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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Wissen und Handeln

15.05.2008: Gesellschaft - Ökonomie - Handeln: eine Gedankenskizze

  
 

Forum Wissenschaft 2/2008

Ideen einer existierenden oder entstehenden "Wissensgesellschaft" sind nicht schiere Phantasmen. Sie haben einen - wenn auch jungen - geschichtlichen Hintergrund. Freilich lassen auch sie sich mit älteren Kategorien und Begriffen erfassen und begreifen sowie mit anderen Formen und Ergebnissen produktiver Tätigkeit, anderen Arbeitsformen und -ergebnissen zusammen denken. Frieder Otto Wolf denkt sie zusammen - auch mit Folgen für das praktische Machen von Politik.

Die Debatte über "Wissensgesellschaft" ist offenbar historisch mit dem Aufstieg und Fall der New Economy verknüpft gewesen. In deren Verlauf entstand zunächst der Eindruck, eine ,Immaterialisierung' der Wirtschaft könnte zu einem andauernden Aufschwung ohne Krisenzyklus führen. Das Zerplatzen der Börsenblase führte mit einer gewissen Verzögerung auch zu einer kritischeren Diskussion der erwarteten ,Neuheit' der wissenszentrierten ,immateriellen Produktion'. Diese Diskussion übersieht nun allerdings zum Teil, dass die Bedeutung von Wissen, Wissenschaft und wissensbezogenen Technologien (Expertensysteme, Computerisierung, online-Vernetzung) in der Tat in praktisch allen Zweigen der formellen Erwerbswirtschaft stark zugenommen hat - und damit auch die Bedeutung eines darauf bezogenen Forschungs-, Entwicklungs- und Beratungssektors. Zwar ist nicht davon auszugehen, dass diese auf die Innovationen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien gestützte Veränderung die ,klassischen' Probleme der einzelwirtschaftlich betriebenen und marktgesteuerten Privatwirtschaft (private business enterprise) hinter sich gelassen hätte. Aber es ist sorgfältig zu prüfen, inwiefern und inwieweit damit erhebliche Modifikationen und veränderte Erscheinungsformen dieser private business enterprise (die Karl Marx bekanntlich als ,kapitalistische Produktionsweise' analysiert hat) weiterhin wirksamer struktureller Probleme von Krisenprozessen und Herrschaftseffekten verbunden sind.

Grundfragen

Die Debatte ist zunächst unübersichtlich geworden. Um einen verlässlichen Überblick über sie zu gewinnen, bieten sich auf dem gegenwärtigen Stand eine Reihe vorläufiger Begriffsbestimmungen an.

Als Wissen sind zunächst alle sachlichen (gegenständlichen oder auch reflexiven) Einsichten zu begreifen - unabhängig von der Artikulations- und Vermittlungsform, in der sie dargeboten werden. Auf diese Weise geraten nicht nur wissenschaftlich bzw. wissenschaftsförmig erarbeitete Wissensbereiche in den Blick, sondern der gesamte Bereich auch der erfahrungsbasierten Wissensformen, die die produzierenden Subjekte etwa als ProduzentInnenwissen in der Praxis erwerben und kommunizieren. Mit diesem Begriff lässt sich der Prozess der Verwissenschaftlichung und insbesondere der Digitalisierung von Produktionsprozessen als eine spannungsvolle Transformation von der Ausrichtung an Praxiswissen zur Implementierung von Ingenieurswissen begreifen - und auch die wachsende Rolle von Beratung und Beratungsbedarf erklären. Dabei ist als zweiter Schritt zwischen impliziten und explizitem Wissen zu unterscheiden - was allerdings nicht vorschnell gleichzusetzen ist mit kommunizierbarem und nicht kommunizierbarem Wissen.

Als Wissensarbeit sind vor diesem Hintergrund alle diejenigen Bereiche der gesellschaftlichen Gesamtarbeit zu begreifen, in denen die arbeitsteilige Erarbeitung, Kommunikation, Vermittlung und Aneignung von explizitem Wissen im Vordergrund steht - d.h. durchaus auch bestimmte Bereiche der individuellen Eigenarbeit, denen gegenüber die professionelle Wissensarbeit abzugrenzen ist, auf die sie aber auch immer angewiesen ist.

In diesen Prozessen der Wissensarbeit und ganz allgemein in ihrer Umsetzung in Erwerbsarbeit spielen die besonderen Formen und Inhalte des Wissensbewusstseins eine wesentliche Rolle. In ihnen beziehen sich die beteiligten Subjekte auf diese Prozesse. Dabei ist vor allem danach zu unterscheiden, wie selbstbewusst die Beteiligten die eigenen Wissensformen ins Spiel bringen und in ihrer Relevanz und Verfügbarkeit verteidigen - bzw. wie stark sie sich dem an sie herangetragenen Experten- und Beraterwissen fügen bzw. fügen müssen (etwa aufgrund technologischer Neukonfigurationen). Als zentrales Problem eines strategischen Wissensmanagements ergibt sich daraus eine doppelte Frage: Wie weit gelingt es, das eigene Wissen und die eigene Wissensarbeit der Beschäftigten in eine produktive Synergie mit den von ExpertInnen und BeraterInnen angebotenen Wissensbeständen zu bringen?, und: Wie weit kann es gelingen, diesen Prozess und die in ihm entstehenden Konstellationen von Seiten des Management bzw. von Seiten der Belegschaften (und ihrer Interessenvertretung) unter Kontrolle zu bringen?

Zu Wissensarbeit lässt sich von Folgendem ausgehen: Ihre Ausweitung als besonderer Sektor der gesellschaftlichen Gesamtarbeit kann in ihrer grundlegenden Dynamik nur begriffen werden als eine Resultante von weitreichenden Veränderungen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Damit die Beurteilung dieser Veränderungen keinen verzerrenden Illusionen unterliegt, müssen sie im globalen Maßstab verstanden werden. In einer globalen Perspektive wird besonders deutlich, dass sich hier zwei gegenläufige Entwicklungstendenzen auf eine Weise überlagern, die Interessengegensätze zwischen abhängiger Arbeit und Unternehmungen des ,private business enterprise' nicht etwa abschwächt, sondern eher verschärft. Auch wenn die Wissensanteile an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit aufgrund technologischer Innovationsschübe sehr deutlich ansteigen und mit ihnen auch die Bedeutung der ,universellen', von arbeitenden Subjekten grundsätzlich ,autonom' zu handhabenden Momente des Arbeitsprozesses, ergibt sich daraus noch keineswegs ein automatischer Selbstbestimmungs- oder Humanisierungsgewinn der abhängigen Arbeit. Denn dieser Prozess der technologischen Neugestaltung von Produktions- und zunehmend auch von Dienstleistungsprozessen geht Hand in Hand mit einer Kontrollverlagerung aus der Praxis der unmittelbaren Produzenten in die Hände von Ingenieuren und Management. Dies ermöglicht und befördert geradezu wiederum die Auslagerung bestimmter Arbeitsanteile - insbesondere von Montage- und Restarbeiten - in Arbeitsprozesse mit sehr geringen verbleibenden Wissensanteilen.

Aus dem Zusammenhang zwischen wachsenden Wissensanteilen in allen Bereichen der gesellschaftlichen Arbeit bis in die Eigenarbeit etwa der Gesundheitsvorsorge oder der familialen Pflege hinein1 einerseits und andererseits der Expansion eines Sektors arbeitsteiliger Wissensarbeit ergeben sich vermutlich widersprüchliche Erwartungen und Verarbeitungsformen. Sie werden weitreichende Auswirkungen darauf haben, welche Wissensangebote in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen hegemonial werden können. Dafür wird es von zentraler Bedeutung sein, wie weit die große Mehrheit der Bevölkerung in Erwerbsarbeit und Eigenarbeit die Erfahrung macht, dass steigende Wissensanteile in ihrer eigenen Handlungsfähigkeit sie stärken - oder aber dass ihre bisherigen Formen von Handlungsfähigkeit sie eher entwerten und schwächen.

Global und europäisch

Diese Entwicklungen sind von Tendenzen geprägt, die sich durchaus global oder europaweit artikulieren und durchsetzen. Als zentraler Mechanismus dient dabei, gestützt und vermittelt durch eine umfangreiche ,Diagnose- und Beratungs'-Literatur, die in allen Bereichen betrieblicher und gesellschaftlicher Gestaltung (bis hin zum Marketing) expandierende Praxis eines ,bench-marking', das gezielt auf globale oder zumindest gesamteuropäische Exempel setzt.

Dabei ist sowohl die Gestaltungsfähigkeit (ILO) als auch die gewerkschaftliche Partizipation (OECD, ECE, EU) im Hinblick auf derartige ,tonangebende' globale und gesamteuropäische Prozesse sehr zurückhaltend zu beurteilen. Allerdings gibt es auch - zwar wenige, aber durchaus vielversprechende - Exempel für ein erfolgreiches Eingreifen vor allem seitens ,neuer Bündnisse' von Gewerkschaften und neuen sozialen Bewegungen in politische Gestaltungsstrategien mit dem Ziel, den Rahmen der existierenden ,global business regulation' in Richtung einer weiteren Verstärkung bisher hegemonialer Trends zu verändern2. Derartige Erfahrungen bedürfen noch gründlicher Auswertung im Hinblick auf die Rolle des Wissensbezuges, auf die Entwicklung von alternativer Expertise und die Pluralisierung der verfügbaren Beratungsangebote. Die Europäischen Betriebsräte stellen hier ein besonders interessantes Exempel im Hinblick auf Wissensaneignung und alternative Wissensnutzung dar.

Für die Gewerkschaften ergeben sich im Hinblick auf diese Entwicklungen zwei neue Dimensionen von Anforderungen. Zum einen brauchen sie einen strategisch neuen Umgang mit den steigenden Wissensanteilen an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit - im Sinne einer erweiterten Politik der Arbeitsbedingungen, die nicht nur die unmittelbaren Probleme der Arbeitsgestaltung, sondern auch die umfassenden Problematiken der Arbeitsorganisation und vor allem der geographischen Arbeitsteilung in transnationalen Unternehmen, Produktions- bzw. Dienstleistungsnetzwerken in den Blick nimmt. Eine solche Politik hätte sich die dafür erforderlichen Formen der transnationalen Kooperation in Unternehmen oder in Branchen zu schaffen bis hin zur Fähigkeit eigenständiger Wissensbeurteilung und i.w.S. eigenständiger arbeitspolitischer Handlungsfähigkeit. Zum anderen benötigen die Gewerkschaften adäquate Konzepte dafür, wie neue AdressatInnengruppen erreicht werden können, die sich im Zuge dieser Veränderungen herausbilden. Das gilt sowohl für neue Gruppen besser Bezahlter und WissensarbeiterInnen als auch für neue Bereiche prekär Beschäftigter, abhängig Arbeitender mit Migrationshintergrund sowie den Bereichen der vom Wissenserwerb Ausgeschlossenen, die in diesen Veränderungsprozessen gleichzeitig und gegenläufig entstehen.

Herausforderungen

Als zentrale Herausforderung für eine kritische Sozialwissenschaft ergibt sich aus der Untersuchung dieser Fragen eine Vertiefung in zwei Richtungen. Zum einen steht die Anforderung, bisherige einseitige Diagnosen des Epochenbruchs der 1980er Jahre zu überwinden, die diesen Bruch vorrangig als Entfesselung der Produktivkräfte mit großem emanzipativem Potenzial diskutierten. Zum anderen gilt es, nicht der fehlorientierenden Vereinfachung zu verfallen, diesen Epochenbruch allein als eine ,Entbettung' der ,private business enterprise' im globalen Maßstab zu begreifen und dabei die Aspekte zu vernachlässigen, die mit den erhöhten Wissensanteilen an der gesellschaftlichen Arbeit und der wachsenden Bedeutung arbeitsteiliger Wissensarbeit verbunden sind. Zudem steht eine Differenzierung der Befunde über die unterschiedlichen Bereiche der ,formellen Erwerbswirtschaft' und der ,informellen' Reproduktionsarbeit an, wie sie vor allem in Ansätzen des ,vorsorgenden Wirtschaftens' thematisiert und artikuliert worden sind, sowie zu den unterschiedlichen, hierarchisch aufeinander bezogenen ,Räumen' der globalisierten bzw. europäisierten Wirtschaft.

Für die Gewerkschaften ergeben sich daraus eine Reihe neuer An- und Herausforderungen. Zum Beispiel die, sich in der notwendigen Auseinandersetzung mit ,Wissensfragen' auf das ,Ganze der Arbeit' zu beziehen, und die Herausbildung transnationaler Handlungsfähigkeit. In beiden Bereichen wird es darum gehen, an die Stelle einer Delegation von Problembereichen an entsprechende gesellschaftliche Instanzen - wie Familie, Hausfrauenarbeit, ,Privatleben' - und an die Stelle vertrauensvoller, subalterner Partizipation an transnationalen Institutionen wie UNO, ILO, OECD, ECE, EU die Entwicklung eigenständiger Wissens- und Handlungsfähigkeiten zu setzen.

Anmerkungen

1) Sie sind am explosionsartig wachsenden Beratungsbedarf erkennbar.

2) Vgl. z.B. die Auseinandersetzungen um das geplante Investitionsschutzabkommen (MAI) der OECD, um die geplante Dienstleistungsrichtlinie der EU oder um die bevorstehende Neuregulierung des ,geistigen Eigentums' in der WTO.



Dr. Frieder Otto Wolf ist Honorarprofessor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er arbeitet am Projekt einer radikalen Philosophie, das zu einem neuen Kooperationsverhältnis zwischen kritischen Wissenschaften und emanzipatorischer Politik beitragen soll.

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