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Klaus Holzkamp

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Rot-grüner Sozialabbau

15.12.2003: Ursachen und Folgen sozialer Polarisierung

  
 

Forum Wissenschaft 4/2003

Nach der neuen Lehre ist Bedürftigkeit und Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen ein Ergebnis individuellen Versagens. Schließlich haben alle die gleichen Chancen, es kommt nur darauf an, etwas daraus zu machen. Michael Klundt betrachtet die Forschung zu Armut und Reichtum in Deutschland und kommt zu einem anderen Ergebnis: Der beschleunigte Aufbau von Reichtum in der BRD hat die Ausweitung von Armut zur logischen Konsequenz.

Im ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2001) wird eindrucksvoll dokumentiert, welches Ausmaß die soziale Ungleichheit in Deutschland angenommen hat. Während es einer großen Mehrheit der Bevölkerung immer noch gut oder sogar sehr gut geht, wächst die Anzahl derer, die in relativer Armut, Unsicherheit und Existenzangst leben. Am unteren Ende der Wohlstandsskala befinden sich überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche. Ein extrem hohes Armutsrisiko tragen junge Menschen, die in "unvollständigen" und/oder kinderreichen Familien aufwachsen. Ende 1998 bezogen insgesamt 1,1 Millionen Kinder unter 18 Jahren laufende Hilfe zum Lebensunterhalt. Die Sozialhilfequote von Kindern ist damit fast doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Nach dem von der Hans-Böckler-Stiftung, dem DGB und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband in Auftrag gegebenen Armutsbericht müssen ca. 2 Millionen Kinder bis zu 15 Jahren, d.h. mehr als 14 Prozent dieser Altersgruppe, als arm gelten.1

Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung soll - wie schon der Titel zeigt - nicht nur über Armut, sondern auch über Reichtum informieren. Die Informationen über Reichtum bleiben allerdings recht beschränkt. Zwar wird im Bericht auch darauf verwiesen, doch die Auslassung des Produktivkapitals in der Beschreibung der Vermögensverteilung, die aus technischen Gründen nicht erfassten sehr hohen Einkommen und Vermögen sowie die Ausblendung des Problems der Steuerhinterziehung provozieren die Frage, ob durch die damit bedingte Unterschätzung der Reichtumskonzentration nicht einer verharmlosenden Betrachtung Vorschub geleistet wird. "Jedenfalls lässt der Bericht nirgends erkennen, dass zwischen Reichtum und Armut ein dialektischer Zusammenhang besteht, Reichtumskumulation auf verschiedenen Wegen Armut quasi produziert - nicht zuletzt auch auf dem Weg der ideologischen Legitimierung sozialer Ungerechtigkeit."2 Die herrschende Geheimhaltung des real existierenden Reichtums ist Teil seiner Entstehungs- und Entfaltungsbedingungen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der Armuts- und Reichtumsforscher Ernst-Ulrich Huster, wenn er vermutet, "dass Unkenntnis über hohe Einkommen vielleicht sogar eine ihrer Grundvoraussetzungen darstellt."3

Auch der Ökonom Dierk Hierschel findet die Ergebnisse des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung - angesichts der Wirtschafts- und Sozialpolitik der letzten Jahre - wenig überraschend: "Denn, dass es sich beim Kapitalismus um ein Gesellschaftssystem handelt, welches aus sich heraus Ungleichheit produziert, ist ein für Westeuropa seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts belegbarer empirischer Sachverhalt. Dass sozialstaatliche Regulierung Ungleichheit reduziert, dokumentiert die Geschichte der Wohlfahrtsstaaten. Wenn in einer Phase des Abbaus der sozialen Sicherungen Ungleichheit zunimmt, ist dies nur die logische Konsequenz."4

Indessen vermeldet der Reichtumsbericht der privaten US-Bank Merrill Lynch und der Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young, dass trotz Börsenkrise und Konjunkturflaute die Zahl der Millionäre in Deutschland weiter gestiegen ist. Demnach verfügten Ende des Jahres 2002 755.000 Privatpersonen in der Bundesrepublik über ein Finanzvermögen von mehr als einer Million Dollar (ca. 950.000 Euro). Ende 2001 lag die Zahl der Millionäre in Deutschland - ohne Immobilienvermögen - bei 730.000 Personen.5

Mythos Chancengleichheit

Es ist mithin ein Mythos, dass wir in einer chancengleichen Leistungsgesellschaft leben, in welcher jeder und jede durch die eigene Leistung Karriere machen und zur Elite gehören kann. So sind nach Erkenntnissen des Elitenforschers Michael Hartmann beispielsweise Arbeiterkinder, selbst wenn sie es mit Mühe und Anstrengung zum Doktortitel gebracht haben, weiterhin besonders benachteiligt. "In den 400 Spitzenunternehmen hat gerade einmal jeder 200ste von ihnen eine Topposition erreicht. In den anderen großen Firmen war es insgesamt auch nur jeder siebzehnte. Während der letzten vier Jahrzehnte hat sich dieser Unterschied nicht etwa verringert, wie man angesichts der Bildungsexpansion und der von früheren SPD-Regierungen verkündeten Formel von der Chancengleichheit hätte annehmen können, sondern vertieft. Die Aussichten auf eine Topposition sind für die Sprösslinge des gehobenen Bürgertums bis auf das Zweieinhalbfache gestiegen, für die des Großbürgertums sogar bis auf das Fünffache."6 Demnach hat die vorgebliche soziale Öffnung des deutschen Bildungswesens bislang nicht zur sozialen Öffnung der Eliten geführt, sondern vielmehr zur Stabilisierung der herrschenden Klasse. "Die erheblich besseren Karriereaussichten für Bürgerkinder (…) resultieren im Kern aus der Tatsache, dass die Personen, die an der Spitze der Unternehmen stehen und damit über die Besetzung der Toppositionen entscheiden, für diese Positionen jemanden suchen, der ihnen im Habitus gleicht oder zumindest ähnelt: Bürgerkinder suchen Bürgerkinder."7

Somit ist auch mit Blick auf die bundesrepublikanische Gesellschaft eine Reformulierung des Klassenbegriffs durchaus gerechtfertigt. Zwar sind Begriffe wie moderne Zivil- oder Wissensgesellschaft wesentlich beliebter, doch auch deren Polarisierung z.B. in User und Nicht-Partizipierende (an Internet, neuen Medien etc.) wird immer deutlicher. "Was hier als neue Spaltung der deutschen Gesellschaft entlang der "Internet-Linie" verkauft wird, ist alles andere als neu. Es ist vielmehr ein getreues Abbild der alten Klassengesellschaft, die wir verdrängt haben, ohne ihre Realität beseitigen zu können. Die Internet-Linie trennt in altbekannter Manier diejenigen, die in ungesicherten, schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen leben, die viel fernsehen und wenig Bücher lesen, von den anderen, die von der ökonomischen Entwicklung profitieren, vielleicht selbständig sind, in jedem Fall gut verdienen und an der Bildungs- und Informationsflut partizipieren. Sagen wir es deutlich: Bildung und Besitz sind immer noch die Grundlage dieser neu-alten Klassengesellschaft." Allerdings spricht man in Politik, Medien und Wissenschaft nicht mehr darüber. "Unter linken und liberalen Intellektuellen ist Gesellschaftskritik, überhaupt das Denken in Kategorien der "Gesellschaft", passé und gilt als altmodisch; man wendet sich der "Kultur" zu, der Welt der Symbole und Imaginationen, nicht mehr der harschen materiellen Realität."8 Der Hinweis auf den allgemein angehobenen Lebensstandard, der so genannte soziale "Fahrstuhleffekt" (Ulrich Beck) soll vergessen lassen, dass die Abstände eher gewachsen sind und sich neue, subtile Mechanismen der sozialen Differenzierung herausgebildet haben.

Während aber das Bundeskabinett in seinem ersten Armuts- und Reichtumsbericht die Superreichen ausdrücklich gegen Dämonisierungen und "Neiddiskussionen" in Schutz nimmt,9 hat es keinerlei Skrupel, wenn sich solche Kampagnen gegen Erwerbslose und SozialhilfebezieherInnen richten. Vielmehr scheint auch die rot-grüne Regierungskoalition erfreut darüber zu sein, dass JournalistInnen die Opfer ihrer verfehlten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zu Sündenböcken machen. Anders lassen sich die diversen ex- und impliziten "Sozialschmarotzer"- und "Faulenzer"-Kampagnen nicht erklären.

Auch unter Rot-grün wird die Verteilung immer ungleicher und mithin der öffentlichen Armut ein gestiegener privater Reichtum gegenüber gestellt. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung huldigt dem neoliberalen Paradigma, welches mehr Ungleichheit als Bedingung für mehr Wohlstand für alle ansieht. Dagegen sind durchaus praktikable Möglichkeiten einer gerechteren Verteilung des Wohlstandes denkbar, die entgegen der herrschenden Meinung sogar ökonomisch sinnvoller wären. "So hat die Steuerpolitik der Bundesregierung die Kommunen in eine sehr prekäre Haushaltslage gebracht. Unter dem Strich ist die steuerstaatliche Umverteilung also in mehrfacher Hinsicht problematisch. Die Steuerreformvorhaben der letzten Jahre waren bisher einseitig auf die Belange der Wirtschaft ausgerichtet, und haben dadurch den Finanzierungsbedarf für notwendige öffentliche Investitionen ebenso vernachlässigt, wie eine gerechtere und konjunkturpolitisch effizientere Umverteilung von oben nach unten."10

Der Mainstream bundesdeutscher Armuts- und Reichtumsforschung, aber auch Politik und Medien beschränken sich weitgehend auf die - meist individualisierende bzw. biografisierende - Beschreibung von Armut. Wenn sie sich tatsächlich mal mit Reichtum beschäftigen, achten sie meist tunlichst darauf, keine Kausalbeziehungen herzustellen. So scheint für manche Armuts- und SozialforscherInnen die Beschäftigung mit Reichtum geradezu verpönt zu sein, weil dies suggerieren könnte, dass Armut und Reichtum zwei Seiten einer Medaille sind.11

Sozialstaatsab- und Armutsaufbau

Vor allem die rot-grüne Renten- und Steuerpolitik wird im ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung als herausragende Maßnahme gegen Armut gerühmt.12 Bei genauerer Betrachtung entpuppen sich jedoch gerade die Riester’sche Renten- und die Eichel’sche Steuerreform als kollossale Umverteilungsprojekte von unten nach oben. Während die Strukturprinzipen der umgestalteten Altersversicherung - Teilprivatisierung sozialen Risikos und Arbeitgeberentlastung - eine wieder zunehmende "Seniorisierung" der Armut forcieren sowie über den Zwang zur privaten Vorsorge Finanz- und Versicherungskonzerne subventionieren, hat die rot-grüne Steuerreform den Staat, die Länder und Kommunen systematisch verarmen lassen und die Spitzeneinkommen sowie Gewinne und Vermögen radikal entlastet.13

Indessen weisen die steigenden Zuzahlungen im Gesundheitswesen, die Streichung des Krankengeldes, die weitere Privatisierung der Altersversicherung, der Umbau der Bundesanstalt für Arbeit und Kürzungen beim Arbeitslosengeld, der Arbeitslosenhilfe sowie die Einschränkungen des Kündigungsschutzes, der Tarifautonomie und die Kürzungen im Gesundheitswesen auf eine neue Qualität von Sozialabbau und Deregulierung hin. Nach der (teil)privatisierten Vorsorge für das Alters-, Erwerbsminderungs- und Todesfallrisiko drohen nun ähnliche Konzepte bei der Krankenversicherung (durch den Zwang, für das Krankengeld eine Privatversicherung abzuschließen und durch die Ausweitung der Eigenbeiträge bei den Krankenkosten). Nach den geplanten Gesetzen der Bundesregierung ("Agenda 2010") steht die Arbeitslosenversicherung vor einem Fundamentalumbau, der die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und eine kürzere Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld beinhaltet. In die gleiche Richtung gehen die Regierungskonzepte zur Gesundheitspolitik, zur arbeitsrechtlichen Deregulierung beim Kündigungsschutz und beim Tarifvertragsgesetz. Neben einem weiteren Rückgang der Binnennachfrage durch den Einbruch der Kaufkraft bei denen, die fast ihr gesamtes Einkommen für ihren Lebensunterhalt aufbringen müssen, haben die genannten Maßnahmen gravierende Deprivations-Folgen.

Hans-Jürgen Bieling beobachtet auf europäischer Ebene die Herausbildung neuer wettbewerbsorientierter und unter Einschluss der Sozialpartner stattfindender Kooperationsformen ("Wettbewerbskorporatismus"). Besonders sozialdemokratische Regierungen bemühen sich angesichts anhaltender Arbeitsmarktkrisen, sozialpolitischer Reformerfordernisse sowie wirtschafts- und währungsunionsspezifischer Notwendigkeiten (EU-Stabilitätspakt und Konvergenzkriterien) um solche Institutionalisierungen. "Fast überall geht es dabei um die Verknüpfung von Lohnzurückhaltung, Arbeitsmarktflexibilisierung, die Reform der sozialen Sicherungssysteme und die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte. (…) Ungeachtet der länderspezifischen Ausprägungen fügen sich die korporatistischen Arrangements sehr gut in die neue sozialdemokratische Modernisierungskonzeption einer "pragmatischen Flexibilisierung" bzw. "kooperativen Deregulierung"."14

Insofern macht sich ein qualitativer Wandel sozialstaatlicher Regulation bemerkbar, welcher "mehr ist als eine leichte Verschiebung im Kommodifizierungs-Dekommodifizierungs-Mix."15 Mit Hilfe der Änderungen im Sozialhilfe-System (BSHG) wird das sozialstaatliche Verhältnis von Lohnarbeit und Existenzsicherung verschoben und Voraussetzungen sowie Förderungen von Niedriglohnsektoren geschaffen. "Der sozialdemokratische "Neoliberalismus plus" verbindet stärker als der von Konservativen propagierte Familien-Homo-Oeconomicus die idealtypischen Rollen des Wirtschafts- und des Staatsbürgers. Der Wirtschaftsbürger wird entweder als Unternehmer bzw. Entrepreneur oder als Arbeitskraftunternehmer funktional, der Staatsbürger vor allem über Pflichten sozial integriert."16

Sachzwang oder Klassenprojekt?

Die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik scheint heute darin zu bestehen, dass Parteien und PolitikerInnen darum konkurrieren, wer die als Schädlinge der Nation identifizierten Personen ("Sozialschmarotzer", "Drückeberger", "Faulenzer") am härtesten anpackt. Im öffentlichen Diskurs über sozialstaatliche Verarmung überbieten sich die politischen Repräsentanten im Erfinden von Zumutungen an die von der Wirtschaft Ausrangierten und "Überflüssigen", damit das Elend aus der Welt geschaffen wird - jedenfalls aus der Welt, die dem Staat etwas kostet. Ignoriert wird dabei, dass Armut nicht beseitigt wird, indem man die Ansprüche auf staatliche Fürsorge beseitigt und dass durch Zwang keine Perspektiven für die Betroffenen geschaffen werden. "Nicht die Passivität der Opfer der Arbeitsmarktkrise und der gesellschaftlichen Ausgrenzung haben die Legitimationsprobleme (des Sozialstaats, M.K.) zu vertreten, sondern die fehlende bzw. unzureichende Flankierung der Prozesse wirtschaftsstrukturellen Wandels, die angesichts der Globalisierung nachhaltig und dauerhaft erforderlich gewesen wäre und dies auch nach wie vor noch ist."17

Es liegt auf der Hand, dass die verschiedenen Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Sozial- und Gesundheitskürzungen in Folge von Hartz, Rürup und "Agenda 2010" auch und besonders für junge Menschen gravierende Folgen bis zur Armutsgefährdung haben. Für die Sozial- und Gesundheitsberichterstattung in der Bundesrepublik kann bereits jetzt - bei allen methodischen und empirischen Schwierigkeiten - als gesichert gelten, dass materielle bzw. soziale Armut immer auch negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Personen, die in sozial benachteiligten Verhältnissen leben, sind gleich in mehrfacher Hinsicht gefährdet. So ist in diesem Segment eine deutlich höhere postnatale Säuglingssterblichkeit als in den oberen sozialen Schichten zu verzeichnen, eine deutlich höhere Zahl jener Kinder, die mit einem Gewicht von weniger als 2.500 Gramm geboren werden, eine zweimal höhere Mortalitätsrate durch Unfälle als bei Kindern aus privilegierteren Schichten, ein sehr viel häufigeres Auftreten akuter Erkrankungen und eine höhere Anfälligkeit für chronische Erkrankungen.18 Weitere Privatisierungen im Gesundheitsbereich könnten hier katastrophale Wirkungen hervorrufen.

Entsprechend beobachtet auch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes eine deutliche Beendigung sozialer Verantwortung des Staates und einen Exklusionsansatz durch die Agenda 2010. "Unverschleiert offenbart des Kanzlers Agenda, was sich tatsächlich hinter diesem Politeuphemismus verbirgt: ein Vormarsch freier Marktwirtschaft neoliberalen Zuschnitts, ein Konzept, das von vorne herein auf Ausgrenzung ausgelegt ist."19

Die Polarisierung von Armut und Reichtum, insbesondere auch die soziale Benachteiligung von jungen Menschen, kann nicht durch isolierte Maßnahmen, wie etwa höhere Transferleistungen an Eltern, beseitigt werden, sondern nur mittels einer integralen Beschäftigungs-, Familien- und Sozialpolitik. Nötig ist deshalb ein Konsens zur Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen.

Eine Alternative zum rot-grünen Sozialstaatsabbau stellen dabei die von Brigitte Stolz-Willig vorgeschlagenen Reformmaßnahmen dar. Sie sollen der Exklusion prekär Beschäftigter und Familienarbeit leistender Personen aus dem Schutz des sozialen Sicherungssystems begegnen, durch "Stärkung der Finanzierungsbasis des sozialen Sicherungssystems, indem hohe Einkommen und (Kapital-)Vermögen in die Beitragspflicht einbezogen werden, Stärkung der Versicherungsbiografien über Einbezug aller Formen der Erwerbstätigkeit und perspektivisch die Einführung einer Mindestbeitragspflicht für alle Personen im erwerbsfähigen Alter, Einbezug gesellschaftlich erwünschter und regulierter Phasen der Nichterwerbstätigkeit (Erziehung, Pflege, Qualifizierung) in den Risikoausgleich, Einbau einer bedarfsorientierten Mindestsicherung in die Arbeitslosenversicherung."20

Im transnationalen Hightech-Kapitalismus interessiert man sich nicht für sozial Benachteiligte, so dass Armut als Randerscheinung gilt und die Entstehung, Strukturen sowie Wirkungen des real existierenden Reichtums unterbelichtet bleiben. Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Familien- und Sozialpolitik können das Problem zwar lindern helfen, aber nicht verhindern, dass die Kluft zwischen Arm und Reich fortbesteht. Deshalb sollten bei allen alternativen (Reform-)Überlegungen Joachim Hirschs Bedenken hinsichtlich der Konzeptionen, Modelle und Appelle gegenüber dem Sozialstaat berücksichtigt werden. "Auch die Einführung einer lohnarbeitsunabhängigen Grundsicherung würde, wenn dahinter nicht eine starke gesellschaftsverändernde politisch-soziale Bewegung steht, mit einiger Notwendigkeit zu einem Bestandteil neoliberaler Modernisierungsstrategien verkommen. Emanzipatorische Veränderungen sind an politisch-soziale Kämpfe mit den damit verbundenen Lernprozessen gebunden. Angesichts gesellschaftlicher Verhältnisse, die darauf angelegt sind, die Menschen zu bloßen Konsum- und Leistungsmarionetten oder zu degradierten Marginalisierten zu machen, stellt sich die Frage nach den AkteurInnen einer solchen Entwicklung besonders drängend."21

Anmerkungen

1) Vgl. Walter Hanesch/Peter Krause/Gerhard Bäcker u.a.: Armut und Ungleichheit in Deutschland. Der neue Armutsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, des DGB und des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Reinbek bei Hamburg 2000, S.81ff

2) Karl Georg Zinn: Gediegene Daten - problematische Rezepte. Zum "ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung", in: Richard Detje/Dierk Hierschel/Karl Georg Zinn: Reichtum & Armut. Supplement der Zeitschrift Sozialismus 6/2001, S.24

3) Siehe Ernst-Ulrich Huster: Soziale Polarisierung - Wieviel Abstand zwischen Arm und Reich verträgt die Gesellschaft?, in: Herbert Schui/Eckart Spoo (Hrsg.): Geld ist genug da. Reichtum in Deutschland, Heilbronn 1996, S.17

4) Dierk Hirschel: Über die Schwierigkeiten des politischen Umgangs mit Reichtum, in: Richard Detje/Dierck Hierschel/Karl Georg Zinn: Reichtum & Armut. Supplement der Zeitschrift Sozialismus 6/2001, S. 31

5) Vgl. Merrill Lynch/Cap Gemini Ernst & Young: World Wealth Report 2003, o.O. 2003

6) Michael Hartmann: Bürgerkind sucht Bürgerkind. Nicht Leistung allein bestimmt beruflichen Erfolg, sondern viel wichtiger ist die soziale Herkunft, in: Die Welt v. 14.4.2002

7) Ebd. sowie Michael Hartmann: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt am Main 2002

8) Paul Nolte: Unsere Klassengesellschaft. Wie könnten die Deutschen angemessen über ihr Gemeinwesen sprechen? Ein unzeitgemäßer Vorschlag, in: Die Zeit v. 5.1.2001; vgl. vertiefend hierzu: Joachim Bischoff/Sebastian Herkommer/Hasko Hüning: Unsere Klassengesellschaft. Verdeckte und offene Strukturen sozialer Ungleichheit. Hamburg 2002

9) Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bonn, April 2001, S.3

10) Dieter Eißel: Einkommens- und Vermögensverteilung. Argumente gegen eine wachsende Schieflage, in: Kai Eicker-Wolf / Holger Kindler / Ingo Schäfer / Melanie Wehrheim / Dorothee Wolf (Hrsg.): Deutschland auf den Weg gebracht. Rot-grüne Wirtschafts- und Sozialpolitik zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Marburg 2002, S. 116

11) So die Aussagen einiger Armutsforscher anlässlich des vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung veranstalteten 1. Wissenschaftlichen Kolloquiums "Lebenslagen, Indikatoren, Evaluation - Weiterentwicklung der Armuts- und Reichtumsberichterstattung" am 30./31. Oktober 2002 im Wissenschaftszentrum Bonn (eigene Aufzeichnungen)

12) Vgl. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bonn 2001, S. XVf.

13) Vgl. Dieter Eißel, a.a.O., S. 87ff. Sowie: Bund, Ländern und Gemeinden brechen die Steuereinnahmen weg, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 8.8.2002

14) Hans-Jürgen Bieling: Transnationale Vergesellschaftung und die "neue Sozialdemokratie", in: Mario Candeias/Frank Deppe (Hrsg.): Ein neuer Kapitalismus? Akkumulationsregime - Shareholder Society - Neoliberalismus und Neue Sozialdemokratie. Hamburg 2001, S.232

15) Siehe Christian Brütt: "Neoliberalismus plus". Re-Kommodifizierung im aktivierenden Sozialstaat, in: Mario Candeias/Frank Deppe (Hrsg.): Ein neuer Kapitalismus?, a.a.O., S. 265-283, hier: S. 268

16) Ebd., S. 277

17) Achim Trube/Norbert Wohlfahrt: "Der aktivierende Sozialstaat" - Sozialpolitik zwischen Individualisierung und einer neuen politischen Ökonomie der Inneneren Sicherheit, in: WSI Mitteilungen 1/2001, S.33

18) Vgl. Andreas Mielck: Armut und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen: Ergebnisse der sozial-epidemiologischen Forschung in Deutschland, in: Andreas Klocke/Klaus Hurrelmann (Hrsg.): Kinder und Jugendliche in Armut. Umfang, Auswirkungen und Konsequenzen, 2. Aufl. Opladen/Wiesbaden 2001, S. 30ff

19) Frankfurter Rundschau v. 26.5.2003. Vgl. Kinder rutschen in die Armut. Sozialverbände prangern rot-grüne Wirtschaftsreformen an, in: Frankfurter Rundschau v. 1.8.2003

20) Brigitte Stolz-Willig: Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit oder: Familienarbeit neu bewerten - aber wie?, in: Christoph Butterwegge/Michael Klundt (Hrsg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demografischen Wandel, 2. Aufl. Opladen 2003, S.223

21) Joachim Hirsch: Die Zukunft der Arbeitsgesellschaft, in: Erna Appelt/Alexandra Weiss (Hrsg.): Globalisierung und der Angriff auf die europäischen Wohlfahrtsstaaten. Hamburg 2001, S. 149-166, hier: S.165


Michael Klundt ist Politikwissenschaftler, Lehrbeauftragter an der Universität zu Köln und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Düsseldorf

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