welche die Theorie in die Sprache und das kulturelle Umfeld der jeweiligen Adressaten übersetzen und mit Praxis verbinden konnten. Intellektuelle konnten also auch als MultiplikatorInnen fungieren an den Hochschulen, in Parteien, Gewerkschaften und Bewegungen. So ist es nicht verwunderlich, dass er seinen Lesern und Zuhörern immer wieder organische Intellektuelle19 der revolutionären Arbeiterbewegung als Vorbilder präsentierte und er immer wieder das Wirken von August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Heinrich Brandler, August Thalheimer oder Willi Bleicher ausführlich behandelte. Von ihnen übernahm er den Ansatz, die verschiedenen Gruppen über gemeinsame politische Projekte zu kombinieren und so die Spaltungen zwischen den politischen Strömungen und sozialen Gruppen aufzuheben.20 Er organisierte kollektive Lernprozesse, in dem Akademiker und Gewerkschafter in gemeinsamen politischen Kampagnen zusammengeführt wurden. Organisationsprozess, selbstreflexive Mobilisierung der Selbstentfaltungs- und Selbstbefreiungspotenziale und Entwicklung von Klassenbewusstsein gingen hier Hand in Hand. Wissenschaft war Grundlage der Vermittlung innerhalb der Bewegungen.

Historisch konkret forschen

Als wesentliche Komponente kritischer Wissenschaft galt Abendroth die empirische und historische Forschung in Kombination mit dialektisch-kritischer Gesellschaftstheorie und Klassenanalyse. Die Verhältnisse seien, von der wissenschaftlichen Methodik her gesehen, nicht nur logisch-abstrakt, sondern immer auch historisch-konkret zu analysieren.Er insistierte darauf, das Wahrheitskriterium einer an Marx orientierten Wissenschaft sei die Empirie und die historisch-konkrete Praxis. Hier ging es nicht nur wissenschaftlich gegen die Spekulation um einfaches. Dahinter verbarg sich auch ein Erkenntnis-Problem, das Leo Kofler beschrieb: „Wenn ich ins Konkrete gehe, bekomme ich einen anderen Begriff vom historischen Fortschritt, weil ich Widersprüche und Entwicklungen sehe, die stets Neues, oft Überraschendes und keineswegs das ‚Immergleiche’, wie Adorno sagt, implizieren.“21 Ein Rückzug aus politischer Praxis habe langfristig Folgen für die Erkenntnisfähigkeit. Historisch-konkrete Forschung liefere Belege für die Veränderlichkeit der Welt. Daher ging er davon aus, theoretische Analyse habe immer aus der konkreten historischen Realität heraus zu erfolgen;22 Begriffsbildung dürfe die Darstellung der unendlichen Vielfalt nicht ersetzen. In der Studentenzeitschrift marburger blätter erläuterte er bei seiner Emeritierung im Jahr 1972: „Im realen Klassenkampf kommt man nicht darum herum, dass man auch theoretische und methodologische Grundprobleme diskutieren muß. Läßt man diese methodologische Diskussion allein und verliert die Verbindung mit der Praxis, dann entwertet man sie zum lediglich esoterischen Spiel. So sehr ich diese methodologische Grunddiskussion für notwendig halte, so erforderlich ist es nach meiner Meinung, vor allem auch die realhistorische und real-soziologische wissenschaftliche Arbeit weiterzutreiben.“23 Die nachvollziehbare Rückbindung an die Wirklichkeit, der Rückgriff auf die Resultate fachwissenschaftlicher Forschung sei für wissenschaftliche Politik unabdingbar.24 Dies zielte darauf ab, wie Lohfing schrieb, „dass der rationale Kern, dass das jeweilige historische Bewusstsein, dass also, philosophisch gesprochen, das Wahrheitsmoment in jedem Gedankengang, in jeder gesellschaftlich relevanten Handlung für alle erkennbar ans Tageslicht kam.“25

Deshalb begründeten die von Abendroth angeregten historisch-soziologischen Forschungen, etwa zur Geschichte der Arbeiterbewegung, sich nicht nur aus der Aufarbeitung kaum beachteter oder tabuisierter Inhalte. Empirische, historisch-konkrete Forschung in Kombination mit Marxscher Theorie und eingebunden in politische Praxis galten ihm als wissenschaftstheoretische Kernelemente. Das zeigt u.a. sein Beitrag in der Zeitschrift Das Argument von 1978, in dem er eine „besondere Wissenschaft von der Geschichte der Arbeiterbewegung“ forderte, da sich „ohne Bestimmung des eigenen historischen Standorts und der geschichtlichen Entwicklungsformen strategisch keine angemessenen Anweisungen für ihre Praxis fixieren ließen.“26

Zieht man die Geschichte des IfS zum Vergleich heran, wird deutlich, dass Abendroth thematisch und konzeptionell eigentlich die Tradition des alten Frankfurter Instituts unter Carl Grünberg fortsetzte. Abendroth ging darüber hinaus, als er den pluralen Marxismus von Grünberg mit der politischen Praxis seines politischen Lehrers Heinrich Brandler kombinierte. Das war die Grundlage dafür, dass mit Abendroth der marxistische Anspruch der Einheit von Theorie und Praxis so weitgehend wie noch nie zuvor an einer deutschen Hochschule verwirklicht wurde, und dies ist eine der historischen Leistungen Abendroths.

Die Frage, ob das IwP eine Alternative zum Frankfurter IfS war, muss also differenziert betrachtet werden. Eine Geschichte kritischer Wissenschaft, die einfache Polarisierungen sucht, griffe ohnehin zu kurz. Abendroth und Adorno lieferten jeweils Teilantworten. Insofern sind sie nicht nur im Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch in jenem der zeitgenössischen politischen Intellektuellen zu untersuchen. Einfache Polarisierungen widersprächen Abendroths Intentionen ohnehin diametral. Sein vermittelnder Ansatz war „radikal“. Denn wer „an die Wurzel gehen“ wollte, musste bereit sein, das Vorhandene konsequent umzuarbeiten, politische Intellektuelle aus ihrer Isolation führen helfen und einzelne Gruppierungen zusammenbringen.

Anmerkungen

1) Abendroth, Wolfgang (1978): Zur Auseinandersetzung um das Verhältnis von Spontaneität und Organisationsentwicklung in der Geschichte der Arbeiterbewegung, in: Das Argument 108, 224.

2) Abendroth, Wolfgang (1972): Antagonistische Gesellschaft und Politische Demokratie. Aufsätze zur politischen Soziologie, 2. Aufl., Neuwied/Berlin, 10.

3) Vgl. Hecker, Wolfgang/Klein, Joachim/Rupp, Hans Karl (Hg. 2001/2003): Politik und Wissenschaft. 50 Jahre Politikwissenschaft in Marburg, 2 Bde., Hamburg/London.

4) Deppe, Frank: Wolfgang Abendroth – zur Aktualität des „organischen Intellektuellen“ der Arbeiterbewegung?, Rede am 6.5.2006 in Frankfurt.

5) Vgl. Gilcher-Holtey, Ingrid (1998): Kritische Theorie und Neue Linke, in: dies. (Hg.): 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Göttingen, 173.

6) Adorno, Theodor W. (1977): Gesammelte Schriften (zit. GS), Bd. 10.2, Frankfurt, 567.

7) Marcuse, Herbert (1994): Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, München, 267.

8) Ebd.

9) Vgl. Abendroth, Wolfgang (1967): Zum Problem der Rolle der Studenten und der Intellektuellen in den Klassenauseinandersetzungen der spätkapitalistischen Gesellschaft, in: Das Argument 45 (1967), 413.

10) Vgl. Abendroth, Wolfgang (1972): Die soziale Struktur der Bundesrepublik und ihre politischen Entwicklungstendenzen, in: Abendroth 1972, Antagonistische Gesellschaft …, 25f.

11) Ebd., 26.

12) Abendroth, Wolfgang (1967): Zu den Problemen des Sozialistischen Zentrums und sozialistischer Strategie in der Bundesrepublik, in: Informationen der Sozialistischen Opposition, Extra 3/67, 12.

13) Da Abendroth selbst nicht geschlechterneutral sprach und schrieb, wird bei indirekten Zitaten von der in dieser Zeitschrift üblichen geschlechterneutralen Schreibweise Abstand genommen. Vgl. Abendroth, Wolfgang (1968): Klassenauseinandersetzungen in der spätkapitalistischen Gesellschaft. Die Rolle der Intelligenz, in: Marxismus in unserer Zeit. Zum 150. Geburtstag von Karl Marx, Marxistische Blätter, 1/1968 (Sonderheft), 122.

14) Vgl. Abendroth 1972, Die soziale Struktur …, 33.

15) Adorno, GS 10.2, 679.

16) Abendroth, Wolfgang (1985): Herbert Marcuse, in: ders.: Die Aktualität der Arbeiterbewegung. Beiträge zu ihrer Theorie und Geschichte, hg. v. Joachim Perels, Frankfurt. 195f.

17) Zit. nach Brokmeier-Lohfing, Peter (1986): Wolfgang Abendroth und das marxistische Denken, in: Dialektik 11 (1986): Wahrheiten und Geschichten – Philosophie nach ’45, 236.

18) Abendroth 1972, Die soziale Struktur …, 26.

19) im Sinne Gramscis.

20) Vgl. Heigl, Richard (2006): Die politische Pädagogik eines marxistischen Wissenschaftlers. Zum 100. Geburtstag Wolfgang Abendroths, in: analyse & kritik, Nr. 506 (19.5.2006), 3.

21) Kofler, zit. nach Seppmann, Werner (2000): Was ist ein „nonkonformistischer Intellektueller“? Leo Kofler und die linke Kritik an der „Frankfurter Schule“, in: Hintergrund. Marxistische Zeitschrift für Gesellschaftstheorie und Politik IV – 2000, 29.

22) Vgl. dazu Abendroth, Wolfgang (1981): „Die Theorie ist für die Praxis da, weil sie die Praxis anleiten will“. DIALEKTIK im Gespräch mit Wolfgang Abendroth, in: Arbeiterbewegung und Wissenschaftsentwicklung. Wolfgang Abendroth zum 75. Geburtstag. Dialektik. Beiträge zu Philosophie und Wissenschaften 3, Köln, 157f.

23) Abendroth, Wolfgang (1972): Ein Glied in der Kette marxistischer Forschung, in: marburger blätter 148, 4/1972, 15.

24) Vgl. Abendroth 1981, 147.

25) Brokmeier-Lohfing 1985, 241.

26) Abendroth 1978, 223.


Richard Heigl, Historiker und freiberuflicher IT-Trainer, Regensburg, Promotion über Wolfgang Abendroth, weitere Arbeitsgebiete: Neue Linke, Geschichte sozialer Bewegungen und Geschichtstheorie, Mitarbeiter bei Das ARGUMENT und Maintainer der Internetseite www.kritische-geschichte.de

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