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Klaus Holzkamp

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Rechter "Geist geistloser Zustände"

29.03.2017: Öffentlichkeit und soziale Spaltung

  
 

Forum Wissenschaft 1/2017; Ralf Geithe / fotolia.com

Besorgt stellen einflussreiche Leitmedien eine Verrohung der Tonlage in öffentlichen Debatten (besonders in diversen "sozialen Netzwerken") fest und beklagen lautstark die absurden Erscheinungen "postfaktischer" Argumentationslinien. Doch inwieweit die alternativlose Berichterstattung der deutschen Mainstreammedien diese Entwicklung selbst befördert hat, wird kaum hinterfragt. Dabei liegt die Verantwortung von Intellektuellen, JournalistInnen, PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen für den Aufschwung des Populismus durch die Legitimierung sozialer Spaltung auf der Hand, wie Michael Klundt resümiert.

Ein paar Monate vor seinem Tod schrieb Johann Wolfgang Goethe einen Brief an Wilhelm von Humboldt (17. März 1832). Darin stellte er fest: "Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel waltet über die Welt […]". Wie wahr, könnte man dazu heute ausrufen. Denn, "was ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist, In dem die Zeiten sich bespiegeln." (Faust)

Vor etwa 55 Jahren erschien Jürgen Habermas‘ Habilitationsschrift vom Strukturwandel der Öffentlichkeit und vor 45 Jahren veröffentlichten Alexander Kluge und Oskar Negt darauf aufbauend ihr Buch Öffentlichkeit und Erfahrung. Beide Publikationen über den Raum, in dem eine Gesellschaft sich über sich selbst informiert, diskutiert und ihre normativen Standards reflektiert, enthielten eine je besondere Widmung. An den Anfang seiner Veröffentlichung schrieb Habermas die Worte "Wolfgang Abendroth in Dankbarkeit"1 und Negt/Kluge notierten einfach nur das Geburts- und das Todesdatum Theodor W. Adornos2) . Wer das macht, möchte mit dieser Hommage etwas ausdrücken und stellt sein Werk in den Kontext eines dieser beiden großen Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Sicherlich wollte sich Habermas auch einfach bei Abendroth in Marburg bedanken dafür, dass dieser seine Habilitation nicht abgelehnt und ihren Verfasser nicht - wie Horkheimer in Frankfurt a.M., weil er ihm zu links gewesen sei - abgewiesen hatte. Übrigens war Abendroths Mission zur Habilitierung Habermas‘ gar nicht so einfach, weil es doch tatsächlich einflussreiche Kollegen gegeben haben soll, die - nachdem ihnen die Argumente ausgingen - schlicht meinten, ein Mann mit einer sog. Hasenscharte dürfe nicht deutscher Professor werden. Soviel zum damaligen Niveau wissenschaftlicher Öffentlichkeit hochheiliger Ordinarien unter den Talaren.

Bezug auf Klassenanalysen

Und was wollten Oskar Negt und Alexander Kluge mit ihrer Untersuchung zur "Öffentlichkeit und Erfahrung"? Immerhin ging es ihnen gar um eine "Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit". In ihrem Band Öffentlichkeit und Erfahrung beschäftigten sich die beiden Wissenschaftler mit der Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. "Geschichtliche Bruchstellen - Krisen, Krieg, Kapitulation, Revolution, Konterrevolution - bezeichnen konkrete Konstellationen gesellschaftlicher Kräfte, in denen sich proletarische Öffentlichkeit ausbildet."3) Aufgrund ihrer subalternen Stellung müsse man sie aus ihren Brüchen, Grenzfällen, punktuellen Ansätzen rekonstruieren. "Das Studium der realen Ansätze proletarischer Öffentlichkeit ist allerdings nur die eine Richtung unserer Argumentation; die andere besteht darin, die innerhalb der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft entstehenden Widerspruchstendenzen auf die Entstehungsbedingungen von Gegenöffentlichkeit zu untersuchen." Somit sehen sich Habermas (in Bezug auf Abendroth) sowie Negt und Kluge (an Adorno orientiert) Klassenanalysen hinsichtlich ihrer Öffentlichkeits-Konzepte verpflichtet.

In der Entstehung und Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft hat sich "Öffentlichkeit" als Organisationsprinzip des liberalen Rechtsstaates herausgebildet. Solange das Prinzip der Öffentlichkeit zur Bekämpfung der Feudalmonarchien diente, wurde es aus der Interessenlage des Bürgertums heraus als geeignetes Instrument angesehen. Doch, wie Habermas schrieb, eine "Öffentlichkeit, von der angebbare Gruppen eo ipso ausgeschlossen wären, ist nicht etwa nur unvollständig, sie ist vielmehr gar keine Öffentlichkeit"4. Nun ist es kein Geheimnis, dass die entstehende bürgerliche Öffentlichkeit in England seit dem 17. Jahrhundert und in den Vereinigten Staaten und Frankreich seit dem 18. Jahrhundert sich vorwiegend auf die obersten Klassen aus Bildung und/oder Besitz beschränkte. Doch die vom Bürgertum geschmiedete Waffe der Publizität wendet sich in dem Maße gegen es selbst, wie nicht-besitzende, nichtbürgerliche Klassen und Schichten in die politische Öffentlichkeit eindringen sowie Teilhabe und Besitz an ihren Institutionen der Presse, Parteien und Parlamente einfordern und durchsetzen.5)

Schon vor 55 Jahren fiel Habermas auf, dass Öffentlichkeit bis in private Kernbereiche vordringe, aber gleichzeitig prinzipiell an handlungslegitimierender Macht verliere. Im Zeitalter der massenkommunikativen Manipulation habe Publizität keine zwangsläufig kritische Funktion. "Am Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit läßt sich studieren, wie es vom Grad und der Art ihrer Funktionsfähigkeit abhängt, ob der Vollzug von Herrschaft und Gewalt als eine gleichsam negative Konstante der Geschichte beharrt - oder aber, selber eine historische Kategorie, der substantiellen Veränderung zugänglich ist."6)

Medien und Manipulation

Sogar die Hacker-Szene selbst wird nicht müde, den offenkundigen Strukturwandel der Öffentlichkeit zu reflektieren, wie in einem Zeitungsbericht über Europas größte Hacker-Zusammenkunft Chaos Communication Congress berichtet wird: "Fake-News, die bei Facebook kursieren, Datendiebstahl bei Yahoo, Social Bots, die im Wahlkampf Wähler manipulieren, massenhafte Überwachung von Bürgern, ein Bundesnachrichtendienst, der deswegen verklagt wird, Drohnen, die Daten erheben, Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, Verschlüsselung - kaum ein Tag vergeht, an dem diese Themen in der Öffentlichkeit und der Berichterstattung keine Rolle spielen".7)

Wer sich mit der Kulturgeschichte des Telefons bis zum sog. Smartphone beschäftigt, stellt schnell fest, dass sich bis in die Gegenwart verschiedene widersprüchliche Prozesse hierzu im öffentlichen Raum abspielen. So ist eine Dialektik von erweiterbarer Kommunikation und vertiefender Isolation (nicht nur in Bussen, Bahnen, auf öffentlichen Straßen und Plätzen) erkennbar; von Gegensätzen zwischen erwünschter Öffentlichkeit und verletzter Privatheit (wie die Musik-Gruppe "Goldene Zitronen" in dem Lied "Scheinwerfer" singen: "Alle Scheinwerferspot herein, es hieß, Privates muss politisch sein. Jede ist für alle heute öffentliches, jeder ist für jeden familiäres"); von ermöglichter Informationsverfügung über die ganze Welt (mittels dominanten Such- und Konsummaschinen) im Kontrast zur gleichzeitigen Informationspreisgabe über einzelne Individuen und ihre Privatsphäre.

Lässt sich derweil die Entstehung und Entwicklung der herrschenden Klasse in den USA auch aus dem Ausrottungswettbewerb mafiotischer Banden am Ende des 19. Jahrhunderts z.B. der sog. Five-Points in New York mit dem Martin Scorsese-Spielfilm "Gangs of New York" nachzeichnen, so gehen im monopolistischen Finanzmarktkapitalismus des 21. Jahrhunderts die sog. Five Giants der Internet-Oligopole - Apple, Microsoft, Google, Amazon, Facebook - in der Weltökonomie hinsichtlich Vernichtungswettbewerb und Steuervermeidung nicht weniger zimperlich vor, um ihre Vorrangstellung zu verteidigen und auszubauen. Laut Ulrich Dolata basiert die Macht der Internetgiganten vor allem "auf ihrer Fähigkeit, mit zahlreichen und aufeinander abgestimmten Angeboten die Rahmenbedingungen wesentlicher sozialer Zusammenhänge (Konsumwelten, Informations- und Kommunikationsmuster, soziale Beziehungsnetzwerke) maßgeblich zu gestalten. Kein von ihnen entwickeltes Gerät, keine Software, kein App-Store, keine Such-, Medien-, Konsum- oder Beziehungsplattform ist einfach ein technisches Angebot, das die Nutzer mit ihren Inhalten beliebig ausgestalten und umdefinieren können. In die ihnen zugrunde liegende Technik werden immer auch Regeln, Normen und Handlungsanleitungen eingebaut, die auf die Aktivitäten ihrer Nutzer wie soziale Institutionen wirken".8 Ferner werden durch vorgegebene Benutzeroberflächen und Standardeinstellungen in Technik eingeschriebene "regelsetzende, handlungsorientierende und meinungsprägende Strukturelemente" verwendet. Aus Algorithmen würden dadurch "hochpolitische Programme, die distinkte, selektive und zunehmend personalisierte soziale Wirklichkeiten auf der Grundlage von sozialen Kriterien konstruieren".9) Darüber entstehe "infrastrukturelle und regelsetzende Macht", die Verhalten und Handeln mitpräge, wodurch sich die Internet-Oligopole zu "handlungsprägenden und meinungsbildenden Kuratorien des öffentlichen Diskurses" (ebd.) auswüchsen. Angesichts dessen ist es schon bemerkenswert, dass die hegemonialen Medienmacht-Diskurse in Politik, Wissenschaft und Publizistik momentan fast ausschließlich um angebliche "russische Weltverschwörungen" kreisen, wohingegen NSA- und NSU-Verstrickungen beinahe gänzlich aus dem veröffentlichten Fokus verschwunden sind.

Fake-News vs. Mainstreampresse?

Mehr "Strukturwandel der Öffentlichkeit" - und gesellschaftliche Debatten darüber - als heute kann man sich jedenfalls kaum noch vorstellen. Von Kontroversen zur "Lügenpresse" über sog. postfaktische Unterstellungen und "alternative Fakten" bis zu wirrsten Verschwörungstheorien wird gegenwärtig kaum etwas ausgelassen. Hatten sich asoziale Netzwerke bereits seit Jahren auf die Verbreitung von Lügen und Hetze gegen Minderheiten spezialisiert, so kommt den sog. seriösen Leitmedien das zweifelhafte Verdienst zu, im Gestus des aufgeklärten Besserwissers kaum weniger Vorbehalte, Vorurteile und Einseitigkeiten zu reproduzieren als die Blasen-Netzwerke selbst. Dies lässt sich seit einigen Jahren sowohl anhand der leitmedialen Berichterstattung über sozialpolitische Themen (wie Demografie, Rente, Altersarmut), als auch bei der Betrachtungsweise internationaler Konflikte (wie Griechenland, Ukraine, Syrien, Verhältnis NATO-Russland) äußerst ausgiebig nachweisen.10 In solchen unübersichtlichen Umbruchs- und Krisenzeiten zetern erstaunlicherweise diejenigen Leitmedien am lautesten gegen postfaktische Berichterstattung und sog. Fake News, die sich in den letzten Jahrzehnten, was einseitige und tendenziöse Berichterstattung über Innen- und Sozialpolitik, Krisen und Kriegsschauplätze betrifft, wirklich nicht mit Ruhm bekleckert haben.11)

Als ein Beispiel für die seltsame leitmediale Herangehensweise an Sorgen, die in der Bevölkerung geäußert werden, lässt sich der Artikel in der ZEIT vom 21. November 2016 betrachten. Dort heißt es: "Wissenschaft: Der Untergang der Fakten. Den Klimawandel gibt‘s nicht, und Altersarmut ist ein Riesenproblem: Willkommen im postfaktischen Zeitalter!" Auf diese Weise finden sich Menschen, die mit guten Gründen Altersarmut für relevant halten, plötzlich in der gleichen Ecke wie Klimawandel-Leugner. So äußert sich auch seit Jahren der Freiburger "Rentenexperte" und Professor für Finanzwissenschaft, Bernd Raffelhüschen: "Altersarmut gibt es gar nicht. Die alten Menschen sind unter allen Altersgruppen diejenigen, die am wenigsten von Armut bedroht sind. Sie werden künftig - 2030, 2040, 2050 - mehr von Armut bedroht sein."12 Hier findet sich eine interessante Logik: Wenn eine Gruppe seltener vorkommt als andere, gibt es sie angeblich gar nicht, meint der postfaktische Lobbyist für private Versicherungskonzerne. Dabei liegt die Armutsgefährdungsquote der älteren Menschen inzwischen bei fast 6 Millionen und mit über 20 Prozent sogar höher als in der Gesamtbevölkerung.13) Richtig ist allerdings, dass Raffelhüschen durch seine jahrzehntelange, lukrative wissenschaftliche Lobbyarbeit für Versicherungskonzerne, Rentenprivatisierungen und -kürzungen maßgeblich dazu beigetragen hat, dass es wieder mehr Altersarmut gibt und geben wird.

Und was geschieht Menschen, die Hartz IV z.B. als "Armut per Gesetz" erleben und betrachten? Ihnen wird im Band "Fakten statt Fälschungen" von Harald Bergsdorf entgegen gehalten, dass dies eine NPD-Parole sei. Die NPD nenne Hartz IV "Armut per Gesetz". Dabei sei doch, so Bergsdorf, Hartz IV "Sozial-Aufbau", wie der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gesagt habe.14) An dieser Stelle finden sich also Hartz IV-Gegner somit in einer rechtsextremen Schublade. Und wenn dann noch die AfD gegen Krieg mit Russland ist, ist dann ein Krieg mit Russland nicht so schlimm (wie manche SpitzenpolitikerInnen zu meinen scheinen)? Wenn Rechtsextreme in Kiew verortet werden, muss das notorisch Russen-Propaganda sein, selbst wenn die betreffenden Organisationen ihre Bildungsstätte "Joseph Goebbels" widmen? Und wenn Rechtsextreme in Moskau oder Petersburg gesichtet werden, ist das dann schon ein Beweis dafür, dass "Putin=Hitler" ist, wie Hillary Clinton behauptete? Und warum war eigentlich TTIP-Kritik bis zu den US-Wahlen in vielen bürgerlichen Medien als antiamerikanisch und verschwörungstheoretisch verschrien, obwohl doch die US-amerikanischen Wählerinnen und Wähler mehrheitlich einen Kandidaten gewählt haben, der vorgab, gegen TTIP eingestellt zu sein? Waren diese AmerikanerInnen auch antiamerikanisch? Und wie kann es sein, dass nach der US-Wahl haufenweise lupenreine antiamerikanische und verschwörungstheoretische Wahl- und Landes-Analysen in deutschen Leitmedien lanciert wurden? Wie lässt sich diese allein durch berechtigte Kritik nicht zu rechtfertigende, mal antiamerikanische, mal antirussische Agitation erklären? Bei so viel "verwirrender Lehre über verwirrtem Handel" muss wohl noch etwas tiefer gegraben werden.

Soziale Spaltung und deren Wahrnehmung

Der Politologe Claus Leggewie ist erfreut darüber, dass inzwischen diverse Denkschulen "wieder mehr über Klassenstrukturen, -bewusstsein und -kämpfe nachdenken"15. Die Freude ergibt sich aus einer gewissen Notlage heraus. Leggewie und andere Sozialwissenschaftler haben zur Kenntnis genommen, was der vor 10 Jahren verstorbene US-amerikanische Philosoph Richard Rorty vor 20 Jahren in seinem Buch Achieving our country (1997) vorausgesagt hatte. "Eines Tages wird es einen Riss in Amerika geben. Ein beträchtlicher Teil der Wählerschaft wird zu dem Schluss kommen, dass das ›System‹ gescheitert ist, und wird sich nach dem starken Mann umsehen, den es wählen kann. Der wird ihnen versichern, dass nach seiner Wahl die schmierigen Bürokraten, die Winkeladvokaten, die überbezahlten Fondsmanager und die postmodernen Professoren nichts mehr zu sagen haben werden. Ist ein solcher ›Strongman‹ einmal gewählt, vermag niemand zu sagen, was passieren wird. 1932 erwiesen sich alle Voraussagen, was passieren würde, wenn Hindenburg Hitler zum Kanzler machte, als unglaublich optimistisch."16 Laut Rorty ließe sich sogar voraussehen, dass nach der Wahl des ›starken Mannes‹ die Fortschritte im Umgang mit Schwarzen, Latinos und Homosexuellen wieder verloren gehen würden: "Die als Scherz getarnte Verachtung von Frauen wird wieder Mode werden, am Arbeitsplatz wird man wieder das Wort ›Nigger‹ hören. Der Sadismus, den die akademische Linke ihren Studenten austreiben wollte, wird wiederkehren."17)

Rorty warnte die Linke davor, eine ihrer Kernaufgabe zu vergessen, den Kampf gegen Armut und Ungleichheit. Denn während die postmoderne Linke sich ausschließlich um die ebenfalls wichtige Anerkennung von Minderheiten gekümmert habe, nehme sich ein starker rechter Mann dieser Fragen an, mit verheerenden Folgen für die Minderheiten. Die Sozial- und Arbeitsverhältnisse sind inzwischen so sehr aus dem Lot geraten, dass sich ein bedeutender Teil des von der Soziologie seit Jahrzehnten beerdigten Proletariats (die lohnabhängige Bevölkerung) von rechts habe kapern lassen, wie Leggewie feststellt. "Der von Ulrich Beck und anderen dargelegte Fahrstuhl, der eine Zeit lang die Unterschichten mitnahm, ist bei niedrigen Wachstumsraten, Privatisierungen des öffentlichen Dienstes, dem Schwinden von Normalarbeit, eingeschränkter Sozialstaatlichkeit und auf Grund eines nicht mehr gleichheitsförderlichen technischen Fortschritts außer Betrieb".18)

Claus Leggewie bezieht sich indes auf Didier Eribons Bericht (Rückkehr nach Reims) über die Frage, wie aus französischen kommunistischen Arbeitermilieus Hochburgen der rechtsextremen Front National-Wählerschaft werden konnten: Dabei fixiert er sich jedoch etwas zu schnell darauf, "welche xenophoben Energien im französischen Kommunismus steckten".19 Über die von Eribon ebenfalls ausdrücklich genannte Verantwortung linksliberaler, bürgerlicher Intellektueller, Regierungspolitiker und JournalistInnen für gesellschaftliche Verhältnisse, die den Aufstieg standortnationalistischer Resignation und Ressentiments begünstigten, spricht Leggewie erstaunlicherweise nicht. Deshalb sollten auch die von Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot seit Jahren untersuchten sozioökonomischen Gewaltverhältnisse zwischen Reich und Arm berücksichtigt werden. Die früheren CNRS-Forschungsdirektoren sprechen in ihrer soziologischen Chronik einer immensen sozialen Zerstörung von der "Gewalt der Reichen".20 Die neoliberale Restrukturierung der letzten Jahrzehnte werfe Menschen buchstäblich auf den Müll, zerstöre sie, schreibe die Entwertung und Verachtung in ihre Körper und in ihre Köpfe ein. Derweil wüchsen Resignation und Ressentiment. Fern davon, das Werk eines gesichtslosen Gegners zu sein, habe diese Klassengewalt Akteure, Strategien und Orte - und politische Verantwortliche in der Regierung. Darum halten sie es für dringend notwendig, "de faire la critique du ›bourgeoisisme‹".21) Leider fällt diese Kritik am sog. Bourgeoisismus vielen linksliberalen und/oder ex-linken Intellektuellen nicht so leicht, wie die Kritik am zweifellos existierenden Nationalismus und Rassismus in Teilen der Arbeiterklasse bzw. des Proletariats.

Umkämpfte Begrifflichkeiten

Nachdem ein nicht unbedeutender Teil der Intellektuellen, JournalistInnen, PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen den Lohnabhängigen jahrzehntelang predigte und real einpaukte, dass arbeitnehmerfeindliche Politik "progressiv" sei (z.B. Wohnungsprivatisierungen als sog. "progressive Entstaatlichung"); Jungen und Alten erzählte, dass die Kürzung und Privatisierung der Renten "sozial-ökologisch" sei (demagogische Demografisierung)22) ; der Bevölkerung sagte, dass völkerrechtswidrige Angriffskriege "fortschrittlich" und "antifaschistisch" seien; den Arbeitslosen erzählte, dass die Zerstörung der Arbeitslosenversicherung "modern" sei; den Europäern sagte, dass nur "weltoffen-europäisch", "fortschrittlich" und "links" sei, wer für konstitutionellen Marktradikalismus und Aufrüstung einer nicht-demokratischen EU sei, während die einzigen wirklich gesetzgebenden demokratischen Institutionen nationalstaatlicher Parlamente als "Mottenkisten" im Verhältnis zur cool-weltoffenen "Globalisierung" dargestellt wurden; da haben sich manche der Angesprochenen bei diesem Wirrwarr vielleicht auch gedacht: "Wenn das alles ›links‹ und ›weltoffen‹ sein soll, was Demokratie, Sozialstaat, Rechtsstaat und Völkerrecht oder auch einfach nur die alltäglichen materiellen Lebensbedingungen im Namen der EU, der Nato, des Euro und des heiligen Marktes zerstört, dann kann ›rechts‹ und ›nationalistisch‹ auch nicht so viel schlimmer sein!" Und, anlehnend an Brecht, die Schafe - (berechtigterweise!) unzufrieden mit ihrem Schäfer - wählten sich zur Abwechslung eine angebliche Alternative: den Metzger (für Risiken und Nebenwirkungen gibt es heutzutage Geschichtsbücher - es wäre schön, wenn nicht nur die Dumpfbacken, sondern auch die Dünkelhaften ab und zu selbstkritisch darin läsen. Die Tatsache, dass als Folge der US-Wahlen in Deutschland nun "mehr Europa" gefordert und im gleichen Atemzug darunter in fast allen Parteien sowie Medien (und ohne großen öffentlichen Widerspruch) mehr Aufrüstung (und von CDU, FAZ, Panorama, BILD bis zum Berliner Tagesspiegel vom 22.1.2017 mit dem Slogan "Deutschland braucht Atomwaffen" sogar die Forderung nach deutschen Atombomben) verstanden wird, macht deutlich, wie wichtig der Einsatz für wirkliche linke, antimilitaristische Alternativen ist.

Anmerkungen

1) Jürgen Habermas 1962: Strukturwandel der Öffentlichkeit, München: 5.

2) Oskar Negt, Alexander Kluge 1972: Öffentlichkeit und Erfahrung, Frankfurt a.M.: 5.

3) Ebenda: 7f.

4) Habermas 1962, a.a.O.: 107.

5) Vgl. ebenda: 142.

6) Ebenda: 294.

7) Frankfurter Rundschau v. 28.12.2016.

8) Ulrich Dolata 2016: "Apple, Amazon, Google, Facebook. Konzentration, Konkurrenz und Macht im Internet", in: Z: Zeitschrift marxistische Erneuerung Nr. 108: 64f.

9) Ebenda: 65.

10) Vgl. Ronald Thoden (Hg.) 2015: ARD & Co. Wie Medien manipulieren. Bd.1, Frankfurt a.M.

11) Vgl. Eckart Spoo: "Wording. Anmerkungen zum Sprachgebrauch", in: Thoden (Hg.) 2015, a.a.O.: 5ff.

12) Stuttgarter Nachrichten v. 20.4.2015.

13) Vgl. ZEIT online v. 9.2.2017.

14) Vgl. Harald Bergsdorf 2010: Fakten statt Fälschungen. Argumente gegen rechtsextreme Parolen, München: 67f.

15) FR v. 6.12.2016.

16) Zit. nach WELT v. 7.11.2016.

17) Zit. nach ebd.

18) FR v. 6.12.2016.

19) FR v. 6.1.2017.

20) Michel Pinçon, Monique Pinçon-Charlot 2013: La violence des riches. Chronique d’une immense casse sociale, Paris.

21) Ebenda: 239f.

22) Vgl. Michael Klundt 2017: Kinderpolitik. Eine Einführung in Praxisfelder und Probleme, Weinheim/Basel: 133ff.

Michael Klundt ist Professor für Kinderpolitik am Fachbereich für Angewandte Humanwissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal und Mitglied im Beirat des BdWi.

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