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Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Die Wiederkehr des Leviathan

15.12.2003: "Aktivierung" als neues Leitbild für die soziale Arbeit

  
 

Forum Wissenschaft 4/2003

Eine grundlegendere "geistig-moralische Wende" als die seinerzeit von der Regierung proklamierte, strebt die derzeitige Bundesregierung mit dem Konzept des "aktivierenden Staates" an. Nicht mehr die gesellschaftlichen Verhältnisse und Strukturen, sondern nur noch das Verhalten der Einzelnen wird als Ursache für soziale Ungleichheit angesehen und soll der Veränderung unterliegen. Soziale Arbeit soll entsprechend ihr Repertoire um autoritäre bis repressive Interventionsmittel ergänzen, um die Opfer ihrer eigenen Unangepasstheit präventiv in die Gesellschaft zu integrieren. Dieses Programm könnte für eine professionelle und aufgeklärte soziale Arbeit das Aus bedeuten, wie Hans-Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrt herausarbeiten.

Das neue politische Leitbild, das den Kompass in Richtung Zukunft liefert, heißt "aktivierender Staat" und nicht nur die Hartz-Gesetzgebung zeugt davon, dass dieses Leitbild zunehmend praktische Konsequenzen für den Umbau des Sozialstaats gewinnt. Auch wenn der Begriff im politischen Tagesgeschehen nicht immer im Vordergrund steht, so ist doch der Begriff "Aktivierung" bzw. "aktivierender Staat" dabei, zu einem Schlüsselbegriff für ein neues Sozialmodell zu werden, das neben der institutionellen Erneuerung vor allem die Aktivierung der BürgerInnen und insbesondere sozialpolitischer LeistungsempfängerInnen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Von der Reform der Sozialhilfe über die Reform der Arbeitsverwaltung bis zur Arbeitsmarktpolitik reicht gegenwärtig die Spur, die der aktivierende Staat gesellschaftspolitisch zieht.

Visionen und Missionen

Der "aktivierende Staat" versteht sich als Antwort auf die viel diskutierte Frage nach dem "dritten Weg" zwischen neoliberalem Minimalstaat und universellem Wohlfahrtsstaat . Dabei geht es um nichts Geringeres als um eine neue Arbeits- und Verantwortungsteilung zwischen Staat, Gesellschaft und BürgerInnen.1 Die Vision im Leitbild des "aktivierenden Staates" gilt der Wiedergewinnung von Handlungsfähigkeit zur (Wieder)Herstellung von Vollbeschäftigung wie gegenüber den "Herausforderungen des Sozialstaates". Da dieses Ziel nicht ohne Anstrengung zu erreichen ist, ist es die Mission (Handlungsauftrag) des "aktivierenden Staates", BürgerInnen und Gesellschaft sowie Verbänden und Institutionen im Interesse des "Gemeinwohls" Wandel und Modernisierung zuzumuten bzw. Anpassung abzuverlangen. Dazu sollen als Handlungsgrundsätze gelten:

1. Im demokratischen Dialog soll entschieden werden, wie die Leistungstiefe des Staates reduziert werden kann und welche Verantwortungsteilung gerecht ist.

2. Da "Verhandlungsdemokratien" externe Effekte produzieren, die zur suboptimalen Verwendung öffentlicher Mittel führen und Fehlallokationen zur Folge haben können, entdeckt der Staat seine Direktionsmacht neu; er will mit BürgerInnen und gesellschaftlichen Akteuren nicht nur kooperieren und Verhandlungen über die Durchführung und Erledigung von Aufgaben führen, sondern diese zur Koproduktion anhalten; der Staat sieht sich dabei als Moderator, der mehr als bloß Partner in diversen Politiknetzwerken ist.

3. Durch den Grundsatz der Verantwortungsteilung soll sichergestellt werden, dass diejenigen Aufgaben durch Dritte erbracht werden, die diese besser als der Staat erfüllen können. Da der aktivierende Staat nach dem Grundsatz der Koproduktion von kooperativer Leistungserstellung ausgeht, will er im Gegensatz zum schlanken Staat die Verantwortung für die Erstellung und Durchführung der jeweiligen Aufgaben behalten und sieht sich als Förderer und Unterstützer der Kooperationspartner; es geht um das, was die Verwaltungswissenschaften als Differenzierung von Gewährleistungs-, Finanzierungs- und Durchführungsfunktion thematisieren und fordern.2

Aus dem Handlungsgrundsatz der Verantwortungsteilung erklärt sich, warum der "aktivierende Staat" auch "bürgerschaftliches Engagement" ins Zentrum seines Handelns rückt,3 dazu eine Enquete-Kommission ins Leben gerufen hat und nicht müde wird, die "Eigenverantwortlichkeit" von BürgerInnen und Gesellschaft immer wieder zu betonen. Zur Organisation der neuen Verantwortungsteilung setzt der aktivierende Staat auf "Dialog", um eine gerechte Balance von Rechten und Pflichten zu finden, aber ebenso auf seinen 4. Handlungsgrundsatz "Fördern und Fordern" - dem eigentlichen Markenzeichen aktivierender Staatlichkeit -, um ein effizientes Schnittstellenmanagement zwischen Staat und Gesellschaft, insbesondere zwischen Sozialverwaltung und SozialleistungsempfängerInnen, zu implementieren.4 Der Staat stellt zwar weiterhin soziale Dienste und Transferleistungen bereit, fordert neuerdings aber von den Leistungs- und HilfeempfängerInnen dafür eine Gegenleistung und verfolgt verstärkt eine Angebotspolitik, der sich auch die Sozialpolitik unterzuordnen hat: soziale Dienste und Sozialtransfers werden vor allem daran gemessen, welche Wirkungen sie auf den Arbeitsmarkt und die Beschäftigungschancen nehmen und haben.5

Die punitive Seite

Die Neustrukturierung der Sozialpolitik ist im vergangenen Jahrzehnt vorwiegend unter der Hegemonie des Neoliberalismus als Verabschiedung des "Keynesianischen Wohlfahrtsstaates" diskutiert worden.6 Ziel war der residuale Wohlfahrtsstaat, der nur für die "wirklich" Bedürftigen eine Grundversorgung bereitstellen sollte. Der "aktivierende Sozialstaat" verabschiedet das neoliberale Leitbild des Minimalstaates. Ein Blick auf andere Länder mit bereits weiter fortgeschrittener Diskussion um aktivierende Staatskonzepte zeigt, dass die Entwicklung aktivierender Politik immer auch mit einer Aufwertung regulativer und repressiver Strategien verbunden ist. Unter Stichworten wie workfare, Pflicht zur Arbeit, Renaissance des Zwangs, strafender Staat, zero-tolerance, quality of life, policing u.ä. werden Merkmale einer Politik diskutiert, die nicht "passiv" zuschaut, sondern "aktiv" Anpassung an politische Ziele und gesellschaftliche Normen durchsetzt, und das nicht etwa nur in der Kriminalpolitik. Auch in der Sozialpolitik lässt sich die "Wiederkehr des Leviathan" beobachten.7

Manifester wird der autoritäre Charakter des aktivierenden Staates da, wo Individuen sozialstaatliche Leistungen und insbesondere Transferleistungen in Anspruch nehmen müssen. Alle Länder, die sich dem Paradigma des "aktivierenden Staates" verschrieben haben,8 eint die Anstrengung, das Keynesianische "welfare-regime" in ein Schumpeterisches "workfare-regime" (Bob Jessop) zu transformieren: d.h. es geht um die Ersetzung fürsorglicher Strategien und Instrumente der Betreuung und Versorgung durch passgenaue und die "individuelle Eigenverantwortung" stärkende Handlungsstrategien, die vorrangig arbeitsmarktpolitisch ansetzen und die Integration in den ersten Arbeitsmarkt zum Ziele haben. Die registrierbare schrittweise Indienstnahme der Sozialpolitik zu arbeitsmarkpolitischen Zwecken wird dort, wo politische Programme durch Verwaltungen u.a. der Praxis angepasst werden, durch den Einsatz autoritärer bis repressiver Instrumente begleitet. Strategien, die darauf abzielen, zum Umstieg aus der sozialen Hängematte auf das Trampolin (so der ehemalige Kanzlerberater Bodo Hombach) zu motivieren, kommen nicht ohne die Androhung von Strafe und den Einsatz von Druck und Zwang aus: es müssen Angebote gemacht werden, die man nicht ablehnen kann.

Da das Kernanliegen des "aktivierenden Staates" die Arbeitsmarktpolitik darstellt,9 ist es nur konsequent, die Verpflichtung zur Arbeitsaufnahme nicht nur mittels Überzeugungsstrategien wie Information, Beratung, Appelle an die Eigenverantwortung u.ä., sondern auch durch regulative Politik (z.B. Änderung der im SGB III rechtlich fixierter Zumutbarkeitskriterien zur Aufnahme einer Beschäftigung) wie auch durch unterstützende Anreizprogramme wie die konsequente Zurücknahme von Leistungsansprüchen bei Verweigerung der Arbeitsaufnahme oder die Subventionierung von Arbeit im Niedriglohnsektor zu implementieren. Ein Vergleich der wohlfahrtsstaatlichen Restrukturierung und der damit einhergehenden Aktivierungsstrategien in anderen Ländern lässt ein einheitliches Grundmuster des "aktivierenden Sozialstaates" erkennen: Schritt für Schritt werden die sozialpolitischen Instrumente fürsorglicher, gegenleistungsfreier Betreuung und Versorgung um Härteklauseln erweitert und arbeitsmarktpolitischen Kriterien untergeordnet. Parallel dazu findet ein Ausbau Druck ausübender, aufsichtsführender und kontrollierender sozialstaatlicher Funktionen statt, die eine aktive Anpassung der vom Arbeitsmarkt Ausgegrenzten an eben diesen befördern sollen. Einher geht dieser institutionelle Wandel der Sozialpolitik mit einer individualisierenden Philosophie der Ursachen sozialer Ausgrenzung: diese wird als Folge ungenügender Flexibilität und Anpassungsfähigkeit angesehen, dauerhafte Ausgrenzung wird damit zum positiven Einrichten in der sozialstaatlich konstruierten "Hängematte" uminterpretiert und Nichtanpassung an aktivierende Maßnahmen rechtfertigt in zunehmendem Maße staatlichen Zwang und Repression. Aktivierende Sozialstaatsstrategien sind deshalb strikt verhaltens- und kaum noch verhältnisorientiert. Individuelles Verhalten muss sich den Verhältnissen anpassen und im Zweifelsfall entsprechen trainiert oder dressiert werden. Die Verhältnisse sitzen im Sattel und geben den Menschen die Sporen. Wie das Individuum sich den Verhältnissen unterordnen muss, so die Sozialpolitik den Anforderungen des Arbeitsmarktes.

Die neue Politik des "Förderns und Forderns", die selbstverständlich nicht nur durch sozialdemokratische Regierungen betrieben wird, enthält das Bekenntnis zur Restitution sozialer Kontrollfunktionen, welche nach konservativer Lehrmeinung in einer individualisierten und permissiven Gesellschaft zunehmend unterhöhlt und außer Kraft gesetzt wurden. Die unübersehbaren kontrollierenden und punitiven Elemente in der Politik des "aktivierenden Staates" lassen den Modernisierungskurs des "Dritten Weges" als letztlich regressive Modernisierung erscheinen, da das institutionelle Arrangement aus Staat, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und ihren etablierten Wechselwirkungen politisch nicht ernsthaft in Frage gestellt und einer grundlegenden Änderung ausgesetzt werden.10

Etwas allgemeiner ausgedrückt könnte man auch sagen, dass der "aktivierende Staat" das Integrationsprinzip "soziale Inklusion durch Zwang" durchzusetzen versucht und die Ursachen strukturell verursachter Exklusion durch fördernde Maßnahmen für das Individuum kompensatorisch korrigieren will. Wenn dies nicht gelingt, sind nach der neuen Aktivierungslogik "fordernde" Maßnahmen gerechtfertigt, die von Druck über Zwang bis zur Strafe reichen können. Das hat Auswirkungen auf das Sozialstaatspostulat. Das bislang geltende sozialstaatliche Integrationsprinzip "Teilhabe" wird durch den "aktivierenden Staat" ersetzt durch das neue Integrationsprinzip "Teilnahme".11 Die beobachtbare Umprogrammierung des bislang dominierenden Gerechtigkeitsprinzips von Verteilungsgerechtigkeit auf Chancengerechtigkeit, was das Soziale aus der Gerechtigkeit eskamotiert, steht damit im Zusammenhang. In Kauf genommen wird - nach sozialdemokratischer Meinung allerdings nur vorübergehend -, dass "soziale Diversität", also Ungleichheit, wächst, denn Gleichheit allein garantiere noch keine Gerechtigkeit. Gefördert werden sollen zukünftig demnach Maßnahmen, die zur Teilnahme (vorrangig am Erwerbsleben) qualifizieren; nur Teilnahme gewährleistet nach der neuen Lehrmeinung Teilhabe. Die neue Arbeitsmarktpolitik, das eigentliche Proprium des "aktivierenden Staates", muss deshalb konsequenterweise als "präventive Inklusion" konzipiert werden, als Inpflichtnahme der Beschäftigten zur eigenverantwortlichen Sicherung ihrer Beschäftigungsfähigkeit.12 Der neuen Präventionslogik folgend, darf man angesichts fehlender valider Indikatoren vorsorglich Alles und Jeden unter Generalverdacht stellen - den Beweis des Gegenteils abzuwarten, kann destruktiv sein, weil nachteilig im Wettbewerb mit anderen Staaten. BürgerInnen und Beschäftigte lassen sich demnach umstandslos als FaulenzerInnen denunzieren, die nicht bereit sind, Genügendes zum Erhalt ihrer "Beschäftigungsfähigkeit" zu tun. Vorsorgliche Aktivierungspolitik betreibt die Freisetzung der BürgerInnen im Interesse des Gemeinwohls. Die Zwangsvergemeinschaftung ist Programm.

Umbau der Sozialen Arbeit

Diese neue Präventions- und Interventionslogik hat Folgen für die soziale Arbeit. Unter Stichworten wie "new paternalism", "managerialism", "life politics" und "help and hassle" wird im angloamerikanischen Bereich seit geraumer Zeit eine Diskussion über die Methoden von aktivierenden Betreuungsprogrammen geführt. Die Befürworter von "workfare" favorisieren "paternalistische Betreuungsformen"13, deren Besonderheit darin besteht, die "strenge Beaufsichtigung von Abhängigen" mit Maßnahmen in Verbindung zu bringen, die SozialhilfeempfängerInnen helfen und zugleich drängen, einen Arbeitsplatz zu finden.14 Die Durchsetzung von Disziplin und Anpassung zur Arbeit werden als neues methodisches Prinzip der sozialen Arbeit angesehen, indem im Rahmen einer überwachenden und kontrollierenden "Betreuung" Regeln und Normen des Arbeitsmarktes erst einmal in Trainingsprogrammen oder im Niedriglohnsektor simuliert werden. Die Forderung, Verhaltensweisen zu zeigen, die "Arbeitsbereitschaft" signalisieren ("kein Kaugummi"; "kleide Dich für den Erfolg"; "sei pünktlich"), zielt ab auf eine Änderung des Verhaltens von HilfebezieherInnen, das als eigentlicher Grund für prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Unterbeschäftigung unterstellt wird. Die Entwicklung und Durchsetzung von Zwangsmaßnahmen erscheint damit als methodisches Prinzip der Beeinflussung und Veränderung defizitärer Verhaltensweisen und Persönlichkeitsstrukturen, die letztendlich - so wird unterstellt - Ursachen für dauerhafte soziale Ausgrenzungen seien.15 Hierfür - allerdings nur kursorisch - drei Beispiele aus der deutschen Diskussion:

  • Wernder Lindner hat unter der Überschrift "Verlassen von allen guten Geistern"16 auf die Folgen präventiver Inklusion in der Jugendarbeit hingewiesen. Mit der enormen Aufwertung des Präventionsgedankens geht eine De-Thematisierung sozialpolitischer Rahmenbedingungen einher und eine angemessene Auseinandersetzung mit Ausgrenzung, Marginalisierung, Armut und Jugendarbeitslosigkeit findet nicht mehr statt. Die Prävention konzentriert sich fast ausschließlich auf die (potenzielle) Delinquenz von Kindern und Jugendlichen und die Jugendhilfe und Jugendarbeit nimmt diese Entwicklung nicht nur passiv hin, sondern beteiligt sich aktiv und beflissen an Präventionsaktivitäten, deren Verständnis der Logik eines Generalverdachts folgt, indem Kinder und Jugendliche zuallererst als mögliche Straftäter gesehen werden.
  • In einem Gutachten der KGSt-Consult zu den Hilfen zur Erziehung im Auftrag des Sächsischen Finanzministeriums wird auf das Konzept der Bürgerkommune Bezug genommen und ausgeführt, dass die Bürger nicht "verwöhnt", sondern gefordert werden müssen. Wörtlich heißt es: "Unsozial ist es, Leistungsunwilligkeit und missbräuchliches oder gar asoziales Verhalten öffentlich zu finanzieren".17
  • Unter Überschriften wie "Behandeln unter Zwang" und "Das schwierige Geschäf<I%6>t: Grenzen ziehen" wurde vor einiger Zeit im Sozialmagazin eine kontroverse Diskussion über Grenzen und Möglichkeiten zwangsbetonender sozialer Interventionen begonnen. Theoretisch knüpft diese Debatte an die von Anthony Giddens angestoßene Diskussion über die "Politik der Lebensführung" (life politics) an.18 Die Politik der Lebensführung soll dem Einzelnen, der in einer individualisierten Gesellschaft zunehmend zwischen vielen unsicheren Alternativen wählen muss, Entscheidungshilfen geben. Eigensinnige individuelle Entscheidungen, die das Verhalten anderer beeinträchtigen und die mit politischen Entscheidungen des Gemeinwesens oder gesellschaftlichen Moral- und Wertvorstellungen in Konflikt geraten können, können politische Interventionen nach sich ziehen, die auch in Form sozialer Arbeit auftreten können. Soziale Arbeit wird unter diesem Voraussetzungen zukünftig in wachsendem Maße im Interesse des angeblichen Gemeinwohls angesichts individueller Fehlentscheidungen intervenieren müssen, wobei die Entschiedenheit nicht in das individuelle Ermessen der SozialarbeiterInnen gestellt wird. Methodische Prinzipien sozialer Arbeit wie diskursive Lösungssuche, Lebensweltorientierung, partnerschaftliche Zusammenarbeit, Akzeptanz des Klienten, Wahrnehmung anwaltlicher Funktion, Freiwilligkeit der Hilfe, Bedürfnisorientierung der Hilfe u.ä. müssen aus dieser Perspektiv, um Einsicht in die Notwendigkeit auch durchzusetzen zu können, durch autoritäre bis repressive Interventionsmittel ergänzt werden.

Die "Politik der Lebensführung" (sozialpolitisch und sozialpädagogisch zu Ende gedacht, was Giddens selbst in seiner Theorie des dritten Weges mit dem Begriff "Lebensstilabkommen" nur zaghaft andeutet) hat mit Aktivierungsstrategien in der Arbeitsmarktpolitik gemein, dass beide Konzepte darauf abzielen, "schädlichen" Verhaltenstendenzen von Gruppen oder Einzelnen rigoros entgegenzutreten. Interventionen im Rahmen von "life politics" wie "workfare" werden i.d.R. mit Gemeinwohlinteresse begründet: HilfeempfängerInnen werden zu bestimmten Verhaltensweisen gedrängt und angehalten, weil das zwar auch in ihrem eigenen Interesse ist (help and hassle), aber langfristig auch das Gemeinwohl befördert. Strategien dieser Art, die HilfeempfängerInnen bewusst wie "Kinder zu behandeln" (Mead), um sie gesellschaftsfähig zu machen, sind in den USA über das enge Feld der workfare hinaus mittlerweile auch in der Sozial-, Familien-, Drogen- und Wohnungslosenhilfe verbreitet, weil die "Psychologie der Armen" lehrt, Langzeitarbeitslose und sonstige Hilfeempfänger mit längerer Armutskarriere benötigten mehr Lenkung, Führung, das Aufzeigen von Grenzen u.ä.

Der Paternalismus vernachlässigt bewusst strukturelle Ursachen von Problemen, da davon ausgegangen wird, dass einerseits Verhaltensweisen und Lebensstile zu einem nicht unerheblichen Teil Ursache von Problemlagen seien und andererseits auch leichter als die Verhältnisse für Interventionsprogramme zugänglich sind, eine Begründung, die der Paternalismus mit der kriminalpolitischen "broken-windows"-Theorie und der daraus abgeleiteten Null-Toleranz-Strategie teilt.

Für die Sozialarbeit hat das Folgen. Das "Feld" wird für die praktische Arbeit zur vernachlässigenden Größe. Aber auch der "Fall" bleibt nicht, was er einmal war: in der Fallarbeit werden Ursachensuche, hermeneutisches Fallverstehen und Lebensweltorientierung zunehmend unwichtig, da lediglich die von den jeweiligen Programmen vorgegebenen Verhaltensstandards durchgesetzt werden müssen. Die Autonomie in der Fallbearbeitung, wie Expertise, freie Wahl der Mittel, Autonomie im Umgang mit KlientInnen u.ä. wird schrittweise eingeschränkt und führt auf absehbare Zeit möglicherweise zu einer grundsätzlich veränderten Professionalität in der sozialen Arbeit. Hier ist der neue Paternalismus anschlussfähig an den neuen Managerialismus in Staat und Verwaltung.

Auswirkungen auf die Methoden praktischer sozialer Arbeit hat auch die Tatsache, dass der "aktivierende Staat" sich auch als effizienzsteigender Staat, quasi als idealer Gesamtmanager, positioniert. Seit geraumer Zeit verändert sich durch die Neuen Steuerungsmodelle und insbesondere durch das Kontraktmanagement (z.B. Leistungsvereinbarungen im Sozialsektor) das "Organisationsregime" sozialer Arbeit.19 In dem Maße wie es steuernden Instanzen gelingt, Effektivität, Effizienz und Wirtschaftlichkeit zu obersten Zielen sozialer Arbeit zu erheben, gewinnen sie nicht nur zunehmend Einfluss auf die Art und Weise, wie soziale Arbeit zukünftig organisiert wird, sondern auch auf die Durchführung und Methoden sozialer Arbeit. Soziale Arbeit wird - wie im Fall der workfare-Strategien beobachtbar - auch einem Mikromanagement unterworfen, das Methoden und Handlungsvollzüge determiniert. Die Fachlichkeit und die durch Expertise begründete Autonomie der Fallbearbeitung wird durch den expansiven Managerialismus des "aktivierenden Staates" in Frage gestellt.

Die mittlerweile manifeste Debatte über "Wirkungsorientierung" sozialer Arbeit ("what counts is what works", Tony Blair) muss als Bestandteil aktivierender Sozialpolitik gesehen werden, deren Ziel es ist, stärkeren Einfluss auf Handlungsvollzüge in der sozialen Arbeit zu bekommen, um letztlich die Fallbearbeitung besser steuern und reglementieren zu können.

Die emanzipatorische, radikaldemokratische Semantik, derer sich der "aktivierende Staat" dabei bedient, erweist sich auf dem Feld der Sozialpolitik und der sozialen Arbeit nur als Hintergrundsmusik bei der Durchsetzung neuer Organisationsstrukturen und Handlungsprinzipien zur Restrukturierung von Sektoren mit bislang großer Selbststeuerungskapazität. Vokabeln wie Beteiligung, Autonomie, Selbststeuerung, Selbstverantwortung, Befähigen und Ermöglichen u.ä. sind kennzeichnend für den "aktivierenden Staat" und sollen - wie schon im Wirtschaftssektor - die Kunst effektiver Verhaltensbeeinflussung bei optimalem Ressourceneinsatz befördern helfen. Für eine professionelle, gesellschaftlich und politisch aufgeklärte Soziale Arbeit könnte dieses Programm perspektivisch das Aus bedeuten.

Anmerkungen

1) Vgl. Bandemer, S./Hilbert, J.: Vom expandierenden zum aktivierenden Staat. In: Bandemer, u.a.: Handbuch zur Verwaltungsreform. Opladen 1998, S.25-32; Blanke, B./Bandemer, S.: Der "aktivierende Staat". In: Gewerkschaftliche Monatshefte, Nr. 6, 1999, S.310-335; Fretschner, R./Hilbert, J./Stöbe-Blossey, S.: Der aktivierende Staat und seine Implikationen für die soziale Arbeit. In: Dahme/Otto/Trube/Wohlfahrt (Hg.): Soziale Arbeit für den aktivierenden Staat. Opladen 2003, S.37-56

2) vgl. Blanke/Bandemer 1999, a.a.O.

3) vgl. Schröder, G.: Die zivile Bürgergesellschaft. Anregungen zu einer Neubestimmung der Aufgaben von Staat und Gesellschaft. In: Die Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte, Heft 6/2000, S.200-207, S.203

4) vgl. Dahme, H.-J./ Wohlfahrt, N.: Aktivierungspolitik und der Umbau des Sozialstaates. Gesellschaftliche Modernisierung durch angebotsorientierte Sozialpolitik. In: Dahme/Otto/Trube/Wohlfahrt (Hg.), a.a.O. S.75-100

5) vgl. Priddat, B.: Soziale Diversität. Skizze zur Zukunft des Sozialstaates. In: Hildemann, K.D. (Hg.): Abschied vom Versorgungsstaat? Erneuerung sozialer Verantwortung zwischen Individualisierung, Markt und bürgerschaftlichem Engagement. Institut für interdisziplinäre und angewandte Diakoniewissenschaft. Uni Bonn 2000, S.89-109, S.99

6) vgl. Butterwegge, C.: Nicht Abbau, sondern Umbau des Sozialstaates ist die politische Aufgabe. In: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, Heft 4/2003, S. 4-9

7) vgl. dazu näher Dahme/H.-J./Wohlfahrt, N.: Aktivierender Staat. Ein neues sozialpolitisches Leitbild und seine Auswirkungen auf die soziale Arbeit. In: neue praxis, 32.Jg., 2002, S.10-32

8) vgl. SPD-Grundwertekommission: Die "dritten Wege" der Sozialdemokratie - Material zur Reform des Sozialstaats. In: Theorie und Praxis sozialer Arbeit, Heft 8/2001, S.283-291

9) vgl. Stelzer-Orthofer, Ch. (Hg.): Zwischen Welfare und Workfare. Soziale Leistungen in der Diskussion. Linz 2001

10) Clarke, J./Newman, J.: The Managerial State. Power, Politics and Ideologies in the Remaking of Social Welfare. London 1997, S.154

11) vgl. Kessl, F.: Wiederentdeckung der Gemeinschaft? In: Widersprüche, Heft 76/2000, S.19-35, S.30

12) Schmid, G. u.a.: Faule Arbeitslose? Politische Konjunkturen einer Debatte. In: WZB-Mitteilungen H.93/2001, S.5-10, S.10

13) vgl. Mead Mead, L.M. (Hg.): The new paternalism. Supervisory approaches to poverty. Washington D.C. 1997

14) vgl. Peck, J.: "Help and hassle". Mittel, Motive und Methoden lokaler Workfare-Strategien. In: S. Lang u.a. (Hg.). Jobwunder USA - Modell für Deutschland?, Münster 1999, S.192-209

15) vgl. Mead 1997

16) vgl. Lindner 2003

17) vgl. KGSt-Consult, 2000: Gutachten im Auftrag des Sächsischen Finanzministeriums zu den "Hilfen zur Erziehung" in den Jugendämtern des Weißeritz-Kreises, des Landkreises Sächsische Schweiz und des Niederschlesischen Oberlausitz-Kreises, S.29

18) vgl. Olk, T.: Weder Rund-um-Versorgung noch "pure" Eigenverantwortung - aktivierende Strategien in der Politik für Familien, alte Menschen, Frauen, Kinder und Jugendliche. In: Mezger, E./West, Klaus-W.: Aktivierender Sozialstaat und politisches Handeln. Marburg 2000, S.105-124, S.110

19) White, V.: Profession und Management. Über Zwecke, Ziele und Mittel in der sozialen Arbeit. In: Widersprüche Heft 77/2000, S.9-27, S.18


Prof. Dr. Heinz-Jürgen Dahme lehrt Verwaltungswissenschaft am FB Sozial- und Gesundheitswesen der Hochschule Magdeburg-Stendal; Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt ist lehrt Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am FB Sozialarbeit der Ev. FH Bochum

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