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Klaus Holzkamp

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Surveillance Studies

15.05.2006: Forschungsperspektiven zu Kontrolle und Überwachung

  
 

Forum Wissenschaft 2/2006

Überwachungsthemen haben Konjunktur: Videoüberwachung an öffentlichen Orten, Biometrie in Reisepässen, Flughafensicherheit angesichts eines weltweit operierenden Terrorismus und der nicht selten maßlos geschürten Angst davor; die baldige Fußball-Weltmeisterschaft wirbt mit RFID-Chips in den Tickets als Sicherheitsmaßnahme gegen Schwarzhandel und faire Kartenverteilung. Angesichts dessen zeigt Nils Zurawski auf ein notwendiges sozialwissenschaftliches Forschungs- feld.

Auf diesem Feld gibt es jede Menge rechtlichen Klärungsbedarf - aber auch ebenso viele sozial- und kulturwissenschaftlich offene Fragen. Viele davon werden bereits diskutiert, es gibt Forschungsprojekte und Konferenzen, aber keinen interdisziplinären methodischen und theoretischen Rahmen, um den Herausforderungen der mit Überwachung verbundenen Phänomene wissenschaftlich zu begegnen.

Surveillance Studies sind eine interdisziplinäre Initiative innerhalb der Sozialwissenschaften. Sie setzen in der Forschung zu Überwachung und damit verknüpften Phänomenen auf die Vielfalt von Theorien, Erkenntnisperspektiven und Methoden. Ein Beharren auf disziplinären Grenzen würde der Breite der Themenfelder nicht gerecht und verkennte die Bedeutung aktueller Entwicklungen für soziale, politische und kulturelle Diskurse. Die Sozialwissenschaften müssen diese Themen gebündelt und als gemeinsame Anstrengung verschiedener Disziplinen bearbeiten. Damit tragen sie zum Verständnis eines Phänomens bei, das unsere Gesellschaften im 21. Jahrhundert entscheidend mit prägen wird. Um solche Zusammenhänge in allen kulturellen Formen und gesellschaftlichen Aspekten zu verstehen und ein besseres Verständnis gesellschaftlicher Dynamiken, nicht zuletzt auch Bedrohungen, zu gewinnen, bedarf es eben einer solchen Initiative - eines Netzwerks von ForscherInnen, JournalistInnen, PraktikerInnen und KünstlerInnen.

Grundlegend für eine solche Initiative ist die historisch schon länger festzustellende Tatsache, dass sich Überwachung beständig zwischen den Polen "Kontrolle" und "Fürsorge" bewegt. Eine Analyse und Beurteilung von Überwachung und Kontrollregimes hängt davon ab, ob sich neue Technologien und Strategien sich eher dem einen oder dem anderen Pol zuordnen lassen. Seit dem 11. September 2001 hat sich das Gewicht deutlich hin zu vermehrter Kontrolle verschoben. Eine kleine Auswahl: die öffentliche und private Videoüberwachung, biometrische Identifikationsverfahren wie Finger- und Handabdrücke, Iris- und Gesichtserkennungssoftware, DNA-Datenbanken, der große Lauschangriff, das ECHELON-Projekt der amerikanischen NSA, Computerviren, Profiling, Kriminalität, Migration und Mobilitätskontrolle, subjektive Sicherheit, RFID-Chips, Datenschutz und Initiativen zur Kontrolle des Internet. Damit werden weltweit Daten gesammelt, die vielfach die Persönlichkeit von Menschen berühren - medizinische Daten, Konsum- und Bewegungsprofile, Vorlieben, sexuelle Orientierung usw. Dabei gibt es Tendenzen, die Technologien, die solche Datensammlungen ermöglichen, bereitwillig anzunehmen, da sie trotz ihrer potenziellen Gefahren auch immer wieder Annehmlichkeiten mit sich bringen,1 z.B. durch die inzwischen weit verbreiteten Kundenkarten.

Überwachung, historisch

Überwachung als Phänomen ist nicht neu - das von Jeremy Bentham entwickelte Panoptikum, das vor allem durch Michel Foucault bekannt wurde, entstand bereits 1791. Kurz vorher veröffentlichte Johann Caspar Lavater (1741-1801) seine Schrift "Von der Physiognomik" (1772), der sein Hauptwerk "Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe" (1775-1778) unmittelbar folgte. In gewissem Sinne lässt sich hier von den ersten Ideen zu einer biometrischen Erfassung des Menschen sprechen, denn ausgehend von der Physiognomie wollte Lavater den Charakter eines Menschen bestimmen können. Eine Idee, über die sich sein Zeitgenosse Georg Christoph Lichtenberg in seiner Schrift "Über Physiognomik" spöttisch und abfällig äußerte.2 In der Zeit danach erlebte Lavaters Idee der physiognomischen Vermessung des Menschen einen enormen Aufschwung - vor allem in den beginnenden Kriminalwissenschaften. So hat Cesare Lombroso (1835-1909) auf der Annahme, dass "Verbrechen eine Folge atavistischer angeborener Eigenschaften der Menschen" seien, seine Kriminalanthropologie begründet, die aber weitgehend umstritten blieb.3 Die Idee der Identifizierung von Menschen durch deren körperliche Merkmale fand bei neuen Verfahren der Kriminalitätsbekämpfung und im Strafrecht seit Mitte des 19. Jahrhunderts Anwendung - jetzt im Sinne des (Wieder-)Erkennens und nicht wie bei Lambroso der Erkenntnis über den Menschen. In der Bertillonage, der Anthropometrie, der Verbrecherfotografie und der Daktyloskopie (Fingerkuppenmuster) haben heutige Technologien der Sozialkontrolle durch die Sammlung und Speicherung körperlicher "Daten" (DNA-Dateien, Biometrie, automatisierte Videoüberwachung) ihre Vorläufer.4

Überwachung und Kontrolle wurden technisiert und waren nicht länger auf die zwischenmenschliche Sozialkontrolle reduziert, die es in Form von Religion, Hexerei oder egalitärer Selbstkontrolle in allen Gesellschaftstypen immer gegeben hat. Totalitäre Staaten wie das Dritte Reich, aber auch die DDR benutzten sie hinreichend, wobei ihr Fokus immer der gezielt herausgegriffene Einzelne war. Im Falle des Dritten Reiches ging die Klassifizierung ganzer Bevölkerungsgruppen durchaus darüber hinaus, verblieb aber in den Methoden der Überwachung eher auf einer individuellen, an dem Menschen orientierten Ebene (was nicht für die Methoden der Vernichtung gilt). Die Technisierung ermöglichte eine vereinfachte und gleichzeitig effizientere Überwachung und Kontrolle, vor allem im Bereich der kriminalistischen Arbeit, z.B. bei der Fahndung.

Das Aufkommen der Digitalisierung veränderte die Möglichkeiten und damit auch die Verfahren und Zielrichtungen der Überwachung und Kontrolle drastisch. In Deutschland wurde mit der Raster- (später: Schleier- und Ring-)fahndung dieser Schritt von den "alten" hin zu den "neuen" Formen der Überwachung und Kontrolle vollzogen. Allerdings haben diese Formen erst jetzt durch neue digitalisierte Verfahren wie DNA-Entschlüsselung, biometrische "Fingerabdrücke", verhaltensorientierte visuelle Überwachung und neueste Abhörmethoden sowie der globalen Vernetzung durch das Internet und durch Computerleistungen, die vor 20 Jahren noch unvorstellbar waren, eine neue, entscheidend andere Qualität erhalten. Für den amerikanischen Soziologen Gary T. Marx5 liegt der Unterschied von new und traditional surveillance in ihrem Grad technologischer Abhängigkeit. Die neue stellt nicht das bloße Beobachten (observation) von Personen, die häufig vorher bekannt sind, in den Mittelpunkt, sondern deutlicher deren Überprüfung (scrutiny). Damit ändert sich auch der Fokus von den Personen zu einer auf den Kontext bezogenen Kontrolle, die sich an Räumen, Orten, Zeitabschnitten, Kategorien von Personen orientiert. Nicht der konkrete Einzelne ist Hauptziel, sondern Individuen, die in vorbestimmte Muster und Wahrscheinlichkeiten passen.

Die Spanne neuer Formen der Überwachung reicht dabei von eher lokal verortbaren Phänomenen wie der Videoüberwachung (VÜ) bis hin zur globalen allumfassenden Überwachung der Erde durch ein Netz von Satelliten. Ein weltumspannendes Informations- und Kommunikationssystem hat Möglichkeiten eröffnet, die Daten von Kreditkarten, mobiler Kommunikation, E-Mail, Datenbanken von Polizei und Justiz zu vernetzen, abzugleichen und entsprechend auszuwerten. Dadurch wird eine Dynamik erzeugt, die bis dahin unvorstellbar war - und weitreichende Folgen für das Bestehen von Gesellschaften hat und weiterhin haben wird.

Überwachung - von der sozialen Kontrolle auf individueller Ebene bis hin zum technologisch hochgerüsteten "Big Brother" - dient dabei der Orientierung, der Kontrolle und Steuerung gesellschaftlicher Prozesse. Genutzt als Folie der Forschung, können hier neue Perspektiven auf soziale Prozesse eröffnet werden, in denen Überwachung als Phänomen der Schaffung, Steuerung und Erhaltung gesellschaftlicher Ordnung definiert wird.6 Dem ist ein Moment übergeordneter Kontrolle eigen. Der Markt bzw. Tausch wäre ein anderes Phänomen, das eine ähnliche Folie, wenn auch anderer Art, bieten könnte.

Forschung zu Überwachung und Kontrolle ermöglicht es den Sozialwissenschaften, Gesellschaft unter den Bedingungen von Digitalisierung, Vernetzung und darauf aufbauender Sicherheitsstrategien zu untersuchen. Herausforderungen an die Sozial- und Kulturwissenschaften wären daher:

  • das Forschungsobjekt innerhalb der Disziplinen zu benennen/definieren;
  • darauf aufbauende Forschungsperspektiven zu formulieren, die sich dem Gegenstand von möglichst vielen Seiten grundlegend nähern können;
  • Möglichkeiten zu schaffen, um gegenwärtige gesellschaftliche Prozesse unter den Bedingungen von Digitalisierung, Virtualisierung, Vernetzung und globaler Dynamik - z.B. im Bereich der Sicherheit/Bedrohung - besser zu verstehen.
  • Die Aufgabe von Surveillance Studies ist es, einen Rahmen für die Verbindung von Theorie, Empirie und Praxis in einer solchen Initiative zu schaffen.

Felder und Blickrichtungen

Aus den technologischen Dimensionen neuer Überwachungsformen lassen sich eine Reihe von Themenfeldern herausschälen, die weite Bereiche des sozialen, politischen und kulturellen Lebens als Forschungsgegenstände umfassen. Einige davon erscheinen offensichtlich, andere hingegen sind entsprechend der technologischen Formation und Intention eher verdeckt bzw. fallen auf den ersten Blick nicht als mögliche Themenfelder einer an Überwachung und Kontrolle ausgerichteten Forschungsinitiative auf. Um der Leitfrage nachzugehen, ob Überwachung eher Kontrolle ist oder doch Fürsorge, wo sich die Grenzen zwischen beiden verwischen und wie sich das Verhältnis von neuen Formen der Überwachung und des Sozialen darstellt, muss die Vielfalt aufgefächert und in einzelne thematische Bereiche gegliedert werden. Wer oder was ist Objekt bzw. Subjekt oder Mittel der Überwachung, zu welchem Zweck und mit welchem Ziel? Die einzelnen Themenfelder entscheiden dann mit über die Methodologie und die theoretischen Ansätze ihrer Untersuchung. Eine Übersicht ohne Anspruch auf Vollständigkeit zeigt viele unterschiedliche Themenfelder:

  • Menschen - gesellschaftliche Gruppen, Bewegungskontrolle, Migration, social sorting, Gefahrenabwehr,
  • Kriminalität / Terror - crime mapping, profiling, Prävention und Aufklärung, biometrische Verfahren,
  • Ordnungspolitik - Konzepte von Überwachung, Sicherheit, Kontrolle von Problemen sozialer Prozesse wie Armut, Arbeitslosigkeit, Migration, Gewalt,
  • Privatisierung von Überwachung - Globalisierung, Markt, Entstaatlichung,
  • Daten - Datensicherheit, mobile Kommunikation,
  • Konsum - Verbraucherkontrolle, Verbrauchersicherheit,
  • Arbeit - Produktionsstätten, Arbeitsplatzüberwachung,
  • Wissenschaft - Forschung und Entwicklung von Technologien der Überwachung,
  • Verkehr - Verkehrsmanagement, -steuerung, -überwachung, Mautsysteme,
  • Natur - Naturkatastrophen, Agrarüberwachung/-sicherung, Ökologie,
  • Kunst - Überwachung als Thema der Kunst und Popularkultur (z.B. Film, bildende Kunst etc.).
  • Überwachung ist mehr als Kameras oder Biometrie in Reisepässen, mehr als Technologie und auch mehr als ein bloßes sozial-technisches Mittel zur Bekämpfung sozialer Missstände wie Kriminalität - sie dringt subtil, aber weit reichend in viele sensible Lebensbereiche ein und vernetzt sie, ohne dass wir es wissen. Bürgerliche Freiheiten drohen beschnitten zu werden - die Ausgestaltung der Diskurse zur inneren Sicherheit oder zur Wettbewerbsfähigkeit eines Landes unterstützen den Wunsch nach Kontrolle. Die immer häufigeren Partnerschaften von Wirtschaft und Staat führen dabei zu einem schleichenden Abbau bürgerlicher Freiheiten, wie Jens Jessen angesichts der Umbenennung der Stadien nach Unternehmen im Zuge der Fußball-WM 2006 deutlich macht. Er sieht das öffentliche Gut der freien Rede durch die Kontrollstrategien der Unternehmen bedroht - und den Staat als Komplizen, als mitschuldig, wenn BürgerInnen von einem Unternehmen "zur Tilgung und Neukodierung eines persönlichen Stadtlexikons verpflichtet" werden sollen.7 Nicht das Neukodieren, sondern unser grundsätzliches Denken zu erforschen, versprechen sich amerikanische WissenschaftlerInnen, wenn sie mit den Erkenntnissen der Hirnforschung nun die Terrorverdächtigen einem Lügendetektor-Test unterziehen wollen.8 Dabei setzen sie auf eine vorausschauende Überwachung, die tief in unsere Gedanken eindringen will - also 100 Jahre nach Lambroso wieder unseren Charakter erkunden will. Ob absurde Idee oder wissenschaftlich machbar, ist dabei gar nicht entscheidend, sondern dass hier der Versuch unternommen wird, auch noch die letzte Grenze menschlicher Integrität und individueller Freiheiten zu überschreiten, um eine vermeintlich sichere Welt zu konstruieren.

Nicht alle Maßnahmen, mit denen etwas überwacht oder kontrolliert wird, sind staatlich, nicht alle haben einen allwissenden "Big Brother" im Hinterkopf - einige beruhen auf der Annahme, Gerechtigkeit herzustellen: der Arbeitsmarkt. Oder sie schützen ein allgemeines Gut: Gesundheitsfürsorge, Hilfe bei Naturkatastrophen. Dennoch berühren sie alle unser Leben und die Möglichkeiten, unsere Freiheiten wahrzunehmen, unsere Privatsphäre selbst zu gestalten und ein Gemeinwesen ohne Misstrauen aufzubauen. Das Beispiel des Konsumbereichs macht das exemplarisch deutlich. Hier kommt Überwachung oder Kontrolle als Kunden-Komfort daher. Konsumprofile werden erstellt, um den Gewinn zu maximieren - wir werden zu gläsernen Konsumenten. Eine mögliche Vernetzung dieser Datenbestände im Rahmen der inneren Sicherheit oder Terrorbekämpfung würde die eigentliche private Angelegenheit "Konsum" zu einem potenziellen Merkmal der Verdächtigung umdefinieren - den absurden Gedankenspielen, welche kulinarischen Vorlieben dann verdächtig sein könnten, sind dabei sicherlich keine Grenzen gesetzt. Das verständnislose Staunen der Verkäuferinnen, wenn man nach dem Kauf einer CD, eines Toasters oder einer Waschmaschine keine Kundenkarte möchte, spricht dabei Bände. Offensichtlich ist es nicht nachvollziehbar, Vorteile und "Geschenke" so einfach abzulehnen. Außer Meinungsforschung zu diesen Themen gibt es bisher noch wenig Empirie, die die Einstellung und das Wissen der Konsumenten bezüglich Datenschutz, Kundenkomfort und möglichen Vor- oder Nachteilen qualitativ untersucht hat. Eine "kulturwissenschaftliche Technikforschung" könnte neue Aspekte dieser Zusammenhänge darstellen.9

Theoretische und methodische Perspektiven

Zur Vernetzung der einzelnen Disziplinen in der Forschung zu Überwachung bieten sich generelle theoretisch-methodische Perspektiven an. Sie geben Anhaltspunkte, um das Phänomen Überwachung thematisch breit und wissenschaftlich tiefgründig zu erforschen. Ein theoretischer Gesamtrahmen ist zu schaffen, der vor allem eine qualitative Forschung zu Kultur, Politik, Wirtschaft in Bezug zu Technologie und Kontrollregimen unterstützt. Vier Perspektiven, die zentral für eine vernetzende Initiative der Surveillance Studies stehen, sind die kulturanthropologische/historische, die philosophische, die soziologische - speziell bezgl. des Aspekts des Social Monitoring - und die kognitive Perspektive.

Auch wenn seit dem 11. September 2001 Überwachung als Thema der Forschung verstärkt wahrgenommen wird, fehlt eine vernetzende Sichtweise nach wie vor. Bisherige Diskurse zur "totalen Überwachung" erfassen die gegenwärtige Entwicklung nicht hinreichend. Vielmehr beobachten wir gegenwärtig eine Vielzahl von Aspekten der Überwachung, Beobachtung und Kontrolle, die teilweise konträr zueinander stehen, in ihren Zielen und Ideen höchst ambivalent sind und so auch wahrgenommen werden. Die oben vorgeschlagenen Perspektiven lassen demgegenüber die Kernaspekte - Raum, soziale Ordnung, Identität/Identifikation, Individuum/Gesellschaft, Macht und Wissen - in ihrer zentralen Rolle hervortreten.

Überwachung und Kontrollregime sind weder neue Phänomene noch an Technologie gebunden. Formen des Beobachtens, der Überwachung mit dem Ziel der Kontrolle oder des Monitoring, sind ein grundlegend menschliches Bedürfnis. Kulturgeschichtliche Betrachtungen haben besonders auf die Rolle und Bedeutung des Auges, des elementaren Sinnesorgans der Beobachtung, hingewiesen: vom passiven, aufnehmenden Organ hin zu einem aktiven, kontrollierenden Faktor der Macht, Beobachtung und Überwachung - vom Sehen zum Gesehenwerden.10 Die Richtung des Blickes unterscheidet das beobachtende Subjekt vom beobachteten Objekt und macht Identität erst möglich.11 Der Blick ist Teil der Kontrolle - vom sehenden und omnipräsenten göttlichen Auge über den "aufklärerischen" Blick des Auges im 18. Jahrhundert zum Marker der personalen Identität in Form des Iris-Scan. Kulturhistorische Untersuchungen der Entwicklung von Überwachungstechnologien können zeigen, wie sich Kontrolldiskurse herausbilden und kulturell verankern.

Der zentrale Diskurs in philosophischer Perspektive ist von Michel Foucaults Begriff der Disziplinargesellschaft geprägt. Seine Ausführungen zum Panoptismus erfassen die Entwicklungen im Bereich gesellschaftlicher Kontrolle und staatlicher Macht. Foucaults Ansatz und seine Anregungen eignen sich insbesondere dafür zu zeigen, dass Überwachung und Kontrolle nicht auf Technologie verengt werden kann, sondern über die gesellschaftlichen Institutionen für alle Bereiche sozialen Lebens relevant und folgenreich sind. Für eine Analyse neuer Formen der Überwachung muss das Konzept des Panoptismus erweitert werden, da die neuen Formen eben gerade ohne die räumlichen Begrenzungen, Mauern und realen Wächter funktionieren. Sie generieren ein globales Superpanoptikum. Dabei gilt es, die scheinbaren Widersprüche von Kontrolle auf der einen und Fürsorge auf der anderen Seite12 - von der Überwachung von Zugängen (Sicherheit) über die Kriminalitätsbekämpfung zum vorausschauenden Monitoring gesellschaftlicher Risiken bis hin zum Mapping unserer Subjektivität und personalen Integrität - miteinander zu verbinden.

Die Art der Überwachung und Kontrolle wird von kulturellen Praktiken und gesellschaftlichen Beziehungen bestimmt und umgekehrt.13 Analytisch zentral ist deshalb die soziale Einbettung von Überwachung und Kontrolle, durch die gesellschaftliche Mythen innerhalb der sozialen Ordnung offengelegt werden können. Jene Mythen bestimmen die Reichweite, Konsequenzen und das Ausmaß von Kontrolle und Überwachung entscheidend mit - "beobachten" und "beobachtet werden" fungieren hier als theoretische Kategorien kultureller Formen von Überwachung. Das Beobachten ist ein grundlegendes gesellschaftliches Phänomen, u.a. um die häufig überlebenswichtige Unterscheidung von "Eigenen - Fremden" zu vollziehen. Diese Kategorisierung konstituiert Soziabilität, schafft gesellschaftliche Abgrenzungen über In-/Exklusion und in der Konsequenz Identität. Angelegt in diesen Abgrenzungen sind Formen der Kontrolle, der Überwachung, des Regierens und der Herrschaft. Gerade institutionalisierte Formen der Überwachung sind besonders wichtig für Herrschaft und Muster der Machtbildung, speziell in ihren computerunterstützten Ausprägungen.14

Kontrolle, verstanden als Monitoring15, schafft eine weitere Perspektive auf Überwachung. Monitoring dient dem Versuch der Vorausschau, um künftige Risiken durch ein social engineering zu minimieren. Sicherheits- und Überwachungstechnologien sind der Kern dieser Strategien, die eventuelle Unsicherheiten steuert, diese aber nicht abschafft. Grundlage dafür sind (digitale) Daten aller Art - Daten, die die Grundlage von Repräsentationen gesellschaftlicher Wirklichkeiten sind, sich von ihren realen Grundlagen jedoch zunehmend entfernen. Die Vernetzung von Daten und die zielgerichtete Verwendung fördern neue Weltbilder, konstruieren Wirklichkeiten und werden von ihren eigenen Repräsentationen genährt. Überwachung ist ein Mittel, um eine unüberschaubare soziale Totalität zu ordnen; es ist also auch der Versuch, das globale System zu erfassen, zu steuern und zu kontrollieren - und zwar nicht nur räumlich, sondern auch das Individuum als biologisch-physische Entität (Genforschung oder Kartieren des menschlichen Gehirns).

Wenn Überwachung und Kontrolle auf Strategien der Orientierung hinweisen, dann ließen sich umgekehrt diese Strategien mit den Methoden des sogenannten cognitive mapping als Elemente gesellschaftlicher (und individueller) Wahrnehmung und Orientierung analysieren.16 Cognitive mappings dienen dazu, mit diesen Wahrnehmungen zusammenhängende Weltbilder zu ordnen und die eigenen lokalen Erfahrungen mit dem Wissen um eine größere globale Totalität in Einklang zu bringen - also dem was sie nicht selbst kennen, aber von dem sie ahnen, dass es auf ihr eigenes Leben einen Einfluss haben könnte.17

Den Blick öffnen

So wird es möglich, den wissenschaftlichen Blick für die gesellschaftliche Wahrnehmung von Menschen zu öffnen und ihre Weltbilder als notwendigen Teil von Überwachung und Kontrolle zu begreifen. Raum als sozialwissenschaftliches Konzept erhält damit eine zentrale Rolle.18 Eine raumbezogene Perspektive, die sich auf die Wahrnehmungen, Vorstellungen und Weltbilder der Menschen bezieht, untersucht Überwachung und Kontrolle nicht als Aspekt sozialtechnischer Praxis, sondern die alltagsweltlichen und narrativen Voraussetzungen für Überwachung selbst - sozial-räumliche In- und Exklusionsmechanismen, das Eigene und das Fremde, Körperlichkeit und Körpererfahrung unter den Bedingungen fortschreitender Überwachung und ihrer Technologien.

Die Initiative Surveillance Studies als vernetzte sozialwissenschaftliche und kritische Forschung zu Überwachung und Kontrolle orientiert sich an den oben skizzierten Perspektiven und etabliert so einen vielschichtigen und eigenständigen Ansatz wissenschaftlicher Analyse. Dabei trägt sie nicht nur der notwendigen Zusammenarbeit einzelner Disziplinen Rechnung, sondern auch dem Umstand, dass die einzelnen unter Kontrolle stehenden und mit Überwachungstechnologien kontrollierten Bereiche mit unterschiedlichen Ausprägungen ähnlicher oder derselben Diskurse verknüpft sind. Gerade die Fußball-WM in Deutschland zeigt, wie Konsum, innere Sicherheit, Migration und Grenzübertritt sowie der Wunsch nach personaler Identifikation ineinander greifen. RFID-Chips, Videoüberwachung und der Einsatz der Bundeswehr im Inneren sind Formen von Überwachung - mit welchen Folgen für die WM und ihr Publikum, wird zu sehen sein. Dass es sich dabei nicht nur um vorübergehende Erscheinungen handelt, die nach dem Abpfiff wieder verschwinden, ist sicher. Was aber, wenn der "Ausnahmezustand" WM vorbei ist? Wie gehen die Menschen damit um, was haben die Sicherheitsstrategien verändert, in der politischen Praxis und im Bewusstsein der BürgerInnen? - Fragen, die die unterschiedlichsten Kultur- und Sozialwissenschaften über die WM hinaus noch beschäftigen dürften.

Anmerkungen

1) Denis Duclos: Nachbarn, Scanner, Zielobjekte. Neue Überwachungstechnologien im Alltag. In: Le Monde Diplomatique, August 2004; G.T. Marx: Soft Surveillance: The Growth of Mandatory Volunteerism in Collecting Personal Information - "Hey Buddy Can You Spare a DNA?". In: T. Monahan (ed.): Surveillance and Security: Technological Politics and Power in Everyday Life, 2005.

2) Lichtenberg: www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_99/09/27a.htm .

3) Lambroso: www.bautz.de/bbkl/l/lombroso.shtml .

4) Dietmar Kammerer, Welches Gesicht hat das Verbrechen? Die "bestimmte Individualität" von Alphonse Bertillons "Verbrecherfotografie"; Nicola Berchthold: Spuren des "Berufsverbrechers". Die Daktyloskopie als Identifizierungstechnik in deutschen Großstädten um 1900. Beide: Nils Zurawski: Sicherheitsdiskurse, 2006 (im Ersch.); außerdem N. Berchthold 2004: Von der Körpermessung zum Fingerabdruck. Kriminalistische Identifizierungstechniken in deutschen Großstädten um 1900. Hamburg, unveröff.

5) G.T. Marx: Surveillance and Society. In: Encyclopedia of Social Theory, 2004; auch Graham/David Wood: Digitizing surveillance: categorization, space, inequality. In: Critical Social Policy, 2003 23:2, S. 227-248.

6) Vgl.David Lyon: The Surveillance Society, 2001, S. 4.

7) Vgl. Jens Jessen: Nicht mehr Herr im eigenen Haus. In: DIE ZEIT, Nr. 5, 26. Januar 2006, S. 45.

8) Oliver Oullier: Neurowissenschaften im Dienst des Antiterrorkampfs. In: Le Monde Diplomatique, Januar 2006, S. 5. Vgl. auch Steven Rose: We are moving ever closer to the era of mind control. The military interest in new brain-scanning technology is beginning to show a sinister side. In: The Guardian, 5. Februar 2006. observer.guardian.co.uk/comment/story/0,,1702525,00.html .

9) Vgl. www.rrz.uni-hamburg.de/technik-kultur/ .

10) Thomas Kleinspehn: Der flüchtige Blick, 1989.

11) Vgl. auch Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1, 1981.

12) Vgl. David Lyon: Surveillance after September 11, 2003.

13) Mike McCahill: The Surveillance Web, 2002.

14) David Lyon: Surveillance Studies: Understanding visibility, mobility and the phenetic fix. In: Surveillance and Society, (1)1, 2002; auch Michel Foucault: Überwachen und Strafen, 1976.

15) Susanne Krasmann: Social Monitoring. In: Krasmann et al (Hg.): Glossar der Gegenwart, 2004.

16) Rob Kitchin/Scott Freundschuh (Hg.): Cognitive Mapping, 2000.

17) Fredric Jameson: Postmodernism or the cultural logic of late capitalism, 1991; Geopolitical aesthetic, 1995.

18) z.B. Mike Davis zu Architektur, Raumplanung und gesellschaftlichen Verwerfungen in Los Angeles. In: City of Quartz, 1994; Ökologie der Angst, 1999.


Dr. Nils Zurawski, Soziologe und Ethnologe, leitet das DFG-Projekt "Videoüberwachung" am Institut für kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg. Das Forschungsnetzwerk Surveillance Studies, an dem Wissenschaftler-, Künstler- und JournalistInnen beteiligt sind, hat er im September 2005 mit initiiert. Seine weiteren Arbeitsschwerpunkte sind Internet und Identität, Ethnizität, Konfliktforschung und Nordirland. (vgl. www.surveillance-studies.org).

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