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Klaus Holzkamp

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Butter bei de Fisch'

15.05.2008: Oder: Bertelsmänner und die Kirchen

  
 

Forum Wissenschaft 2/2008

Neben der unten behandelten Meldung gaben auch andere Quellen jüngste Kirchenbezogenheit des aus anderen Zusammenhängen bekannten Hauses wieder. Nicht unbedingt erstaunlich als Nachbarschaft von Sphären, von denen die eine profane Geldscheffelei ist, eine andere Regierungsstrategie-Beratung, eine weitere machtbezogene Netzebildung. Richard Albrecht nimmt sich Kircheninformationen des Medienkonzerns vor.

Die ZDF-heute-Kurzmeldung vom 16. Dezember 2007 ließ aufhorchen1: "Fast ein Fünftel" aller Deutschen soll, so wurde es vorab aus dem Haus Bertelsmann und seinem aktuellen Gütersloher "Religionsmonitor" kolportiert, regelmäßig zur Kirche gehen.

Nehmen wir an, "fast ein Fünftel" sind 19 vom Hundert: Dann sollen also heuer entsprechend letztvorliegender amtsstatistischer Daten etwa 15,656 Millionen Menschen "regelmäßige" Kirchgänger/innen sein. Nehmen wir weiter an, dass "regelmäßig" nicht wie bei einem großen deutschen Sprachkünstler "in der Woche zwia / schadet weder ihr noch mir" (Martin Luther), sondern ein Mal pro Woche meint - dann müssten, Schrumpf mitbedacht, im gegenwärtigen Deutschland aktuell mindestens einmal pro Woche und Woche für Woche gut 15 Millionen Menschen auf harten Kirchbänken Platz nehmen.

Die Frankfurter Rundschau2 kündigte am 18. Dezember 2007 an, in wenigen Stunden, nämlich um 18 Uhr, wollten die sich hinterm rechtsirrigen Titel einer "Stiftung" verbergenden Bertelsmannkapitalisten, vulgo "Bertelsmänner", nun das tun, was in meiner Jugend "Butter bi di Fisch'" hieß und in der griechischen Mythologie die Öffnung der "Büchse der Pandora" genannt wird.

Da bin ich aber gespannt, ob sich aktuell etwa zehn Millionen Kirchgänger/innen einmal pro Woche und Woche für Woche konspirativ drunten in Katakomben, unterm freiem Himmel oder wo und wie auch immer versammeln, oder welche Zauberhand Woche für Woche in den Kirchen welcher Konfession auch immer Sitzholz oder Knieplätze für weitere zehn Millionen Menschen schafft, oder ob sich's mit den "knapp 20 Prozent" im Gütersloher "Religionsmonitor"3 so ähnlich verhält wie weiland vor fünfzig Jahren mit den vielen Lastenausgleichen, denen zufolge das Zwischenkriegspolen vor allem aus ostelbischen Rittergütern bestanden haben müsste.

Wie auch immer: Wenn's der liebe Gott mit mir gut meinen sollte, spendiert er mir einen Fünfer im Lotto ohne Zusatzzahl, und ich werde bei kommerziell betriebener und nicht stiftungsorganisierter Demoskopie die Omnibusfrage nach dem Kirchgang und seiner Regelmäßigkeit in Auftrag geben - unter Abzug der "sozial erwünscht" Antwortenden (und mit Information über sie). Möglich auch: Die sich mit so prominenten wie so vielen "wissenschaftlichen" Experten tarnende Bertelsmann"stiftung" erklärt, ein paar Tage später, dass "fast ein Fünftel" mit "fast 5 Prozent" wervechselt wurde. Dann wäre noch zu fragen, ob's nicht besser wäre, dass die so vielen und so prominenten "wissenschaftlichen" Experten der Bertelsmann"stiftung" endlich einmal das täten, was Max Weber 1919 "rein sachlich an ihres Tages Arbeit wirken" nannte. Ich meine: bevor Bertelsmann stiften geht.

Anmerkungen

1) www.heute.de/ZDFheute/inhalt/16/0,3672,7134608,00.html

2) www.fr-online.de/.../kultur_und_medien/feuilleton/?sid=44414af1a974d262 ded32ac126beee66&em_cnt=1259845

3) www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-0A000F14-5E3CCBCC/bst/hs.xsl/35603_35614.htm



Dr. habil. Richard Albrecht, PhD, ist kulturanalytischer Sozialpsychologe, historisch arbeitender Politikwissenschaftler und online-Editor von www.rechtskultur.de (de.geocities.com/earchiv21/rechtskulturaktuell.html).

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