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Klaus Holzkamp

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Genossenschaftswissenschaft und -praxis

15.08.2008: Eine Wissenschaft in der Krise

  
 

Forum Wissenschaft 3/2008

Die Genossenschaftsbewegung als praktische Bewegung verfügt über viele eigene Erfahrungen. Überdies könnte sie sich jener versichern, welche die Genossenschaftswissenschaft zur Verfügung stellt, wäre sie etwas anders, als sie ist. Johannes Blome-Drees konstatiert Defizite auf beiden Seiten und zum Schaden beider. Für die wissenschaftliche weiß er Rat.

Genossenschaften treten im Laufe ihrer Entwicklung in einer großen Vielfalt auf und werden seit langem in den verschiedensten Wissenschaften behandelt. Darüber hinaus ist im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahrzehnten eine eigenständige Genossenschaftswissenschaft entstanden, in deren Mittelpunkt wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fragestellungen stehen.1 Diese Genossenschaftswissenschaft steckt nach meiner Auffassung in einer Krise, da man auf der einen Seite für genossenschaftswissenschaftliche Forschungen den Anspruch der Praxisrelevanz erhebt, auf der anderen Seite jedoch feststellen muss, dass genossenschaftswissenschaftliche Ideen und Konzeptionen in der Genossenschaftspraxis so gut wie keine Rolle spielen. Das Verhältnis von Genossenschaftswissenschaft und Genossenschaftspraxis ist daher ein Thema, mit dem man sich in der Genossenschaftswissenschaft näher beschäftigen sollte.2

Selbstbezüglichkeit!

Die zentrale Aussage meiner Ausführungen ist in der Forderung zu sehen: Die Genossenschaftswissenschaft muss als Teil der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sehr viel näher als bisher an der Genossenschaftspraxis positioniert werden, um nicht zentrale Probleme der Genossenschaftspraxis auszublenden und als Folge in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Zu diesem Zweck hat die Genossenschaftswissenschaft nicht nur die Genossenschaftspraxis zu beobachten, sondern sie hat auch im Auge zu behalten, wie die Genossenschaftspraxis die Genossenschaftswissenschaft beobachtet, und nach den damit verbundenen Konsequenzen für das eigene Tun zu fragen. Das bedeutet wiederum nichts anderes, als dass eine so verstandene Genossenschaftswissenschaft ein selbstbezügliches Unterfangen ist. Indem nämlich die Genossenschaftswissenschaft ihre eigene Anwendung in der Genossenschaftspraxis reflektiert, bezieht sie sich auf sich selbst. Möglicherweise können gerade über solche Reflexionen die - nach meiner Auffassung dringend notwendigen - neuen Perspektiven für das eigene Tun entstehen und Anstöße für eine Modifikation des eigenen Selbstverständnisses gegeben werden.3

Versucht man das derzeitige Verhältnis von Genossenschaftswissenschaft und Genossenschaftspraxis metaphorisch zu erfassen, dann kann man von einem "Auseinanderdriften" sprechen. Die Genossenschaftswissenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten weitgehend an den Problemen der Genossenschaftspraxis vorbei entwickelt. Die Ausdifferenzierung der Genossenschaftswissenschaft hat nicht dazu geführt, dass die Genossenschaftspraxis viel mit ihren Angeboten anzufangen weiß. Genossenschaftswissenschaftliche Ideen und Konzeptionen werden bestenfalls "schubladiert", wenn sie nicht gleich im Papierkorb landen. Tiefgreifende Spuren in der Genossenschaftspraxis haben sie nach meiner Einschätzung in der Vergangenheit jedenfalls nicht hinterlassen.4

Ideen und Interessen

Woran liegt es, dass in der Genossenschaftswissenschaft Wissen produziert wird, das offenbar nicht den Anforderungen der Genossenschaftspraxis entspricht? Wurden behandelte Themen und Probleme in der Genossenschaftswissenschaft bisher unzureichend erörtert, oder hat die Genossenschaftspraxis aus anderen Gründen kein Interesse an ihnen entwickelt? Wenn das Aufgreifen von Ideen und Konzeptionen untersucht wird, muss berücksichtigt werden, dass solches Wissen allgemein nur dann übernommen wird, wenn es aufgrund bestimmter Interessenlagen nützlich erscheint. Auf die Bedeutung dieses Zusammenspiels von Ideen und Interessen hat bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts Max Weber - allerdings in einem anderen Zusammenhang - hingewiesen. Das berühmte Zitat von Max Weber lautet: "Interessen [...], nicht Ideen beherrschen das Handeln der Menschen. Aber: die ,Weltbilder', welche durch ,Ideen' geschaffen wurden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das Handeln fortbewegte."5

Auf das Verhältnis von Genossenschaftswissenschaft und Genossenschaftspraxis bezogen eröffnet die berühmte Weber-These vom Zusammenspiel von Ideen und Interessen einen Zugang zu der Frage, warum viele Ideen und Konzeptionen der Genossenschaftswissenschaft in der Genossenschaftspraxis kaum oder gar nicht aufgegriffen werden. Offenbar hat die Genossenschaftswissenschaft ihre Aufmerksamkeit auf Themen und Entwicklungen gelenkt, die in der Genossenschaftspraxis nicht als relevant angesehen werden oder aus der Praxisperspektive missliebige Probleme darstellen, weil sie den Interessen der herrschenden Manager6 widersprechen. Vor allem wegen der ausgeprägten - und nach meiner Ansicht von vielen Genossenschaftsmanagern für selbstverständlich erachteten - Kommerzialisierungs- und Oligarchisierungstendenzen weiter Teile der Genossenschaftswirtschaft sollte die Genossenschaftswissenschaft sehr sorgfältig der Frage nachgehen, welche Arten von Rechtfertigungen, Begründungen und Legitimationen als Gründe für die Ablehnung von genossenschaftswissenschaftlichen Ideen und Konzeptionen angeführt werden.

Mit welcher Begründung werden beispielsweise Untersuchungen zur genossenschaftlichen Erfolgsermittlung und zur Re-Demokratisierung der genossenschaftlichen Willensbildung von den Genossenschaftsmanagern so wenig beachtet? Benötigt die Genossenschaftspraxis tatsächlich keine Instrumente zur Ermittlung des Mitgliedererfolges und zur Verbesserung der Identifikation der Mitglieder mit ihrer Genossenschaft? Viele Genossenschaftsmanager meinen darauf verzichten zu können, weil sie sich selbst als Sachwalter der Mitgliederinteressen verstehen und sich die Mitgliederförderung ihrer Auffassung nach in demselben Maße einstellt wie der Markterfolg der genossenschaftlichen Unternehmen. Daher würde man die Genossenschaftsmanager, wie Erik Boettcher treffend feststellt, tatsächlich überfordern, "wollte man von ihnen verlangen, sie sollten - ohne für sie ersichtlichen Grund - die Genossenschaftswissenschaft annehmen, soweit diese sich an dem für sie einzigen sinnvollen Paradigma orientiert, nämlich dem, die Probleme im Umkreis [...] der Mitgliederförderung durch das genossenschaftliche Unternehmen zu behandeln und zu lösen."7

Praxis-"Immunisierung"

Die Genossenschaftspraxis ist unter diesen Umständen immer weniger bereit, kritische Wissenschaftler/innen in ihre Problembereiche einzubeziehen. Ernst-Bernd Blümle sieht beispielsweise gewisse Anzeichen dafür gegeben, "dass Vertreter der Wissenschaft, die die herrschenden Ansichten der Repräsentanten der Praxis nicht teilen, kontroverse und fordernde Ansichten vertreten, als ,Persona non grata' abgestempelt werden und subtile Sanktionen befürchten müssen."8 Die Genossenschaftspraxis hat sich gegen die Kritik der Genossenschaftswissenschaft immunisiert. Das Dilemma der Anwendung wurzelt in der Tatsache, dass es Genossenschaftspraktiker sind, die das genossenschaftswissenschaftliche Wissen anwenden sollen. Damit dies geschieht, müssen Genossenschaftspraktiker von der Nützlichkeit des genossenschaftswissenschaftlichen Wissens überzeugt werden. Dies beinhaltet aber gleichzeitig das Eingeständnis, dass die aktuelle Wissenschaftspraxis mit Defiziten behaftet ist. Es entsteht eine "Immunreaktion", die das Aufgreifen genossenschaftswissenschaftlicher Ideen und Konzeptionen verhindert.

In dieser Situation ist trotz des krisenhaften Szenarios keine Veränderung der genossenschaftlichen Entwicklungsstrategie zu erwarten, da die Genossenschaftspraxis in einer unzureichenden Mitgliederförderung und einer mangelnden Genossenschaftsdemokratie keine besondere Gefahr für die Handlungsfähigkeit ihrer Unternehmen sieht. Die Problematik einer Neuausrichtung der Genossenschaftspraxis besteht nach Oswald Hahn darin, "dass freiwillig etwas erbracht werden muss, wozu kein existentieller Zwang vorliegt. Und die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Chance deswegen verpasst wird, weil vielen die Notwendigkeit nicht einleuchtet."9

Vor diesem Hintergrund hat eine kritische und damit glaubwürdige Genossenschaftswissenschaft ihre Forschung und Lehre auch weiterhin an der Konkretisierung der Mitgliederförderung in einer funktionierenden Genossenschaftsdemokratie auszurichten.10 Solange die Genossenschaftspraxis aber keine Kritik an den herrschenden Verhältnissen zulässt, wirkt das auch lähmend auf die Genossenschaftswissenschaft. Wiederum Erik Boettcher hat zu Recht darauf verwiesen, "dass eine solche Ablehnung der Praxis dazu führen kann, dass eine Wissenschaft in den Stillstand zu verfallen vermag. Denn die Manager in Genossenschaften können sich um so mehr in der Überzeugung wiegen, in ihrem Handeln gegenüber den Mitgliedern als der Trägergruppe frei zu sein, je weniger ihre Beziehungen theoretisch untersucht und damit jeder Kritik entzogen werden. Daher versuchen sie, ihre selbst gebastelten Legitimitätsformen zu vertreten, und verlangen von der Wissenschaft, diese zu vertreten oder wenigstens stillschweigend zu dulden."11

Mangel: Praxisrelevanz

Insgesamt betrachtet unterscheiden sich die Problemstellungen, die innerhalb der Genossenschaftswissenschaft als relevant erachtet werden, erheblich von denen aus der Genossenschaftspraxis. In der Genossenschaftswissenschaft wird dieser Tatbestand bisher jedoch kaum diskutiert, das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis wird aus der Perspektive der Anwendungsproblematik letztlich wenig thematisiert. Bis heute lassen sich zu Fragen der Anwendung genossenschaftswissenschaftlicher Ergebnisse in der Genossenschaftspraxis praktisch keine Hinweise finden. Trotz ihrer mangelnden Praxisrelevanz hat die Genossenschaftswissenschaft offenbar immer noch kein rechtes Krisenbewusstsein entwickelt. Ich wundere mich jedenfalls seit längerer Zeit, mit welcher Gleichgültigkeit weite Teile der Genossenschaftswissenschaft ihre eigene Folgenlosigkeit in der Genossenschaftspraxis hinnehmen. Das schließt natürlich nicht aus, dass das offizielle Bild einer anwendungsorientierten Wissenschaft weiterhin gepflegt wird, ohne dass jedoch ein ernsthaftes Interesse besteht, das eigene Wissen in genossenschaftspraktische Verwendungszusammenhänge zu bringen. Man tut so, als ob, und ist allenfalls darauf bedacht, den Schein der Anwendungsorientierung zu wahren. Wie dem auch sei, die Praxisrelevanz der Genossenschaftswissenschaft wird für gewöhnlich als ein zentrales Merkmal ihres Selbstverständnisses hervorgehoben, ohne dass dies zu praktischen Konsequenzen geführt hat. In Wirklichkeit also steckt die Genossenschaftswissenschaft in einer Krise, die wesentlich mit den Zweifeln am praktischen Nutzen ihrer Erkenntnisse in Zusammenhang steht.12

Anmerkungen

1) Vgl. Engelhardt, W.W.: Die Stellung der Genossenschaftslehre (Kooperationswissenschaft) im System der Wissenschaften, in: Laurinkari, J. (Hrsg.): Genossenschaftswesen. Hand- und Lehrbuch, München/Wien 1990, S.50-69, hier S.61.

2) Vgl. Blome-Drees, J., Schmale, I.: Grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Genossenschaftslehre und Genossenschaftspraxis, in: Münkner, H.-H. (Hrsg.): Nutzerorientierte versus investororientierte Unternehmen, Göttingen 2002, S.17-24, hier S.18.

3) Vgl. Blome-Drees, J.: Zur Anwendungsorientierung einer Besonderen Betriebswirtschaftslehre der Genossenschaften. Plädoyer für ein selbstbezügliches Wissenschafts- und Praxisverständnis, in: Schulz-Nieswandt, F. (Hrsg.): Einzelwirtschaften und Sozialpolitik zwischen Markt und Staat in Industrie- und Entwicklungsländern, Marburg 2001, S.289-315, hier S.291.

4) Vgl. Blome-Drees, J.: Genossenschaftslehre und Genossenschaftspraxis. Plädoyer für eine systemtheoretische Betrachtung, Kölner Genossenschaftswissenschaft, Band 30, Regensburg 2003, S.8.

5) Weber, M.: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Band 1, Tübingen 1963, S.252.

6) "Männliche" Formulierungen schließen im ff. Frauen ein. (Red.)

7) Boettcher, E.: Zielsetzung und Anspruchsniveau der Genossenschaftswissenschaft, in: Blümle, E.-B./Schwarz, P. (Hrsg.): Erwartungen der Genossenschaftspraxis an die Wissenschaft: Tagungsbericht der IX. Internationalen Genossenschaftswissenschaftlichen Tagung 1978 in Freiburg/Schweiz, Göttingen 1979, S.43-81, hier S.60.

8) Blümle, E.-B.: Die Genossenschaftswissenschaft - Ärgernis für die Praxis oder Anwalt für ein glaubwürdiges Genossenschaftswesen?, in: Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen, Band 40, 1990, S.163-165, hier S.163.

9) Hahn, O.: Die Krise der Genossenschaftsbewegung als Chance zum Neubeginn, in: Verbands-Management 3/1991, S.48-51, hier S.50.

10) Vgl. Blome-Drees, J.: Wissenschaftsziele der Genossenschaftslehre - Ein Aufruf zum Dialog, in: Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen, Band 56, 2006, S.4-18, hier S.17.

11) Boettcher, E.: Zielsetzung und Anspruchsniveau der Genossenschaftswissenschaft, in: Blümle, E.-B./Schwarz, P. (Hrsg.): Erwartungen der Genossenschaftspraxis an die Wissenschaft: Tagungsbericht der IX. Internationalen Genossenschaftswissenschaftlichen Tagung 1978 in Freiburg/Schweiz, Göttingen 1979, S.43-81, hier S.80.

12) Vgl. Blome-Drees, J., Schmale, I.: Zum Verhältnis von Genossenschaftslehre und Genossenschaftspraxis, in: Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen, Band 53, 2003, S.239-248, hier S.245.


Dr. Johannes Blome-Drees ist Lehr- und Forschungsbeauftragter am Seminar für Genossenschaftswesen der Universität zu Köln. In diesen Funktionen hat er an vielen Projekten zu theoretischen und empirischen Fragen des Genossenschaftswesens mitgewirkt. Aktuell befasst er sich mit der Problematik einer genossenschaftswissenschaftlich unterstützten Führung von Genossenschaften, der Fusion von Genossenschaftsbanken und Potenzialen für genossenschaftliche Neugründungen.

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