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Klaus Holzkamp

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Individuell, sozial und/oder kulturell?

15.03.2006: Behinderungskonzepte in Disability Studies

  
 

Forum Wissenschaft 1/2006

Vorzugsweise Anwendungswissenschaften wie Medizin, Psychologie und Heil- und Sonderpädagogik haben sich bislang – und zwar vor allem im deutschsprachigen Raum – für das Phänomen der Behinderung und die Lebenssituation behinderter Menschen interessiert. Im Grunde geraten Abweichungen und Auffälligkeiten, die über den Körper Ausdruck finden, dann in den Blick der Wissenschaft, wenn es um die Verhütung, Beseitigung oder Linderung von gesundheitlichen Schädigungen oder Beeinträchtigungen geht, kurz, um Prävention, Therapie und Rehabilitation. Anne Waldschmidt analysiert Modellvorstellungen zu Behinderung und fordert eine originär sozial- ebenso wie kulturwissenschaftliche Theoriebildung ein.

Behinderung spielt in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern eine untergeordnete Rolle. Verkörperte Differenz als eine Dimension der conditio humana zu erforschen, steht in Deutschland selten auf der Tagesordnung. Eine Alternative zur vorherrschenden rehabilitationswissenschaftlichen Herangehensweise bietet die interdisziplinäre Forschungsrichtung Disability Studies, die in den 1980er Jahren in den USA und Großbritannien begründet wurde.1 Initiiert wurden die Disability Studies zumeist von selbst behinderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Ein Überblick über den internationalen Forschungsstand lässt zwei Zielsetzungen der Disability Studies hervortreten. Erstens geht es darum, das Thema Behinderung aus seiner Randlage herauszuholen und in den Mittelpunkt eines interdisziplinären, theoretisch und methodologisch anspruchsvollen Forschungsprogramms zu stellen. Die Disability Studies sind eine Querschnittsdisziplin, welche die vereinzelten Forschungsarbeiten zu Behinderung, die in den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen unternommen werden, dort aber wenig Beachtung erfahren, unter einem eigenen Dach zusammenfasst. Auf diese Weise erhalten diese Arbeiten ein neues Profil und Behinderung wird als spannender, interdisziplinärer Gegenstand sichtbar. Zweitens geht es den Disability Studies darum, ein Gegengewicht zum medizinisch-therapeutischen und pädagogisch-fördernden Paradigma zu schaffen. Sie sind nicht Medizin, Heilpädagogik oder Rehabilitationswissenschaft in neuem Gewand, sondern betreiben eine Kritik des „klinischen Blicks“ (Michel Foucault). Sie wollen zeigen, dass Behinderung zur Vielfalt des menschlichen Lebens gehört und eine allgemeine, weit verbreitete Lebenserfahrung darstellt, deren Erforschung zu Kenntnissen führt, die für alle Menschen und die allgemeine Gesellschaft relevant sind. Aus diesem Grunde gehören zu den Disability Studies gerade auch die Geistes- und Kulturwissenschaften, die im amerikanischen Sprachraum „humanities“, Humanwissenschaften genannt werden.

Deutsche Disability Studies: Vorgeschichte

Seit einiger Zeit gewinnen die Disability Studies auch im deutschsprachigen Raum Konturen. Nach den beiden Tagungen Der (im)perfekte Mensch (2001) und PhantomSchmerz (2002), die vom Deutschen Hygiene-Museum, der Aktion Mensch und der Humboldt-Universität Berlin veranstaltet wurden,2 gab die Sommeruniversität Disability Studies in Deutschland – Behinderung neu denken!, die im Juli 2003 in Bremen stattfand, ein drittes Startsignal für das Forschungsfeld.3 Außerdem gibt es seit April 2002 eine bundesweite Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland. Wir forschen selbst!

Gegenüber der internationalen Situation besteht im deutschsprachigen Wissenschaftsdiskurs ein erheblicher Nachholbedarf – freilich vor dem Hintergrund einer Fülle von Arbeiten und einer über zwanzigjährigen Kontinuität auch der Wissenschaftskritik seitens der deutschen Behindertenbewegung.4 Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Kritik an Bioethik, Eugenik, Rassenhygiene und Humangenetik bereits zu Beginn der 1980er Jahre,5 die rechtswissenschaftliche Debatte über Behinderung als Menschenrechtsfrage sowie unter dem Gesichtspunkt von bürgerrechtlicher Gleichstellung,6 die Geschlechterdebatte, bei der behinderte Frauen sich als das in zweifacher Hinsicht „andere Geschlecht“ unter dem Stichwort „doppelte Diskriminierung“ in den Diskurs einbrachten,7 und auch die kulturwissenschaftlich orientierten Arbeiten Christian Mürners8 ebenso wie die Kulturproduktion behinderter Menschen als eigenständiges Genre einer „disability culture“. All dies mag zunächst den Anschein erwecken, als würden auch hierzulande längst Disability Studies betrieben.

Dennoch – bislang hat die deutschsprachige wissenschaftliche Diskussion zu Behinderung zwei Schwachstellen nicht überwinden können. Zum einen ist es bisher nur in Ansätzen gelungen, Interdisziplinarität herzustellen. In der „mainstream scientific community“ wird der Forschungsgegenstand Behinderung weiter primär den Rehabilitationswissenschaften und der Heil- und Sonderpädagogik zugeordnet, allenfalls Sozialpolitik und Rechtswissenschaften spielen noch eine Rolle. Die Dominanz dieser Disziplinen spiegelt sich auch in den Beiträgen des kritischen Bewegungsdiskurses, der (behinderten-)pädagogischen, sozialpolitischen und sozialrechtlichen Sichtweisen verhaftet bleibt. Stark unterentwickelt ist dagegen der geistes- und kulturwissenschaftliche Diskursstrang. Zwar haben auch hierzulande einige wenige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler damit begonnen, sich mit symbolischer Bedeutung und kultureller Repräsentation von Körper, Normalität und Behinderung, Alterität und Fremdheit auseinanderzusetzen, jedoch ergaben sich erst in jüngster Zeit, vor allem durch die Tagungsprojekte anlässlich der Ausstellung „Der (im)perfekte Mensch“9, Kontakte zwischen grundlagentheoretisch orientierten Kulturwissenschaftler/inne/n und anwendungsbezogenen Vertreterinnen und Vertretern des auf Politik und Praxis orientierten Bewegungsdiskurses. Soll die Etablierung der Disability Studies auch hierzulande gelingen, so wird es in Zukunft genau um die gleichberechtigte Zusammenarbeit von Grundlagen- und Anwendungswissenschaften und die Erforschung von Behinderung als gemeinsames Projekt der Kultur- und Sozialwissenschaften gehen.

Zum zweiten ist es im deutschsprachigen Raum bisher nicht gelungen, eine spezifische Theorie und Methodologie des Forschungsfeldes zu entwickeln und so das zu konturieren, was Wissenschaft eigentlich ausmacht, nämlich ein eigenes Forschungsprogramm. Pointiert formuliert: Der deutschsprachige Diskurs zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Arbeitsteilung aus. Entweder findet sich eine detailbezogene, aber theoretisch unzureichend fundierte Problemorientierung – oder aber eine abstrakte Theoriereflexion, die den Bezug zur Lebenswelt vermissen lässt. Es fehlt eine an moderne Gesellschafts- und Kulturtheorien anknüpfende Theorieproduktion, die den Behinderungsbegriff in den Mittelpunkt stellt und damit den zentralen Gegenstand der Disability Studies wissenschaftlich profiliert: Was genau tut, wer „Disability Studies“ betreibt? Was meint „Behinderung“? Wie kann „(Nicht-)Behinderung“ jenseits des rehabilitationswissenschaftlichen Denkmodells sowohl de- als auch rekonstruiert werden? Das sind die entscheidenden Fragen, um die sich die Auseinandersetzung drehen sollte. Ihnen ist, so scheint es, die deutsche Debatte bislang eher ausgewichen. Aus eben diesem Grund gilt es, Impulse der internationalen Disability Studies aufzugreifen.

Individuelles Modell: Kritik

Eine Möglichkeit zur Anregung der Theoriediskussion in den deutschsprachigen Disability Studies besteht darin, die vor allem in Großbritannien geführte Debatte zum „sozialen Modell“ von Behinderung zu rezipieren und den in diesem Zusammenhang entwickelten Behinderungsbegriff auf seine Brauchbarkeit zu überprüfen.10 Tatsächlich gilt auch in den sich entfaltenden deutschen Disability Studies das soziale Behinderungsmodell als Dreh- und Angelpunkt, als ihr Fundament, das die entscheidende Grenzlinie markiert zwischen den traditionellen Rehabilitationswissenschaften und dem anderen, neuen Ansatz, Behinderung zu denken. Um das soziale Modell zu verstehen, ist es notwendig, in einem ersten Schritt danach zu fragen, wogegen es sich als Alternative angeboten hatte.

Das soziale Modell wurde in den 1970er und 80er Jahren entwickelt. Zumindest in den westlichen Industrieländern wurde damals das Rehabilitationssystem massiv ausgebaut; es herrschte das „Rehabilitationsparadigma“ vor: Über Behandlungs- und Arbeitsmarktprogramme – so die optimistische Annahme – ließe sich die Gruppe der gesundheitlich Beeinträchtigten relativ reibungslos (wieder-)eingliedern und das Behinderungsproblem sei zu lösen, indem die Einzelnen so weit wie möglich an ihre Umwelt angepasst würden. Auf der Basis dieser Grundannahmen entwickelte die Weltgesundheitsorganisation 1980 die Classification of Impairments, Disabilities, and Handicaps (ICIDH).11

Im internationalen Behinderungsdiskurs bildeten die kritischen Einwände gegen die ICIDH den Ausgangspunkt des sozialen Modells. Britische Wissenschaftler formulierten die Kritik, sowohl ICIDH wie auch Rehabilitationsparadigma seien Operationalisierungen eines „individuellen Modells von Behinderung“ (vgl. Tabelle).

Dieses individuelle, präziser: individualistische Modell findet sich in medizinischen und psychiatrischen wie in pädagogischen, psychologischen und soziologischen Diskursen und ist auch lebensweltlich die vorherrschende Perspektive. Es setzt Behinderung mit körperlicher Schädigung oder funktionaler Beeinträchtigung gleich und deutet sie als schicksalhaftes, persönliches Unglück, das individuell zu bewältigen ist. Als geeigneter Lösungsansatz gilt die medizinisch-therapeutische Behandlung. Die Gesellschaft kommt hier nur insofern ins Spiel, als allgemein vorhandene Vorurteilsstrukturen als hinderlich für das individuelle „Coping“-Verhalten und die Annahme einer „behinderten Identität“ betrachtet werden.

Soziales Modell: Konzept

Als Alternative zum individuellen Ansatz entwickelten britische Sozialwissenschaftler auf der Basis materialistischer Gesellschaftstheorie zu Beginn der 1980er Jahre das „soziale Modell von Behinderung“.12 Sie stellten Anschlüsse an den politischen Diskurs her und griffen Definitionsbemühungen der britischen Behindertenbewegung auf. Die Union der Körperbehinderten gegen Segregation (UPIAS)13 war bereits 1976 von einer gesellschaftlichen Verursachung von Behinderung ausgegangen: „In our view, it is society which disables.“14 Die UPIAS konstruierte einen klaren Unterschied zwischen „impairment“ und „disability“ und grenzte die beiden Begriffe definitorisch voneinander ab. Mit Disabled Peoples’ International (DPI) gelangte 1981 die neue Begriffsbestimmung auf die internationale Bühne: „Impairment: ‚the functional limitation within the individual caused by physical, mental or sensory impairment‘. – Disability: ‚the loss or limitation of opportunities to take part in the normal life of the community on an equal level with others due to physical and social barriers‘“.15 Der Kerngedanke des sozialen Modells hieß also: Behinderung ist kein Ergebnis medizinischer Pathologie, sondern das Produkt sozialer Organisation. Sie entsteht durch systematische Ausgrenzungsmuster, die dem sozialen Gefüge inhärent sind. Menschen werden nicht auf Grund gesundheitlicher Beeinträchtigungen behindert, sondern durch das soziale System, das Barrieren gegen ihre Partizipation errichtet. Dieses Modell geht von sozialer Benachteiligung als der allein entscheidenden Ebene aus. Entsprechend wird soziale Verantwortlichkeit postuliert und die Erwartung, dass nicht der einzelne, sondern die Gesellschaft sich ändern müsse. Aus dem neuen Ansatz, Behinderung zu denken, ergibt sich auch eine andere Problemlösungsstrategie: Begreift man Behinderung als physische Begrenzung des Individuums, führt dies dazu, „das körperliche Funktionieren der Person zu verändern“, etwa durch medizinische Behandlung und Physiotherapie bzw. Psychotherapie oder psychologische Beratung. „Wenn wir dagegen Behinderung als ein Produkt der Kultur und der Vorstellungen einer Gesellschaft erforschen, werden wir unsere Kräfte darauf konzentrieren, diese Vorstellungen zu verändern und positivere Darstellungen behinderter Menschen in der Öffentlichkeit zu erreichen. Wenn wir schließlich Behinderung als Begrenzung der Gesellschaftsstruktur erforschen, dann wird sich unsere Aufmerksamkeit darauf richten, Barrieren gegen die gesellschaftliche Partizipation von behinderten Menschen zu identifizieren und diese abzubauen.“16 Die beiden Behinderungsmodelle können direkt gegenüber gestellt werden (vgl. Tabelle).

Soziales Modell: Kritik

Das soziale Modell von Behinderung stellt tradierte Sichtweisen auf Behinderung in Frage; es bietet die innovative Perspektive, Behinderung jenseits der Rehabilitationswissenschaften zu denken. Trotz breiter, grundsätzlich positiver Würdigung bleibt es aber umstritten und hat fortwährende Debatten und teils heftige Kritik seiner Prämissen und Implikationen zur Folge. Die Würdigung: Ursprünglich aus der politischen Interessenvertretung stammend, ist es gleichermaßen an wissenschaftliche Diskurse und private Lebenspraxis anschlussfähig; und als gemeinsame Perspektive der Disability Studies bietet es ein allgemeines Raster, das mit unterschiedlichen Theorieansätzen ebenso gefüllt werden kann wie mit politischer Programmatik und gruppenorientierter Identitätspolitik. Allerdings könnte die substanzielle Kritik langfristig darauf hinauslaufen, das soziale Modell von Behinderung aufzugeben und ein neues Paradigma der Disability Studies zu entwickeln. Aus den vielfältigen Kritikpunkten seien zwei hervorgehoben: der Stellenwert des Körpers und die Problemorientierung.

In körpertheoretischer Hinsicht basiert das soziale Modell offensichtlich auf einer kruden Dichotomie von „Natur“ und „Kultur“, von „impairment“ und „disability“. Behinderung wird eindeutig der Gesellschaft und gesellschaftlicher Verantwortung zugerechnet; dagegen gilt Beeinträchtigung als biologisch-medizinisch begründet und insofern als nicht weiter problematisierbar. Vertreter des sozialen Modells bestreiten heftig, dass es eine kausale Beziehung zwischen „impairment“ und „disability“ gebe; sie befürchten offenbar, das Zugeständnis einer Verbindung könnte die Politikfähigkeit der Behindertenbewegung schwächen: „Be rigorously careful to use the term ‚impairment‘ for the physical experience and ‚disability‘ for the social experience, or else we open the way for confusion and counter-attack.“17

Für den deutschsprachigen Diskurs wäre es sicherlich ein Fortschritt, wenn auch hierzulande so systematisch, wie dies im Englischen möglich ist, zwischen „impairment“/Beeinträchtigung und „disability“/Behinderung unterschieden würde; schließlich krankt das deutsche Sprechen über Behinderung sowohl in alltagsweltlichen als auch in wissenschaftlichen Kontexten an der ständigen Vermischung der unterschiedlichen Ebenen und der impliziten Gleichsetzung der sozialen Benachteiligung mit der verkörperten Differenz. Zugleich ist die Unterscheidung zwischen „impairment“ und „disability“ aber auch problematisch, und zwar vor allem dann, wenn – wie im sozialen Modell – ein körpertheoretisch naives, dualistisches Verhältnis zwischen Körper und Gesellschaft postuliert wird. Das Plädoyer für eine „sociology of impairment“ etwa macht auf die Körpervergessenheit des sozialen Modells aufmerksam: Der eingeführte reduktionistische „impairment“-Begriff führe dazu, dass der Körper einem reaktionären, oppressiven Diskursfeld überantwortet und mit Störung und Dysfunktion gleichgesetzt werde. Diese Trennung habe sich zwar als nützlich für die Emanzipationsbewegung erwiesen; im Bereich der Identitätspolitik werde aber ein fragwürdiger cartesianischer Subjektbegriff (re-)produziert, der in der Lebenswelt keine Praxisrelevanz besitze, da sich behinderte Menschen durchaus, z.B. in Autobiographien, mit dem Körper beschäftigten und dieser auch politisch, z.B. im Kampf um Selbstbestimmung, eine Rolle spiele. Nicht nachvollziehbar sei deshalb, warum das soziale Modell den Körper und damit „impairment“ ohne weiteres der Medizin überlasse.18 Sicherlich würde sich eine „Soziologie der Beeinträchtigung“ als wenig produktiv erweisen, da auch mit ihr der Körper nur als Feld von Beschädigung und Störung, Schmerz und Leid in den Blick käme. Jedoch trifft die genannte Kritik durchaus ins Schwarze, denn aus theoretisch differenzierter Sicht muss nicht nur Behinderung, sondern auch die Schädigungsebene als gesellschaftlich hergestellt begriffen werden. Medizinische Kategorien, die im Rahmen des individuellen Modells für die „impairment“ genannten körperlichen Merkmale benutzt werden, sind nicht ahistorische und gesellschaftsneutrale Gegebenheiten, naturwissenschaftliche oder gar „natürliche“ Tatsachen, sondern sie haben – wie Behinderung – ebenfalls ihre Geschichte, ihre kulturelle Bedeutung und ihre sozialen Konstruktionsmodi. Wie Foucault gezeigt hat,19 entfaltete sich der „Wahnsinn“ als Begriff und Konzept in einem jahrhundertealten, von Machtverhältnissen durchdrungenen Prozess. Andere Arbeiten weisen darauf hin, dass beispielsweise die Diagnose „geistige Behinderung“ ihre Diskursgeschichte hat.20 Warum sollte dies nicht auch für Phänomene wie „Blindheit“, „Querschnittslähmung“ oder „Muskelkrankheit“ gelten, die uns heute so selbstverständlich als objektive Tatbestände erscheinen, bei denen sich vielleicht doch nicht jede weitere Erklärung erübrigt? Nicht nur für den normalen, sondern auch für den beschädigten oder verletzten Körper gilt, dass er zwar als biophysische Größe angesehen werden kann, dass jedoch gleichzeitig Geschichte und Biografie, Bedeutung und Erfahrung, soziales Handeln und soziale Lage so unauflösbar in ihn eingewoben sind, dass sich eine binäre Trennung zwischen „Natur“ und „Kultur“ als kurzschlüssig erweist. Anders formuliert: dem sozialen Modell lässt sich ein impliziter essenzialistischer Kern vorwerfen. Indem es „impairment“ schlicht voraussetzt und Behinderung im Wesentlichen verbindungslos „on top“ auf diese setzt, bringt es sich selbst um das theoretische Potenzial, das mit einem sozialwissenschaftlichen Ansatz verknüpft ist. Gleichzeitig erweist sich in dieser Kritik, dass individuelles und soziales Modell von Behinderung mehr Gemeinsamkeiten haben, als es zunächst den Anschein hat. Zumindest auf der Ebene von „impairment“ gibt es durchaus Berührungspunkte.

Höchstwahrscheinlich dem essenzialistischen Kern geschuldet ist auch ein anderes gemeinsames Manko des sozialen und des individuellen Behinderungsmodells. Beide Ansätze nehmen Behinderung primär als ein „Problem“ wahr, das in irgendeiner Weise der „Lösung“ bedarf. Zwar sind die Lösungsstrategien unterschiedlich orientiert, die „Problem“orientierung ist jedoch in beiden Fällen vorhanden. Im Wesentlichen sieht sie vor, Behandlungsprogramme und Versorgungssysteme sowie Sozialleistungen und Nachteilsausgleiche bereitzustellen, damit – so das individuelle Modell – die Einzelnen möglichst reibungslos ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommen können oder damit – so das soziale Modell – soziale Teilhabe, Selbstbestimmung und Anerkennung ermöglicht werden. Letztendlich sind beide Modelle operative Strategien, anwendungsorientierte Programme, die Lösungsvorschläge formulieren für etwas, das offenbar „stört“ und deshalb „behoben“ werden soll.

Kulturelles Modell: Ergänzung

Was also wäre, wenn Behinderung weniger ein zu bewältigendes „Problem“, sondern vielmehr eine spezifische Form der „Problematisierung“ körperlicher Differenz darstellte? Auch diese Frage wird von den Disability Studies formuliert. Denn mit ihnen ist nicht nur eine emanzipatorische Zielsetzung und ein sozialwissenschaftlicher Ansatz, sondern auch ein kulturwissenschaftlicher Perspektivenwechsel verbunden. Gerade weil sie die Kulturwissenschaften für den Behinderungsdiskurs fruchtbar machen, bieten sie einen innovativen Zugang, Behinderung tatsächlich neu zu denken. Die Disability Studies sind entstanden als Kritik des individuellen Modells von Behinderung und haben ein eigenes, nämlich ein soziales Modell entwickelt. Zusätzlich ist die geisteswissenschaftliche Orientierung von großer Bedeutung. Diese dritte Perspektive, die vornehmlich in den USA innerhalb der poststrukturalistisch orientierten Geistes- und Geschichtswissenschaften entwickelt wurde und in erkennbarem Kontrast zum britischen Ansatz steht,21 hat sich zwar bisher noch nicht explizit als „kulturelles Modell“ von Behinderung etabliert; mit einiger Berechtigung lassen sich jedoch die verschiedenen kulturwissenschaftlichen Arbeiten als eigener Typus zusammenfassen. Folglich lässt sich dem individuellen und dem sozialen Ansatz ein kulturelles Behinderungsmodell gegenüberstellen:

Aus kulturwissenschaftlicher Sicht genügt es nicht, Behinderung als individuelles Schicksal oder diskriminierte Randgruppenposition zu kennzeichnen. Vielmehr geht es um das Verständnis der Kategorisierungsprozesse selbst, um die Dekonstruktion der ausgrenzenden Systematik und der mit ihr verbundenen Realität. Nicht nur Behinderung, sondern auch ihr Gegenteil, die gemeinhin nicht hinterfragte „Normalität“, soll in den Blickpunkt der Analyse rücken. Denn behinderte und nichtbehinderte Menschen sind keine binären, strikt getrennten Gruppierungen, sondern einander bedingende, interaktiv hergestellte und strukturell verankerte Komplementaritäten. Die kulturwissenschaftliche Sichtweise unterstellt nicht – wie das soziale Modell – die Universalität des Behinderungsproblems, sondern lässt die Relativität und Historizität von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsprozessen zum Vorschein kommen. Sie führt vor Augen, dass die Identität (nicht-) behinderter Menschen kulturell geprägt ist und von Deutungsmustern des Eigenen und des Fremden bestimmt wird. Des weiteren nehmen die am kulturellen Modell orientierten Arbeiten die Erfahrungen aller Gesellschaftsmitglieder als Ausgangspunkt: Sie benutzen Behinderung als heuristisches Moment, dessen Analyse kulturelle Praktiken und gesellschaftliche Strukturen zum Vorschein bringt, die sonst unerkannt geblieben wären. Der kulturwissenschaftliche Ansatz ist deshalb so spannend, weil mit ihm die Perspektive umgedreht wird: Nicht behinderte Menschen als Randgruppe, sondern die Mehrheitsgesellschaft wird zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand. Mit diesem Perspektivenwechsel lassen sich überraschende neue Einsichten gewinnen, z.B. in die Art und Weise, wie Wissen über den Körper produziert wird, wie Normalitäten und Abweichungen konstruiert werden, wie exklusive und inklusive Praktiken gestaltet sind, wie Identitäten geformt und neue Subjektbegriffe geschaffen werden. Außerdem geht das kulturelle Modell davon aus, dass Sozialleistungen und Bürger/innenrechte allein nicht genügen, um Anerkennung und Teilhabe zu erreichen; vielmehr bedarf es auch der kulturellen Repräsentation. Individuelle und gesellschaftliche Akzeptanz wird erst dann möglich sein, wenn behinderte Menschen nicht als zu integrierende Minderheit, sondern als integraler Bestandteil der Gesellschaft22 verstanden werden. Kritisiert wird so eine gesellschaftliche Praxis, die homogene Gruppen konstruiert und diese auf der Basis normativer Bewertungen hierarchisiert, anstatt die eigene Heterogenität anzuerkennen und wertzuschätzen. Aus Sicht des kulturellen Modells sind nicht nur die Politik, sondern auch Lebenswelt und Diskurs aufgefordert, den soziokulturellen Wandel zu bewirken, der notwendig ist, um Behinderung als stigmatisierte Lebenslage zu überwinden.

Theoriedefizit und Perspektiven

Die deutschsprachigen Disability Studies haben somit das soziale Modell von Behinderung als expliziten Referenzpunkt noch zu entdecken, während es auf der internationalen Bühne längst differenziert diskutiert wird. Zwar spielte „die Erkenntnis der gesellschaftlichen Determination von Behinderung“23 von Anfang an eine große Rolle und lieferte einem Gründungsdokument der deutschen Behindertenbewegung24 den entscheidenden Ausgangspunkt; auch sind gängige Aussagen wie „behindert ist man nicht, behindert wird man“ andere Formulierungen für das soziale Modell von Behinderung. Dennoch muss für den Diskurs hierzulande das theoretische Versäumnis – etwa im Unterschied zu Großbritannien – konstatiert werden, einen eigenen Behinderungsbegriff explizit auszuarbeiten. Will man diesem Manko abhelfen, müssen alternative und ergänzende Ansätze ebenfalls berücksichtigt werden. Die Konturierung eines kulturellen Modells von Behinderung neben dem sozialen Paradigma bietet sich als erster Schritt an, um der Interdisziplinarität der Disability Studies gerecht zu werden. Hinsichtlich der wissenschaftlichen Fundierung der Disability Studies werden Modelle allerdings immer nur konzeptionelle Startpunkte abgeben können. Modellbildung ist hilfreich zur Entwicklung einer eigenen Perspektive. Sie kann aber Theoriebildung nicht ersetzen. Und vor allem letztere sollte auch in Deutschland in Angriff genommen werden.

Anmerkungen

1) Vgl. Oliver, M. 1996. Understanding Disability: From theory to practice. Basingstoke; Davis, L.J. (Hg.) 1997. The Disability Studies Reader. New York/London; Mitchell, D.T./Snyder, S.L. (Hg.) 1997. The Body and Physical Difference. Discourses of disability in the humanities. Ann Arbor; Shakespeare, T. (Hg.) 1998. The Disability Reader: Social science perspectives. London; Barnes, C./Mercer, G./Shakespeare, T. 1999. Exploring Disability. A sociological Introduction. Cambridge: Polity Press; Albrecht, G./Seelman, K./Bury, M. (Hg.) 2001. Handbook of Disability Studies. Thousand Oaks/London/New Delhi

2) Lutz, P./Macho, T./Staupe, G./Zirden, H. (Hg.), 2003. Der (im-)perfekte Mensch. Metamorphosen von Normalität und Abweichung. Köln/Weimar

3) Hermes, G./Köbsell, S. (Hg.), 2003. Disability Studies in Deutschland – Behinderung neu denken! Dokumentation der Sommeruni 2003, S. 23-26. Kassel. Waldschmidt, A. (Hg.), 2003. Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies. Tagungsdokumentation. Kassel

4) Vgl. Initiative Therapeutische Beratungsstelle – Entmenschlichung von Behinderten, 1980. Das neue Bremer Modell oder die modellhafte Unterdrückung von Behinderten. Psychologie & Gesellschaftskritik 4, H. 3, S. 32-42; Christoph, F., 1980. Behinderten-Standpunkt. Ein Behinderter schreibt über sich selbst. Sozialmagazin 5, H. 5, S. 56-59

5) Überblicke: Waldschmidt, A., 1995. „Lieber lebendig als normal!“ – Positionen der Behindertenbewegung zu Humangenetik und Pränataldiagnostik. In: Schindele, E. (Hg.), Schwangerschaft. Zwischen guter Hoffnung und medizinischem Risiko, S. 333-362. Hamburg; Köbsell, S., 2003. Die aktuelle Biomedizin aus Sicht der Disability Studies. In: Schicktanz, S./Tannert, C./Wiedemann, P. (Hg.). Kulturelle Aspekte der Biomedizin. Bioethik, Religionen und Alltagsperspektiven, S. 160-186. Frankfurt/Main

6) Als Überblick: Drewes, A., 2003. Behindertenrecht und Behindertenpolitik aus der Sicht von Interessenvertretungen. In: Maydell, B. v./Pitschas, R./Schulte, B. (Hg.). Behinderung in Asien und Europa im Politik- und Rechtsvergleich, S. 463-475. Baden-Baden

7) Ewinkel, C. et al. (Hg.), 1985. Geschlecht Behindert – Besonderes Merkmal Frau. Ein Buch von behinderten Frauen. München: AG SPAK; Barwig, G./Busch, C. (Hg.), 1993. „Unbeschreiblich weiblich!?“ Frauen unterwegs zu einem selbstbewußten Leben mit Behinderung. München: AG SPAK

8) Mürner, C., 2003. Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen: Sensationslust und Selbstbestimmung. Weinheim/Basel/Berlin

9) Vgl. Lutz et al. 2003

10) Vgl. Oliver 1996; Shakespeare 1998; Barnes et al. 1999; Thomas, C., 1999. Female Forms: Experiencing and understanding disability. Buckingham/Philadelphia; Priestley, M., 2003. Worum geht es bei den Disability Studies? Eine britische Sichtweise. In: Waldschmidt, A. (Hg.). Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies, S. 23-35. Kassel

11) Die ICIDH (1981) unterschied zwischen Schädigung (impairment), Beeinträchtigung (disability) und Benachteiligung (handicap). „Handicap“ wurde später fallengelassen, da es im Englischen abwertend ist. Auch in der neuen International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) der WHO (2001) taucht es nicht mehr auf. Mittlerweile werden „Schädigung“ und „Beeinträchtigung“ bzw. „Funktionsstörung“ als „impairment“ zusammengefasst; „disability“ wird als Oberbegriff benutzt und bezeichnet die Teilhabebeschränkung und soziale Benachteiligung auf Grund einer „impairment“.

12) Oliver 1996, S. 30ff.; Barnes et al. 1999, S. 20-31; Priestley 2003

13) Union of Physically Impaired Against Segregation, UPIAS .

14) UPIAS 1976, zit. nach Priestley 2003, S. 4, Hervorh. AW

15) DPI 1982, zit. n. Thomas 1999, S. 15, Hervorh. dort

16) Priestley 2003, S. 7

17) Shakespeare 1992, zit. n. Siminski, Peter 2003. Patterns of Disability and Norms of Participation through the Life Course: empirical support for a social model of disability. Disability & Society 18, Nr. 6, S. 707-718, hier: S. 709

18) Hughes, B./Paterson, K. 1997. The Social Model of Disability and the Disappearing Body: Towards a sociology of impairment. Disability & Society 12, Nr. 3, S. 325-340, S. 326

19) Foucault, Michel, 31978. Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt/Main

20) Greving, H./Gröschke, D. (Hg.), 2000. Geistige Behinderung – Reflexionen zu einem Phantom. Ein interdisziplinärer Diskurs um einen Problembegriff. Bad Heilbrunn

21) Davis 1997; Mitchell/Snyder 1997; verschiedene Beiträge in Albrecht et al. 2001. Deutschsprachiger Diskurs: vgl. Lutz et al. 2003; Waldschmidt 2003

22) Stiker, H.-J., 1999. A History of Disability. Ann Arbor

23) Initiative Therapeutische Beratungsstelle 1980, S. 36

24) Christoph 1980 .


Dr. rer. pol. Anne Waldschmidt ist Professorin für Soziologie in Heilpädagogik, Sozialpolitik und Sozialmanagement an der Universität zu Köln. Sie leitet die Internationale Forschungsstelle Disability Studies und ist Mitglied im International Advisory Board der „Encyclopedia of Disability“ (Sage Publications, 2005). Ihr Beitrag beruht auf einer längeren Analyse, die in Nr. 113 (2005) von Psychologie und Gesellschaftskritik (Psychosozial-Verlag, Gießen) erschienen ist.

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