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Klaus Holzkamp

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Den Verstand abtropfen lassen

15.08.2008: 1968 in Romanen und Erzähltexten (Teil I)

  
 

Forum Wissenschaft 3/2008

"1968" wird seit dem vergangenen Jahr hoch und runter konjugiert - streitig, wie es sich gehört bei diesem Thema und angesichts der An- und Enteignungen, denen es unterworfen war im Lauf der seitdem gemachten Geschichte. Wer sich die heute aneignen will, kommt nicht zu kurz beim Lesen von Erzählungen und Romanen, vor allem der von Beteiligten geschriebenen. Werner Jung kennt sie und destilliert Wesentliches aus ihnen. Hier der erste Teil.

Nun also wieder 1968. Vierzig Jahre später. Was bleibt noch zu sagen oder schreiben? - Schauen wir uns ein wenig näher die Literatur über 1968 an, genauer noch: literarische Produkte, die 1968 und die Studentenbewegung thematisieren - also nicht die Literatur und auch nicht die literarischen Diskurse, die unmittelbar in der Zeit der damaligen Bewegung entstanden sind (etwa operative Formen des Schreibens, Reportagen und Protokolle in der Prosa, Agitprop in der Lyrik, dokumentarisches Theater), sondern vielmehr Texte überdie Zeit der Bewegung, Texte, die entweder unter dem mehr oder minder unmittelbaren Eindruck der Zeitereignisse oder aber mit mehr oder weniger Zeitabstand als literarische Aufarbeitung verfasst worden sind.

Wie alles anfing

Das ist beileibe keine Paradoxie, sondern die Einsicht, die man als Leser so verschiedener Texte und Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, "Keiner weiß mehr", Nicolas Born, "Die erdabgewandte Seite der Geschichte", und F. C. Delius, "Amerikahaus und der Tanz um die Frauen", gewinnen kann. Delius, dessen literarisches Werk vor allem um die Beschäftigung mit den Voraussetzungen wie Folgen von 1968 kreist, berichtet in seiner Erzählung "Amerikahaus oder der Tanz um die Frauen" die Fortsetzung der Lebensgeschichte jenes Studenten Martin, gewiss des ,alter ego' des Autoren selbst, dessen Kindheit und Jugend in einem protestantischen Elternhaus der hessischen Provinz der 50er Jahre Delius in der Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" dargestellt hat.

Wir schreiben das Jahr 1966 - das Jahr der verschärften Debatten und Aktionen gegen die Notstandsgesetzgebung, das Jahr auch einer gestiegenen Sensibilisierung für den Krieg in Vietnam und nicht zuletzt auch der Reaktionen auf den Auschwitzprozess. Martin ist zum Studium der Germanistik in die Frontstadt Berlin gekommen, lernt den SDS kennen, hitzige Diskussionen um neue Begriffe und unbekannte Texte, nicht zu vergessen die sinnlich-erotische Front. Es ist die Zeit der ersten Demonstrationen, wobei Delius eindringlich die fehlende Erfahrung des Widerstands und einer Demonstrationskultur zu zeigen vermag - und zwar auf beiden Seiten: bei den jungen DemonstrantInnen ebenso wie auch bei der Polizei. Die Medialität - das Auge der berichtenden Kamera wie die Beobachtungen der Passanten - konstruiert den einheitlichen Körper der demonstrierenden StudentInnen "Erst die Blicke von außen schmolzen den bunten Haufen der Protestierer zu dem zusammen, was sie nicht waren: eine einheitliche Gruppe." Als dann Eier in Richtung Amerikahaus fliegen, reagiert die Polizei, die sich zuvor noch bei den Studierenden "für die ruhige, eindrucksvolle Demonstration" bedankt hat, deutlich nervöser und setzt jetzt Schlagstöcke ein. Dabei erscheint dem Studenten Martin die symbolische Aktion eigentlich "wie ein befreiender Theatereffekt: Das Geschehen rückte vom Betrachter ab, es glitt aus der Wirklichkeit und entschwand auf eine Bühne [...]." D.h., die Aktionen tragen noch spielerischen Charakter und sind viel eher ästhetischer denn wirklich politischer Natur. "Das Politische daran", heißt es wenig später, "konnte er nicht einschätzen, die beiden Entgleisungen nicht mit politischen Maßstäben vergrößern. Er hatte nur sein Wissen und seine Gefühle, und die waren gegen den fernen Krieg und gegen das Prügeln, Verletzen, Bluten."1 Noch sind die Verstörungen größer als die Macht der Erklärungen und Begriffe, und noch beherrscht den Studenten Martin aus der Provinz seine Orientierungslosigkeit - es herrscht eben rundum Provinzialität.

Zwei Jahre später und in Köln dann; statt des Gärens und Brodelns in der Jugend, einer intellektuellen Nervosität, die von Berlin seit den berüchtigten Demonstrationen gegen den Schah-Besuch (mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg) auf die anderen deutschen (Uni-)Städte übergeschwappt ist, herrscht in Köln vielmehr eine Atmosphäre des Stillstands und der Lähmung. Jedenfalls in den Augen des namenlosen Erzählers von Rolf Dieter Brinkmanns Roman "Keiner weiß mehr". Als Streuner (und nicht als bedächtiger Flaneur) zieht er tags und nächtens um die Ecken einer schmutzig-schmuddeligen grauen Stadt, die für ihn den Inbegriff des kleinbürgerlich-deutschen Miefs bedeutet; ohnmächtig versucht er sich in Schreiborgien und Gewaltphantasien abzureagieren, sich vom ,furor teutonicus', der bleiern lastet und keinen Hoffnungsschimmer aufkommen lassen will, irgendwie zu befreien. Doch gibt es keinen Halt und Anhalt mehr: weder im Sex noch in der Kommunikation mit den Freunden, von den neuen, großen Begriffen und Theorien völlig zu schweigen. Amerikanische Underground-Musik und die von fern lockende Metropole London - doch das ist alles weit weg. Was bleibt, formuliert der Erzähler an einer (beliebigen) Stelle seiner uferlos mäandernden Beschimpfungstiraden: "Deutschland, verrecke. Mit deinen ordentlichen Leuten in Massen sonntags nachmittags auf den Straßen. Deinen Hausfrauen. Deinen Kindern, Säuglingen, sauber und weich eingewickelt in sauberstes Weiß. Mit den langweiligen Büchern, den langweiligen Filmen. Mit Roy Black und Udo Jürgens. Mit Thomas Fritsch. Verrecke mit deinen Wein-Königinnen Jahr für Jahr und mit Thomas Liessem. Mit dem Kölner Dom. (....) Argumentieren lohnt sich schon nicht mehr. Zusammenficken sollte man alles, zusammenficken."2 Auch das ist die Jugend von 1968: ausgebrannt, frustriert, ja vergreist - perspektivlos.

Warum? Möglicherweise weil sie zu sensibel ist und ein Gespür dafür besitzt, dass Poesie und Politik, genauer noch, um im Jargon der Zeit (und R. D. Brinkmanns) zu bleiben: Pop und Politik nicht zusammengehören, dass Sinnlichkeit und Verstand nur schwer, wenn überhaupt miteinander harmonieren. Dazu noch zwei weitere Beispiele. Bernward Vesper, zeitweilig mit Gudrun Ensslin verheiratet, war SDS-Aktivist der ersten Stunde, hat im Zentrum der Bewegungen gestanden, darüber ein Buch, den fragmentarisch gebliebenen autobiographischen Text "Die Reise", geschrieben (postum 1971 veröffentlicht), und sich in der Eppendorfer Psychiatrie das Leben genommen. In den Ergänzungen zur Reise, die sich in Vespers Nachlass gefunden haben, gibt es eine bemerkenswerte Aussage, unter dem Stichwort "Versuch einer Selbstkritik" zusammengefasst, in der Vesper sein linkes Sozialisationsmuster beschreibt. Da heißt es z.B.: "Dann Berlin: die soziale Erfahrung von Kreuzberg, die ersten Demonstrationen, Kontakte auf der Straße, die Pseudomaschinerie des ,Wahlkontors deutscher Schriftsteller', die Große Koalition und Notstandsgesetze, die publizistischen Versuche: Voltaire-Verlag; schließlich die Kulmination: Attentat auf Rudi, Kaufhausbrand, die große Welle der Osterdemonstrationen vor den Springerhäusern etc. Und dann der langsame Rückzug in die Kollektive: edition voltaire, Auflösung aller bisherigen Bindungen, Neubeginn mit der Bestandsaufnahme, die marxistische Phase, Orientierung an der Dritten Welt (London), langsame Erweiterung zu einer gesellschaftlichen Gesamtkritik, Diskussion über Gewalt und die Arbeit in den Institutionen etc." Es handelt sich, wie Vesper weiter schreibt, um eine Generation, die "aufgewachsen im Kalten Krieg" ist, "die Kinder von Murks und Coca-Cola." Treffend benennt er auch eine Formel der Studentenbewegung - den langen Marsch durch die Institutionen - um in jenen "langen Marsch durch die Illusionen."3

Auf ein ganz ähnlich gelagertes Psychogramm stößt der Leser bei der Hauptfigur von Nicolas Borns Roman "Die erdabgewandte Seite der Geschichte", nämlich auf einen "ausgebrannten Lebensprofi", der längst alle Illusionen über die Handlungsmächtigkeit des Subjekts und aller politischen Kollektive aufgegeben hat und ohnmächtig nur noch zusehen kann. Die Geschichte kommt ihm wie zugefrorene Weiher und Tümpel vor, und auf eine Erste-Mai-Demonstration reagiert er so: "Ich hatte keine Antworten auf bestimmte Fragen der Geschichte, konnte alle Antworten, je selbstgewisser und gerechter sie klangen, nur noch verachten. Die Antworten waren Sache junger Vikare und organisierter Sozialarbeiter." Das gilt nicht nur äußerlich, für den Umgang mit der Geschichte und Politik, sondern hat sich tief ins Innere des Protagonisten eingesenkt - etwas, das man durchaus im damaligen Jargon als Entfremdung bezeichnen kann. Gerade die Nahbeziehungen, Sexualität und Sinnlichkeit, sind durch tiefe Störungen und Verstörungen charakterisiert: "Dann zogen wir uns aus, und ich stieß ihn ihr, die sich mit nassen, geröteten Augen umdrehte, ins Loch, so heftig, dass sie über ihre aufgestützten Arme nach vorn kippte und der Kopf auf den Boden schlug. Mach, schimpfte sie, mach, geh ganz durch mich. Als ob ein Messer in sie hineingetrieben würde, an dessen Klinge entlang sie schon in ihr Jenseits blicken könnte, während ich ihr, auf ihr kniend, langsam das Leben herauspresste."4 Glückliche Sexualität sieht jedenfalls anders aus.

Auf der Pointe des Seins

Dennoch gab es sie, jene Zeit, den kurzen flüchtigen Augenblick, in dem die damaligen StudentInnen glaubten, Bescheid zu wissen, die Antworten zu kennen, den Lauf und Plan der Geschichte und inneren Geschicke zugleich beeinflussen und ändern zu können. Man könnte dabei von Epiphanie sprechen, vielleicht sogar vom ,kairos', dem rechten, geeigneten Moment. Texte, die in Momentaufnahmen diesen Augenblick beschreiben, liegen u.a. von Peter Schneider, Gerd Fuchs, Uwe Timm oder Alfred Andersch vor. Dabei zeigt sich - vielleicht heute nachdrücklicher als in der Zeit ihrer Erstveröffentlichungen -, dass das studentische Milieu auf dem Höhepunkt der Bewegungen von einem (scheinbaren) Gegensatzpaar geprägt gewesen ist: der Romantik einerseits, einem Begriffsrealismus und -fetischismus andererseits. Romantisch scheint der maßlos überzogene Anspruch des Projekts zu sein, die Idee der "allumfassenden Befreiung", wie es Rüdiger Safranski nicht ohne leicht ironischen Unterton einmal formuliert hat5; dies verbindet sich mit einer Theoriefixiertheit, mit dem Glauben an die richtigen Worte und erklärenden Formeln. Der Zwiespalt erklärt auch die damaligen Lektürepläne: Marx und Freud, Marcuse und Mao - nicht zu vergessen, dass es umgekehrt natürlich auch einen "Index librorum prohibitorum" gegeben hat: Nietzsche, Heidegger, Jünger oder Spengler.6

Gelesen und diskutiert wird jederzeit und allerorten, noch auf dem Weg von und zu Demos, wie Alfred Andersch in seiner kleinen Erzählung "Jesuskingdutschke" verdeutlicht, in der sich drei Studenten, der eine leichtverletzt, auf dem Weg zum Krankenhaus über revolutionäre Taktiken und Strategien aus den frühen 20er Jahren in der SU die Köpfe heißreden. Begierig greifen auch die Germanistik-Studenten in Uwe Timms Roman "Heißer Sommer", geplagt durch erzwungene Heidegger-Lektüre und die Arbeit an Referaten über Hölderlin und andere Klassiker, zum "Kursbuch", wo sie z.B. mit "Vermutungen über die Revolution" konfrontiert werden. Beringer, der Protagonist des gleichnamigen Romans von Gerd Fuchs, studiert Marcuse, informiert sich bei Eugen Kogon über den SS-Staat und eignet sich den ganzen Brecht an, nachdem er semesterlang Thomas Mann und Gottfried Benn gelesen hat. In Peter Schneiders Erzählung "Lenz" wird schließlich der Lektürekreis einer Betriebsgruppe geschildert: "Ein Text von Mao Tse-tung wurde gelesen. Lenz konnte sich nicht auf den Text konzentrieren. Er hasste die Männer dafür, dass sie keine Frauen waren, und die Frauen dafür, dass sie nicht L. waren. Er hörte immer dieselben Worte, sinnliche Erkenntnis, Bewusstsein, Proletariat, Strategie. In seinem Ohr setzte sich die getragene bruchlose Melodie dieser Sätze fest, es störte ihn, dass es keine Pausen, keine Neuanfänge, keine Anspielungen gab. Es kam ihm alles so artig, so nett vor, er hätte den Sprechern am liebsten lobend übers Haar gestrichen." Bei den jungen Intellektuellen, deren auffälliges Kennzeichen immer eine Art von (bürgerlichem) Selbsthass ist, weshalb sie - romantischen Eingedenkens - in der proletarischen (Klassen-)Gemeinschaft ein- und aufgehen möchten, mindestens zeitweilig, herrscht zugleich Skepsis über die Reichweite der Theorien. Hagiographie und Scholastik paaren sich mit grundsätzlichem Zweifel. Schneider hat das gleich zu Beginn seiner Erzählung in einer hübschen Szene zum Ausdruck gebracht: "Schon seit einiger Zeit konnte er das weise Marxgesicht über seinem Bett nicht mehr ausstehen. Er hatte es schon einmal verkehrt herum aufgehängt. Um den Verstand abtropfen zu lassen, hatte er einem Freund erklärt. Er sah Marx in die Augen: ,Was waren deine Träume, alter Besserwisser, nachts meine ich? Warst du eigentlich glücklich?'"7

Anmerkungen

1) Delius, Friedrich Christian: Amerikahaus und der Tanz um die Frauen. Erzählung. Reinbek 1997, S.70, 85, 95, 100.

2) Brinkmann, Rolf Dieter: Keiner weiß mehr. Roman. (1968). Reinbek 1970, S.132f.

3) Vesper, Bernward: Die Reise. Romanessay. (Hg.) Jörg Schröder. Frankfurt/M. 1977; Bernward Vesper: Ergänzungen zu Die Reise aus der Ausgabe letzter Hand. (Hg.) Jörg Schröder. Frankfurt/M. 1979. Zitate aus Vesper (1979), S.33, 41.

4) Born, Nicolas: Die erdabgewandte Seite der Geschichte. Roman. (1976). Reinbek 1979, S.97, 104, 114.

5) Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre. München 2007. S.390.

6) Vgl. dazu Liessmann, Konrad Paul: Soviel Theorie war nie. Ansichten aus dem Innenleben des revolutionären Weltgeistes, in: Die 68er. Eine Generation und ihr Erbe. (Hg.) Bärbel Danneberg, Fritz Keller, Aly Machalicky, Julius Mende. Wien 1998. S.120.

7) Schneider: Lenz. Erzählung. Berlin 1973, S.5, 27. Vgl. auch Alfred Andersch: Jesuskingdutschke. Erzählung, in: Ders.: Mein Verschwinden in Providence. Zürich 1979; Timm, Uwe: Heißer Sommer. Roman. München 1975.


Prof. Dr. Werner Jung ist Hochschullehrer in Duisburg-Essen und Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er lehrt und forscht auf dem Gebiet der Neueren Deutschen Literaturgeschichte mit den Schwerpunkten Literatur des 18.-20. Jahrhunderts, Ästhetik, Poetik und Literaturtheorie sowie Editionsphilologie. - Der zweite Teil seiner Analyse folgt in Forum Wissenschaft 4/2008.

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