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Klaus Holzkamp

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Der Text ist Literatur …

15.05.2006: … ist Kultur ist der Text

  
 

Forum Wissenschaft 2/2006

Schon länger fechten Beteiligte einen Streit darüber aus, ob die traditionelle Kategorie der Literaturwissenschaft aufrecht zu erhalten sei oder ob es mehr Sinn mache, von Kulturwissenschaften zu sprechen, zu denen die Literaturwissenschaft gehöre. Werner Jung blättert Fassetten der Auseinandersetzung auf anhand der Frage, was eigentlich ein Text sei, und bezieht Position.

All kinds of everything hiess einmal ein englischer Popsong der späten 1960er, frühen 70er Jahre, zu deutsch bzw. in der entsprechenden Schlagerversion: Alles und noch viel mehr. Offensichtlich sind nicht nur in der Nacht alle Katzen grau - denn auch im hellen Tageslicht verwischen sich die deutlichen Konturen: Wollen doch alle unterschiedslos den Katzen an die Wäsche (auch wenn sich zuweilen Hunde darunter mischen). D.h.: die ganze Welt ist Text und damit lesbar, jeder Text selbst ein kulturelles Produkt, ebenso wie jedem vorfindbaren Kulturdokument Textstrukturen eingeschrieben sind. O je! Dies, hat es den Anschein, ist die gegenwärtige Situation des eigentümlichen Gegenstands der Literaturwissenschaften gleich welcher Provenienz und Nationalphilologie auch immer. Dabei sollte doch Grundvoraussetzung von allem Anfang an sein, dass jede Wissenschaft mit der Setzung oder Konstruktion eines eigenen Gegenstands beginnt, der dann gleichsam von allen Seiten und hinsichtlich verschiedenster Relationen bedacht wird, etwa innerhalb der Trias von Autor - Text - Leser.

Der Text …

Doch ist, wenn man die breite Diskussion der letzten Jahre, insbesondere seit Beginn der 90er Jahre, ebenso in der Wissenschaft/Disziplin wie im gelehrten Feuilleton verfolgt hat, alles den Bach hinuntergegangen: das Werk, der Text, der Autor und seine Leser. Name it. Statt dessen ein hegelsches "Wimmeln vor Willkür". Vornehmer und zugleich zurückhaltender ausgedrückt, wie es einer "Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft" zusteht, heißt das: seit den 90er Jahren sei eine kulturwissenschaftlich ausgerichtete Literaturwissenschaft (und Germanistik) mit starker interdisziplinärer Ausrichtung dabei, den "fachlichen Gegenstandsbereich" zu erweitern.1

Das mag nun, wie sogleich kritisch eingewendet werden könnte, beileibe nicht neu sein, doch hat es immerhin schon solch dramatische Ausmaße angenommen, dass sich etwa der ebenso geschätzte wie wegen seiner Philippica verachtete Karl Heinz Bohrer zu einem neuerlichen Rundumschlag herausgefordert sah. Unter dem Titel "Literatur ist nicht Kultur" hielt Bohrer seine Dankrede anlässlich der Verleihung des Großen Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, in der er zur Rückbesinnung auf eine originäre Literatur-Wissenschaft auffordert. Während die grassierende Kulturwissenschaft "Literatur als Beispiel für soziokulturelle Fakten" benutze, müsse die Literaturwissenschaft, "die den Namen verdient", "die absolute und prinzipielle Differenz zwischen Geschichte/Realität einerseits und Literatur andererseits" festhalten. Die Autonomie, der Bohrer das Wort redet, fordert dann geradezu gebieterisch andere Umgangs- und Rezeptionsweisen als Aneignungsformen, die Kunst und Literatur mit externen, gesellschaftlich-geschichtlichen Faktoren "verrechnen". Wobei Bohrer seine Argumentation politisch noch dahingehend zuspitzt, dass er der Kulturwissenschaft und ihren Vertretern vorhält, den freiwilligen Kotau vor einer nachwachsenden, ästhetisch und auch anderweitig ungebildeten Generation zu machen: "Die Aktualität der Kulturwissenschaft ist also keineswegs einem fälligen Paradigmawechsel geschuldet, sondern einem politisch erzwungenen Wechsel von viel banalerer Natur: der Rücksichtnahme oder genauer: dem vorauseilenden Gehorsam einer handzahmen Professorenschaft gegenüber der ideologischen Kulturbürokratie und gegenüber dem nachbürgerlichen studentischen Milieu, denen beiden die Komplexität der griechischen Tragödie, der Sprache Heinrich von Kleists und der Reflexion Baudelaires nicht mehr zuzumuten ist."2

Starker Tobak, der seine zusätzliche Schärfe und Würze aus den vielfältigen Angriffen auf die Gestalt eines Textes und deren De(kon)struktionen bezieht. Ob freilich die pure Voraussetzung - also im Sinne Hegels eine Setzung als Nicht-Setzung - von Literatur etwa in Gestalt eines unhinterfragten Kanons genügt, sei dahingestellt. Und auch die Frage des von Bohrer zitierten Mediävisten Walter Haug: "Warum (…) darf eigentlich Literaturwissenschaft nicht Literaturwissenschaft sein?", ist zwar überaus berechtigt, allerdings solange nicht zureichend beantwortet, solange der Gegenstand unklar bleibt. Haugs inhaltlicher, aufs Anthropologische zielender Feststellung ist dagegen kaum zu widersprechen: "Die Literatur verdankt ihre Existenz der Tatsache, dass es unlösbare Probleme gibt. Sie findet ihren eigentlichen Sinn darin, in Aporien hineinzuführen, sie bewusst zu halten."3 Wie wahr, wie richtig und wie weit zugleich auch wieder von Bohrers Ästhetizismus entfernt, wenn Haug u.a. vom "anthropologischen Grundproblem"4 spricht, worin es im literarischen Text auch geht. - Doch was ist der literarische Text denn nun eigentlich?

… ist Literatur

Wenn ein Text als literarischer gelten soll, dann muss er ebenso rand- wie tiefenscharf gefasst werden; dann müssen nämlich zunächst Textmerkmale, dann auch Merkmale seines literarischen Charakters bestimmt werden. Hier bewähren sich nicht nur linguistische und semiotische Theorien, sondern es gelangen wiederum altehrwürdige Traditionen von der Rhetorik und Poetik bis zur Ästhetik zu ihrem Recht. Das heißt: Die Textualität, d.h. die Fixiertheit zumeist in schriftlicher, zunehmend auch wieder anderer medialer Form, samt politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen (Stichwort: Urheberrecht) muss geklärt sein, um anschliessend nach dem ästhetisch-poetischen Mehrwert dieses so bezeichneten Textes zu fragen. Es liegt auf der Hand, jene Disziplinen und ihr Methodenarsenal aufzurufen, die den Text als "Struktur" und "Zeichen" beschreiben; darin jedenfalls hat Martina Wagner-Egelhaaf die Gemeinsamkeit solch verschiedener Ansätze wie Hermeneutik und Werkimmanenz, Formalismus und Strukturalismus bis hin zu poststrukturalistisch-dekonstruktivistischen Überlegungen gesehen. Diese Merkmale nehmen also das Textinnere in den Blick - und dabei darf die starke Behauptung Derridas in Verlängerung strukturalistischer Reflexionen, es gebe gar kein Textäußeres, mit guten Gründen bestritten werden.

Der Text als Zeichen bzw. weitergehend als Zeichengewebe oder "Netz" (Roland Barthes), das in der Regel Konventionen unterworfen ist, Mitteilungs- und Aufforderungscharakter hat und im weitesten Sinne auf Kommunikation und Anschlusshandeln verweist, muss als literarischer Text auf seine Spezifität hin, d.h. auf seine Differenz zum Gewöhnlichen, Vertrauten, Alltäglichen in Augenschein genommen werden. Hier stehen die bekannten Kandidaten wie rhetorische Figuren, poetologische und auch linguistische Begriffe bereit, deren Gesamtheit auf so etwas wie ‚Verfremdung‘ mittels Metapher und Metonymie zielt. Die konkrete Form-Inhalt-Dialektik eines jeden Textes, nach der Form immer nur Form eines bestimmten Inhalts ist (Georg Lukács), transzendiert zugrundeliegende Alltags-Realität. Dies darf man durchaus auch terminologisch in der Sprache geschichtsphilosophischer Ästhetiken als Utopie bezeichnen: Etwas wird anders gesehen, bezeichnet, gedeutet. Mag dies bloß eine Irritationen auslösende, am Tag hell brennende Lampe sein (Dieter Wellershoff) oder mag es sich dabei um jene den Vorschein von ungelebtem Leben ausdrückenden großen Kunstwerke (Ernst Bloch) handeln - ‚plötzlich‘ geht einem da ein Licht auf, und ‚im Moment‘ wird die Stetigkeit des Routinierten unterbrochen: ‚Ach, so ist das - so kann man das auch sehen/ausdrücken!‘ Ein Plädoyer für das hegelsche ‚auch‘. Etwas - unbestimmt was - ist nicht etwas, sondern vielmehr ein Feld zahlloser (Bestimmungs-)Momente und (Beziehungs-)Elemente.

Wir können auch mit dem Hermeneutiker Paul Ricoeur, der ganz allgemein als Text "jede(n) schriftlich fixierte(n) Diskurs"5 bezeichnet hat, hinsichtlich des literarischen Textes davon sprechen, dass in ihm eine Welt entworfen wird - an vornehmster Stelle im literarischen Werk folgendermaßen: "Ein Werk spiegelt nicht nur seine Zeit, sondern es erschließt eine neue Welt, die es in sich trägt."6 Das geschieht, wie Ricoeur in einer Vielzahl von Arbeiten gezeigt hat, vor allem mit den Mitteln der Metaphorik, denn in der Metapher, so Ricoeur in direktem Anschluss an die aristotelische Poetik, ‚feiert‘ die Sprache geradezu.7 Dies könnte als Mindestanforderung für die Ästhetizität von Texten gelten. So kann man auch behaupten, dass die Wirkung literarischer Texte solange in der Zeit andauert, solange sie immer wieder neu und anders gelesen werden können. Dies ließe sich mühelos anhand kanonischer Werke der Weltliteratur zeigen.

Der junge, von Kant inspirierte Georg Lukács hat in seiner geplanten Habilitationsschrift den Begriff des ‚Schemas möglicher Inhaltserfüllung‘ geprägt, um diesen Sachverhalt auszudrücken.8 Der Text müsse nicht zuletzt aufgrund seines metaphorischen Charakters, also der herausgehobenen feierlichen Sprachstellung, als besonderes Allgemeines gesehen werden, das Anlass zu zeitüberdauernden bzw. -resistenten Beschäftigungen gebe. Oder, um es mit einem Aphorismus Wilhelm Raabes auszudrücken: "Wahre Dichtungen halten der Zeit den Spiegel nur insofern vor, dass sie die Zeit in der Ewigkeit sich spiegeln lassen."9

… ist Kultur

Der Text ist als literarischer Text und weit mehr noch als literarisches Werk, das zwar ‚dauerhaft fixiert‘ (Wilhelm Dilthey), aber dennoch niemals statuarisch in sich ruhend vor unseren Augen steht, auf seine verschiedenen Zeitrelationen hin zu befragen. Mag er nun Ausdruck von der Zeit oder auch Protest gegen die Zeit seiner Entstehung sein, bezogen ist er allemal darauf, denn Zeit bildet den Hintergrund und Kontext, die Umwelt des Textes. Er ist in sie hineingebildet und partizipiert an ihr im Wort wie in der Gesamtheit der in ihm akkumulierten Wissensformen. Deshalb kann er auch nur in und aus seiner Zeit heraus verstanden werden - oder eben auch nicht verstanden werden: dann nämlich, wenn seine Konstitutionsbedingungen völlig außer acht gelassen werden.

An dieser Stelle darf auf eine Begriffsfassung Niklas Luhmanns hingewiesen werden, der vorgeschlagen hat, den ansonsten von ihm selten gebrauchten Begriff der Kultur als ‚soziales Gedächtnis‘ zu bezeichnen. Für Luhmann entsteht Kultur freilich erst in der Moderne, d.h. in einer Situation, "in der die Gesellschaft so komplex geworden ist, dass sie mehr vergessen und mehr erinnern und dies reflektieren muss und deshalb einen Sortiermechanismus benötigt, der diesen Anforderungen gewachsen ist."10 Doch was spricht dagegen, den Kulturbegriff nach hinten in die Geschichte der Menschheit zu verlängern, vor allem dann, wenn man mit dem deutschen Idealismus und seinen materialistischen Wiedergängern die Formen der Kunst, das gesamte Kunstsystem mit seiner Semantik, als Konkretisationen und Objektivationen von Kultur als dem Gedächtnis der Menschheit begreift? Nichts spricht dagegen. Und genau hier ist das Einfallstor jenes numinosen Disziplinenbündels zu verorten, das mehr schlecht als recht neuerdings mit Kulturwissenschaft(en) bezeichnet wird. Dessen Pendelausschläge reichen von der literarischen Anthropologie über Handlungs- und Wahrnehmungstheorien, Gender Studies und Gedächtnistheorien bis zur Intertextualität.11

Zu Recht kann sich die Kulturwissenschaft darauf berufen, dass die Literatur, der literarische Text, das literarische Werk, insofern "eine wesentliche kulturelle Funktion" erfüllt, als sie etwas leistet, "was andere Diskurse nicht leisten können", dass sie beispielsweise in Texten des 19. Jahrhunderts "schon ein individuelles, personenspezifisches ‚Unbewusstes‘" zeigen kann, "das der Ort von ‚Verdrängungen‘ sein kann, lange bevor der psychologische Diskurs ein solches Konzept entwickelt und im Unterschied zur Literatur expliziert und systematisiert."12 M.a.W.: Literatur ist weit mehr noch denn bloßer Ausdruck von Kultur, von kulturellem Gedächtnis also. Sie ist vielmehr konstitutiver und formativer Bestandteil jedweder Kultur, mithin durchaus kulturelle Antizipation. "Die Rede über die Kultur", so Georg Bollenbeck in wünschenswerter Deutlichkeit, "(im Sinne des Deutungsmusters) und die Rede über die Kunst lassen sich nicht trennen."13

Doch heißt das nun auch notwendigerweise, dass Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft neu und umgeschrieben werden muss, dass wir gar vor einem neuen Paradigma stehen? Ein doppeltes Nein! Zum einen ist historisch daran zu erinnern, dass bereits im Umfeld des Neukantianismus an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und der Überlegungen zur Unterscheidung verschiedener Wissenschaftstypen - der Naturwissenschaften als harte nomothetische Wissenschaften, der Geisteswissenschaften als verstehende und deutende, also "weiche" Wissenschaften - Wilhelm Windelband, Heinrich Rickert und Wilhelm Dilthey, aber auch Georg Simmel und Georg Lukács, später dann Ernst Cassirer ganz ähnliche Reflexionen angestellt haben. Schon Rickert hat die Geisteswissenschaften seiner Zeit als "Kulturwissenschaften" bezeichnet, die als "historische Wissenschaften" die einmalige Entwicklung und Besonderheit spezifischer Objekte in den Blick nehmen.14 Zum anderen ist systematisch zu bemängeln, dass "obgleich z.T. auf höherem methodischen Niveau" noch keine Methodologie ausgearbeitet worden ist. Im Gegenteil: Der glückliche Positivismus des jungen Foucault feiert fröhliche Urständ. Es handelt sich um ‚bricolage‘, was gar nicht einmal abfällig gemeint ist, bestenfalls um einen "Werkzeugkasten"15, zu dessen Inventar vor allem die Interdisziplinarität gehört; darin scheint wohl der besondere Reiz zu bestehen.16 Allerdings "spricht nichts dafür, dass mit Kulturwissenschaft schon ein neues methodisches oder theoretisches Paradigma gemeint sein könnte, noch gar eines, das die Internationalisierung der Literaturwissenschaft vorantreiben würde."17

… ist der Text

Ganz im Gegenteil. Es spricht vielmehr einiges dafür, die Kulturwissenschaften oder ‚cultural studies‘ als Textwissenschaft zu begreifen, da eine eindeutige Textzentriertheit18 festzustellen ist. Viele VerfechterInnen des Konzepts der Kulturwissenschaften nicht nur im deutschen Raum formulieren dies auch explizit so.19 Die Kultursemiotik geht davon aus, sie noch weiter fassend, "dass alle kulturellen Produkte als Texte betrachtet werden können." Damit wären wir wieder bei unserem Ausgangspunkt angelangt: der Frage nach dem Text. Ohne jede Gehässigkeit oder Besserwisserei, die in der Einschätzung liegen mag, dass es sich bloß um alten Wein in neuen Schläuchen handelt - die kritische Frage muss weiter gestellt bleiben, worin denn die eigentümliche Besonderheit dessen besteht, womit sich Kulturwissenschaften beschäftigen, und wie der Gegenstand des nur vage als Kultur Bezeichneten zu fassen bzw. zu beschreiben sein kann. Vorschläge dazu liegen mit Ausnahme der Arbeiten Moritz Baßlers20 noch kaum vor.21

Gewiss sind die Einsprüche gegen allzu emphatische oder gar auratisierende Konzepte in den traditionellen Literatur- und Kunstwissenschaften angebracht. Und ebenso sicher müssen die Literatur- und Kunstwissenschaften ihre Gebiete immer wieder neu vermessen, müssen Grenzen übertreten werden. Doch geschieht dies nicht eben auch seit eh und je?! Wen will da z.B. Peter Brenner eigentlich noch treffen mit der Invektive: "Literatur hat ihre Eigenheiten; aber etwas Besonderes ist sie nicht."22 Nein - das wird wohl niemand mehr so behaupten. Doch die "Eigenheiten" bleiben eben weiterhin und sie harren der Erklärung. Angesiedelt sind sie, scheint mir, im Spannungsfeld dessen, was seit Schleiermacher und der (Früh-)Romantik das ‚individuelle Allgemeine‘ genannt wird und was der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin in seinen Überlegungen zum Textbegriff durchaus im Rückgriff auf den deutschen Idealismus und die Geistesgeschichte einerseits ebenso wie auf den linguistischen Strukturalismus andererseits in der Doppelstruktur des Textes als Ausdruck des Systems einer Sprache und zugleich als individuelle, einzigartige und unwiederholbare Äußerung gesehen hat.23

Möglicherweise kann man sokratisch die Lösung des Problems darin sehen, dass unter dem Strich die neu angestoßene Diskussion für die jeweils blinden Flecken auf beiden Seiten zunächst einmal sensibilisiert, vielleicht sogar zu fruchtbaren Ergänzungen führt, in dem Sinne, dass sich "die ‚kulturwissenschaftliche Erweiterung der Textwissenschaften" (Bachmann-Medick) und eine text- und zeichenwissenschaftliche Erweiterung der Kulturwissenschaft wechselseitig" ergänzen können.24

Aber was ist denn nun eigentlich ein Text?

Anmerkungen

1) Benedikt Jeßing/Ralph Köhnen (Hg.): Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Stuttgart-Weimar 2003, S. 262. Ganz ähnlich jetzt auch bei: Jürgen H. Petersen/Martina Wagner-Egelhaaf (Hg.): Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft. Ein Arbeitsbuch. 7., vollst. überarb. Aufl., Berlin 2006, S. 221f.

2) Karl Heinz Bohrer: Literatur ist nicht Kultur. Zur Verteidigung einer Disziplin, in: SZ, Nr. 251, 31.10.2005.

3) Walter Haug: Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. 73. 1999. S. 69-93, S. 87.

4) Ebd. S. 88.

5) Paul Ricoeur: Was ist ein Text? Erklären und Verstehen, in: Rüdiger Bubner u.a. (Hg.): Hermeneutik und Dialektik. Hans-Georg Gadamer zum 70. Geburtstag. Tübingen 1970. Bd. 2. S. 181-200, S. 181.

6) Paul Ricoeur: Der Text als Modell: hermeneutisches Verstehen, in: Stephan Kammer/Roger Lüdeke (Hg.): Texte zur Theorie des Textes. Stuttgart 2005. S. 187-207, S. 206.

7) Paul Ricoeur: Die lebendige Metapher. München 1986.

8) Vgl. dazu: Georg Lukács: Heidelberger Philosophie der Kunst (1912-1914). In: Ders.: Werke. Bd. 16. (Hg.) Frank Benseler. Darmstadt und Neuwied 1974, sowie Georg Lukács: Heidelberger Ästhetik (1916-1918). In: Ders.: Werke. Bd. 17. (Hg.) Frank Benseler. Darmstadt und Neuwied 1974.

9) Wilhelm Raabe: Sämtliche Werke. Dritte Serie. Band 6. Hastenbeck/Altershausen/Nachlese. Leipzig o. J. S. 584.

10) Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bde. Frankfurt/M. 1997, S. 588.

11) Markus Fauser: Einführung in die Kulturwissenschaft. Darmstadt 2004. Dazu auch die verschiedenen Beiträge im Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft 1997 (darin die verschiedenen Beiträge auf die von Wilfried Barner gestellte Frage: "Kommt der Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden?". S. 458-507) sowie im Themenheft "Germanistik als Kulturwissenschaft." (Hg.) Ute von Bloh und Friedrich Vollhardt, in: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes. 46. Jg., H. 4, 1999. S. 479-585.

12) Michael Titzmann: Kulturelles Wissen - Diskurs - Denksystem. Zu einigen Grundproblemen der Literaturgeschichtsschreibung, in: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur. 99. 1989. S. 47-61, S. 59.

13) Georg Bollenbeck: Tradition, Avantgarde, Reaktion. Deutsche Kontroversen um die kulturelle Moderne 1880-1914. Frankfurt/M. 1999. S. 20.

14) Markus Fauser: Einführung in die Kulturwissenschaft. Darmstadt 2004, S. 15.

15) David Morley, zitiert nach Rolf Lindner: Die Stunde der Cultural Studies. Wien 2000, S. 84.

16) Ebd. S. 114. Vgl. auch Fotis Jannidis: Literarisches Wissen und Cultural Studies, in: Martin Huber/Gerhard Lauer (Hg.): Nach der Sozialgeschichte. Konzepte für eine Literaturwissenschaft zwischen Historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie. Tübingen 2000. S. 335-357, S. 335.

17) Martin Huber/Gerhard Lauer (Hg.): Nach der Sozialgeschichte. Konzepte für eine Literaturwissenschaft zwischen Historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie. Tübingen 2000, S. 9.

18) Vgl. Lindner. a.a.O., S.79.

19) G. Bentele, zitiert nach Carsten Lenk: Kultur als Text. Überlegungen zu einer Interpretationsfigur, in: Renate Glaser/Matthias Luserke (Hg.): Literaturwissenschaft - Kulturwissenschaft. Positionen, Themen, Perspektiven. Opladen 1996. S. 116-128, S. 119.

20) Moritz Baßler: Die kulturpolitische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissenschaftliche Text-Kontext-Theorie. Tübingen 2005.

21) Claus-Michael Ort: Was leistet der Kulturbegriff für die Literaturwissenschaft? Anmerkungen zur Debatte, in: Germanistik als Kulturwissenschaft. (Hg.) Ute von Bloh, Friedrich Vollhardt. Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes. 46. Jg., H. 4. 1999. S. 536f.

22) Peter J. Brenner: Was ist Literatur?, in: Renate Glaser/Matthias Luserke (Hg.): Literaturwissenschaft - Kulturwissenschaft. Positionen, Themen, Perspektiven. Opladen 1996. S. 11-47, S. 37.

23) Michail Bachtin: Das Problem des Textes, in: Texte zur Theorie des Textes. (Hg.) Stephan Kammer/Roger Lüdeke. Stuttgart 2005. S. 172-183, S. 175.

24) Claus-Michael Ort, a.a.O., S. 541.


Prof. Dr. Werner Jung ist Hochschullehrer für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft am Fachbereich Geisteswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Seine Schwerpunkte sind Literatur des 18. bis 20. Jahrhundert, v.a. Gegenwartsliteratur, Ästhetik, Poetik und Literaturtheorie. Zudem ist er aktiv in der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft (www.lukacs-gesellschaft.de ) und Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

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