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Klaus Holzkamp

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Erweiterte Horizonte

15.03.2006: Zukunftsfähige Arbeitsforschung im Genderblick

  
 

Forum Wissenschaft 1/2006

Arbeit und Geschlecht lautet der Titel des Memorandums zur zukunftsfähigen Arbeitsforschung, das für einen in genderkompetenter Art und Weise erweiterten Horizont der Arbeitsforschung und ihrer Förderung plädiert. Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen erstellte das Memorandum im Rahmen des Projekts GendA – Netzwerk feministische Arbeitsforschung in einem kooperativen Prozess.1 Grundlage bildet die Auffassung, dass der Restrukturierung der Geschlechterverhältnisse zentrale Bedeutung für den aktuellen Wandel der Arbeit zukommt.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein fundamentaler Wandel der Geschlechterverhältnisse vollzogen, in dem auch tradierte Muster der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung erodieren. So sind deutliche Indizien für eine allmähliche Überwindung überkommener Geschlechterstereotypen nach dem Modell des männlichen Familienernährers bzw. der Hausfrauenehe zu konstatieren, und auch die tradierten Klischees von Männer- und Frauenarbeit mit den darin enthaltenen Zugangsbarrieren zu vergleichsweise privilegierten Tätigkeitsfeldern – vorrangig zum Nachteil von Frauen – werden brüchiger. Die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen, die zunehmende Egalisierung ihres Bildungsstandes sowie der Wandel der Lebenskonzepte und -formen von Frauen und Männern haben vor allem bei den jüngeren Generationen zu einer Annäherung der Arbeits- und Lebensperspektiven geführt. Gleichwohl sind die Grundstrukturen der geschlechtstypischen Segregation und hierarchisierten Organisation, Verteilung und Bewertung von Arbeit längst nicht überwunden. Vielmehr überlagern sich die skizzierten Entwicklungen mit gegenläufigen Tendenzen der (Re-)Produktion von Geschlechterstereotypen, -asymmetrien und -hierarchien. Noch immer sind Frauen überproportional häufig in weniger anerkannten und schlechter bewerteten Berufen tätig und verdienen im Durchschnitt deutlich weniger als Männer. Zusätzlich entstehen aktuell neue Formen der Hierarchisierung von Geschlechterverhältnissen.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen bildet den Ausgangspunkt des Memorandums die Beobachtung, dass diese Restrukturierung der Geschlechterverhältnisse in ihrer Bedeutung für die Zukunftsperspektiven der modernen Gesellschaften insgesamt und für die Frage nach dem Volumen, den Formen, Bedingungen und Inhalten der zu leistenden Arbeit in der Arbeitsforschung noch immer unterschätzt wird. Geschlechtsspezifische Dimensionen der sozialen Organisation, Verteilung und Bewertung von Arbeit finden zwar zunehmend Aufmerksamkeit in der Arbeitsforschung und deren Förderung. Systematisch integrierte Forschungs-, Förder- und Gestaltungsperspektiven fehlen jedoch, und die Thematisierung von Genderperspektiven folgt oft dem Muster einer gesonderten Erörterung der Problemlagen von Frauen.

Dagegen vertreten die Autorinnen und Autoren des Memorandums die Auffassung, dass es einer systematischen Integration der Geschlechterperspektive in die Forschungsperspektiven und -ansätze der Arbeitsforschung bedarf. Der Begriff der Genderkompetenz beschreibt dabei eine Forschungsperspektive, die das Geschlechterverhältnis als integralen Bestandteil der Analyse, Bewertung und Gestaltung von Arbeit begreift und normativ auf die Überwindung hierarchischer Geschlechterkonstruktionen ausgerichtet ist. Den Autorinnen und den Autoren des Memorandums geht es somit nicht darum, die herkömmliche Arbeitforschung einfach nur um die Auseinandersetzung mit der geschlechterdifferenten Ausformung moderner Arbeitswelten zu ergänzen; sie vertreten vielmehr die Ansicht, dass sich aus einer systematischen Integration der Geschlechterperspektive in den Horizont der Arbeitsforschung grundlegende Korrekturen an den in der Arbeitsforschung verbreiteten Deutungsmustern, theoretischen Grundlagen, thematischen Zuschnitten sowie methodisch-methodologischen Instrumentarien ergeben. Eine systematische Integration der Geschlechterperspektive kann damit einen Beitrag zur Überwindung von Innovationsblockaden in der praktischen Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik leisten – nicht nur im Sinne der Überwindung von Geschlechterstereotypen und Geschlechterhierarchien, sondern auch generell im Sinn einer zukunftsorientierten Gestaltung des aktuellen Wandels der Arbeit.

Anhand ausgewählter Themenfelder skizziert das Memorandum, welche Forschungsfragen und -bedarfe sich aus einer solchen Perspektive für die Zukunft ergeben. Nachfolgend dokumentieren wir einige dieser Themenfelder und Forschungsbedarfe beispielhaft und in Auszügen.

Arbeitsforschung, genderkompetent

Bei einem Blick über die Arbeitsforschungsliteratur ist festzustellen, dass – trotz erfolgter Veränderungen der vergangenen Jahre – der in der Arbeitsforschung unterlegte Arbeitsbegriff oft immer noch an männlicher Industriearbeit orientiert ist. So bleibt in den empirischen Forschungen unbezahlte Arbeit nach wie vor weitgehend außerhalb der Betrachtung bzw. anderen Disziplinen zugeordnet. Arbeitstätigkeiten und -bedingungen am unteren Ende des geschlechtsspezifisch strukturierten Arbeitsmarktes finden noch immer zu wenig Beachtung. Forschungsperspektiven unterliegen häufig einem gender bias – auch dann, wenn vorwiegend von Frauen verrichtete Arbeit bzw. von Frauen besetzte Arbeitsplätze untersucht werden. Diese Tatbestände deuten darauf hin, dass es gerade im Hinblick auf den der Arbeitsforschung zugrunde liegenden Arbeitsbegriff nach wie vor an einer systematischen Integration der Kategorie Geschlecht in die Konzepte und Methoden mangelt.

Darüber hinaus muss darauf reagiert werden, dass im Zuge des Wandels der Arbeit der Gegenstand der Arbeitsforschung insgesamt unklarer geworden ist. Hierzu tragen Entwicklungen bei wie etwa die Verwischung der Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und anderen Arbeits- und Lebensbereichen und die Entstehung und Ausweitung neuer (Erwerbs-)Arbeitsformen. Immer wieder gab und gibt es in der Arbeitsforschung kontroverse Diskussionen um die Definition ihres Forschungsgegenstands. Die aktuellen Transformationen machen die Erneuerung einer solchen Debatte erneut dringlich.

Entsprechend beinhaltet eine genderkompetente Ausrichtung der Arbeitsforschung für die Autorinnen und die Autoren des Memorandums gerade auch eine Reflexion und Neubestimmung des Arbeitsbegriffs, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Erstens geht es um die angemessene Berücksichtigung der Vielfalt unterschiedlicher Arbeits- und Beschäftigungsformen einschließlich ihrer nach wie vor geschlechtsspezifischen Organisation, Verteilung und Bewertung. Zum Zweiten geht es um die Untersuchung der nach wie vor geschlechtstypischen Einbettung von Arbeit in die Gesamtheit der individuellen und gesellschaftlichen Lebenswirklichkeiten. Zum Dritten bedarf es vor dem Hintergrund des aktuellen Wandels der Arbeit und seiner Verschränkung mit dem Wandel der Geschlechterverhältnisse einer geschichtlichen Reflexion der Veränderungen des Begriffs und der Realität von Arbeit mit Blick auf die sich daraus ergebenden Optionen für deren Zukunft. Viertens muss Arbeit ihrem Inhalt, ihren Formen, ihrer Bedeutung und ihrer konkreten Gestaltung nach als ein politisches Feld betrachtet werden, das von widersprüchlichen Interessen, unterschiedlichen Werten und Bedürfnissen sowie diesbezüglichen Auseinandersetzungen und Kontroversen strukturiert wird.

Arbeit neu erforschen

Jenseits einer solchen Neubestimmung des Arbeitsbegriffs lassen sich aus einer genderkompetenten Perspektive aber auch konkret neue Forschungsbedarfe und -fragen für zentrale Themenbereiche formulieren Das Memorandum skizziert ausgewählte Themenfelder – etwa Entgelt, Qualifikation, Beteiligung, betriebliche Management- und Organisationskonzepte, politische und betriebliche Frauen- und Gleichstellungspolitik. An dieser Stelle dokumentieren wir lediglich Memorandumsausführungen zu Themen wie Vereinbarkeit, (Arbeits-)Zeit und Gesundheit.

Den Ausgangspunkt des Memorandums bildet hier die Beobachtung, dass der Zusammenhang von „Arbeit“ und „Leben“ im aktuellen Wandel der Arbeit eine grundlegende Neustrukturierung erfährt. Deutlich wird dabei, dass sich Arbeits- und Lebenswirklichkeiten auf komplexe und spannungsreiche Weise wechselseitig durchdringen. Im Zuge dieser verstärkt hervortretenden Interdependenzen gewinnt insbesondere die Frage der Vereinbarkeit in wachsendem Maße an Bedeutung. Viele Beschäftigte problematisieren die Unvereinbarkeit ihrer beruflichen Tätigkeit mit dem „Rest des Lebens“, und zwar in unterschiedlichen Hinsichten. Neben mangelnder zeitlicher Kompatibilität werden Probleme der Vereinbarkeit von psychischen, psychosozialen und gesundheitlichen Belastungen sowie sonstigen betrieblichen und außerbetrieblichen Arbeitsanforderungen mit persönlichen Bedürfnissen oder den Vorstellungen eines „guten Lebens“ thematisiert. Die zunehmende Flexibilisierung und Pluralisierung der Erwerbsarbeit sowie der privaten Lebensformen führt dazu, dass die Erwerbstätigkeit immer schwieriger mit dem „Rest des Lebens“ zu integrieren und zu koordinieren ist. Dabei müssen nicht nur Elternschaft und Erwerbstätigkeit, sondern auch weitere Tätigkeiten und Lebensbereiche in Einklang gebracht werden wie bürgerschaftliches Engagement, Eigenarbeit, Hobbys oder soziale Kontakte. Deutlich wird dabei, dass es sich bei der Vereinbarkeitsfrage nicht ausschließlich um ein Problem von Frauen oder gar nur von Müttern handelt, sondern um eines, das sich für Frauen und Männer stellt, wenn auch oft in unterschiedlicher Art und Weise. Nach wie vor nehmen überwiegend Frauen die hauptsächliche Verantwortung für den familiären Tätigkeitsbereich wahr; hierzu gehört etwa auch die Pflege älterer Familienangehöriger. Dies führt dazu, dass die Vereinbarkeitsfrage sich für Frauen noch immer unmittelbarer und dringlicher stellt als für Männer.

Die aktuelle Arbeitsforschung versteht das Thema Vereinbarkeit allerdings der Tendenz nach als Problem zeitlicher Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und sieht dessen „Lösung“ oftmals in der Teilzeitarbeit. Eine solche Fokussierung wird jedoch der Komplexität der Vereinbarkeitsfrage nicht gerecht. Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit haben nach wie vor eine wichtige Bedeutung für die Frage der Vereinbarkeit, aber auch Arbeitsverdichtung, Arbeitsbelastung oder erhöhte Leistungsanforderungen lassen sich mit einem Leben jenseits der Arbeit oftmals schlecht vereinbaren, für das die Beschäftigten neben Zeit auch (emotionale) Energien und „soziale“ Ressourcen benötigen.

… u.a. Arbeitszeiten

Auch die Entwicklung von (Erwerbs-)Arbeitszeiten ist in der jüngeren Vergangenheit durch eine Ausdifferenzierung und Pluralisierung gekennzeichnet. Erstens lässt sich eine Flexibilisierung der Lage und Verteilung von Arbeitszeiten feststellen, beispielsweise mittels Arbeitszeitkonten oder Vertrauensarbeitszeiten. Zweitens ist eine Tendenz zur Verbetrieblichung und zur Individualisierung von Arbeitszeiten zu verzeichnen. Drittens lässt eine Betrachtung tariflicher und betrieblicher Arbeitszeitvereinbarungen sowie gesetzlicher Regelungen einen Trend zur De-Standardisierung von Erwerbsarbeitszeiten vor allem im Sinne einer Abweichung von der sogenannten Normalarbeitszeit erkennen – und zwar sowohl nach oben als auch nach unten: Auf der einen Seite verlängern sich durch kollektive Arbeitszeitverlängerungen, Überstunden, übererfüllte Arbeitszeitkonten, flexibilisierte Arbeitszeiten und einen späteren Berufsausstieg die (Lebens-)Arbeitszeiten. Dem steht eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit durch vermehrte Teilzeitarbeit und Minijobs gegenüber.

Diese zeitlichen Ausdifferenzierungen unterliegen deutlich einer geschlechtstypischen Prägung: Während Männer häufiger von längeren Arbeitszeiten und (bezahlten und unbezahlten) Überstunden betroffen sind, wirkt sich die Ausdifferenzierung von Erwerbsarbeitszeiten nach unten mehrheitlich auf Frauen aus. Die weibliche Erwerbsquote ist seit den 1950er Jahren gestiegen. Da sich die Erwerbsintegration weitgehend auf der Basis von Teilzeitarbeit vollzog, hat sich zwar die Beschäftigungsquote, nicht aber im selben Maße das Erwerbsarbeitszeitvolumen von Frauen erhöht. Im Lebensverlauf wirken sich familienbedingte Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitarbeit für Frauen noch immer nachteilig auf Einkommen, Karrierechancen und soziale Absicherung aus. Während sich die weibliche Erwerbsbiographie durch Mutterschaft i.d.R. verändert, unterscheidet sich die Erwerbsbeteiligung von Vätern nicht signifikant von der kinderloser Männer.

Die Flexibilisierung und De-Standardisierung von Arbeitszeiten sowie die Ausdifferenzierung von Arbeitszeitpräferenzen, die Pluralisierung von Familienformen, die Individualisierung von Lebensstilen und der Wandel von Geschlechtsrollenbildern führen insgesamt zu neuen Aushandlungsprozessen um Erwerbs-, Erziehungs-, Pflege- und Haushaltsarbeitszeiten sowie um Zeiten für soziale Beziehungen und Regenerationszeiten in den Familien bzw. Haushalten. Diesen Entwicklungen muss sich die Arbeitszeitforschung zukünftig verstärkt widmen. In jüngerer Zeit sind bereits einige Studien vorgelegt worden, die in diese Richtung weisen. Dennoch steht eine systematische Analyse der Arbeitszeitentwicklung, der institutionalisierten Arbeitszeitarrangements, der Arbeitszeitpolitik und der Subjekte der Arbeitszeitentwicklung aus.

… und Gesundheit

Schließlich plädiert das Memorandum auch für eine wissenschaftliche Reflexion im Bereich Arbeit und Gesundheit. Gesundheit wie auch Krankheit müssen als ein Ergebnis eines von mehreren Faktoren beeinflussten Prozesses verstanden werden. Wohlbefinden ist somit auch subjektiv bestimmt und nicht – wie in der vorherrschenden medizinischen Sicht – ausschließlich an eine (zumindest scheinbar) objektivierbare Diagnose gebunden. Erst die Kenntnis von Gesamtbelastungen, aber auch von Ressourcen, Erholungs- und Entspannungsmöglichkeiten im Alltag ermöglicht es, gesundheitliche Folgen umfassend zu analysieren und Hinweise für eine gesundheitsförderliche Gestaltung und Verteilung von Arbeit zu liefern.

Mit den sich wandelnden Arbeitsbedingungen und Formen der Arbeitsorganisation verändern sich die Belastungen und Ressourcen, mit denen Beschäftigte konfrontiert sind. Diese Veränderungen sind von einer deutlichen Zunahme psychischer Belastungen – insbesondere sozialer und emotionaler – gekennzeichnet, verbunden mit einem allenfalls leichten Rückgang körperlicher Belastungen. Psychisch bedingte Erkrankungen sind mittlerweile die vierthäufigste Ursache für Fehlzeiten in deutschen Unternehmen. In Zukunft wird gerade den Kombinationswirkungen verschiedener Arbeitsbelastungen eine größere Bedeutung zukommen. Dies gilt verstärkt, wenn nicht nur die Erwerbsarbeit, sondern auch weitere Belastungen und Ressourcen in die Betrachtungen einbezogen werden, die etwa durch unbezahlte Arbeit und andere Tätigkeiten entstehen. Hinsichtlich der Gesundheitsbelastungen lassen sich ebenfalls geschlechtstypische Unterschiede konstatieren. Durch die ungleiche Verteilung von Männern und Frauen auf Branchen, Berufe und betriebliche Statuspositionen unterscheiden sich die erwerbsspezifischen Anforderungen, Entwicklungsmöglichkeiten und Rahmenbedingungen.

Die gesundheitsförderlichen und -schädlichen Bedingungen müssen im Zusammenhang von beruflicher Arbeit, Familien- bzw. Hausarbeit sowie von Freizeitaktivitäten und bürgerschaftlichem Engagement – und damit im Kontext eines spezifischen Lebenszusammenhangs – verstanden werden. Es sind bereits erste Ansätze und Modelle entwickelt worden, die zu erklären versuchen, unter welchen inner- und außerbetrieblichen Bedingungen Erwerbsarbeit gesundheits-, persönlichkeits- und lernförderlich sein kann. Eine zukunftsweisende Arbeitsforschung kann und sollte daran anknüpfen.

Forschungsförderung als Genderfrage

Das Memorandum schließt mit einem Appell an die Forschungsförderung, den skizzierten neuen Chancen und Risiken des Wandels der Arbeit sowie den sich aus genderkompetenter Perspektive ergebenden Forschungsherausforderungen angemessen Rechnung zu tragen. In der Bundesrepublik Deutschland wurden in den letzten Jahren erhebliche Anstrengungen für eine innovative Förderung der Arbeitsforschung wie der Geschlechterforschung unternommen. Angesichts der anhaltenden und sich zum Teil weiter zuspitzenden Probleme des Wandels der Arbeit und der Geschlechterverhältnisse ist eine Fortführung und Verstärkung dieser Anstrengungen unerlässlich. Trotz der – teilweise auch schon in der Vergangenheit von der Forschungsförderung begünstigten – Öffnung von Teilen der Arbeitsforschung für die Geschlechterproblematik bestehen hier aber nach wie vor erhebliche Rezeptions- und Diskurssperren, zu deren weiterem Abbau die Forschungsförderung nur dann beitragen kann, wenn sie neben entsprechenden Förderprogrammen und Vergabekriterien den Aufbau eigenständiger Genderkompetenz in der Arbeitsforschung in Verbindung mit dem Ausbau von Dialogforen aktiv unterstützt. Dazu bedarf es nicht nur der Vergabe entsprechender Forschungsprojekte, sondern auch der Förderung einer langfristig existenzfähigen Infrastruktur genderkompetenter Arbeitsforschung. Darüber hinaus müssen Förderprogramme, Vergabekriterien, Forschungsprojekte und -befunde einer begleitenden Evaluierung hinsichtlich ihrer oft verdeckten Gendercodes unterzogen werden.

Die Arbeit am Memorandum in einer interdisziplinären Gruppe von Forscherinnen und Forschern war eine besondere Herausforderung. Einerseits wurden dadurch theoretische und methodologische Grundannahmen einzelner Disziplinen grundlegend in Frage gestellt, die ansonsten vielfach unhinterfragt bleiben. Dies gab Anstoß für die Entwicklung neuer Perspektiven jenseits herkömmlicher Disziplinengrenzen. So konnten beispielsweise fragmentierte Perspektiven auf den Wandel von Arbeit überwunden werden und Fragestellungen miteinander in Verbindung gebracht werden, die zumeist gesondert voneinander betrachtet werden. Andererseits erschwerten die in den Disziplinen teilweise unterschiedlichen Verständnisse desselben Begriffs die Kommunikation.

… kooperativ, interdisziplinär

Als wichtige Bedingungen für den Erfolg einer solchen Kooperation lassen sich aus dem Memo-Prozess insbesondere folgende Aspekte festhalten: erstens eine ausgiebige, ergebnisorientierte Diskussion und Verständigung über das gemeinsame Anliegen ebenso wie über die Vorgehensweise; zweitens die Verständigung darüber, dass kontroverse Positionen nicht unbedingt harmonisiert werden müssen, sondern so akzentuiert werden können, dass sie zu offenen Forschungsfragen verdichtet werden; drittens die Existenz eines Koordinationszentrums der Forschungskooperation, in diesem Fall von GendA – Netzwerk feministische Arbeitsforschung; viertens ein ausgewogener Mix aus unterschiedlichen Formen der Kommunikation unter Nutzung neuer Kommunikationstechnologien als Ergänzung des persönlichen Dialogs (nicht als sein Ersatz). Das Memorandum wurde in einem mehrstufigen Verfahren erstellt, das Workshops mit internetgestützter Kommunikation kombinierte – diese Kombination ermöglichte Phasen räumlich und zeitlich getrennter Arbeit; fünftens die Verständigung auf das „Hühneraugenprinzip“. Es beruht auf einer arbeitsteiligen Vorgehensweise mit mehreren Rückkopplungsschleifen, in denen es zunächst darum geht, gerade aus der Identifikation kontroverser Positionen offene Forschungsfragen zu formulieren. So erzielten die Kooperierenden in einem Eingangsworkshop eine Einigung über zentrale Themen der genderkompetenten zukunftsfähigen Arbeitsforschung. Zu diesen Themen verfassten die am Memorandum Arbeitenden dann Initialtexte und stellten sie ins Internet. Diese Initialtexte kommentierten die beteiligten Mitdiskutantinnen und Mitdiskutanten virtuell und ergänzten sie. Anschließend diskutierten sie die Texte im Rahmen eines zweiten Workshops und in Tandems von jeweils mindestens zwei Personen und überarbeiteten sie. Anschließend konnten diese überarbeiteten Texte abermals im Internet ergänzt und kommentiert werden. In der Endphase der Dokumentation der Ergebnisse wurden Vetos jedoch nur noch dann eingelegt, wenn es um für die Beteiligten absolut zentrale bzw. „schmerzhafte“ Punkte („Hühneraugen“) geht. So entstand im Laufe der Zeit ein „kooperativer Text“. Das Memorandum plädiert damit nicht nur für wissenschaftliche Interdisziplinarität und Kooperation, sondern ist selbst ein Dokument interdisziplinärer und kooperativer Arbeitsforschung.2

Anmerkungen

1) Lena Correll, Stefanie Janczyk und Ingrid Kurz-Scherf initiierten und koordinierten die Erstellung des Memorandums im Rahmen des vom BMBF geförderten Projektes GendA – Netzwerk feministische Arbeitsforschung. Seine Verfasser/innen sind Diana Auth, Guido Becke, Lena Correll, Michael Frey, Tatjana Fuchs, Stefanie Janczyk, Gertraude Krell, Ingrid Kurz-Scherf, Brigitte Nagler, Hildegard Maria Nickel, Marianne Resch, Clarissa Rudolph, Anneli Rüling, Eva Senghaas-Knobloch und Brigitte Stolz-Willig. Redaktionell bearbeitete Jutta Roitsch den Text. Der nachfolgende Beitrag gibt – z.T. wörtlich – wesentliche Teile des Memorandums wieder, ergänzt um Ausführungen zum Anliegen und Entstehungsprozess des Memorandums.

2) Die Kurzfassung des Memorandums ist abgedruckt in: Ingrid Kurz-Scherf/Lena Correll/Stefanie Janczyk (Hrsg.), 2005: In Arbeit: Zukunft. Die Zukunft der Arbeit und der Arbeitsforschung liegt in ihrem Wandel. Münster: Westfälisches Dampfboot. Sie ist ebenfalls abgedruckt in: WSI-Mitteilungen, Heft 4/2005. Die Langfassung ist unter www.gendanetz.de abrufbar.


Lena Correll und Stefanie Janczyk waren wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Projekt GendA – Netzwerk feministische Arbeitsforschung. Seit Herbst 2005 sind sie Stipendiatinnen im Graduiertenkolleg Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Arbeit, Politik und Kultur an der Universität Marburg, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung.

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