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»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

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Forum Wissenschaft

Zwischenruf: Kann Evaluation nützlich sein?

  
 

Forum Wissenschaft 1/2005

Nach meiner Auffassung sind die Kontextbedingungen der Evaluation - also weniger die des Programms/der evaluierten Maßnahmen/Projekte usw. - äußerst relevant für die Nutzungswahrscheinlichkeit von Daten/Ergebnissen/Schlussfolgerungen, auch von Empfehlungen, wenn diese wirklich angemessen sind: Diese Kontextbedingungen sind z.B. strukturell unterschiedlich in Privatunternehmen, bei Sozialversicherungsträgern, in Stiftungen oder bei öffentlichen Körperschaften, etwa Ämtern, Ministerien, Parlamenten. Bei letzteren, also im öffentlichen, demokratisch kontrollierten Raum, kommt es auf die politische Kultur des jeweiligen Landes an - in einer Konkordanzdemokratie mit starken plebiszitären Elementen sind die Nutzungsbedingungen für Evaluation ganz andere als in einer Konkurrenzdemokratie, womöglich Präsidialdemokratie mit direkt gewähltem Präsidenten. In Ländern mit bis zu 10 Mio EinwohnerInnen sind sie anders als in solchen über 50 Mio EW…. Das BIP pro Kopf spielt sicher auch eine Rolle. Oder der Grad interdisziplinärer Orientierung bei den Verwaltungskontrollbehörden wie Rechnungshöfen oder parlamentarischen Verwaltungskontrollen.1 Diese Kontextbedingungen - wenn sie denn schlecht sind für die Nutzung von Evaluationsergebnissen - lassen sich durch Evaluation bzw. durch Interessenvertretungen/Fachverbände von Evaluatoren/Evaluatorinnen nur in the long run und nur marginal beeinflussen. Andererseits gibt es selbst in den USA immer wieder responsive Politiker und Politikerinnen oder Leitungspersonen in Behörden, die situativ und graduell dafür sorgen, dass Politikgestaltung und Entscheidungen auf empirischen Daten abgestützt werden. Auch in Unternehmen gibt es positive Beispiele für Evaluationsnutzung, doch sind die Handlungsspielräume dort eng und werden im Zuge der Globalisierung immer enger. (Welche Nutzungswahrscheinlichkeit hätte aktuell eine Evaluation der Personalentwicklung bei General Motors/Opel). Meine These ist weiterhin, dass die ‚Transdisziplin’-Evaluation, wie sie sich z.B. in den Standards für Evaluation selbst definiert,2 ein offenes Ohr hat für diese Fragen (siehe Nützlichkeitsstandards, Stakeholderorientierung, Sensiblität für Werte und Wertekonflikte). Hingegen ist die klassische Qualitätssicherung (etwa ISO 9000) taub, das Qualitätsmanagement (EFQM) zumindest schwerhörig.gegenüber solchen Fragen.3 Dies streiten meine Freunde und Freundinnen aus der QM-Branche energisch ab (insbesondere diejenigen, die QM auf Soziales und Bildung übertragen), zumal sie sich oft ‚eigene‘, sozusagen branchenspezifische QM-Systeme geschaffen haben,4 die eben jene Verbindungsstücke von einem ursprünglich ingenieurwissenschaftlichen QM zu Fragen von personaler Entwicklung und Bildung, sozialer Gerechtigkeit oder legitimer Herrschaft, zu Themen des sozialen und internationalen Friedens usw. aufwändig nachrüsten. Dieser Weg ist legitim und sinnvoll. Aber muss man es sich - und den vorgesehenen Nutzern und Nutzerinnen - denn unbedingt schwer machen? Um ein Bild zu wählen: Porsche, Ferrari oder Lamborghini durch Konstruktionsänderungen ökologisch verträglich(er) machen zu wollen, anstatt sofort auf das Original, z.B. das Fahrrad zurückzugreifen? Der direkte Weg, das humane, reflexive, aufklärende und demokratische Potential der Evaluation zu nutzen, wäre hier sicher effektiver und effizienter.


Anmerkungen

1) Vgl. Werner Bussmann, Ungeliebt aber unverzichtbar: Evaluation im Kontext der Politik; in: Wolfgang Beywl (Hrsg.), Evaluation im Kontext. Bern: Universität Bern, Koordinationsstelle für Weiterbildung, 2004, 14-24; Karl Weber, Evaluationen im Kontext der Wissenschaft; in: Beywl 2004, 7-13.

2) Vgl. Standards für Evaluation/Deutsche Gesellschaft für Evaluation (Red.: Wolfgang Beywl), Köln: Deutsche Gesellschaft für Evaluation, 2002.

3) Wolfgang Beywl, Evaluation und Qualitätsmanagement. Systematische Verfahren zur Entwicklung von Qualität in den Humandienstleistungen; in: Wolfgang Geise (Hrsg.) Ökonomische Bildung zur Bewältigung von Lebenssituationen. Bergisch Gladbach 2001, 117-132.

4) z.B. Joachim Merchel, Qualitätsmanagement in der Sozialen Arbeit: ein Lehr- und Arbeitsbuch, Münster: Votum, 2001.


Dr. Wolfgang Beywl ist wissenschaftlicher Leiter der Univation GmbH, Institut für Evaluation, Köln, sowie Studienleiter im Masterprogramm Evaluation an der Universität Bern. Seit 1997 ist er Vorstandmitglied der Deutschen Gesellschaft für Evaluation. Sein Text basiert auf einem Beitrag zur Maillist des Forums Evaluation (f-eval) (04.12.2005).

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