BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressum
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Kurze Beine

  
 

Forum Wissenschaft 3/2006

Die Privatdozentin Dr. Anne Chr. Nagel lehrt an der Universität Gießen. In ihrem Buch „Im Schatten des Dritten Reiches“, Göttingen 2005, schreibt sie auf Seite 290, Fußnote 169: „Gleichzeitig spielte Marburg, genauer das politikwissenschaftliche Seminar um Wolfgang Abendroth, eine wichtige Rolle in SDS und APO. Was von seinen politischen Gegnern immer wieder vermutet wurde, zeitgenössisch aber nicht bewiesen werden konnte, daß der Politikprofessor und seine Mitarbeiter in enger Verbindung zum Staatssicherheitsdienst der DDR standen, läßt sich neuerdings anhand der Unterlagen der Gauck-Behörde detailliert nachweisen, wie Kraushaar, Mythos, S.149 f., aufzeigt.“

Dieser Absatz bezieht sich auf das Buch von Wolfgang Kraushaar, „1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur“, Hamburg 2000. Auf den Seiten 149 und 150 gibt Kraushaar den Inhalt eines Dokuments wieder, das sich nicht in der Gauck-Behörde, sondern im Bundesarchiv in Berlin, befindet. Dort kann man es einsehen. Seine Signatur ist: SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/202/95.

Wer sich die kleine Mühe macht, dieses Dokument zu lesen (sei es in Berlin selbst, sei es in den Auszügen bei Kraushaar), stellt fest: Wolfgang Abendroth plante nach der Bildung der Großen Koalition 1966 die Gründung einer neuen sozialistischen Partei. Das Protokoll seines Gesprächs mit einem Gast aus Greifswald gibt Positionen wieder, die er damals ständig öffentlich geäußert hat. In jeder Marburger Kneipe konnte man damals von diesen Parteigründungsplänen hören. Abendroth wollte gern die Mitglieder der 1956 verbotenen KPD einbeziehen, fürchtete aber, dass deren Führung, die damals im Exil in der DDR lebte, sich querlegen werde. Deshalb sagte er seinem Besucher, er würde gern im Herbst 1967 nach Ost-Berlin reisen, um in direkten Gesprächen darum zu werben, dass seiner geplanten neuen Partei nicht von dort Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Aus dieser Reise ist dann aber nichts geworden.

Aus dem Dokument ergibt sich weder, dass erstens Wolfgang Abendroth, „der Politikprofessor[,] und seine Mitarbeiter in enger Verbindung zum Staatssicherheitsdienst der DDR standen“, noch, zweitens, dass sich dies „neuerdings anhand der Unterlagen der Gauck-Behörde detailliert nachweisen“ lasse.

Mit Einschreiben vom 25. April 2006 habe ich Frau Dr. Nagel aufgefordert, mir Belege für ihre Behauptungen zu nennen. In ihrer Antwort vom 16. Mai 2006 räumte sie ein, dass das von ihr erwähnte Dokument sich nicht bei der Gauck-Behörde, sondern, wie von mir festgestellt, im Bundesarchiv befinde. Sie zitierte noch einmal Kraushaars Wiedergabe von Passagen aus diesem Bericht, ohne ihre Aussage über eine Zusammenarbeit Abendroths mit dem Staatssicherheitsdienst erhärten zu können.

Anne Chr. Nagels Behauptung darf, da das von ihr hierfür benutzte Dokument dies nicht stützt, sie aber auch dann, als sie darauf hingewiesen wurde, dabei blieb, als haltlose Lüge bezeichnet werden. Dass derlei in einer Habilitationsschrift steht, mag Auskunft über die Qualität der Begutachtung dieser Arbeit durch die zuständige Universität (Gießen) geben. Doch das ist deren innere Angelegenheit und gehört insofern nicht hierher.

Georg Fülberth

Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion