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Klaus Holzkamp

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Zwangsprostitution?

15.05.2006: Eine Aufhellung begrifflicher Verwirrungen

  
 

Forum Wissenschaft 2/2006

Die "Zwangsprostituierte verliert jede Bewegungsfreiheit und lebt in einem sklavenähnlichen Gefangenenverhältnis. Sie hat keinen Anspruch auf gesundheitliche Versorgung und Schutz."1. So weit war der Erkenntnisstand zu Zwangsprostitution als besonderer Form von Prostitution schon einmal gediehen. Emilija Mitrovic geht Verunklarungen und deren gesellschaftlicher Funktion in einem Bereich nach, den einschlägige Kreise ideologisch zum Feld der "Inneren Sicherheit" rechnen dürften.

Kaum war es nun heraus, wann und in welchen Städten der BRD die Fußball-WM stattfinden wird, überraschte der Deutsche Städtetag die Medien mit einer Nachricht, die für Panikstimmung in den Austragungsorten sorgte: 40.000 Prostituierte aus Osteuropa seien zu erwarten; von ihnen prostituierten sich die wenigsten freiwillig. "Es geht angeblich um 30.000 bis 40.000 Frauen", teilte die Vorsitzende des Ausschusses für Frauen und Gleichstellung des Deutschen Städtetages, Ulrike Hauffe, bereits im April 2005 der Presse mit.2 Sie berief sich einerseits auf das BKA, nannte die Zahlen aber gleichzeitig "rein spekulativ" und setzte die Spekulationen mit einer eigenen fort: "Schon jetzt wird organisiert, wie die Prostituierten in die WM-Städte eingeschleust werden können". Alarmiert durch solche Meldungen, die von der Presse aufgegriffen worden waren, trat die bürgerliche Frauenbewegung auf den Plan. Der Deutsche Frauenrat wandte sich an das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes und forderte die Nationalspieler auf, eine Kampagne "Männer gegen Menschenhandel und Prostitution" zu starten, die ihrerseits deutlich machen solle, "dass diese Begleiterscheinung unerwünscht und abzulehnen ist."3

Zwangsprostitution als Begleiterscheinung einer männerdominierten sportlichen Massenveranstaltung zu definieren, erscheint in Anbetracht der seit Jahrhunderten aus Profitgier organisierten sexuellen Sklaverei von Frauen und Mädchen (in geringerem Ausmaß auch von Jungen und Männern) eine - wahrscheinlich ungewollte - Verharmlosung dessen, was Zwangsprostitution geschichtlich war und heute ist.

Zwangsprostitution ist sexuelle Sklaverei

Zu erinnern ist hier an historische Beispiele von Zwangsprostitution, etwa an jene, die die japanische Armee im Asien-Pazifik-Krieg praktizierte. Im Verlauf dieses Krieges wurden zwischen 1932 und 1945 mehr als 200.000 Frauen und Mädchen aus Korea, China und Taiwan durch die japanische Armee verschleppt und als sogenannte "Trostfrauen" in Armeebordellen (comfort stations) gefangen gehalten. Unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen mussten sie den Soldaten jederzeit zur sexuellen Ausbeutung und damit zur Vergewaltigung zur Verfügung stehen.4 Viele der Frauen starben; jene, die diese Torturen überlebt hatten, ignorierte die japanische Regierung über Jahrzehnte. 1993 begannen die "Trostfrauen" öffentlich anzuklagen, welchen Verbrechen sie ausgeliefert gewesen waren. Erst nach dem Internationalen Frauentribunal gegen Kriegsverbrechen, das 2000 in Tokio stattfand, wurden sie und ihre frühere Situation von der Weltöffentlichkeit endlich zur Kenntnis genommen. - Ein weiteres Beispiel sind die Bordelle in den Konzentrationslagern des Nazi-Regimes in Deutschland, in denen Frauen unter grausamsten Bedingungen der Leistungssteigerung männlicher Funktionshäftlinge durch sexuelle Anreize - durch Bordellbesuche - dienen mussten. Bis heute ist die Erforschung und Veröffentlichung des Schicksals der Frauen, die in den Lagerbordellen zur Prostitution gezwungen wurden, ein gesellschaftliches Tabu.5 Bei Führungen in Gedenkstätten werden die Lagerbordelle, die meist etwas abseits der Wohnbaracken errichtet worden waren, oft nicht einmal benannt. Eine der wenigen Ausnahmen bildet die KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg. Die Historikerin Ulrike Jensen erarbeitete zusammen mit anderen KollegInnen eine Untersuchung des Lagerbordells und der Existenzbedingungen der dort eingesperrten Frauen. Dazu führte sie Gespräche über das Lagerbordell mit damals dort als Prostituierte eingesetzten Frauen und mit männlichen ehemaligen Häftlingen und dokumentierte sie in einer neuen, 2005 in der Gedenkstätte eröffneten Ausstellung.

Auch aus der jüngsten Geschichte sind Beispiele bekannt, die den Begriff Zwangsprostitution zu benutzen rechtfertigen. So wurden Frauen im Bosnienkrieg als sexuelle Sklavinnen für kriegführende Männer gefangen gehalten, vergewaltigt und verkauft. Einige der Täter hat das Haager Tribunal verurteilt. Die während dieses Krieges unter dem Begriff "Massenvergewaltigungen" bekannt gewordenen, an Frauen der gegnerischen ethnischen Volksgruppe gezielt verübten Verbrechen wurden 2001 im Spruch des Internationalen Strafrechtstribunals über das ehemalige Jugoslawien in Den Haag im Foca-Prozess6 als sexuelle Sklaverei und Folter verurteilt. Das Gericht definierte sexuelle Sklaverei dann als Folter, wenn der Täter vorsätzlich schwerwiegende Schmerzen und Leiden des Opfers verursache, um es zu bestrafen, einzuschüchtern oder aus einem beliebigen Grund zu diskriminieren. Fünf Jahre lang von 1996 bis zum Urteil im Jahre 2001 hatte es ermittelt. Die Foca-Anklage war historisch insofern einzigartig, als sie erstmals zu einem Prozess führte, der sich ausschließlich mit organisierter sexualisierter Gewalt befasste und als erster die Vergewaltigung gefangener Frauen als sexuelle Versklavung anprangerte.

In der feministischen Debatte ist umstritten, ob der Begriff Zwangsprostitution zutreffend beschreibt, um was es geht, oder ob es nicht richtiger wäre, von sexueller Sklaverei zu sprechen - suggeriert das Wort Prostitution im Begriff Zwangsprostitution doch, dass die Opfer in ihrer Eigenschaft als Prostituierte zumindest einen aktiven und freiwilligen Anteil in die Geschäftsbeziehungen mit den Kunden einbringen. In den hier genannten Beispielen lässt sich dies jedoch ausschließen. Selbst dann, wenn sich einige der Frauen aus dem KZ Ravensbrück unter Versprechungen ausreichender Lebensmittel- und Kleidungsversorgung und einer vorzeitigen Entlassung zunächst "freiwillig" für die Tätigkeit in einem Lagerbordell gemeldet haben mögen - ihr späterer Werdegang und die niedrige Überlebensquote in der Nazi-Vernichtungsmaschinerie sprechen eine andere Sprache.

Freiwillige Zwangsprostitution?

Zurück zur Fußball-WM 2006 in Deutschland und ihrer ungewollten "Begleiterscheinung". Der Deutsche Frauenrat wandte sich mit einem Brief an Franz Beckenbauer und forderte ihn auf, sich für die meist unfreiwillig als Prostituierte tätigen Frauen einzusetzen: "Mit Ihnen freuen sich zahlreiche Männer und Frauen auf dieses Fußballfest und auf viele gute Spiele unserer und aller beteiligten Mannschaften. Wie Zeitungsmeldungen zu entnehmen ist, gibt es eine Gruppe von Menschen, für die die WM allerdings kein Fest werden dürfte. Es wird damit gerechnet, dass zahlreiche Frauen mit falschen Versprechungen in unser Land gelockt und dann hier gezwungen werden, als Prostituierte zu arbeiten." Prostitution wird hier also als kein Fest für Frauen verstanden, die zu Prostitution gezwungen werden. Auch hier scheint eine Verharmlosung dessen stattzufinden, was der oben an Beispielen beschriebene Zwang zu sexueller Sklaverei/Zwangsprostitution für die Opfer bedeutet. - Oder ist da noch eine andere ideologische Absicht mit im Spiel? Nämlich die Absicht, die Möglichkeit einer freiwilligen Ausübung der Tätigkeit als Prostituierte/r zu bestreiten - und damit die Möglichkeit, Prostitution als möglicherweise selbstgewählten Beruf von Frauen und zunehmend auch von Männern anzuerkennen?

Die rot-grüne Bundesregierung vor der CDU-/SPD-Kanzlerin Merkel war dieser Auffassung. Im Januar 2002 trat das von ihr erarbeitete Prostitutionsgesetz in Kraft, das zur politischen und sozialen Besserstellung der Prostituierten in Deutschland beitragen und einen ersten Schritt gegen die Doppelmoral in Sachen Prostitution und Prostituierte darstellen sollte. CDU und CSU kritisierten sie im Bundesrat heftig. Die Konservativen setzen weiter auf Doppelmoral; sie wollen Prostitution nicht legalisiert wissen, und von Rechten für Sexarbeiterinnen mögen sie auch nichts hören. Da treffen sich moralisierende Konservative auf europäischer Ebene interessanterweise mit schwedischen Feministinnen und Alice Schwarzer von EMMA.

Abolitionismus oder Legalität

Schwedische Feministinnen und mit ihnen Schwedens Regierung und Polizei setzen demgegenüber auf die generelle Abschaffung - abolition - von Prostitution. So forderte jüngst der schwedische Ombudsmann für Gleichberechtigung Claes Borgström mit großer Presseresonanz, die schwedische Fußballmannschaft solle die WM in Deutschland boykottieren, weil Prostitution und Menschenhandel während der Fußball-WM "höchstwahrscheinlich" florieren würden. Die Frankfurter Rundschau flankierte: "Dass Bordelle in Deutschland legal sind, ist mit der Auffassung der schwedischen Regierung von Prostitution als Missbrauch von Frauen unvereinbar".7 Die schwedische Regierung verfolgt ein besonderes Modell in Europa: "Wer sich gegen Vergütung eine zufällige sexuelle Beziehung beschafft, wird - wenn die Tat nicht mit einer Strafe nach dem Strafgesetzbuch belegt ist - für den Kauf sexueller Dienste zu einer Geldstrafe oder zu einer Gefängnisstrafe von im Höchstfall sechs Monaten verurteilt." Hinter diesem unscheinbaren Satz verbirgt sich ein weltweit einmaliger Ansatz: die Bestrafung von Prostitutionskunden statt Kriminalisierung von Prostitution und Prostituierten bzw. Legalisierung der Prostitution. Das schwedische Anti-Freier-Gesetz, das im Januar 1999 in Kraft trat, ist Bestandteil eines ganzen Gesetzespakets namens "Kvinnofrid" (Frauenfrieden). Umfassend soll es Männergewalt gegen Frauen verfolgen und bestrafen, unter anderem den Kauf sexueller Dienstleistungen, der damit insgesamt als männliche sexuelle Gewalt definiert ist auch in den Fällen, in denen beiderseits freiwillig ein Dienstleistungsvertrag geschlossen wird. Damit wird der Käufer - meist ein Mann - sexueller Dienstleistungen kriminalisiert, während die Prostituierte - meist eine Frau - sich keiner kriminellen Handlung schuldig macht. Die Prostituierte bleibt straffrei; der Freier ist aber nach dem neuen Gesetz ein Straftäter. Das Gesetz war u.a. auf Initiative verschiedener Frauengruppen und auf der Grundlage eines parlamentarischen Berichtes von 1993 zu Stande gekommen, der davon ausging, dass die Prostitution die Gleichstellung von Frau und Mann verhindere. "Die Prostitution schadet der ganzen Gesellschaft. Dass Männer sich den sexuellen Zugang zu Frauen erkaufen können, um ausschließlich ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, widerspricht fundamental der Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind. Es verhindert das Streben nach voller Gleichheit zwischen Frauen und Männern."8

In Schweden vertreten viele Feministinnen den so genannten abolitionistischen Ansatz. Im Gegensatz zum Prohibitionismus, wie er in den USA und Mexiko praktiziert wird, gehen sie davon aus, die Prostituierten seien Opfer, die von Freiern ausgebeutet werden. Entsprechend dieser Viktimisierung wird jetzt eine einseitige Kriminalisierung der anderen Seite praktiziert, des Kunden bzw. Täters.

Die abolitionistische Bewegung als solche ist älter. Sie geht auf die Frauenbewegung in Großbritannien zurück. In den 1860er Jahren gab es breit angelegte Kampagnen britischer Feministinnen gegen die Gesetze über ansteckende Krankheiten und ihre Eindämmung des Britischen Empire (British Empire Contagious Diseases and Containment Acts). Diese Gesetze dienten dem Schutz britischer Soldaten durch gesetzliche Vorschriften zur sexuellen Gesundheit der Sexarbeiterinnen in den Garnisonsstädten. Eines der betreffenden Gesetze, das Gesetz über ansteckende Krankheiten, bezog sich auf das sog. Mutterland, ein weiteres, das Garnisonsgesetz, galt für Indien und die übrigen Kolonialgebiete. Die Feministinnen nannten sich "AbolitionistInnen", eine Bezeichnung, die bewusst einen Bezug zum Triumph der gerade erst erfolgreich abgeschlossenen Kampagne gegen den Handel mit afrikanischen Sklaven herstellen sollte. Darüber hinaus erinnerte dieser Name daran, dass das abzuschaffende Phänomen auch "weiße Sklaverei" (Mädchenhandel zum Zweck der Prostitution) genannt wurde. Die AbolitionistInnen gaben ihrer Gewissheit Ausdruck, dass eine große Zahl junger Britinnen zur Arbeit in Bordellen ins kontinentale Europa transportiert wurde. Sie führten hier extrem hohe Zahlen an, ohne sie aber auf Daten der Polizei oder Hafenbehörden stützen zu können. Noch dazu lehnten die AbolitionistInnen den Vorschlag staatlich kontrollierter Bordelle als moralisch abstoßend ab and wandten sich gegen jede Form von Regulierung.

Über das Thema Britannien als Entsendeland nicht-freiwilliger Prostitution nach Kontinentaleuropa hinaus waren die AbolitionistInnen in zwei weiteren Bereichen engagiert. Sie verabscheuten die Vorstellung, dass britische Soldaten in ihren Kolonialgarnisonen die Frauen vor Ort ausbeuteten; im Großen und Ganzen waren sie alle überzeugte Imperialistinnen mit dem Glauben, die wahre Rolle der Kolonialherren solle darin liegen, die eingeborene Bevölkerung zu veredeln und auf ihre eigene Kulturhöhe emporzuheben. Zudem hatten sie Sorge, dass der Niedriglohn für Frauen und das Fehlen des Wahlrechts in Britannien auch die Frauen im eigenen Land in die Sexarbeit zwingen könnten, weil dieses Land sie verraten und im Stich gelassen habe. Diese drei Themen - Sexarbeit innerhalb des eigenen Landes, gewaltsame Verschleppung über die Grenzen sowie ebenfalls grenzüberschreitende Kunden - waren in ihrer Ideologie untrennbar miteinander verbunden.9

Freierkampagnen oder Anlaufstellen für Prostituierte

Was also soll die Aufregung über vermehrte Prostitution, Frauenhandel und die Zwangsprostitution zu Zeiten der WM in Deutschland? An Freier gerichtete Kampagnen zur Aufklärung gegen Frauenhandel, Zwangsprostitution und HIV mögen schön und gut sein. Aber ihr Zweck sollte nicht an die WM gebunden sein. Seit Michel Friedmans medienweit ausgeschlachteter Affäre wissen wir, dass es vor der deutschen Gerichtsbarkeit als verwerflicher gilt, gekokst als die sexuellen Dienstleistungen gehandelter Frauen gekauft zu haben.

Die meisten Freier sorgen sich in der Tat wenig um die Situation der Prostituierten, unabhängig von den hinter ihr stehenden Zwängen, weil sie Prostituierte lediglich als Instrumente zur Befriedigung ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse wahrnehmen. Verdeutlichen lässt sich das anhand des Auszugs aus einem Interview, das der Freierforscher Udo Gerheim von der Universität Bremen mit dem Kunden einer Beschaffungsprostituierten gemacht hat: "Ein Straßenjunky hat keine Wahl, dem kann ich sagen: Du machst alles, was ich will. Die muss dich nehmen und noch mehr. Es ist die Degradierung zum reinen Fickmaterial, und die Dirne am Straßenstrich verkommt noch nicht mal mehr zu einem Stück Vieh. Sie ist im Prinzip wie eine pulsierende lebendige Sexpuppe. Ich respektiere sie dabei schon auf ihre Art und Weise, aber für die Zeit die ich mir kaufe, ist sie sozusagen mein mir willfähriges Geschöpf. Herr T ist 31 Jahre alt, Firmeninhaber einer Werbeagentur, gutaussehend, lebendig und sehr kommunikativ. Er hat ein Einkommen von 8000 Euro monatlich, wohnt in einer Großstadt, lebt in einer Beziehung und hat keine Kinder. Mit 18 Jahren macht Herr T seine erste sexuelle Erfahrung mit einer Wohnungsprostituierten und durchläuft im Folgenden sämtliche Segmente des Feldes der Prostitution. Herr T hat zudem viele Affären und beschreibt sich selbst als sexsüchtig. Einen besonderen Reiz stellt für ihn die Straßenprostitution dar. Zum einen als Ausbruchsversuch aus bürgerlichen Zwängen zum anderen als Spiel mit dem Feuer, was sich u. a. in der AO-Praxis (Sex ohne Kondom) und der anschließenden AIDS Paranoia manifestiert. Die Gesamtkosten seiner Prostitutionskarriere schätzt Herr T auf 25.000 Euro."10

Natürlich schaden Appelle an Freier nicht, sie mögen doch auf die Begleitumstände ihres Besuches bei Prostituierten achten. Aber viel Resonanz ist nicht zu erwarten. Denn "der Adressat ist anonym. Niemand geht öffentlich zu Prostituierten - und schon gar nicht zu Zwangsprostituierten."11 Allerdings schadet es, Prostitution im Allgemeinen mit der so genannten Zwangsprostitution und dem Menschenhandel in einen Topf zu werfen und so den Weg zu bahnen dafür, dass unter dem Vorwand, den Frauenhandel bekämpfen zu wollen, die Rechte der Sexarbeiterinnen abgebaut werden. Ein differenzierter Blick auf die Situation von Prostituierten wird auf diese Weise unmöglich gemacht bzw. geht verloren. In der Tat werden viele Frauen während der WM nach Deutschland einreisen, um mit sexuellen Dienstleistungsangeboten Geld zu verdienen, und zwar möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit. Und in der Tat steht bei vielen die wirtschaftliche Not im Vordergrund. Das macht sie aber nicht zwangsläufig zu Opfern der Zwangsprostitution. Viele von ihnen werden auch, weil sie die Sprache und die rechtliche Situation in Deutschland nicht kennen, auf die Hilfe Dritter zurückgreifen. Dabei werden sie womöglich völlig überzogene Preise für Beschaffung von Visa, Reisekosten und Miete für die Unterkunft bezahlen. Dennoch ist es ihr eigener Entschluss.

Wir müssen also differenzieren: Die Frauen wollen nach Deutschland, weil sie in der Prostitution arbeiten wollen, und dafür sind sie auf Schleuser angewiesen. Sie bedienen sich der Schleuser, um ihr eigenes Ziel zu erreichen. Bei einem illegalisierten Aufenthalt sind die Frauen stärkerer Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt ausgesetzt als bei legalem Aufenthalt. Je mehr Rechte die Frauen also haben, umso weniger Gewalt und Ausbeutung müssen sie aushalten.

Auch wenn es seit den späten 90er Jahren einen Paradigmenwechsel bei der Polizei gegeben hat, wie Detlef Ubben vom LKA Hamburg betonte: Ziel sei nun die "Bekämpfung der kriminellen Ausbeutung - nicht der Prostitution!"12 - auch während der WM 2006 ist damit zu rechnen, dass Kontrollen und Razzien in den Austragungsorten zunehmen und viele Frauen als Straftäterinnen abgeschoben werden, sofern sie als Prostituierte angetroffen werden und keine Arbeitserlaubnis haben. Im Interesse der Frauen und des Kampfes gegen Zwang und Ausbeutung im Bereich der Prostitution wäre es sinnvoller, Anlaufstellen anzubieten, in denen sie muttersprachliche Beratung, Information und Hilfe fänden, wie der Ratschlag Prostitution in Hamburg vorgeschlagen hat: "Neben Tausenden von Fußballfans wird auch in Hamburg in dieser Zeit ein Zuwachs von Sexarbeiterinnen vor allem aus osteuropäischen Ländern erwartet. Viele dieser Frauen werden nur geringe Sprach- und Ortskenntnisse haben sowie wenig Wissen über ihre eigene Rechtslage und mögliche Ansprechpartnerinnen im Fall von Gewalt, extremer Ausbeutung oder Zwangsverhältnissen."13 Vorgesehen ist dafür die Aufstellung eines Containers im Stadtteil St. Georg, in dem die Straßenprostitution vermutlich zunehmen wird; dort sollen professionelle Sozialarbeiterinnen und Streetworkerinnen für befristete Zeit tätig sein.

Gewerkschaften und Sexarbeit

Die Gewerkschaft ver.di hat auf ihrer Konferenz "Prostitution und Frauenhandel" im Dezember letzten Jahres eindeutig und parteilich Position bezogen für die Sexarbeiterinnen und zugleich für die Opfer von Frauenhandel. In ihrem Statement "Die Rechte von Prostituierten stärken! Frauenhandel bekämpfen!" fordert ver.di, dass SexarbeiterInnen - die MigrantInnen unter ihnen eingeschlossen - in ganz Europa die Möglichkeit zu legaler Arbeit haben sollen. Unabhängig von ihrem Aufenthaltstatus müssen sie, so das ver.di-Statement, das Recht auf Unterstützung und Schutz bei Gewalttaten haben. Die vom DGB unterstützte Initiative "Abpfiff - Schluss mit Zwangsprostitution" unter Schirmherrschaft des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, der sich zunächst heftig gegen sie zur Wehr gesetzt hatte, will die Fußball-WM als Tribüne benutzen, die Öffentlichkeit auf das Problem der Zwangsprostitution aufmerksam zu machen. Der Aufruf nennt als Ziele der Initiative u.a.: "Sie wendet sich nicht gegen legale und selbstbestimmte Prostitution. Die bestehenden Rechte für Prostituierte müssen weiter ausgebaut werden. Sie müssen zu verbesserten Arbeitsbedingungen führen, die Selbstbestimmung der Prostituierten fördern und ihre gesellschaftliche Stigmatisierung vermeiden."14

Bleibt zu hoffen, dass das in der Öffentlichkeit auch so ankommt.

Anmerkungen

1) Astrid Lipinsky, Kriegsgut Frau. In: beiträge zur feministischen theorie und praxis, Hrg.: Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen e.V., Köln, Nr. 58, 2001, S. 58

2) Hamburger Abendblatt, 9./10.4.2005.

3) Deutscher Frauenrat, Berlin, 3.9.2005.

4) In die Prostitution gezwungen: koreanische Frauen erinnern sich. Zeugenaussagen aus dem japanischen Asien-Pazifik-Krieg, hrsg. von der Koreanischen Frauengruppe in Deutschland, Osnabrück 1996.

5) Christa Paul, Zwangsprostitution. Staatlich errichtete Bordelle im Nationalsozialismus, Berlin 1994.

6) Foca ist der Name eines Ortes in Bosnien (heutige Serbische Republik).

7) FR, 4.4.2006.

8) Vgl. Emilija Mitrovic (Hrg.), Prostitution und Frauenhandel, Hamburg 2006, S. 99.

9) Vgl. Ashwini Sukthankar, Prostitution, Frauenhandel und Politik, in: Mitrovic (Hrg.), S. 68

10) Gerheim, Udo, Freier. Ein sich windender Forschungsgegenstand. Münster, i.Ersch. (September 2006).

11) Heide Oestreich, taz, 4.1.2006.

12) Detlef Ubben, Hauptkommissar beim LKA, am 21.3.2005 in Hamburg-Altona.

13) Ratschlag Prostitution Hamburg, Antrag an den Hamburger Senat, 22.12.2005

14) kontakt@frauenrat.de .


Emilija Mitrovic ist Dozentin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg für den Themenbereich Prostitution und Frauenhandel und Mitglied im Bundesvorstand des BdWi. Sie hat Studien zu diesem Thema u.a. für den ver.di-Bundesvorstand erstellt, ist als Herausgeberin bzw. mit Beiträgen an entsprechenden Buchpublikationen beteiligt und Mit-Initiatorin des Ratschlags Prostitution in Hamburg; vgl. auch www.arbeitsplatz-prostitution.de .

Personen:
>Emilija Mitrovic
Gremien:
>Vorstand

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