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Klaus Holzkamp

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Schnell und billig

15.05.2006: Sportartikel aus der Produktionshölle

  
 

Forum Wissenschaft 2/2006

In wenigen Wochen wird die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet. Lange schon rüsten Nike, adidas und Puma mit teuren Marketingkampagnen zum Endspurt im Milliardengeschäft. Im Schatten der Marketingstrategen stehen unzählige Frauen, die weltweit die teuer beworbenen Trikots nähen. Sandra Dusch Silva richtet Scheinwerfer auf sie.

Die WM ist nicht nur ein großes Sportereignis, sondern zunehmend auch ein großes Werbe-Event. Militärisch genau planen die WM-Ausrüster ihren Werbefeldzug, um möglichst viele Marktanteile zu gewinnen. Bei der Fußball-WM schicken die Sportartikelhersteller ihre Vertreter an den Start: die besten Fußballer der Welt. Schuhe und Trikots von adidas, Nike, Puma und Umbro unterscheiden sich qualitativ kaum. Produziert werden sie häufig in den gleichen Werkshallen in El Salvador, Indonesien und anderswo. Die Kaufentscheidung für das jeweilige Produkt erfolgt über das Image, über die Identifizierung mit den Stars der Fußball-Szene.

Und die Strategie geht auf: Wir alle wurden ZeugInnen, als der krasse Außenseiter Griechenland überraschend bei der Europameisterschaft 2004 siegte. Die Nachfrage nach den griechischen Trikots mit den drei Streifen war zeitweise so groß, dass sie ausverkauft waren. Das Absatzziel für die diesjährige WM ist von vorne herein hoch gesteckt: 1,5 Millionen Trikots und eine Million Paar Schuhe will adidas in den kommenden Monaten verkaufen. "Wir werden die WM zum Angriff nutzen", heißt es dazu in Herzogenaurach. Das Ziel: den Hauptkonkurrenten Nike überholen. "Wir wollen nicht auf Dauer die Nummer zwei bleiben", so der Vorstandsvorsitzende Herbert Hainer. Den Kampf um Marktanteile lässt sich adidas einiges kosten: 45 Millionen zahlte der Drei-Streifen-Konzern allein für den Titel "Offizieller FIFA-Sponsor". 100 MitarbeiterInnen sind fürs Marketing rund um die WM beschäftigt. Zum großen Schlag hat adidas bereits im Vorfeld der WM ausgeholt und Reebok, die Nummer drei, übernommen. Mit dem Reebok-Deal für 3,1 Milliarden Euro rückt adidas Marktführer Nike auf die Pelle und macht ihm vor allem auf dem heimischen US-Markt mächtig Konkurrenz.

Seit Monaten kursieren Gerüchte, dass Nike die verringerte Distanz zu adidas mit einer Übernahme von Puma kompensieren will. Doch diese Gefahr sieht Puma-Chef Jochen Zeitz nicht. Mit der größten Marketing-Offensive in der Geschichte Pumas will der Konzern die beiden Konkurrenten angreifen. "Aus den großen Zwei im Fußball werden die großen Drei", verkündete Zeitz hoffnungsvoll. Geht es nach der Zahl der gesponserten WM-Teams, hat Puma derzeit die Nase vorn. Das Unternehmen mit dem Raubkatzen-Logo rüstet 12 WM-Teilnehmer aus.

Spiel schön!

Weltmarktführer Nike setzt auf die Trumpfkarte Brasilien. Ronaldinho, Robinho, Ronaldo & Co. gelten als Top-Favoriten für die Titelkämpfe. Im Nike WM-Spot "Joga bonito!" ("Spiel schön!") verzaubert Ronaldo als kleiner Junge und später als großes Kind mit seinen Ballkünsten die KonsumentInnen. Bereits 2002 profitierte das Unternehmen vom Titelgewinn Brasiliens. Zur WM dürfte es ebenfalls wieder "in" sein, in brasilianischen Trikots herumzulaufen. Einen Zwischensieg hat Nike bereits bei den Olympischen Spielen errungen. Gemeinsam mit dem Lokalkonkurrenten Puma wurde erfolgreich die Werbestrategie von adidas durchbrochen. Zumindest bei den Olympischen Spielen dürfen die AthletInnen nicht mehr großflächig mit den drei Streifen werben. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) untersagte auch die kreative Lösung, die adidas bei den diesjährigen Wettkämpfen in Turin verfolgt hat, nämlich die digitalisierten Reihen mit der Ziffer drei, die aus der Ferne betrachtet wieder die bekannten drei adidas-Streifen ergeben.

Die Marketingkampagnen der Sportartikelhersteller funktionieren: Trotz Konsumflaute legten die Sportswearunternehmen im letzten Jahr deutlich zu. Weltmarktführer Nike mit einem Weltmarktanteil von 30 Prozent steigerte seine Umsätze 2005 um 12 Prozent auf 13,7 Milliarden US-Dollar und den Gewinn um 28 Prozent auf 1,2 Milliarden US-Dollar. Auch adidas konnte 2005 seinen Umsatz um 13 Prozent auf 6,6 Milliarden Euro und den Gewinn um 20 Prozent auf 383 Millionen Euro deutlich steigern. adidas verzeichnete 2005 mit 89 Prozent die höchsten Manager-Gehaltssteigerungen unter den 30 börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Und Vorstandschef Herbert Hainer gehört mit einem Gehalt von 4,17 Millionen Euro pro Jahr zu den bestbezahlten Managern der Landes.

Im Vorfeld der WM flimmern allabendlich die Werbeträger von Nike und adidas auf unseren Fernsehschirmen: Ronaldinho (Nike) und Beckenbauer (adidas) waren schon als Kind König und Kaiser des Fußballs und mit den jeweiligen Marken verbunden. Verstärkt versuchen die Unternehmen, auch ihr Engagement im Bereich Soziale Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility/CSR) medienwirksam zu platzieren. So wurde beispielsweise der Vorstandschef Herbert Hainer von der Umweltstiftung World Wildlife Fund und dem Magazin "Capital" zum "Ökomanager des Jahres" gekürt. In der Laudatio heißt es: "Er sorgt mit strikten Verträgen und Kontrollen dafür, dass seine mehr als 800 Zulieferfirmen in den Schwellenländern zu vertretbaren ökologischen und sozialen Bedingungen produzieren. Dort arbeiten 440.000 Menschen für adidas, das zweitgrößte Sportartikelunternehmen der Welt."

In unmittelbarer Reaktion darauf hat sich die Christliche Initiative Romero (CIR), eine Trägerorganisation der Kampagne für ‚Saubere‘ Kleidung (Clean Clothes Campaign, CCC) mit dem Pressesprecher des WWF, mit Jörn Ehlers, in Verbindung gesetzt. Auf die Nachfrage, nach welchen Kriterien die Jurymitglieder die für die CIR fragwürdige Entscheidung getroffen hätte, wurde deutlich, dass diese Auszeichnung ausschließlich auf ökologischen Kriterien basiert. Herr Ehlers betonte in dem Gespräch, es handle sich bei der Auszeichnung einzig um einen "Ökopreis". Wieso auch soziale Kriterien positiv in der Pressemitteilung Erwähnung fanden, konnte er nicht hinreichend klären. Diese Preisverleihung und die damit einhergehende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit führten zu einer Verwirrung der KonsumentInnen und stehen nicht im Einklang mit der Realität in den Zulieferfabriken von adidas.

Sportartikel made in hell

Die Arbeitsbedingungen in den weltweiten Zulieferbetrieben von adidas und den anderen Sportartikelherstellern sind immer noch prekär. Zwar haben alle WM-Ausrüster einen mehr oder weniger gut ausformulierten Verhaltenskodex. adidas, Nike sowie Puma lassen dessen Einhaltung regelmäßig von der Fair Labor Association (FLA) prüfen. Trotzdem sind Arbeitsrechtsverletzungen, wie der Fall Hermosa in El Salvador zeigt, weiterhin an der Tagesordnung.

Dieser Zulieferbetrieb von adidas, Nike und anderen Markenkonzernen wurde im Mai 2005 geschlossen. Über Jahre hinweg waren die vorwiegend weiblichen Beschäftigten in der Fabrik ausgebeutet worden. Als die NäherInnen versuchten, sich dagegen zu wehren, und sich gewerkschaftlich organisierten, wurden sie allesamt ohne die ausstehenden Lohnzahlungen und Abfindungen auf die Straße gesetzt. Seit nun fast einem Jahr harren die Frauen bei Wind und Wetter vor den Fabriktoren aus, um zu verhindern, dass die Maschinen abtransportiert werden, aus deren Verkauf ein Teil ihrer Abfindungen bezahlt werden könnte.

Seit 2000 hat die Christliche Initiative Romero (CIR) adidas auf die miserablen Zustände in dieser Fabrik aufmerksam gemacht. In regelmäßigen Abständen führten lokale Partner Untersuchungen in Hermosa durch. Die Resultate waren erschreckend: Die bakterielle Verschmutzung des Trinkwasser überstieg dort den offiziell zulässigen Grenzwert um 117 Prozent. Gewerkschaftsgründungen wurden repressiv verhindert. Der Arbeitsdruck war stets extrem, und die Entlohnung reichte nicht zum menschenwürdigen Überleben. Doch adidas wiegelte ab und verwies auf regelmäßige interne Kontrollen sowie Kontrollen über die FLA. Wie mangelhaft diese Kontrollen sind, wird nun deutlich: Der Fabrikbesitzer Montalvo steht mittlerweile in El Salvador vor Gericht, weil er den Beschäftigten die Sozialversicherungsabgaben zwar jahrelang vom Lohn abzog, sie aber nicht an die Versicherungsanstalten weiterleitete - ebenso wenig wie die Arbeitgeberanteile. Mehrere hunderttausend US-Dollar wurden so veruntreut. Und adidas behauptet, trotz seiner Kontrollen von all diesen Praktiken nichts gewußt zu haben. Waren die Kontrollen tatsächlich derart unzulänglich? "Die Kontrollbesuche von adidas waren stets angekündigt und gut vorbereitet. Vor dem letzten Besuch von adidas wurden wir über Lautsprecher informiert und erhielten Instruktionen für den Fall von Interviews," so eine ehemalige Hermosa-Arbeiterin. Dies erklärt, wieso adidas letztlich bei den Kontrollbesuchen keine Missstände hatte feststellen können.

Der Fall Hermosa steht stellvertretend für unzählige andere Fälle von Arbeitsrechtsverletzungen, die täglich in den Zulieferfabriken stattfinden. Bereits seit den 70er Jahren wird der größte Teil der arbeitsintensiven Produktion von Bekleidung und Sportswear in Ländern des Südens und in Osteuropa gefertigt. Unzählige Arbeitsplätze wurden in den Industrieländern abgebaut und in die Entwicklungs- und Transformationsländer verlagert. In über 160 Ländern wird unsere Kleidung in 2.000 Freien Produktionszonen (FPZ) mit mehr als 100 Millionen Beschäftigten hergestellt. Die FPZ sind extraterritoriale Enklaven, die mit Zäunen vom Umland getrennt werden und quasi zum "Zollausland" gehören. Die ersten FPZ gab es bereits 1950 in Irland, seit Ende der 60er Jahre auch in Nordmexiko und Asien. In den FPZ sind die Betreiber großzügig von Steuern befreit; vor allem die Unternehmens- und Einkommenssteuern müssen sie nicht abführen. Zollfrei können beispielsweise Rohstoffe und Maschinen importiert werden, und es gibt sehr geringe Umwelt- und Sozialauflagen. Selbst die Infrastruktur wird den Betreibern zu Verfügung gestellt; Energie und Wasser können sie zu Vorzugspreisen erwerben.

Maquila-Boom in Mittelamerika

Die Länder erhofften, durch die Ansiedlung der Maquila-Industrie die hohe Arbeitslosenquoten zu senken. In Nicaragua beispielsweise ist heute die Bekleidungsindustrie der größte industrielle Arbeitgeber des Landes. Rechnet man die Familienangehörigen der direkt in den Maquilas Beschäftigten und die Nebenbeschäftigungen mit ein, hängen rund eine Millionen EinwohnerInnen Nicaraguas, also 20 Prozent der Gesamtbevölkerung, von diesem Sektor ab.

Der Boom der Maquila-Bekleidungsindustrie setzte in Mittelamerika erst in den 90er Jahren ein, nachdem in der Region die Friedensverträge in Kraft getreten waren. Im Kontext des weltweiten Quoten-Systems des Welttextilabkommens der Welthandelsorganisation WTO siedelten sich insbesondere asiatische Unternehmen an, die die Länderquoten in ihrer Heimatregion ausgeschöpft hatten. Sie suchten den Produktionsstandort Mittelamerika auf, da dieser Marktnähe und präferenziellen Marktzugang zu den USA bot. Und auch heute, ein Jahr nach Auslaufen des Welttextilabkommens und ein Vierteljahr nach Verabschiedung des Freihandelsvertrags CAFTA mit den USA, muss die Region (noch) nicht die chinesische Konkurrenz fürchten. Jedoch nutzen die Betreiber der Maquilas die bestehenden Ängste vor dem Schreckgespenst China, um die ArbeiterInnen zu noch mehr Eile zu drängen.

Damit die Konzerne bei auftretenden Missständen nicht einfach ihre Handelsbeziehungen mit einem in die Kritik geratenen Zulieferbetrieb abbrechen, fordert die CCC keinen Boykott der Marken. Durch die enge Zusammenarbeit mit Organisationen im Süden, beispielsweise den Frauenorganisationen MEC in Nicaragua und MAM in El Salvador, weiß die CCC um die zentrale Bedeutung, die es für die ArbeiterInnen hat, dass sie ihre Arbeitsplätze behalten, selbst wenn sie nur gering bezahlt werden. Die CCC übt deshalb Druck aus auf die Auftraggeber, die multinationalen Konzerne, damit diese ihre Verantwortung für die Produktionsbedingungen akzeptieren und dazu gebracht werden, für die Einhaltung der Arbeitsrechte zu sorgen. Der Hebel, den die CCC ansetzt, ist das Image. Sie nutzt die Angst vor Negativschlagzeilen, um die Konzerne zur Einhaltung der Normen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zur Zahlung von "existenzsichernden Löhnen" ("living wage") und zur Durchführung eines unabhängigen Monitorings zu drängen, das auch lokale AkteurInnen einbezieht. Zudem fordert die CCC die Entwicklung und Umsetzung einer glaubwürdigen Politik zur Verbesserung der Arbeitsrechte. Dazu gehören vor allem auch andere Einkaufspraktiken, die nicht die Ausbeutung der Beschäftigten fördern. Zentral ist der CCC dabei ein branchenweiter Ansatz. Sie arbeitet auf drei Ebenen: mit exemplarischen Recherchen in den Produktionsländern, öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Gesprächen mit den Firmen. Im Fall Hermosa wird diese Arbeitsweise deutlich: Die CCC hat in El Salvador recherchiert, daraufhin auch eine ehemalige Näherin, Estela Ramirez, nach Deutschland eingeladen und auch das Gespräch mit adidas gesucht. Bisher erfolglos.

Clean Clothes Campaign

Doch kann die CCC, die sich 1989 in den Niederlanden gründete, bisher viele Erfolge vorweisen. Heute sind in der Kampagne weltweit über 300 Organisationen aktiv. Seit 1996 gibt es einen Ableger der Kampagne auch in Deutschland: die Kampagne für ‚Saubere‘ Kleidung. Die Christliche Initiative Romero (CIR) gehört zu den InitiatorInnen der deutschen Sektion. Durch jahrelange und konsequente Kampagnearbeit wurden Verbesserungen insbesondere bei sichtbaren Arbeitsrechtsverletzungen erreicht. In El Salvador wurden beispielsweise obligatorischen Schwangerschaftstests bei der Einstellung abgeschafft. Doch bei nicht sichtbaren Verletzungen, wie Gewerkschaftsfreiheit, Diskriminierung und sexueller Belästigung gab es kaum Veränderungen. - Einen erfolgreichen Unternehmensdialog dagegen gab es mit dem Naturtextilversender Hess Natur. Nach einem zweijährigen Pilotprojekt mit der CCC wurde Hess Natur Mitglied in der Fair Wear Foundation (FWF). Die von der CCC mitgegründete FWF steht für gründliche, glaubwürdige Kontrollen und die Einbeziehung der ArbeiterInnen. Der Naturtextilversender unterzieht sich als erstes Unternehmen in Deutschland diesem aufwendigen Procedere. Damit es letztlich auch bei adidas, Nike und Co. in diese Richtung geht, bedarf es noch vielen Drucks der KonsumentInnen - nur so zeigen Konzerne sich gesprächsbereit. Bei adidas, Nike und Co. handelt es sich um Aktiengesellschaften. Bei ihnen gilt einzig die Maxime "Was kostet es - was bringt es?". Daher gibt es für die CCC allen Grund - und mit ihnen für SportkleidungsträgerInnen und andere, die Produkte made in hell in Gebrauch nehmen und haben -, den Druck auf die Konzerne weiter auszubauen.


Sandra Dusch Silva ist Politologin. Sie arbeitet hauptberuflich bei der Christlichen Initiative Romero (CIR) und koordiniert die WM-Aktivitäten der Clean Clothes Campaign (CCC). Informationen zu den geplanten Aktionen, u.a. zu einer an den adidas-Ökomanager Hainer gerichteten Postkarten-Aktion (downloadbar), finden Sie unter www.ci-romero.de .

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