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Klaus Holzkamp

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Mensch. Montage!

15.05.2008: Wissensarbeit, Erfahrung und Montage

  
 

Forum Wissenschaft 2/2008

In betrieblichen Wertschöpfungsketten ist Montage das letzte Glied. Durch dieses Nadelöhr muss alles hindurch; jeder Fehler in vorgelagerten Prozessen wirkt sich hier aus: auf Stückzahlen, Qualität, Taktzeiten, Liefertreue. Sabine Pfeiffer zeigt, wieviel Erfahrung und Wissen in diese Arbeit eingeht und was sie ist: Erfahrungsbasierte Wissensarbeit im Sinn des Wortes.1

Die Montage ist nicht nur das letzte Glied betrieblicher Wertschöpfung. Sie ist auch der Ort, an dem sich Wertschöpfung und Wettbewerbsvorteile entscheiden. Und all das in immer kürzeren Zyklen, mit ständig steigendem Qualitätsanspruch und Kostendruck, mit zunehmend komplexeren Produkten. Quasi "nebenbei" sollen auch noch die Prozesse kontinuierlich verbessert und die Innovationsfähigkeit erhalten werden.

Dieses Anforderungsbündel bewältigen die Beschäftigten in der Montage Tag für Tag. Das können sie nicht ohne ein großes Maß an Wissen leisten. Und sie müssen dieses Wissen situativ in das richtige Handeln umsetzen. Diese besondere Fähigkeit, die erfahrungsbasierte Wissensarbeit in der flexiblen Montage, ist Gegenstand des Projekts WAMo. Wir haben im Frühjahr 2006 rund 60 ausführliche Einzelinterviews in fünf Montageunternehmen geführt, teilweise direkt am Arbeitsplatz. Ergänzt wurden sie um eine Reihe von Gruppendiskussionen, an denen auch Vorgesetzte, Beschäftigte aus Steuerungs- und Personalabteilungen und Betriebsräte beteiligt waren. Erfahrung - das zeigen unsere Untersuchungen - ist für alle Tätigkeitsbereiche und Anforderungsdimensionen zentral. In der angeblich so einfachen und monotonen eigentlichen Montage genauso wie in Bezug auf Leistung und Qualität und das ganze "Drumherum" der Disposition und Organisation. Auch die Prozesse der Optimierung und des Lernens sind ohne erfahrungsbasierte Wissensarbeit nur die halbe Miete.

Arbeit und Erfahrung

Der Mensch ist mit allen Sinnen bei der Arbeit. Nicht nur Verstand und Logik helfen uns, in kritischen Situationen die richtige Entscheidung zu treffen - auch Intuition, Bauchgefühl und Emotion können gute Berater sein. Wir sind nicht nur Kopf, sondern auch Körper. Und der Körper weiß und spürt, bemerkt und ertastet, merkt sich Abläufe. Diese Fähigkeiten bilden sich oft erst im Lauf der Zeit aus, man findet sie daher vor allem bei erfahrenen Beschäftigten.

Theoretisches Fachwissen und standardisierte Prozesse helfen bei gleichbleibenden, wiederkehrenden Anforderungen. Erfahrung aber versetzt uns in die Lage, auch das (noch) Unbekannte zu bewältigen. Erfahrung ist es, die einen souveränen Umgang mit Unwägbarkeiten erlaubt. Erfahrung ist nämlich mehr als nur eine Ansammlung von statischen Routinen. Erfahrung meint auch eine besondere Art des Umgangs mit Dingen, Menschen und Situationen in der Arbeit. Die wichtigsten Aspekte sind:

  • Eine ganzheitliche Wahrnehmung: Wir hören, sehen, fühlen, riechen gleichzeitig - alles kann wichtig sein, nichts ist eindeutig.
  • Ein exploratives Vorgehen: Wir tasten uns ran, Schritt für Schritt. Wir warten die Reaktion ab, wir ändern unser Verhalten so, wie es die Situation gerade erfordert.
  • Intuition und Gespür: Wir haben oft gar keine Zeit, alles vorab zu durchdenken. Dann müssen wir intuitiv wissen, was das Richtige ist.
  • Eine empathische Beziehung: Maschinen sind zwar tote Dinge, aber man muss ihre Mucken kennen lernen, wie man einen Menschen kennen lernt. Und man braucht und hat viel Gefühl im Umgang mit ihnen.
  • Was wir normalerweise unter Arbeit verstehen und was Erfahrung ausmacht - das sind zwei Seiten einer Medaille. Es geht nicht um ein Entweder-oder. Es geht um ein Sowohl-als-auch von Arbeit und Erfahrung. Auch und gerade in der Montage. Es ist diese Qualität menschlichen Arbeitshandelns, deretwegen der Mensch in komplexen Arbeitsumgebungen nie völlig ersetzbar ist: die Fähigkeit, sachlich und emotional zu agieren; intuitiv und analytisch vorzugehen; geplant und improvisierend zu handeln; zu denken und zu spüren. Und darüber hinaus zu wissen, in welcher Situation welche Art von Handlung und Wissen gefragt ist.

    Einfache Arbeit?

    Wer heute von Montage redet, nimmt dabei auch gerne den Begriff der "einfachen Arbeit" in den Mund. Mit dem Wandel zu einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft - so die vorherrschende Meinung noch vor einigen Jahren - werde einfache Arbeit zum Auslaufmodell. Aber trotz abnehmender Zahlen in den vergangenen Jahren: Auch zukünftig werden rund eine Million Arbeitsplätze in Deutschland als "einfache Arbeit" gelten, im Dienstleistungsbereich, in der Logistik und in der Montage. Tatsächlich finden sich in der Montage vergleichsweise viele formal gering qualifizierte, aber gleichzeitig hoch kompetente Beschäftigte: Schließlich bewältigen sie auf Basis ihres ausgeprägten Erfahrungswissens die komplexen Anforderungen in der Montage täglich gekonnt und sichern so die Wertschöpfung am Montagestandort Deutschland.

    Wer einen oberflächlichen Blick auf den einzelnen Arbeitsplatz und die eigentliche Montagetätigkeit wirft, bekommt den Eindruck einer einfachen und durch Routine geprägten Arbeit. Aber nicht der einzelne Handgriff ist entscheidend, sondern der gesamte Arbeitsprozess: Qualitätssicherung, Materialfluss, Störungsbehebung und eine kontinuierliche Verbesserung der Prozesse sind Anforderungen, die an jedem Montagearbeitsplatz eine Rolle spielen. Die Ergebnisse unserer Untersuchung zu Erfahrung in der Montage bestätigen das.

    Beschäftigte in der Montage sehen sich widersprüchlichen Anforderungen gegenüber: Von einem qualifizierten Routinearbeiter und von neuen Segmentierungen zwischen einfacher Arbeit und Facharbeit ist die Rede. Aber auch von zunehmend notwendigem Prozess- und Beziehungswissen, Integrations- oder Kontextwissen.

    Es geht in der Montage zunehmend um die Fähigkeiten:

  • "das Ganze" im Blick zu haben (also den Prozess und nicht nur den einzelnen Arbeitsplatz) sowie
  • flexibel mit Unvorhergesehenem umgehen zu können.
  • Beides aber lernt man nicht in Fachbüchern, sondern in der praktischen Arbeit - durch Erfahrung. Montage ist alles andere als "nur" einfache Arbeit. Erst auf der Ebene des alltäglichen erfahrungsbasierten Arbeitshandelns zeigt sich, was konkret hinter den neuen Anforderungen steckt.

    Die Erfahrung der Beschäftigten in der Montage ist bislang der Garant dafür, dass sie den neuen Anforderungen immer wieder aufs Neue gewachsen sind - oft genug, ohne formal qualifiziert zu sein oder eine ausreichende betriebliche Weiterbildung genossen zu haben. Erfahrung aber kann Qualifizierung nicht ersetzen! Die gestiegenen Anforderungen in der Montage erfordern neue Qualifizierungsanstrengungen. Diese aber gilt es mehr denn je "erfahrungsförderlich" zu gestalten.

    GPS und Erfahrung

    Montage sieht sich einem verstärkten Flexibilisierungsdruck gegenüber. Märkte und Kundenwünsche, Produkte und Technologien - immer spezifischere Bedürfnisse müssen immer schneller bedient werden. Um diesen Flexibilisierungsansprüchen gerecht zu werden, unterliegt Montage einem ständigen Wandel - mit wechselnden Strategien: Auf die Vollautomatisierung (Stichwort: Over-Engineering) in den 90er Jahren folgt der Trend zur partiellen Rücknahme von Automatisierung. Die Leitlinie der flexiblen Spezialisierung in den 80er Jahren wird abgelöst vom Paradigma der flexiblen Standardisierung heute.

    An der Idee der flexiblen Standardisierung orientiert sich die aktuelle Umsetzung von Ganzheitlichen Produktionssystemen (GPS). Das Ziel der verstärkten Konzentration auf die Wertschöpfung wird dabei mit Hilfe einer systematischen methodenbasierten Rationalisierung verfolgt. Es geht um die Senkung der Produktionskosten durch die Vermeidung von Verschwendung in allen produktiven Prozessen inklusive der Logistik. GPS verstehen sich als methodische Regelwerke. In Verbindung mit dem Controlling tragen sie über eine allgegenwärtige Visualisierung die Kennzahlenlogik an jeden Arbeitsplatz.

    Mit GPS wachsen auch die Anforderungen an die Beschäftigten in der Montage: Ihr Wissen und ihre Erfahrung sind es, die eine Standardisierung und eine kontinuierliche Verbesserung erst ermöglichen. Im Zuge von GPS wird das Erfahrungswissen der Beschäftigten deshalb verstärkt eingefordert. Leider allzu oft mit dem Ziel, es überflüssig zu machen und durch Standardisierung zu ersetzen; leider zu selten mit dem Ziel, es freizusetzen und zu fördern. Wenn GPS so verstanden werden, wirken sie wie eine qualitativ veränderte Neuauflage des Taylorismus - wie ein Taylorismus 2.0. Es geht dann zwar nicht mehr darum, das Erfahrungswissen durch Rationalisierung zu ersetzen, wie im Taylorismus alter Prägung, aber es geht darum, das Erfahrungswissen für weitere (Selbst-)Rationalisierung auszunutzen. Dann setzen nicht die Montagearbeiter Kaizen in Gang, sondern dessen Ziele werden top-down vom Management vorgegeben. Dann wird teilautonome Gruppenarbeit ersetzt durch eine geführte Gruppenarbeit, deren Aufgabe sich konzentriert auf die Steigerung der Arbeitseffizienz durch Standardisierung.

    Standardisierung und Flexibilität sind ohne Frage Anforderungen, denen sich Montage heute stellen muss. Eine Standardisierung aber, die Flexibilität und Innovationsfähigkeit sichert, kann nicht am grünen Tisch entwickelt werden. Sie wird nur praktikabel und lebendig durch die Erfahrung der Beschäftigten. Wo GPS sich daher dieser Erfahrung nur bedienen wollen, wird Standardisierung zum bürokratischen Monster und selbst zu einer neuen Quelle der Verschwendung. Dann wird Erfahrung als wertvollste Ressource für eine zukünftige Optimierung nicht genutzt, sondern vernutzt - eine Form von Verschwendung, die sich in der Wissensgesellschaft kein Unternehmen leisten kann. Gerade weil eine flexible Standardisierung auf Erfahrung angewiesen ist, darf sie ihre wichtigste Ressource nicht zu ihrem Objekt degradieren.

    Gestaltungsprinzipien

    Eine innovationsfähige und flexible Montage ist nicht denkbar ohne die Erfahrung der Beschäftigten und ohne ihre Bereitschaft, diese Erfahrung produktiv in die laufende Verbesserung der Prozesse einzubringen. Wie aber kann Montage technisch und organisatorisch so gestaltet werden, dass sie erfahrungsförderlich wirkt? Dabei hilft die Orientierung an den vier Dimensionen von Erfahrung:

  • Ganzheitliche Wahrnehmung ist das wesentliche Medium, über das Erfahrung gelernt und angeeignet wird.
  • Nur im direkten Umgang mit Anlage/Maschine und Produkt lernt sich der "Dialog" mit den Dingen.
  • Intuition und Gespür entwickeln sich nur durch eigenes Erleben.
  • Erfahrungsgeleitet handelt nur, wer eine Beziehung zur Anlage/Maschine bzw. zum Produkt entwickeln konnte.
  • Die übergeordneten Prinzipien einer erfahrungsförderlichen Gestaltung sind dabei:

  • Nur wer (neue) Erfahrungen macht, lernt Erfahrung.
  • Den Gegenständen der Arbeit nahe kommen!

  • Freiheit gewähren, um Erfahrung zu machen: Autonomie zulassen!
  • ... und das in Bezug auf alle wesentlichen betrieblichen Gestaltungsdimensionen: Zeit - Personal - Organisation - Technik. Es geht darum, sich bei der Gestaltung der Prozesse nicht einseitig am Leitbild eines planmäßigen Arbeitshandelns auszurichten, sondern auch die Besonderheit und die besondere Qualität von Erfahrung zu berücksichtigen. Ein simples Beispiel ist der Appell an die Beschäftigten, nicht nur auf die Produktqualität an der eigenen Arbeitsstation zu achten, sondern den Gesamtprozess im Blick zu haben. Wer das soll, muss auch mehr erlebt haben als nur die eigene Arbeitsstation - er muss den Gesamtprozess sinnlich erfahren haben, um zu ihm eine Beziehung zu entwickeln. Dann kann sich das tägliche Arbeitshandeln auch darauf beziehen. Erfahrungsförderliche Gestaltung ist kein Hexenwerk. Schließlich ist Erfahrung eine unerschöpfliche Ressource, die mit ihrer Verausgabung wächst, statt sich zu vernutzen. Erfahrung ist aktuelles Vermögen und Potenzial: Wo es viel Bedarf gibt, da entwickeln sich auch die Optionen zur Aneignung.

    Anmerkung

    1) Dieser Beitrag ist eine bearbeitete und gekürzte Version der Informationen unter www.montage-erfahrung.de/kompass.htm .



    Dr. Sabine Pfeiffer ist Werkzeugmacherin und Soziologin am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. - ISF München mit den Forschungsschwerpunkten Informatisierung von Arbeit, Arbeit und Technik, Qualifikation und Arbeit. Sie leitet dort das Projekt Erfahrungsbasierte WissensArbeit in flexiblen Montagesystemen (WAMo).

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