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Klaus Holzkamp

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Stadtteilgenossenschaften

15.08.2008: Neue Kooperationen, Stärkung lokaler Ökonomie

  
 

Forum Wissenschaft 3/2008

Städte und Gemeinden nehmen immer mehr den Charakter von Orten der Attraktion reicher Bevölkerungsteile an, einheimischer oder fremder, von "event locations". Sie verarmen wie ihre BewohnerInnen in dem Maß, in dem sie zu Objekten schwer kontrollierbarer Investoren und Investitionen werden. Burghard Flieger setzt dem Erfahrungen und Möglichkeiten der Entwicklung einer lokalen Wertschöpfung, Ökonomie und Selbstorganisation entgegen.

Die deutsche Verfassung, das Grundgesetz, schreibt in Artikel 28, Absatz 2: "Den Gemeinden muss das Recht gewährleistet sein, alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln. [...] Die Gewährleistung der Selbstverwaltung umfasst auch die Grundlagen der finanziellen Eigenverantwortung [...]." In Absatz 1 heißt es: "In Gemeinden kann an die Stelle einer gewählten Körperschaft die Gemeindeversammlung treten", womit die Idee und Möglichkeit direktdemokratischer Entscheidung auf Gemeindeebene Verfassungsrang bekommen hat.

Entsprechend schreibt Klaus Vogelsang: "Die ersten dörflichen Siedlungsgemeinschaften hatten genossenschaftlichen Charakter. Die Genossenschaft entwickelte sich auf der Grundlage gemeinsamen Grundbesitzes und sesshaften Ackerbaus sowie aus dem Bedürfnis, sich gemeinsam vor fremden Angreifern zu schützen und sich im Alltag gegenseitig Hilfe zu leisten. Über die wichtigsten Angelegenheiten der Gemeinschaft entschied die Vollversammlung der stimmberechtigten Bauern, insbesondere über die Nutzung des Grundvermögens, die Ordnung des Zusammenlebens und die Dorfverteidigung. Ein aus ihrer Mitte gewählter Vorsteher (Heimburger, Baumeister o.ä.) erledigte die laufenden Geschäfte der Gemeinschaft."1

Real erfährt die kommunale Selbstverwaltung gegenwärtig eine bedrohliche Aushöhlung durch die fehlende Souveränität bei den Gemeindefinanzen. Jegliche Form der Selbstverwaltung und Selbstverantwortung der Gemeinden wird seit Beginn der verstärkten Privatisierung wichtiger kommunaler Einrichtungen der Daseinsvorsorge abgebaut. In massiv wachsendem Maße ist dieses Phänomen seit 1990 zu beobachten. Der Finanzdruck führt zu Entscheidungen, die letztlich die Aufgabe jeglicher Gemeindefreiheit bedeuten.

Vor diesem Hintergrund findet eine unmittelbare kommunale bzw. regionale Wertschöpfung in vielen wichtigen Bereichen der Stadtteile bzw. der lokalen Ökonomie nicht mehr statt. Dies geht einher mit dem Wegfall von Möglichkeiten und Instrumenten zur Gestaltung des Sozialraums und zur Steuerung sozialräumlicher Entwicklung. Um dem entgegenzuwirken, müssen alle Formen des Wirtschaftens im Quartier (lokale Ökonomie) und Formen der Selbstorganisation aufgewertet werden.

Davor stehen Entscheidungen zu zentralen Fragen wie: Sind die Bürgerinnen und Bürger nur Kund/inn/en ihrer Stadt? Oder ist die Stadt ein Gemeinwesen, das kollektiv genutzt wird? Im letzteren Fall geht es um eine aus einer Tradition genossenschaftlicher Verbindungen gewachsene Stadt. Sie basiert auf gemeinschaftlicher Infrastruktur und Selbstverwaltung. Die andere ist zunehmend "durchprivatisiert".2

Eine viel zu sehr vernachlässigte Form zur Ergänzung der kommunalen Organisation der Daseinsfürsorge ist eine privatrechtliche Unternehmung: die Genossenschaft, und zwar die Stadt- bzw. Stadtteilgenossenschaft.3 Damit würden die Kommunen die oben skizzierten Wurzeln stärken, auf die sie und die Gemeindefreiheit letztlich zurückzuführen sind. Die Genossenschaft ist gesetzlich auf die Förderung ihrer Mitglieder verpflichtet und damit den Bewohnern ihrer Stadt bzw. ihres Stadtteils. Sie muss nutzer- statt investororientiert handeln. Genossenschaften, die beispielsweise ein Kommunikationszentrum im Stadtteil, wichtige unterstützende Dienstleistungen für den Haushalt, Kulturangebote oder andere Leistungen für die Bewohner in ihrem Einzugsgebiet gemeinschaftlich regeln, stehen seit neuem wieder verstärkt im Fokus zahlreicher Diskussionen. Sie sind privat, funktionieren technisch und finanziell und sie leben vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger, der Genossinnen und Genossen.

Stärke in der Vielfalt

Im Unterschied zu anderen Genossenschaftstypen sind unter dem Dach einer Stadtteilgenossenschaft viele sehr unterschiedliche Akteure und Akteurinnen zusammengeschlossen. Kunden, Förderer, Beschäftigte, Unternehmer, Kommunalvertreter etc. versuchen gemeinsam, den Stadtteil, in dem sie leben, wirtschaftlich und sozial attraktiver zu gestalten. Dies erhöht aufgrund der verschiedenen Interessen die EURscheinlichkeit von Konflikten, bietet aber durch das Zusammenführen sehr unterschiedlicher Fähigkeiten und Kompetenzen auch die Chance, etwas zu bewegen, wo ansonsten oft schon seit Jahren Stillstand oder gar Niedergang das Bild prägte.

Stadtteilgenossenschaften können ideale Organisationsformen bei der Umsetzung der gemeinsamen Ziele zur Umsetzung integrierter Stadtentwicklungskonzepte sein.4 In ihnen liegen Chancen, Beschäftigungswirkungen zu erzielen und durch ein hohes Identifikationspotenzial der Mitglieder mit ihrem Stadtteil Anstöße zu sozialen Veränderungen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu geben. Im Unterschied zu anderen Genossenschaftsformen liegt bei Stadtteilgenossenschaften eine größere Heterogenität der Mitglieder vor. Sie können deshalb auch als Multi-Stakeholder-Genossenschaften bezeichnet werden.5 Ihre Besonderheit ist: Zwei oder mehr Gruppen mit unterschiedlichen, wenn nicht sogar zumindest teilweise gegensätzlichen Förderinteressen agieren unter einem organisatorischen Dach. Bei der Stadtteilgenossenschaft Sonnenberg in Chemnitz sind es beispielsweise Wohnungsunternehmen als potenzielle Auftraggeber und (ehemalige) Arbeitslose und Stadtteilmanagerinnen6, bei der Stadtteilgenossenschaft Wedding sind es Kleinbetriebe aus dem Stadtteil und Beschäftigte aus den Bereichen Maler und Lackierer und Elektrotechnik (www.stadtteilgenossenschaft-wedding.de). Keine der beteiligten Gruppen gibt dabei ihre Identität auf.

In Verbindung mit dem § 1 des Genossenschaftsgesetzes lassen sich Stadtteilgenossenschaften charakterisieren als stadtteilorientierte "Gesellschaften von nicht geschlossener Mitgliederzahl, welche den Erwerb oder die Wirtschaft ihrer Mitglieder oder deren soziale oder kulturelle Belange durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb fördern". Sie erbringen (Dienst-)Leistungen für Mitglieder - oftmals auch der Allgemeinheit - und sind gekennzeichnet durch eine unabhängige Unternehmensführung mit demokratischen Entscheidungsstrukturen. In Stadtteilgenossenschaften schließen sich zwei oder auch mehr Gruppen mit unterschiedlichen Förderinteressen in einem überschaubaren Raum (Gemeinwesen) zusammen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort. Kennzeichen sind die Verbindung von Gemeinwesenarbeit mit lokaler Ökonomie, wirtschaftlichen Tätigkeiten mit sozialen Funktionen, Bürger/innenengagement mit wirtschaftlicher Selbsthilfe, gemeinnützigem Charakter mit Ertragsorientierung, Umsetzung integrierter Stadtteilkonzepte mit Interesseneinbindungen, Nutzung und Erweiterung sozialen Kapitals mit externer Unterstützung.

Besondere Chancen

Die Entwicklung von Multi-Stakeholder-Genossenschaften stellt keine Ausnahmesituation dar. Sie kann sowohl auf EU-Ebene als auch in Deutschland verstärkt beobachtet werden. Sie verkörpern ein erheblich breiteres Spektrum von Interessen als die herkömmlichen (mitgliederorientierten) Genossenschaften oder die (investororientierten) Kapitalgesellschaften. Damit verbunden sind zahlreiche Probleme und Chancen. Folge der Interessenvielfalt kann eine Verschärfung möglicher Konfliktmuster sein. Für die wirtschaftliche Kooperation größerer gleichberechtigter Gruppen sind Konflikte insbesondere in der Aufbau- und Entwicklungsphase oftmals typisch.

Gleichzeitig sind mit solchen Kooperationsansätzen aber auch Chancen besonderer Synergien verbunden. Zwei oder mehr Gruppen mit unterschiedlichen Fähigkeiten oder Kompetenzen arbeiten eng innerhalb einer Organisationsstruktur zusammen. Indem klassische "sozialarbeiterische Klientelgruppen" als gleichberechtigte Partner anerkannt werden und damit eine persönliche Aufwertung erfahren, können bei diesen Engagement und Einsatzbereitschaft freigesetzt werden, die in anderen Formen der individuellen Betreuung weniger wahrscheinlich sind. Allerdings ist festzuhalten, dass über die besonderen Chancen und Schwierigkeiten dieses Genossenschaftsansatzes bisher vergleichsweise nur wenig Wissen vorliegt, da erst etwa zehn bis fünfzehn Gründungen realisiert wurden und diese alle neueren Datums sind.

Der Doppelcharakter einer Genossenschaft beinhaltet, dass jede Genossenschaft Sozial- und Wirtschaftsorganisation zugleich ist. Dies ist im Hinblick auf den Förderauftrag mit Konsequenzen verbunden. Als Wirtschaftsorganisation muss eine Genossenschaft wie jedes andere Unternehmen am Markt agieren: wirtschaftlich handeln. Die Mitglieder als Kapitaleigentümer haben in dieser Rolle andere Interessen, als wenn sie ihre Rolle als Beschäftigte, Gewerbetreibende, Bewohner oder PolitikerInnen ausfüllen. Eine Berücksichtigung dieser Interessen erfolgt in der Sozialorganisation, in der sie ihre Berücksichtigung unter dem spezifischen zu fördernden Mitgliederblickwinkel und nicht als Eigentümer erfahren sollten.7 Das erfordert eine Präzisierung des Förderauftrags für die relevanten Mitgliedergruppen in jeder Stadtteilgenossenschaft, indem die unterschiedlichen Anforderungen beachtet werden: Sind die Mitglieder BewohnerInnen eines Stadtteils, so besteht der Nutzen in der Aufwertung des Stadtteils und der Schaffung von Kommunikationsmöglichkeiten. Sind die Mitglieder Kleingewerbetreibende und EinzelhändlerInnen, so erfahren diese einen Nutzen durch Verbesserung der Kaufkraft und der Vermittlung von Aufträgen, also der Stärkung der lokalen Ökonomie. Sind sie ehemals Arbeitslose und nun Beschäftigte der Genossenschaft, so erfahren sie ihre Förderung durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Beteiligung an der Leitung ihres Unternehmens und in einer adäquaten Vergütung ihrer Arbeitsleistungen. Sind die Mitglieder soziale Institutionen und PolitikerInnen, so werden diese gefördert, wenn sie einen Imagegewinn durch die Umsetzung erfolgreicher Modellprojekte erfahren.

Stabilisierende Regelungen

Diese unterschiedlichen Förderungsaufgaben lassen mögliche Schwachpunkte erkennen, durch die das Engagement der verschiedenen Mitglieder in Stadtteilgenossenschaften auf Dauer negativ tangiert sein könnte. Trotz der demokratischen Struktur bleibt die Einschätzungsmöglichkeit, in welchem Maße die Interessen und Bedürfnisse der verschiedenen Mitgliedergruppen erfüllt werden, oftmals eine subjektive Ermessensfrage. Denn bei der Überprüfung der Verwirklichung förderwirtschaftlicher Aufgaben gab es schon immer Schwierigkeiten. Entsprechend besteht die Gefahr, dass sich nach der Anfangseuphorie ein großer Teil der Mitglieder zurückzieht.

Ein "legerer" Umgang mit den genossenschaftlichen Grundsätzen wie dem der Förderung der Mitglieder ist in der Gründungs- und Aufbauphase von Stadtteilgenossenschaften legitim. Dies gilt nicht zuletzt aufgrund des politisch nach außen gerichteten Selbstverständnisses, der oftmals faktischen Überforderung der GründerInnengruppe und der Eigendynamik solcher Gründungen. Je früher allerdings die PromotorInnen der Genossenschaft sich darüber im Klaren sind, dass darin eine gewisse Sprengkraft steckt, desto schneller können sie entsprechend vorbeugend handeln.

Gegensteuern lässt sich unter anderem durch ein gemeinsames Leitbild, in dem sich alle Mitgliedergruppen wiederfinden. Die Erarbeitung eines Leitbildes und dessen Verabschiedung als verbindliche Ergänzung der Satzung verhindert, einen zu komplexen Förderauftrag verfolgen zu müssen. Durch gemeinsam entwickelte ideelle Förderziele werden Gegensätze überbrückt oder zumindest relativiert. Indem das Schaffen von Arbeit, die Verbesserung der Lebensbedingungen im Stadtteil oder andere soziale Ziele als Selbstverständnis verfolgt werden, lassen sich ökonomisch divergierende Interessen leichter unter einem gemeinsamen genossenschaftlichen Dach zusammenhalten.

In Frankreich wurden 2001 mit der "Genossenschaft für Gemeininteressen" Regelungen für diese in das allgemeine Rahmengesetz für Genossenschaften von 1947 eingefügt. Diese Erweiterung zeigt, wie die Entwicklung von Stadtteilgenossenschaften weitergedacht werden kann. Eine Mustersatzung, in der nachfolgende Vorschläge eingearbeitet sind, könnte Stadtteilgenossenschaften helfen, strukturelle Fehler zu vermeiden. Neugründungen würde damit ein Handwerkszeug zur Verfügung gestellt, das ihre Gründung erleichtert und sie gleichzeitig für Problempunkte der Unterschiedlichkeit der Mitglieder sensibilisiert. Ihnen kann es so leichter gelingen, sich als Symbol für Bürgerengagement und Selbsthilfe in einer Region dauerhaft zu etablieren. Dazu gehören8 Zweckerweiterung über die wirtschaftliche Förderung der Mitglieder hinaus, indem Stadtentwicklung oder die Schaffung von Arbeitsplätzen gleichberechtigte Zwecke werden; Erweiterung des Mitgliederkreises auf nicht nutzende, insbesondere fördernde Mitglieder und bei Interesse an einem stärkeren Wachstum auch auf Investorenmitglieder; gemeinnütziger Charakter dieser Genossenschaften, ohne die Gemeinnützigkeit im steuerlichen Sinne tatsächlich zu beantragen, da dies bürokratischen Aufwand bedeutet; besondere Regelungen der Überschussverwendung und Reservenbildung, die das Einhalten einer beschränkten Gewinnverteilung sichern und nach außen dokumentieren; Erweiterung des Kreises der Mitglieder um ehrenamtliche Helfer, Begünstigte, Arbeitnehmer der Genossenschaft und Vertreter von privaten und öffentlichen Fördereinrichtungen (Multi-Stakeholder-Genossenschaft); eine Regelung über die Stimmrechte, die einen Interessenausgleich zwischen den unterschiedlichen Mitgliederkategorien ermöglicht; Regelungen über die Wählbarkeit der Vertreter der verschiedenen Mitgliederkategorien für Ämter in der Genossenschaft und über die Vereinbarkeit von Mandat und Arbeits- bzw. Dienstvertrag; Sicherung der periodischen Prüfung nicht nur der Finanzen und Geschäftsführung, sondern auch der Erreichung der öko-sozialen Zwecke, beispielsweise durch ein Öko- oder Sozial-Audit bzw. einen Förderplan und eine Förderbilanz.

Aktivierungs-Potenziale

Genossenschaften als einzige wirklich geeignete demokratische Wirtschafts- und Organisationsform gilt es bei allen Formen der Übernahme von Aufgaben im Stadtteil eindeutig zur privilegieren, damit die notwendigen Chancen für ihre Entwicklung eröffnet werden. Sie sind nachfolgend als eine Art 14-Punkte-Programm skizziert.9

  • In allen Fällen, in denen über die Vergabe von kommunalen Aufgaben oder die Unterstützung bei der Entwicklung von Dienstleistungen von Verantwortlichen in der Kommune nachgedacht wird, sollte vorrangig erst einmal über genossenschaftliche Modelle nachgedacht werden: Nutzerorientierte Lösungen im sozialen Sinne sind investororientierten Lösungen grundsätzlich vorzuziehen.
  • Alle gesetzlichen Vorgaben, die einen Verkauf kommunalen oder staatlichen Eigentums durch Bieterverfahren, Ausschreibungspflichten etc. an private (teilweise auch multinationale) Investoren privilegieren bzw. fordern, müssen durch Einführung der Privilegierung nutzerorientierter Lösungen im sozialen Sinne verändert werden.
  • Analog dem Mietrecht, dass zum Verkauf angebotene Wohnungen erst den MieterInnen anzubieten sind, muss dies auch für den Verkauf aller Infrastruktureinrichtungen bzw. Einrichtungen der Daseinsfürsorge verankert werden. Sind die NutzerInnen bereit, eine Einrichtung zu übernehmen, gilt es, Lösungen zu entwickeln, wie dies technisch und finanziell praktizierbar wird. Dafür ist der erforderliche Zeitfaktor einzuräumen.
  • Sind die NutzerInnen bereit, eine kommunale Einrichtung im Stadtteil zu übernehmen, gilt es, Lösungen zu entwickeln, wie dies technisch und finanziell praktizierbar wird. Dafür ist der erforderliche Zeitfaktor einzuräumen.
  • Um der Dominanz eigentümerorientierter Lösungen bei der Entwicklung von Angeboten und Leistungen im Stadtteil etwas entgegenzusetzen, müssen aufbereitete Materialien zur Verfügung stehen, die erstens konzeptionell die Vorteile der nutzerorientierten Lösungen erläutern und zweitens die positiven Beispiele von genossenschaftlichen Lösungen darstellen und für ImitatorInnen aufbereiten.
  • Die Verbreitung unterschiedlicher Formen von Stadtteilgenossenschaften erfordert die Ausbildung von PromotorInnen, die diese politisch, fachlich, sozial und durch persönliche Überzeugung kommunizieren und umsetzen können.
  • Neben einer rechtlichen Besserstellung nutzerorientierter Lösungen ist eine Aufklärungs- und Informationsbroschüre speziell für KommunalpolitikerInnen zu erstellen, die ihnen die politischen Notwendigkeiten sowie die rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten von Stadtteilgenossenschaften nahebringt. Aufgrund des hohen Wissensdefizits der meisten KommunalpolitikerInnen besteht ansonsten die Gefahr, dass Lösungen gemischter Projekte von Ökonomie und Bürgerengagement verpasst werden.
  • Für die verschiedensten Ansätze von Stadtteilgenossenschaften wie Angebote von kulturellen oder sozialen Leistungen, Organisation der Kleinunternehmen im Stadtteil, Entwicklung eines Ortes der lokalen Kommunikation und Identifikation, Schaffen von Beschäftigungsmöglichkeiten im Stadtteil etc. sind tragbare genossenschaftliche Geschäftskonzepte und einzelne Schritte für die Initiierung und Stabilisierung auszuarbeiten.
  • Für genossenschaftliche, bürgernahe Lösungen in Form von Stadtteilgenossenschaften sind Finanzierungsmöglichkeiten und -konzepte seitens der KfW und des Bundes zu verabschieden. Entsprechende Ansätze könnten dauerhaft in Förderprogrammen wie Soziale Stadt bzw. auch im zukünftigen ESF explizit aufgeführt werden.
  • Für Stadtteilgenossenschaften, die nutzerorientierte Lösungen verfolgen und ausschließlich das Mitgliedergeschäft betreiben, ist die Steuerbefreiung analog der steuerbefreiten Vermietungsgenossenschaft einzuführen.
  • Um die Besonderheit und Privilegierung von Stadtteilgenossenschaften besonders auch für Angebote der Daseinsvorsorge zu unterstreichen, ist für diese, wenn sie hierin Aufgaben der Kommune übernehmen, die Einführung eines Förderberichts verpflichtend zu verabschieden. Jährlich muss ein Förderbericht durch den Vorstand vorgelegt werden, der über den Erfolg bei den im Statut festgelegten Förderzielen der Genossenschaft berichtet.
  • Eine bundesweite Entwicklungsagentur für genossenschaftliche Lösung ist einzurichten. Sie soll die effektive, nachhaltig wirkende Verbreitung des Genossenschaftsgedankens auch in Form von Stadtteilgenossenschaften umsetzen helfen. Ein solcher Lotsendienst für genossenschaftliche Initiativen in den Kommunen bis zur Gründung ist ohne ein hohes Maß an hauptberuflicher, professioneller und vor allem kontinuierlicher Tätigkeit nicht leistbar.
  • Aufgabe ist der Aufbau eines umfassenden Beratungs- und Qualifizierungsangebots für die Gründung und Stabilisierung von Stadtteilgenossenschaften. Zunehmend wird so durch Angebot und Nachfrage ein Multiplikatoreffekt entstehen, der genossenschaftlichen Lösungen in der Gemeinde zu einer größeren Selbstverständlichkeit verhilft.
  • Gemeinschaftliche Selbsthilfe in Form von Genossenschaften ist mit einem Instrumentarium ähnlich dem Gemeinnützigkeitsgesetz zu unterstützen, verbunden mit Erleichterungen bei Steuern, Abschreibungen, Auftragsvergaben etc. je nach Grad der Selbstverpflichtung gegenüber Benachteiligten, z.B. Gewinnverzicht, Kapitalneutralisierung, ökologische und soziale Verantwortlichkeit.
  • Anmerkungen

    1) Klaus Vogelsang, Uwe Lübking, Ina Maria Ulbricht: Kommunale Selbstverwaltung. Rechtsgrundlagen - Organisation - Aufgaben - Neue Steuerungsmodelle, 3. Auflage, Berlin 2005; vgl. auch Albrecht Cordes/Joachim Rückert/Reiner Schulze: Stadt - Gemeinde - Genossenschaft. Festschrift für Gerhard Dilcher zum 70. Geburtstag, Berlin 2003.

    2) Hartmut Häußermann: Amerikanisches contra europäisches Stadtmodell, in: Badische Zeitung vom 29.9.2006.

    3) Verschiedene Beispiele in Burghard Flieger: Sozialgenossenschaften - Wege zu mehr Beschäftigung, bürgerschaftlichem Engagement und Arbeitsformen der Zukunft, 2003 Neu-Ulm (hrg. vom Bundesverein zur Förderung des Genossenschaftsgedankens und der Paritätischen Akademie); ebenfalls als Beispiel: Burghard Flieger / Winfried Haas: Hilfe zur Selbsthilfe bei genossenschaftlichen Teamgründungen, vom Donnerstag, 18. Januar 2007, www.stadtteilarbeit.de(212.12.126.151/cms/index.php? option=com_content&task=view&id=66& Itemid=268; Zugr. 07.07.2008).

    4) Burghard Flieger: Betriebliche Formen gemeindenaher ökologischer Versorgung, WZB-discussion-paper (P01-510), hrsg. vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Projekt Arbeit und Ökologie, Berlin 2001.

    5) Hans-H. Münkner: Organisierte Selbsthilfe gegen soziale Ausgrenzung. "Multi-stakeholder Genossenschaften" in der internationalen Praxis, Berlin 2002, S.8ff.

    6) www.sonnenberg-chemnitz.de

    7) Ausführlich Burghard Flieger: Produktivgenossenschaft als fortschrittsfähige Organisation. Theorie. Fallstudie. Stabilisierungshilfen, 2. Aufl., Marburg 1997, S.21ff.

    8) Besonders Hans-H. Münkner: Organisierte Selbsthilfe, a.a.O., S.37ff.

    9) Vgl. Burghard Flieger: Selbsthilfegenossenschaften - Grundidee und Lösungsansätze für ihre Verbreitung, in: Clarita Müller-Plantenberg, Wolfgang Nitsch, Irmtraud Schlosser (Hg.): Solidarische Ökonomie in Brasilien und Europa - Wege zur konkreten Utopie, Kassel 2005, S.161-189, insbes. S.188f.


    Dr. Burghard Flieger ist Mitglied des Vorstands und wissenschaftlicher Leiter der innova eG. Seit 30 Jahren forscht und berät er und lehrt als Dozent zum Thema Genossenschaften (www.innova-eg.de).

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