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Klaus Holzkamp

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Vom Schattendasein ins Rampenlicht

15.05.2006: Athletinnen-Inszenierungen im Mediensport

  
 

Forum Wissenschaft 2/2006

Zusammenhänge zwischen der Entwicklung von Sport, seiner öffentlichen Präsentation als Mediensport und der Rolle von Frauen in Sport und Sportberichterstattung werden, wie üblich bei geschlechterspezifischen Themen, selten thematisiert. Gertrud Pfister wirft einen Blick in die Vergangenheit und nimmt die Entwicklung zu heutigen Frauenbildern im Sport unter die Lupe - vom "Veilchen im Verborgenen" über den Star zum Playboy-Bunny. Nicht zuletzt fragt sie, warum sich Athletinnen als Sexsymbole inszenieren (lassen) und Medien die Attraktivität von Sportlerinnen vermarkten.

Die massenmediale Verbreitung von Sportbildern und Vermarktung von Athleten und Athletinnen folgte bestimmten Mustern, die sich im Verlauf des 20. Jhs. in Abhängigkeit von sozialen Veränderungsprozessen grundlegend veränderten. Im 19. Jh. war das Turnen die dominierende Bewegungskultur in Deutschland. Turnen zielte auf die Erziehung der Jugend, verfolgte nationale politische Ziele und umfasste eine Vielzahl der damals bekannten Übungen und Bewegungsaktivitäten. Der moderne Sport dagegen hatte seine Wurzeln in England. In Deutschland musste sich die Sportbewegung erst gegen das etablierte Turnen durchsetzen. Die Prinzipien des modernen Sports, vor allem das Wettkampf- und das Rekordprinzip, stießen zunächst auf zahlreiche Widerstände, und die Sportwettkämpfe, auch die Olympischen Spiele, fanden nur wenig öffentliches Interesse. Die Leipziger Neuesten Nachrichten veröffentlichten beispielsweise über die Olympischen Spiele in Athen nur zwei kurze Informationen; der Begriff "olympisch" kam dabei nicht vor. Nach der Jahrhundertwende fanden der Automobil- und der Lawntennissport sowie die Luftschifffahrt in der Presse verstärkt Beachtung. In den neuen Sportillustrierten wie z.B. in Sport im Bild seit 1895 und Sport im Wort seit 1899 dominierten gesellschaftliche Ereignisse und die "Sports" der "oberen Zehntausend". In dieser Zeit waren die Sportler, soweit sie nicht im Sinne des demonstrativen Konsums Sportarten wie Reiten, Segeln oder Golf betrieben, keine Stars, sondern eher belächelte Außenseiter.

Sport, Frauen, Geschichte

Frauen konnten sich vor dem ersten Weltkrieg nur vereinzelt am Sport beteiligen; in den meisten Sportarten waren sie mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert, von medizinischen Bedenken über die hinderliche Kleidung bis zu den Normen der Schicklichkeit und Sittlichkeit.1 Frauensport war daher in den Tageszeitungen kein Thema. Wenn doch einmal ausführlich über Sport treibende Frauen berichtet wurde, fehlte es meist nicht an Kritik. So kommentierte die Rad-Welt einen der ersten leichtathletischen Frauenwettbewerbe: "Von den Siegern des ersten deutsch-französischen Wettkampfes verzeichnen wir hier nur die Vornamen. Getreu unserem Grundsatz, jeden Menschen so lange für anständig zu halten, bis uns das Gegenteil bewiesen ist, nehmen wir an, dass wir es trotz des zweifelhaften Unternehmens mit anständigen Damen zu tun haben, deren Familien es unmöglich angenehm sein kann, wenn ihre Namen in dem Bericht öffentlich genannt werden"2.

Nach dem ersten Weltkrieg erlebte der Sport einen rasanten Aufschwung. Sport wurde Mode und zog nicht nur Aktive, sondern auch Zuschauer zunehmend in seinen Bann. Jetzt strömten Tausende auf die Fußballplätze, in die Boxarenen oder zu den Autorennstrecken. Der Film und vom Anfang der 30er Jahre an auch der Rundfunk trugen nicht wenig zur Popularisierung des Sports bei.3 Wichtigstes Medium war aber die Zeitung; in den 20er Jahren hatten alle Tageszeitungen eigene Sportrubriken eingerichtet. Die Medien konzentrierten sich jetzt auf populäre Sportereignisse und Sportarten, die ihre (männlichen) Leser interessierten, d.h. vor allem auf Fußball, Boxen und Radsport. Auch wenn die Journalisten allmählich den Unterhaltungswert des Sports entdeckten, wurde über Sportereignisse relativ kurz und sachlich berichtet.

Obwohl sich Frauen jetzt am Sport oder besser an einigen Sportarten beteiligen konnten und obwohl die "neue Frau" der "goldenen Zwanziger Jahre" nicht nur im Beruf, sondern auch im Sport brillierte, spielten Frauen in der Sportwelt der Massenmedien nur eine marginale Rolle. In der Öffentlichkeit war inzwischen die generelle Kritik am Frauensport weitgehend verstummt; allerdings nahm die Presse nach wie vor die Beteiligung von Frauen an unweiblichen Sportarten und/oder harten Wettkämpfen aufs Korn. So empörte sie sich beispielsweise über die "Erschöpfung" der Läuferinnen und die unästhetischen Bilder beim 800-m-Lauf während der Olympischen Spiele 1928.4 Die wachsende Popularität des Sports übertrug sich in den 1920er Jahren auch auf Sportler. Die Sportidole der Zeit waren der Schwimmer Johnny Weismüller, Paavo Nurmi, der "finnische Wunderläufer", und vor allem der Boxweltmeister Max Schmeling.

Frauen standen wesentlich seltener im Rampenlicht der Öffentlichkeit; sie mussten schon sensationelle Leistungen bieten, um berühmt und verehrt zu werden. Idole waren Amelia Earhart, die 1932 allein über den Atlantik flog, oder Gertrud Ederle, die 1926 den Ärmelkanal in Rekordzeit durchschwamm. Um Stars zu werden und zu bleiben, mussten Frauen eine Balance zwischen sportlicher Leistungsfähigkeit und weiblicher Ausstrahlung finden. Suzanne Lenglen, die nicht nur wegen ihres aggressiven Spiels, sondern auch wegen ihrer eleganten Kleidung auffiel, gelang dies nur zum Teil. Mit dem Slogan "Scharfer Sport macht scharfe Züge" verwies die Presse auf den Preis des Erfolgs. Ausschließlich positive Resonanz fand dagegen die dreifache Goldmedaillengewinnerin im Eiskunstlauf, die Norwegerin Sonja Henie, die Glanz und Glamour in die Welt des Sports brachte und später als Filmstar Karriere machte. Sie war Leistungssportlerin und doch "ganz Frau".5

Politik und Medien

Der Aufschwung des Sports und vor allem des Frauensports nach dem zweiten Weltkrieg stand u.a. auch mit den politischen Auseinandersetzungen zwischen den kapitalistischen und den (real)sozialistischen Ländern, mit der Ost-West-Konfrontation, in Zusammenhang. Im Zuge des "sportlichen Wettrüstens" wurde erheblich in den Sport investiert, und es waren in erster Linie die sportlichen Erfolge von Frauen, die die Überlegenheit des sozialistischen Systems zu beweisen schienen. Athletinnen aus sozialistischen Ländern gewannen z.B. bei den Olympischen Spielen 1976 73% aller Medaillen.6

Gleichzeitig etablierte sich Sport als zentrales Medienereignis, zunächst in den Printmedien und im Rundfunk, ab den 1960er Jahren zunehmend auch im Fernsehen. Nach wie vor konzentrierte sich das Medieninteresse überwiegend auf den Männersport, vor allem auf den Fußball. Sportberichterstattung wurde von Männern, über Männer und für Männer produziert.

Eine Inhaltsanalyse der Olympiaberichte in der Frankfurter Zeitung bzw. Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 1952 bis 1980 ergab, dass die Sportberichterstattung in den 50er und 60er Jahren überwiegend sportbezogen und sachlich war. Erst von 1968 an, vor allem ab 1972, nahm der Anteil der human interest stories in der Sportberichterstattung erheblich zu. Die - männlichen - Journalisten interessierten sich zunehmend für das Privatleben und das Aussehen der Aktiven - und dies galt für Frauen in weit höherem Maße als für Männer.7 Gleichzeitig verstärkte sich das Medieninteresse am Aussehen der Athletinnen kontinuierlich. Die Journalisten schwärmten von blonden Haaren, einer schmalen Taille oder langen Beinen. 1972 beschrieb die FAZ die Olympischen Spiele sogar als Schönheitswettbewerb (FAZ, 2. 9. 1972). Muskeln waren damals freilich noch nicht "in", als fotogen galten schlanke und anmutige Sportlerinnen. Dem Schönheitsideal entsprach u.a. die Turnerin Lyudmila Turischeva. "Nirgendwo stemmen sich Muskeln gegen die Schönheit der Figur. Die Beine erzählen nichts von den Qualen am Schwebebalken" (FAZ, 2.9.1972).8 Athletinnen, die - wie etwa die DDR-Turnerin Karin Janz - den Standards der Journalisten nicht entsprachen, wurde der "Mangel an Ausstrahlung und weiblichem Charme" vorgeworfen (FAZ 2.9.1972).

Fazit bis zu den 1970ern

Bis in die 60er Jahre beschränkten sich die Sportberichte in ihrer überwiegenden Mehrheit auf Fakten und Ereignisse, d.h. auf den Sport selbst. Frauensport wurde, wenn er explizit thematisiert wurde, im Kontext der geltenden Geschlechterordnung beschrieben und beurteilt. Sport galt als die "schönste Nebensache der Welt", das Amateurideal war weit verbreitet und relativ wirksam. Die Sportler und Sportlerinnen waren daher, von Ausnahmen abgesehen, nicht an einer Vermarktung interessiert. Dazu kam, dass in den Sportarenen ein weitgehend uniformes Image präsentiert wurde. Die Sportkleidung war in den meisten Sportarten nüchtern und funktional, die Sportartikelindustrie hatte die bunte Warenwelt des Sports noch nicht so richtig entdeckt, und die Medien präsentierten die erfolgreichen Athletinnen, wie beispielsweise die erfolgreichste Skirennläuferin des letzten Jahrhunderts, Annemarie Moser-Pröll, als "Mädchen von nebenan"9.

Frauen spielten im Sport in dieser Zeit aber nur eine Nebenrolle. So betrug der Frauenanteil an den Olympiateilnehmern 1968 nur 14%, und nur 21% der Wettkämpfe waren für Frauen ausgeschrieben.10 Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen die männlichen Helden, die Kaltblütigkeit, Draufgängertum und körperliche Leistungsfähigkeit zeigten - Merkmale, die im Alltag der Männer weitgehend an Bedeutung verloren hatten. In Deutschland waren die Idole vor allem Fußballstars wie Sepp Maier, Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Paul Breitner oder Uli Höneß, die 1972 Europameister und 1974 Weltmeister wurden.

In den 1970er Jahren veränderten sich die Rolle der Massenmedien und die durch sie verbreiteten Bilder. Dabei wirkten zahlreiche sportimmanente und gesamtgesellschaftliche Faktoren zusammen: die wachsende Bedeutung des Sports als Arena politischer Auseinandersetzungen (Kalter Krieg), die steigenden Leistungen im Sport und die wachsenden Leistungsanforderungen, die wiederum Umfang und Intensität des Trainings ansteigen ließen. Damit verband sich eine Verberuflichung von Athleten und Athletinnen und anderer Akteur/innen im Sport (Trainer/innen, Ärzte und Ärztinnen), die schließlich 1981 zur endgültigen Aufhebung der Amateurbestimmungen führten. Insgesamt lässt sich in dieser Zeit eine wachsende Faszination des Sports und damit zusammenhängend eine wachsende Bedeutung der Sportberichterstattung feststellen, die wiederum das Interesse am Sport schürte.

In den 70er Jahren entwickelte sich der Mediensport zum Verkaufsschlager, wobei die aktive Vermarktung der Ware Sport eine zunehmend wichtige Rolle spielte. Jetzt interessierte nicht mehr allein Information, sondern Informationen wurden "aufbereitet", ausgeschmückt und mit human interest stories verbunden, die den Unterhaltungs- und Identifikationswert des Sports und damit auch die Nachfrage nach den Medien steigern sollten. Angeheizt wurde der Vermarktungsdruck auf die Massenmedien durch die Konkurrenz zwischen Rundfunk, Fernsehen und Printmedien. Zeitungen waren jetzt nicht mehr die einzigen Anbieter von Sportberichten; sie mussten vielmehr gegen die attraktiveren und aktuelleren Bilder im Fernsehen konkurrieren. Eine der wichtigsten Strategien der Printmedien war es dabei, Neugierde und Identifizierungswünsche der Leser/innen durch Hintergrundberichte und vor allem auch durch Einblicke in das Privatleben der Stars zu befriedigen.

Wandel - neue Abhängigkeiten

Auch heute sind Frauen in der Sportberichterstattung weder ihrem Anteil an der Bevölkerung noch dem an der sportaktiven Bevölkerung entsprechend vertreten.11 Ausnahmen sind Berichte über Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele; hier kommt es nicht so sehr auf das Geschlecht, sondern vor allem auf die Medaillenausbeute an. Die Zweitrangigkeit des Frauensports zeigt sich beispielsweise in der Konzentration des Deutschen Sportfernsehens (DSF) auf Männersportarten. Um seinen Werbekunden eine kaufkräftige "Kernzielgruppe", d.h. Männer zwischen 14 und 49 Jahren, zu bieten, beschloss der Sender, "frauenspezifische Sportinteressen weniger zu berücksichtigen" (Offenbach Post, 22.1.1997).

Allerdings muss zwischen den unterschiedlichen Medien und auch zwischen mehr oder weniger seriöser Berichterstattung unterschieden werden. Kritische Distanz ist aber nicht zuletzt aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit von Journalist/innen und Athlet/innen und des hohen Vermarktungsdrucks auf alle Beteiligte schwierig. Insgesamt geht der Trend, wie Digel es formulierte, zu einer "Boulevardisierung und Mediatisierung" des Sports (Stuttgarter Nachrichten, 14.10.2000) - und dazu gehört die Sexualisierung der Athletinnen, die von neuen "Dresscodes" und einer selbstbewussten Körperlichkeit der Athletinnen getragen und/oder begleitet wird. Die Bilder von den letzten beiden Olympischen Spielen lassen dies deutlich erkennen: Heute "landen Barbie-Puppen in der Weitsprunggrube"12. Die Alternative zur Bauchfreiheit ist der hautenge Anzug, der jede Körperform modelliert. Auf der Olympischen Bühne gibt es aber durchaus zahlreiche Variationen des doing gender, von der Inszenierung traditioneller Weiblichkeit à la Synchronschwimmen bis hin zu den eher androgynen Signalen der Fußballspielerinnen. Im Beach-Volleyball wird allerdings der Zweiteiler als offizielle Sportkleidung gefordert; der internationale Volleyball-Verband ließ sich trotz zahlreicher Proteste nicht von diesem angeblich werbewirksamen Dresscode abbringen.

Wie sind Kleidung und Auftreten der Athletinnen zu bewerten? Wie inszenieren sich die Sportlerinnen und was wollen sie mit ihrer Präsentation bewirken? Auffallend ist, dass heute im Frauensport Kraft, Härte und Ausdauer großgeschrieben sind. Muskeln, ein schwellender Bizeps und ein Waschbrettbauch gelten auch bei Frauen als attraktiv. Stolz und selbstbewusst zeigen die Athletinnen muskulöse und gestylte Körper, die perfekt an ihre jeweiligen Sportarten angepasst sind.13 Athletinnen, die dem Mainstream-Geschmack entsprechen wollen, müssen dabei allerdings die Balance zwischen Androgynie und sexueller Attraktivität halten. Grenzen ihrer öffentlichen Akzeptanz sind dann schnell erreicht, wenn "Attraktivität" wegfällt oder ihre heterosexuelle Orientierung in Zweifel steht, d.h. wenn die Inszenierung des Geschlechts nicht den Regeln der Zweigeschlechtlichkeit folgt. So wurde beispielsweise die Tennisspielerin Amelie Mauresmo in der Presse kritisiert nicht nur, weil sie sich offen zu ihrer lesbischen Lebensweise bekannte, sondern auch, weil ihr Spiel angeblich zu "männlich" war.

Noch ein neuer Trend ist festzustellen: Das Kournikova-Syndrom breitet sich aus. Anna Kournikovas Bekanntheit und Beliebtheit basieren in erster Linie auf ihrem Aussehen und Image, und erst in zweiter Linie auf ihren sportlichen Leistungen. "Die in Florida lebende Russin spielt auch in den ersten Runden immer vor ausverkauften Rängen", hieß es in der Frauenzeitschrift Brigitte, "weil Mann nie weiß, wie lange sie im Turnier bleibt." (Brigitte, Jg. 2000, H. 23, 104). "Anna heißt das am besten bezahlte Mannequin des Sports. Sie schwingt den Schläger und schürzt die Lippen. Das Haar fällt schulterlang bis zur Hüfte. Die Tennisspielerin Anna Kournikova gilt als Idealbesetzung in der Marketing-Rangliste des Profisports", so beschrieb Manfred Lehnen das Kournikova-Syndrom in der DSB-Presse14. Der Fall Anna K. ist kein Einzelfall. Immer mehr Athletinnen - erfolgreiche und relativ erfolglose - drängen ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Inszenierungen

Wenn Athletinnen ihr Aussehen als "verkaufsfördernd" in die Waagschale werfen, dann müssen sich ihre Vermarktungsmaßnahmen den Strategien der Stars und Sternchen der Unterhaltungsbranche anpassen. Sie tummeln sich auf Parties und posieren nackt oder halbnackt in den Medien; Beispiele sind Brandi Chastain, Mitglied des US-Weltmeisterschaftsteams, die nur mit einem Fußball bedeckt im Gear Magazine (1999) zu bewundern war, oder eben Anna Kournikova, die sich von Sports Illustrated im Schlafzimmer ablichten ließ (2000).15 Mit dem Internet steht den Sportlern und Sportlerinnen heute eine Bühne für die Selbstdarstellung zur Verfügung, deren Möglichkeiten unbegrenzt erscheinen. Eine schnelle Suche im Internet mit dem Stichwort Kournikova erbrachte zahllose Webpages - weltweit angeblich 20 000 -, auf denen Spielergebnisse, biografische Daten und Fotos zu finden und alle möglichen Produkte zu bestellen sind. Das Internet hilft dabei, bemerkt, bekannt, berühmt, ein Star zu werden - das öffnet Augen und Ohren (und Geldbeutel) der Sponsoren und bringt Werbeeinnahmen. Kournikova war in der Werbung fast omnipräsent: Sie posierte für einen Sport-BH mit dem Slogan "only the ball should bounce", aber auch für Schuhe und Ausrüstung von Adidas, für Uhren oder Telefone. Die Vermarktung der Athletinnen scheint auch die Zustimmung der Sportfunktionäre und Funktionärinnen zu finden, die hoffen, dass sich so ein wachsendes Desinteresse an ihrer Sportart kompensieren lässt. Donna A. Lopiano, geschäftsführende Direktorin der Women's Sports Foundation, wünschte sich für den Frauensport, "if only Anna Kournikova could win the Open and appear in Sports Illustrated with her clothes on."16

Finanzielle Erfolge einiger weiblicher Sportstars in einigen wenigen Sportarten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die überwiegende Mehrheit der Frauen im Spitzensport nicht zu den Spitzenverdiener/innen zählt. Dies gilt beispielsweise auch für die erfolgreichen Fußballspielerinnen, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vom Fußballspielen nicht leben können.

Während sich Sportlerinnen offensichtlich immer häufiger nackt und/oder in "gewagten" Posen ablichten lassen, stellen sich männliche Athleten in der Regel in sportlichem Outfit den Fotografen. Sie definieren sich in der Regel über ihre sportlichen Leistungen und Erfolge; Ausnahmen bestätigen zunächst die Regel.17 Das Zeug zum Sportstar haben dabei vor allem Sportler, die traditionelle Männlichkeitsideale im wahrsten Sinn des Wortes "verkörpern". Einer der männlichsten der Männlichen ist der Abfahrtsläufer Hermann Maier, der "Herminator", der Österreich toben lässt (Hamburger Abendblatt, 3.2.2006).

Eine Alternative zum männlichen Heros sind die Skispringer, die seit der Einführung des V-Stils immer dünner und dünnhäutiger werden. Sie strahlen gleichzeitig Kaltblütigkeit und Jungenhaftigkeit aus und lassen die Teenagerherzen höher schlagen. Eines der Springeridole war Sven Hannawald, den die Mädchen beim Internetchatten so süß, aufregend und sexy fanden. Er wurde magersüchtig, litt an einem Burn-Out-Syndrom und musste seine Karriere beenden (Der Spiegel 2, 2002, 156). Während Hannawald selbst, soweit bekannt, sich nicht aktiv als Objekt weiblichen Begehrens inszenierte, setzen andere Athleten durchaus auf ihre erotische Ausstrahlung, wenn sie, wie beispielsweise der Stabhochspringer Tim Lobinger, halbnackt in Hochglanzjournalen posieren.

In den letzten Jahren hat sich das Frauenideal inner- und außerhalb des Sports verändert; die Körper von Männern und Frauen scheinen sich mehr und mehr anzugleichen, auch "starke" Frauen gelten als attraktiv. Derzeit versuchen viele Athletinnen, gleichzeitig Sportlichkeit und Weiblichkeit zu signalisieren, und die Medien "basteln" aus den Vorgaben der Sportlerinnen jeweils unterschiedliche Stories und Images. Dabei gilt nicht nur bei der Boulevardpresse der Slogan "Sex sells", vor allem gerichtet an Männer, die die Mehrheit der Sportkonsumenten stellen, zunehmend aber auch an Frauen.18 Heute hat sich, zumindest was den "Marktwert" der Athletinnen angeht, der Stellenwert von Aussehen und Leistung zugunsten des Aussehens und der Inszenierung verschoben.

Bei der Frage nach den Ursachen dieser Entwicklungen sind sowohl die Entscheidungen und Interessen der Athletinnen zu berücksichtigen als auch die Ziele, Strategien und Motive der Massenmedien. Beide Perspektiven sind eng miteinander und mit allgemeinen sportspezifischen und gesellschaftlichen Entwicklungen verflochten.

Medienbilder - Verflechtungen

Das Interesse von Medien und Öffentlichkeit an Aussehen und Ausstrahlung der Athletinnen und an der "Produktion" von Stars hängt mit der Veränderung des Leistungssports durch Globalisierungsprozesse zusammen: Er verschlingt mit dem international steigenden Konkurrenzdruck immer mehr finanzielle Ressourcen und muss sich daher neue Finanzierungsquellen erschließen, vor allem über Werbung. Spitzensport ist zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor und zu einem Geschäft geworden, das nach den Gesetzen der Marktwirtschaft funktioniert. Verkaufen lassen sich dabei Events und Stars, und Stars sind vor allem solche Sportler/innen, die Wünsche, Träume und Sehnsüchte wecken und damit den Konsum anheizen können. An der Suche nach finanziellen Ressourcen beteiligen sich insbesondere auch Verbände und Funktionäre, und diese Suche wird umso hektischer, je mehr eine Sportart um öffentliches Interesse kämpfen muss. Aus dieser Perspektive wird verständlich, dass Funktionäre die Popularität Kournikovas begrüßten. Weil es offensichtlich nicht genug Kournikovas gibt, suchen "Scouts" schon unter 12-jährigen Mädchen nach Spielerinnen mit "Sex Appeal" (Der Spiegel, 2001, 7, 177 f.).

Bei Aussagen und Urteilen über die Massenmedien darf aber nicht vergessen werden, dass viele Sportberichte, beispielsweise über die Olympiateilnehmerinnen in Athen, sachlich und positiv über Sportlerinnen und ihre Leistungen berichteten. Aber Medien stehen auch unter dem Zwang, ihre Ware, die Sportberichterstattung, zu verkaufen - bei zunehmender Konkurrenz u.a. auch seitens des Internet, das die Globalisierung der Medienlandschaft seinerseits vorantreibt. Unter den Fernsehsendern wird der Wettbewerb um Senderechte, Werbekunden und Zuschauer/innen immer härter. Der Gier nach Sensationen und Intimitäten sind dabei nur noch wenige Grenzen gesetzt. Wenn bei Sendungen wie der Big-Brother-Show kollektiver Voyeurismus zelebriert wird, wenn, wie bei unzähligen Talkshows, Sexualität in allen Varianten besprochen und gezeigt wird, dann wächst die Versuchung, auch das Privatleben und die Sexualität der Sportstars zu nutzen. Dabei verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Sport und Soap: "Sport … ist zur dramatischen Großmetapher der Mediengesellschaft avanciert, zur globalen Soap-Opera … Leistung, Erfolg und Karriere, Sieg und Niederlage, Glück und Unglück - das Drama des Lebens wird in Serie produziert" (Der Spiegel, 2000, 40, 50).

Zudem drängt sich die Vermutung auf, die Betonung von Attraktivität und Sexualität solle über die "Stärke" der Frauen und ihre Leistungen hinweg"trösten". Die Botschaft könnte sein: Kournikova ist zwar eine gute Spielerin, aber wichtiger sind ihr Aussehen und ihr Auftreten. Damit würde die sportliche Leistung von Frauen zugunsten ihrer Attraktivität abgewertet und - durch die Hintertüre - der traditionelle Mythos vom schönen Geschlecht aufgewärmt. Für diese Deutung spricht auch, dass die Sportberichte in den Massenmedien nach wie vor Heterosexualität inszenieren und Homophobie schüren.

Sexualisierungs-Akteur/innen

Die Inszenierungen der Athletinnen müssen differenziert beurteilt werden. Auf jeden Fall aber ist zu betonen, dass die Frauen aktiv an ihrem Image und ihrer Vermarktung mitwirken. Zunächst lässt sich fragen, was die Zurschaustellung des wenig bekleideten Körpers bedeutet, und zwar für die Athletinnen selbst und für die Zuschauer/innen. Wenn Sportlerinnen im Bikini agieren, ist dies dann als Befreiung oder Sexualisierung zu werten? Welche Rolle spielt dabei die eigene Entscheidung, welche die Anpassung an die wirklichen oder vermeintlichen Wünsche des Publikums und der Massenmedien? Dabei dürfen die mit Spitzensportkarrieren verbundenen Zwänge nicht vergessen werden: Verberuflichungs- und Kommerzialisierungsprozesse erhöhten den Druck auf die Athletinnen, den Sport als Bühne für ihre Vermarktung zu nutzen - und wer im Sport und durch Sport verdienen will, muss sich dem Geschmack der Medien und der Massen anpassen. So beklagten Hochleistungssportlerinnen, dass Siege nicht genug seien. Frauen müssten vielmehr "gerade nach gewaltigen Anstrengungen gut aussehen, Charme versprühen und ‚erotische Ausstrahlung‘ verströmen" (FAZ 5.12. 1997). Sicher ist es aber auch die Lust, im Mittelpunkt zu stehen, beachtet oder sogar verehrt zu werden, die Athletinnen veranlasst, bei ihrer Präsentation ihre erotische Attraktivität mit ins Spiel zu bringen.

Wie ist die Sexualisierung der Athletinnen zu beurteilen? Die einflussreiche Women's Sport Foundation, die sich als Vertreterin der Athletinnen versteht, kritisiert, dass die Medien Frauen als Sexobjekte und Männer als Sportstars darstellen. Dies sei "a double standard that objectifies women. … The male or female athlete's decision to appear in this magazine (Esquire, d.V.) nude or semi-nude is one that reflects on her image. Does he or she wish to be remembered as an athlete or a model posing unclothed?" Sie betonte aber auch, dass nackte Haut, Waschbrettbauch und der Stolz auf einen muskulösen Körper an sich nicht mit Sexualisierung gleichzusetzen sind. Der Verband kam zu dem Schluß: "For the female, who has been the victim of portrayal as a nude or semi-nude sex object for many years, one would think that the decision to appear naked should be carefully considered, especially when her male counterpart is not similarly displayed. Why is this important? In the end she can't ignore the fact that she is most likely a role model for thousands, perhaps millions of young girls."19

Anmerkungen

1) Gertrud Pfister (1980): Frau und Sport. Frühe Texte. Fischer, Frankfurt.

2) Zit. in Pfister 1980, 244.

3) Eisenberg, Christiane (1999): "English sports" und Deutsche Bürger. Paderborn: Schöningh, 369

4) Vgl. Gertrud Pfister (2000): Women and the Olympic Games. In: Drinkwater, B. (Hrsg.): Women in Sport. Oxford, Blackwell, 3-19.

5) Vgl. die Biographien in Karen Christensen/Allen Guttmann/Gertrud Pfister (Eds.) (2001): International Encyclopedia of Women and Sport. 3 vol., Macmillan, New York.

6) Pfister 2000

7) Gertrud Pfister (1994): Beauty Awards versus Gold Medals - Olympic Women’s Sports Mirrored by the German Press (1928-1980), in: Ferenc Takacs (Ed.): The 100 Year History of Olympism in the Mirror of Sciences. Hungarian Sport University, Budapest, 25-36.

8) Vgl. zu den Schönheitsidealen im Wandel Psychologie heute, Special: Frauen Schönheit 1992. Handball wurde z.B. als zu hart für Frauen beurteilt. Frauen könnten bei diesem Spiel nur verlieren, der Preis der Emanzipation im Sport sei der Verlust der Weiblichkeit (FAZ, 26.08.1972, 10).

9) Lothar Quanz (1974): Der Sportler als Idol. Focus, Gießen, Focus Verlag.

10) Pfister 1994, 25-36.

11) Siehe u.a. Ilse Hartmann-Tews/Rulofs, Bettina (2002): Ungleiche (Re-)Präsentation von Sportlerinnen und Sportlern in den Medien? - Internationaler Forschungsstand und aktuelle Befunde. In Gertrud Pfister (Hrsg.): Frauen im Hochleistungssport. Czwalina, Hamburg, 27-40; Gertrud Pfister (2002): Das Kournikova-Syndrom. in: dies. (Hrsg.): a.a.O., 41-59. Zur weltweiten Entwicklung Alina Bernstein (2002): Is it time for a victory lap? Changes in the media coverage of women in sport; in: International review for the sociology of sport, vol. 37, 2002 (3-4), 415-428.

12) Bianka Schreiber-Rietig (2002): Wenn Barbie-Puppen in der Weitsprunggrube landen, in: Pfister (Hrg.) (2002), 19-27.

13) Leslie Heywood/Shari L. Dworkin (2003): Built to Win: the Female Athlete as Cultural Icon. University of Minnesota Press, Minneapolis, Minnesota.

14) 29.2.2000. Vgl. auch Nathalie Tauziat (2000): Les Dessous du Tennis Féminine. Plon, Paris.

15) Sports Illustrated, eine auf den Männersport konzentrierte Zeitschrift, gibt einmal jährlich eine "Swimmsuit Issue" heraus, in der Frauen als das "andere" Geschlecht dargestellt sind; vgl. Laurel R. Davis (1997): The Swimsuit issue and Sport. Hegemonic Masculinity in Sports Illustrated. Albany, State University of New York Press, NY.

16) Donna A. Lopiano gegenüber dem Sports Business Journal (August 2000); vgl. www.womensportsfoundation.org/cgi-bin/iowa/issues/rights/article.html . Zugriff zuletzt 31.3.2006.

17) Vgl. das Samstags-Magazin der Frankfurter Rundschau, 1.4.2006: Eine Modemacherin hatte die deutsche Fußball-Nationalelf in "elegante Klamotten" gesteckt und präsentierte mit den Kickern auch sich selbst.

18) U.a. Horst W. Opaschowski (1995): Neue Trends im Freizeitsport: Analysen und Prognosen. BAT-Freizeit-Forschungsinstitut, Hamburg, 22.

19) So der Newsletter der Women's Sports Foundation, Wosport Weekly, 13.9.2000.


Prof. Dr. Gertrud Pfister, vorher an der FU Berlin tätig, ist Hochschullehrerin am Institut für Sport und Sportwissenschaften der Universität von Kopenhagen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschichte des Sports und des Frauensports, Sport und Gender, Mediensport sowie Sport im internationalen Vergleich.

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