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Klaus Holzkamp

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Der Schein einer Chance

15.02.2008: Bologna und Friedenswissenschaft

  
 

Forum Wissenschaft 1/2008

Zumindest aus Sicht der Friedens- und Konfliktforschung konnte man zunächst zur Einschätzung einer großen Chance kommen. Bis zum Beginn dieses Jahrzehnts führten die Friedenswissenschaften, multidisziplinär und mit vielfältigsten Gewaltformen befasst, von innergesellschaftlichen bis unternationalen Konflikten, universitär ein Schattendasein. Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum gab es in Deutschland bis auf einen Magister-Nebenfachstudiengang in Marburg und ein universitätszertifiziertes Weiterbildungsangebot der FernUniversität Hagen keinerlei Studienmöglichkeiten. Kritische Friedenswissenschaft war bis dato allein gebunden an das persönliche Engagement Einzelner, die bereit waren, sich in ihrer sozial-, geistes- oder naturwissenschaftlichen Forschung und Lehre auch mit Krieg und Frieden, Rüstung und Abrüstung, Gewalt und ziviler Konfliktlösung zu beschäftigen. Frieden war ein meist auch noch ideologisch verbrämtes Privatvergnügen.

Zwei glückliche Umstände kamen mit „Bologna“ für die Friedensforschung zusammen: Zum einen brach endlich durch den Bologna-Prozess die starre Studienstruktur an den Hochschulen auf, so dass neue, interdisziplinäre und praxisorientierte Fächer die Chance bekamen, Studienangebote als Masterstudiengänge einzurichten. Zum zweiten legte die Deutsche Stiftung Friedensforschung, gegründet 2000 von der Bundesregierung, ein Nachwuchsprogramm auf. U.a. sicherte es vier Masterstudiengängen eine Anschubfinanzierung über fünf Jahre. Weitere Universitäten folgten dem Beispiel. Etwa 150 bis 200 Nachwuchswissenschaftler/innen können heute jährlich mit ihrer Ausbildung als Friedens- und Konfliktforscher/innen beginnen. Eine Erfolgsstory – so schien es.

Bologna ist inzwischen ein Synonym für alle Reformen geworden, die das Hochschulwesen in Deutschland radikal verändert haben. Kaum ist mehr zuzuordnen, auf welcher Ebene welche Beschlüsse gefasst wurden, welche Innovationen welche Defizite beheben sollen und welche Konsequenzen daraus für wissenschaftliche Qualifizierung, Forschung und Lehre resultieren. Den hoch komplexen Reformprozess wird nach 2010 kaum jemand darauf hin analysieren können, was warum erfolgreich war oder misslang. In NRW wurden die Hochschulen mit dem Hochschulfreiheitsgesetz eigenständige Körperschaften; es hierarchisierten sich die Entscheidungsstrukturen; die Budgetierung reicht bis zur untersten Ebene; gleich mehrere Hochschulpakte mit Zielvereinbarungen wurden verabschiedet sowie ein neues Besoldungs- und Tarifsystem; auf Bundesebene wurden das Bachelor-, Master- und ein Akkreditierungssystem eingerichtet, verschiedene Arbeitszeitgesetze verabschiedet. U.a. das Eliteförderungsprogramm verschärfte die Konkurrenz zwischen den Hochschulen weiter. Viele dieser Regelungen wurden in kürzester Zeit revidiert, brachten aber den Ausbau der Verwaltungsapparate und eine enorme Bürokratisierung in den Hochschulen mit sich. Zugleich wurde die alte Frage eindeutig zugunsten der Verwaltung entschieden, wer letztlich Forschung und Lehre bestimmt: Wissenschaft oder Verwaltung. Zumal auch der bürokratische Anteil der Tätigkeiten des wissenschaftlichen Personals infolge des ausgebauten Prüfungs- und Kontrollsystems massiv anstieg. Inzwischen hat sich die Wirtschaft als wichtiger Entscheidungsträger an dominanter Stelle (Hochschulrat) in Position gebracht. Die Widrigkeiten dieses „Reform“systems sind in der Praxis klar erkennbar.

Wesentlicher noch erscheint jedoch die Folge, die Hochschulentwicklung weiter zu „ent“gesellschaften. Intransparenz und Negierung von Verantwortlichkeiten prägen das Geschehen. Beobachtbar ist dies besonders bei der Community in den Hochschulen selbst. Kaum eine Gelegenheit, bei der Hochschulangehörige sich hochschulpolitisch geäußert, Mitsprache- und Entscheidungsmöglichkeiten genutzt, geschweige denn sich solidarisiert und gewehrt hätten. Kein Wunder also, dass auch öffentlich kaum etwas zur Debatte stand. So ist der Vorwurf sicher richtig, den Grottian, Narr und Roth an die eigene Zunft richten: „Unsere größte Enttäuschung über die ‚68er‘ besteht deshalb darin: Dass diese von den Umständen ungemein privilegierte Generation, vertreten durch die vielen Expansionsgewinnler, heute so wenig gegen die antidemokratische Bildungs- und Hochschulpolitik unserer Tage im Zeichen der Exzellenztäuschung opponiert; dass sich ausserhalb des bornierten und politiklosen repräsentativen Absolutismus politisch wenig rührt.“ (FR, 9. Feb. 2008)

Bologna ist nicht schuld?

Jüngst hat diese Entwicklung ein weiteres Opfer gefordert, nämlich einen vermeintlichen Bologna-Gewinner: die Friedenswissenschaften.

Mitte Dezember beschloss das Rektorat der FernUniversität Hagen, den seit gerade vier Jahren eingeführten Master of Peace Studies bis Ende 2011 zügig abzuwickeln. Dieses Masterstudium ist ein einmaliges Ausbildungsangebot im deutschsprachigen Raum. Als Fernstudium ermöglicht es Berufstätigen – vom Pädagogen bis zur Entwicklungshelferin, von der Ärztin bis zum Soldaten –, fundiertes wissenschaftlich ausgearbeitetes Wissen zu erwerben, um gewaltförmige Konflikte grundlegend zu analysieren und alternative Handlungsmodelle zu entwickeln. Dieser Master ist akkreditiert, wurde gefördert durch die DSF und war äußerst gut nachgefragt. Er ist interdisziplinär angelegt, basiert auf der Zusammenarbeit mit Friedens- und Konfliktforscher/innen in ganz Deutschland, verbindet Theorie und Praxis und ermöglicht Studierenden hohe Flexibilität. Er erfüllt damit sämtliche „Bologna“-Vorgaben. Trotzdem soll er dichtgemacht werden; trotz großen geäußerten Bedauerns bei der nicht-öffentlichen Fakultätsratsitzung, die dem gleichlautenden Rektoratsbeschluss vorausging. Die Fakultät wehrte sich nicht gegen den Druck, dem sie ausgesetzt war. Ungeklärt lässt sie bis heute die Frage, wie die vorgesehene Personalreduktion um 70% ab diesem Frühjahr die Qualität des Studienangebots bis zu seinem geplanten Ende wahren soll.

Die Gründe? Die Argumentationen schwanken scheinrational wie die Verantwortlichkeiten; Willkür und persönliche Animositäten sind mit im Spiel; letztlich aber bleibt die Antwort eher spekulativ. Es sei denn, wir lesen die ersten Takte des Jahresrückblicks von Rektor und Kanzlerin der FernUniversität Hagen als Hinweis auf die heute wichtigen Parameter von Hochschularbeit: „Wir sind in diesem Jahr einen großen Schritt vorangekommen – wir haben unsere neue Grundordnung verabschiedet. [...] Unser neues Corporate Design ist in seinen ersten Ausprägungen sichtbar. [...] Und dank vorausschauender, sparsamer Haushaltsführung haben wir auch in diesem Jahr die Klippen von Einsparvorgaben, Globalhaushalt und neuer Hürden aus der leistungsorientierten Mittelverteilung umschifft.“



Christiane Lammers ist Diplom-Sozialpädagogin und M.A. Sie hatte über lange Jahre Funktionen in verschiedenen Organisationen der deutschen Friedens- und Konfliktforschung inne. Seit zehn Jahren ist sie als Koordinatorin der LAG Friedenswissenschaft in NRW am Institut Frieden und Demokratie der FernUniversität in Hagen beschäftigt.

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