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Klaus Holzkamp

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Internationalismus, Expansionismus

15.05.2006: FIFA: "Fußball-Weltregierung" und "Fußball-UNO"

  
 

Forum Wissenschaft 2/2006

Nicht weniger als 198 Länder wollten beim World Cup 2006 in Deutschland dabei sein. Die regionale Verteilung der Interessenten: Europa 52, Afrika 51, Asien 39, Nord-, Mittelamerika und die Karibik 34, Ozeanien 12 und Südamerika 10. Dietrich Schulze-Marmeling beschreibt die Geschichte des ausrichtenden Verbandes und seinen Weg in die große weite Welt.

Der Fußball-Weltverband Fédération Internationale de Football Association (FIFA) zählt heute 207 Mitglieder und damit mehr als die UNO. Auf der Kandidatenliste steht Grönland. Dass die FIFA dem Land des ewigen Eises bislang die Aufnahme verweigert, hat nicht etwa mit dessen Zugehörigkeit zu Dänemark bzw. seiner nicht vorhandenen Eigenstaatlichkeit zu tun. Moniert wird einzig und allein das Fehlen eines akzeptablen Naturrasenplatzes. Fußball ist das Tor zur Welt, durch das immer mehr Nationen wollen, und zuweilen erscheint das Bemühen um die Aufnahme in den Weltfußballverband als erster souveräner Akt.

Die Anfänge der FIFA und des World Cup gestalteten sich deutlich bescheidener. Die FIFA wurde am 21. Mai 1904 in einem Hinterhaus an der Pariser Rue de St. Honoré aus der Taufe gehoben. Am Gründungsakt waren ausschließlich Delegierte und Verbände aus den europäischen Ländern Frankreich, Belgien, Niederlande, Schweden, Dänemark, Spanien und der Schweiz beteiligt.

In Anbetracht ihres schmalen und zweifelhaften nationalen Unterbaus - von den sieben Gründungsmitgliedern verfügten Frankreich und Schweden nicht einmal über anerkannte nationale Fußballverbände, Spanien wurde durch den FC Madrid (ab 1920 Real Madrid) vertreten - existierte der Weltverband zunächst nur auf dem Papier. Seine Gründer zeichnete ein Pioniergeist und "unbefangener Kosmopolitismus" aus.1 Letzterer manifestierte sich u.a. in einer Erklärung des 11. FIFA-Kongresses, die im Juni 1914, also wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, verabschiedet wurde und in der es u.a. hieß: "Der 11. Kongress … erklärt seine Bereitschaft, jede Initiative zu unterstützen, welche die Nationen einander näher bringt und Gewalt ersetzt durch ein Schiedsgericht zur Schlichtung aller Konflikte, die zwischen ihnen auftreten mögen". Die FIFA erscheint hier als Vorgriff auf den nach dem Krieg gegründeten Völkerbund.

1921 wurde der Franzose Jules Rimet zum FIFA-Präsidenten gewählt und blieb dies bis 1954. In seinen Jugendjahren hatte sich Rimet, der auch als Vater der Fußball-Weltmeisterschaft firmiert, in einer sozial-katholischen Bewegung engagiert. Seine christliche Einstellung prägte auch sein Wirken für den Weltfußball. Rimets Vision war die einer auf christlichen Prinzipien basierenden globalen "Fußballfamilie". Wie sein Landsmann Pierre Coubertin, "Vater" der modernen Olympischen Spiele, sah Rimet im Sport eine Kraft für das Gute. Fußball könne Menschen und Nationen zusammenbringen, die Verständigung zwischen den "Rassen" fördern, physischen und moralischen Fortschritt bewirken sowie in gesunder Weise für Vergnügen sorgen. Während des 2. Weltkriegs zog sich Rimet vom Chefposten im französischen Fußball vorübergehend zurück. Er opponierte damit gegen die Nationalisierung des Spiels durch das mit der NS-Herrschaft kollaborierende Vichy-Régime.

FIFA geht nach Übersee

Die ersten überseeischen FIFA-Mitgliedsländer waren Südafrika (1910), Argentinien (1912), Chile (1913) und die USA (1913). Nach dem 1. Weltkrieg avancierte Südamerika neben Europa zur zweiten Säule des Weltfußballs und der FIFA, eine Folge der intensiven britischen Handelsbeziehungen mit diesem Teil der Welt. In den 1880ern hatte Südamerikas Anteil an den britischen Auslandsinvestitionen stattliche 20% betragen. Besonders ausgeprägt war der britische Einfluss in Argentinien und Uruguay. 1923 fanden auch Brasilien und Uruguay Aufnahme in die FIFA.

Am 16. Mai 1901 hatten Argentinien und Uruguay das erste Länderspiel gegeneinander bestritten, zugleich das erste Länderspiel außerhalb Großbritanniens, wo bereits 1872 auf dem West of Scotland Cricket Ground in Glasgow eine schottische und eine englische Auswahl aufeinander getroffen waren. 1905 spielten Argentinien und Uruguay erstmals einen Pokal aus, dessen Namensgeber der schottische Philanthrop und Tee-Baron Thomas Lipton war. Bereits 1916 wurde eine Südamerikameisterschaft ausgetragen. Sieger des weltweit ersten Kontinental-Championats war Uruguay, das den Wettbewerb mit Argentinien bis 1949 dominierte. Eine Schlüsselstellung bezüglich der Errichtung einer interkontinentalen Fußballbrücke zwischen Europa und Südamerika kam den olympischen Fußballturnieren von 1924 und 1928 zu, die beide Uruguay gewann. Die "Urus" waren das erste Nationalteam Südamerikas, das Europa besuchte. Bereits vor dem 1. Weltkrieg waren englische, italienische und portugiesische Klubs nach Südamerika aufgebrochen, wo sie in Brasilien, Argentinien und Uruguay Eindruck hinterließen. Nach der Olympiade 1924 verlief die Reisetätigkeit in umgekehrte Richtung. Südamerikanische Fußballer waren nun nicht mehr nur Exoten, sondern eine sportliche Attraktion.

Der World Cup war lange Zeit eine europäisch-südamerikanische Veranstaltung, was auch den Kräfteverhältnissen innerhalb der FIFA entsprach. Die Turniere von 1930 in Uruguay, 1934 in Italien und 1938 in Frankreich besaßen mehr den Charakter von Regionalturnieren mit Gästen aus Europa bzw. Südamerika. Erst nach dem 2. Weltkrieg nahm der interkontinentale Charakter des Turniers an Fahrt an, auch befördert durch Entwicklungen im Transportwesen, namentlich der zivilen Luftfahrt. Die WM 1950 in Brasilien geriet zum ersten wirklichen "Interkonti-Turnier". Europa war mit sechs Ländern vertreten, darunter nun auch erstmals das "Fußball-Mutterland" England, das dem WM-Projekt bis dahin die kalte Schulter gezeigt hatte. Der von England mit großer Skepsis betrachtete Aufbau internationaler Strukturen war eine Sache anderer Nationen gewesen, allen voran Frankreichs. Afrika, Asien und Ozeanien blieben zunächst bei der Vergabe von Endrundenplätzen weitgehend unberücksichtigt. Die Qualifikation zur WM 1966 in England fand sogar ohne den schwarzen Kontinent statt. Da die FIFA-Führung Afrika und Asien nur einen gemeinsamen Platz zugestand, boykottierten 15 zunächst gemeldete afrikanische Länder die Veranstaltung. Lediglich Südafrika mochte teilnehmen, wurde aber aufgrund seiner Politik der Apartheid von der FIFA ignoriert.

Derweil hatte die Zusammensetzung des Weltverbands eine dramatische Veränderung erfahren. Nach dem 2. Weltkrieg hatte das Prinzip des Nationalstaats einen weltweiten Siegeszug angetreten. Auf Grund von Dekolonialisierung und Sezession entstanden über 100 neue staatliche Gebilde. Deren Wunsch, durch die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen als gleichberechtigte Partner Akzeptanz zu erlangen, korrespondierte mit den expansionistischen Bestrebungen der FIFA. Die großzügigen Aufnahmekriterien des Weltverbands führten dazu, dass eine Reihe von Staaten - unter ihnen Nigeria, Kenia, Sudan, Malaysia und Syrien - noch vor ihrer Aufnahme in die UNO Mitglieder der FIFA wurden.

Zum Zeitpunkt des afrikanischen WM-Boykotts von 1966 zählte die FIFA bereits 130 Mitglieder, von denen nur noch 32 - knapp 24% - aus Europa kamen. Doch beim WM-Turnier waren 10 der 16 Nationalteams, also 62,5%, europäischer Herkunft. Fünf kamen aus Süd- und Mittelamerika, Asien stellte ein Team. Doch nicht nur Afrika und Asien, sondern auch Südamerika beklagte 1966 eine europäische Dominanz. Argentinien und Uruguay scheiterten im Viertelfinale an England bzw. Deutschland. Während im Spiel Argentinien gegen England ein deutscher Schiedsrichter das Spiel leitete, übernahm diese Aufgabe bei Uruguay gegen Deutschland ein Engländer. In den beiden Begegnungen wurden gegen die Südamerikaner insgesamt drei Platzverweise ausgesprochen, und Englands Siegtreffer fiel aus abseitsverdächtiger Position. Die Südamerikaner vermuteten ein europäisches Komplott. Argentiniens Elf wurde bei ihrer Rückkehr in die Heimat demonstrativ vom Junta-General Juan Carlos Ongania empfangen. Die Tageszeitung Crónica titelte: "Zunächst stahlen uns die Engländer die Malvinen und nun auch noch den World Cup." FIFA-Präsident Stanley Rous wurde sogar als "zweiter Hitler" denunziert.

Antirassismus - Kapitalismus

Das Jahr 1974 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der FIFA und des Weltturniers. Denn im Vorfeld der WM in Deutschland wählte der in Frankfurt/M. tagende FIFA-Kongress mit dem Brasilianer Joao Havelange erstmals einen Nicht-Europäer an die Spitze des Weltverbands. Gegenkandidat war der amtierende Präsident Sir Rous. Verkörperte der Engländer aus dem öffentlichen Dienst noch den klassischen Fußballfunktionär, dem es nicht zuletzt um die Bewahrung des englischen Einflusses im Weltfußball ging, so gerierte sich Havelange als dynamischer, global denkender und agierender Fußball-Unternehmer. Havelanges Wahlkampf führte ihn durch 86 Länder, wobei er nicht nur die Stimmen Südamerikas, sondern auch Afrikas und Asiens für seine Kandidatur mobilisierte. Der Sohn eines nach Brasilien ausgewanderten belgischen Industriellen und Waffenhändlers pries sich und sein Heimatland als Vermittler zwischen den verschiedenen Welten der einen Welt. Seit seiner frühesten Jugend habe er mit den verschiedenen Rassen zusammengelebt und deren Mentalität kennen gelernt. Der "multirassische" Charakter der FIFA sei ihm deshalb bestens vertraut. Brasilien, die achtgrößte Industrienation, werde mit Saõ Paulo, das sich von deutschen Städten kaum unterscheide, und dem Afrika ähnelnden Norden des Landes den Mittelpunkt und Mikrokosmos der Welt bilden. Mit seiner "Eine-Welt"-Philosophie gelang es Havelange, sich sowohl als Vertreter der "Ersten" wie der "Dritten Welt" zu positionieren.

Der neue FIFA-Boss versprach den "Fußball-Entwicklungsländern" eine Verdoppelung der nicht-amerikanischen, nicht-europäischen Präsenz beim Weltturnier, Hilfe beim Bau und der Modernisierung von Stadien, technische und medizinische Unterstützung sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität des dortigen Fußballs. Realisieren ließen sich diese Versprechen nur mit Hilfe internationaler Konzerne wie Coca Cola, die nun im Windschatten des von Havelange betriebenen FIFA-Expansionismus neue Märkte durchdrangen und Imageverbesserung betrieben. Unter der Regie des schillernden Brasilianers steuerte der Weltverband in die moderne Welt des Sponsorentums. John Sugden und Alan Tomlinson vom Department of Sport and Leisure Culture der University of Brighton dazu: "Havelanges Programm funktionierte traumhaft. Der Fußball weitete seine Spielbasis aus, Coca Cola dehnte seine Marktdurchdringung aus und die FIFA wurde reicher und reicher."2

Bei den afrikanischen FIFA-Mitgliedern hatte FIFA-Präsident Rous auf Grund seiner Anlehnung an das weiße Fußball-Establishment Südafrikas einen schweren Stand. Der afrikanische Regionalverband Confédération Africaine de Football (CAF) hatte die Football Association of South Africa (FASA), die den Fußball des Landes nach den Vorgaben des Apartheid-Systems organisierte, 1958 ausgeschlossen, nachdem die FASA sich geweigert hatte, beim African Cup ein gemischt"rassiges" Team aufzubieten. Rous vertrat indes die Auffassung, die FASA richte sich lediglich nach den Sitten und Gesetzen Südafrikas und die FIFA dürfe sich nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischen. Havelange versprach hingegen, dass die FASA ihre Apartheidpolitik beenden müsse. Auf dem FIFA-Kongress 1976 in Montreal erfolgte dann tatsächlich der Ausschluss Südafrikas.

Auch mit der sozialistischen Welt hatte Rous es sich verdorben. Grund war ein für Ende September 1973 anberaumtes Qualifikationsspiel zwischen Chile und der UdSSR im chilenischen Nationalstadion zu Santiago, in dem die chilenische Militärjunta nach dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung Allende Tausende von "Verdächtigen" gefangen gehalten und gefoltert hatte. Die UdSSR verweigerte sich dem Spielort und bat um eine Verlegung der Begegnung in eine andere Arena, doch die FIFA beschied dieses Ansinnen abschlägig. Am 21. November 1973 wurde das Spiel tatsächlich angepfiffen, allerdings ohne sowjetische Beteiligung. Die Chilenen schoben den Ball in das leere gegnerische Tor. Da kein Gegner auf dem Feld stand, der den Toranstoß hätte ausführen können, wurde das "Spiel" abgebrochen und mit 2:0 für die Südamerikaner gewertet, die dann nach Deutschland fahren durften.

Aufbruch zu neuen Ufern

Für das WM-Turnier 1982 in Spanien wurden dann tatsächlich erstmals 24 anstatt 16 Endrundenplätze vergeben, für die sich 105 Länder bewarben. Die Ausweitung erfolgte, um Asien und Afrika feste Plätze zu garantieren - allerdings nicht auf Kosten der europäischen und südamerikanischen Präsenz. Der Expansionismus der FIFA beseitigte die letzten "weißen Flecken" auf der Landkarte des Weltfußballs. Hierzu zählten insbesondere die USA. Die Populärkultur des 20. Jahrhunderts war amerikanisch oder sie blieb provinziell - mit der großen Ausnahme des Fußballs. Der Profifußball konnte sich nur dort etablieren, wo er die Herzen der Industriearbeiter eroberte. In den USA war dies aber nicht der Fall gewesen. Nicht Fußball, sondern Baseball stieg hier zum nationalen Zeitvertreib auf. Baseball besaß den Vorteil einer amerikanischen Erfindung, während soccer als Spiel der verhassten Kolonialherren galt. Die USA blieben somit das einzige bedeutende Industrieland, das sich dem Soccer mehr oder weniger verweigerte. Nichtsdestotrotz (bzw. gerade deshalb) wurde die WM 1994 erstmals nicht nach Lateinamerika oder Europa vergeben, sondern in das "Fußball-Entwicklungsland" USA. Entgegen europäischer Skepsis geriet das Turnier im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" zu einem Erfolg. Im Schnitt pilgerten 68.991 Bürger in die riesigen Arenen, der mit Abstand höchste Zuschauerzuspruch in der Geschichte des Turniers.

Von einem Weltturnier lässt sich eigentlich mit Fug und Recht erst seit Frankreich 1998 sprechen. Die Zahl der Endrundenteilnehmer wurde weiter erhöht: von 24 auf 32. Neun der Endrundenteilnehmer kamen aus Afrika (5) und Asien (4). Der Anteil der alten FIFA-Säulen Europa und Südamerika war damit auf 62,5% gesunken, und erstmals seit der WM 1950 befanden sich die europäischen Teilnehmer in der Minderheit.

Die WM 2002 bedeutete gleich in zweifacher Hinsicht ein Novum. Erstmals wurde das Turnier in zwei Ländern ausgetragen; und erstmals wurde weder in Amerika noch in Europa gekickt, sondern in Asien, genauer: in Südkorea und Japan. Erneut handelte die FIFA in expansionistischer Absicht: Der Fußball musste sich in weiten Teilen Asiens der überlegenen Konkurrenz anderer Sportarten erwehren. Auf dem englisch beeinflussten indischen Subkontinent hatten sich Kricket und Hockey als populärste Sportarten etabliert. Im amerikanisch beeinflussten Fernen Osten, namentlich in Taiwan, Japan, Korea und auf den Philippinen, mobilisierte bereits Baseball große Massen. 2010 wird mit Südafrika erstmals der afrikanische Kontinent Schauplatz des weltweit populärsten Sportereignisses sein.

Regiert Fußball die Welt?

Die FIFA geriert sich heute zuweilen wie eine "Weltregierung". Havelange, der vor der WM 1998 nach 24 Jahren an der FIFA-Spitze abtrat, wollte der Welt beweisen, "dass Fußball erfolgreich ist, wo die Politik nicht ist". Durch den Fußball sei das viele Jahre in Isolation und Selbstisolation verharrende China zurück ins globale ökonomische und politische Netzwerk gebracht worden. Tatsächlich war der FIFA ein diplomatisches Kunststück gelungen: 1979 war China nach 22 Jahren Abwesenheit wieder in die FIFA zurückgekehrt - allerdings nicht auf Kosten Taiwans, das weiterhin FIFA-Mitglied blieb. Der Kompromiss bestand darin, dass der Fußballverband Taiwans seinen Namen ändern musste. Die gemeinsame Austragung des WM-Turniers 2002 durch Südkorea und Japan verstand Havelange als Beitrag zur Aussöhnung in Südostasien. 1998 wurde Palästina Voll-Mitglied der FIFA, obwohl die PalästinenserInnen über keinen souveränen Staat verfügten. Zu Havelanges letzten Ambitionen gehörte ein Freundschaftsspiel zwischen Israel und einer palästinensischen Vertretung in New York, dem Sitz der UNO. So eilte die FIFA unter ihm der politischen Entwicklung wiederholt bewusst voraus.

Wenngleich der Verband heute enorme finanzielle Einnahmen aus unternehmerischer Tätigkeit erzielt und eine "Profitwirtschaft" betreibt, lässt sie sich mit einem "normalen" kapitalistischen Unternehmen nur eingeschränkt vergleichen. Denn ein erheblicher Teil der Einnahmen fließt in Entwicklungshilfeprogramme wie "GOAL", mit denen der Ausbau von Infrastruktur und die Verbesserung von Ausbildung in den ärmeren Mitgliedsstaaten der "FIFA-Familie" subventioniert werden. Auf Grund der miserablen Erfahrungen mit korrupten Regimen gehen die Finanzmittel heute direkt an die nationalen Verbände; ihre Verwendung wird durch die FIFA überwacht. Ein National Associations Committee soll außerdem, mit Hilfe von InspektorInnen und Inspektionsreisen, die direkte Einflussnahme durch Politiker abwehren und die Einhaltung demokratischer Standards bei den Verbänden garantieren.

Formal gesehen, ist die FIFA basisdemokratisch organisiert. Im FIFA-Kongress verfügt jeder nationale Verband, unabhängig von seiner Größe und sportlichen Bedeutung, über eine Stimme. Ein System, das allerdings auch seine Tücken hat, da eine Reihe von Staaten in der "Dritten Welt" von fragwürdigen Regierungen kommandiert wurde und wird, die auch die Politik ihrer nationalen Fußballverbände massiv zu beeinflussen versuchen. Außerdem eröffnet dieses System der Korruption Tür und Tor. So soll sich Havelanges Nachfolger Josef Blatter seine erste Wahl 1998 mit finanziellen Zuwendungen an Delegierte aus Asien und Afrika erkauft haben. Der eitle Schweizer ernannte sich anschließend zum "Premierminister des größten Landes der Welt". So ganz falsch lag Blatter mit dieser Einschätzung nicht. Ihren enormen Machtzuwachs hat die FIFA nicht zuletzt der gewachsenen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedeutung des Spiels aller Spiele zu verdanken. Deutlich wird dies vor allem im Ringen um die Austragung einer Fußball-Weltmeisterschaft, die längst - wie die Ereignisse um die Bewerbung Deutschlands, Englands und Südafrikas für die WM 2006 dokumentierten - in den beteiligten Ländern zur "Chefsache" geraten ist. Politiker sind tunlichst darauf bedacht, die FIFA nicht zu verprellen. Wie eine WM-Austragung auszusehen hat, wird mittlerweile bis ins Detail weitgehend von der FIFA diktiert. Das Austragungsland stellt mehr oder weniger nur noch die Stadien und sonstige Infrastruktur zur Verfügung und hat für die Sicherheit zu sorgen - alles gemäß genauen Vorgaben des Weltverbandes. Wegen der organisatorischen Probleme im Land wird Südafrika bis 2010 noch eine Menge (jedenfalls der FIFA willkommene) Anforderungen zu erfüllen und Leistungen zu erbringen haben.

Anmerkungen

1) Vgl. Christiane Eisenberg/Pierre Lanfranchi/Tony Mason/Alfred Wahl: FIFA 1904-2004. 100 Jahre Weltfußball, Göttingen 2004

2) Vgl. John Sugden/Alan Tomlinson: Bad Fellas. FIFA Family At War, Edinburgh/London 1999


Dietrich Schulze-Marmeling arbeitet als Autor und Lektor; zudem hat er eine Reihe fußballhistorischer Bücher herausgegeben.

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