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Klaus Holzkamp

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Luft zum Atmen

03.09.2013: Über Walter Jens

  
 

Forum Wissenschaft 3/2013

In allen Nachrufen auf Walter Jens wird die Vielseitigkeit seiner Tätigkeitsfelder und Leistungen hervorgehoben. Er war Altphilologe, Übersetzer, Rhetoriker, Schriftsteller, Kritiker, Wissenschafts- und Kulturpolitiker und in allem, was er tat, politischer Intellektueller. Walter Jens verkörperte die Synthese von Wissenschaft und Demokratie, die der BdWi, zu dessen Gründungsmitgliedern er gehörte, im Namen führt. Georg Fülberth charakterisiert sein öffentliches Wirken.

Manche Nachrufe auf Walter Jens, der am 9. Juni 2013 starb, klangen so, als gälten sie nicht nur ihm, sondern einer abgeschlossenen Epoche, die er schon lange überlebt habe: der "Alten Bundesrepublik". Das war nicht in seinem Sinn. Er wollte in die Gegenwart wirken.

1923 in Hamburg geboren, hatte er früh mit einem schweren Asthmaleiden zu kämpfen, das ihn ein Leben lang am Rand des Erstickens um Atem ringen ließ. Marcel Reich-Ranicki hat behauptet, dass die Mutter schon den ganz jungen Walter Jens unter einen Imperativ gestellt habe: da er behindert sei, müsse er ein Geistesriese werde. Es lässt sich schwer ausmachen, ob diese Erzählung des ehemaligen Freundes Ausdruck von Empathie ist oder doch eine Art Nachrede.

Wissenschaftliche und literarische Laufbahn

Aufgrund seiner Krankheit musste Walter Jens nicht Soldat werden, konnte im Krieg studieren, promovierte 1944, wurde 1949 habilitiert und 1956 Professor in Tübingen, wo er sein ganzes Berufsleben lang blieb. Aber die Klassische Philologie, sein Fach, wollte er sich nicht zur einzigen Heimat machen. Vor der wissenschaftlichen Karriere setzte die literarische ein.

1950 erschien sein Roman Nein. Die Welt der Angeklagten und wurde ein großer Erfolg. 1951 folgte die Erzählung Der Blinde. Danach kamen die Romane Vergessene Gesichter und Der Mann, der nicht alt werden wollte (1956), alle, wie auch der Erstling, bei Rowohlt. Nach einer längeren Pause veröffentlichte er Herr Meister. Dialog über einen Roman (1963) bei Piper. Walter Jens hat sein literarisches Maß an Gotthold Ephraim Lessing genommen: Produktion mithilfe von intellektueller Reflexion. Wie sein Vorbild verband er sie mit Kritik. Mit dieser begleitete er die Geschichte der Gruppe 47, deren prominentes Mitglied er war, ein früher intellektueller Star. Unter dem Pseudonym "Momos" schrieb er Fernsehkritiken für die Zeit. Seine Schrift Statt einer Literaturgeschichte (1957) war wie ein Sauerstoffstoß für eine geplagte Generation von Germanistik-Studierenden, die auf diese Weise Gegenstände ihres Studiums, vorgestellt von einem Außenseiter, so ganz anders behandelt sahen. Meist kam derlei in ihrem Lernkanon gar nicht vor. Seine auch für das außeruniversitäre Publikum offenen Vorlesungen zu diesem Thema waren Kult.

Republikanischer Redner

Schließlich fand er die auf ihn zugeschnittene literarische Form in der Rede - einer klassischen Disziplin, die er erneuerte. Die Atemnot machte sich - charakteristisch war seine gepresste Stimme - in einer Gegenbewegung Luft. 1963 verließ er sogar die Klassische Philologie und wechselte auf eine neu geschaffene Professur für Allgemeine Rhetorik. Aber er blieb auch bei der Dichtung, sogar als Dramatiker, zum Beispiel mit einem Fernsehspiel über Caesar, der seine eigene Ermordung organisiert.

Demosthenes und Cicero waren nicht nur deshalb große Redner, weil sie den öffentlichen Auftritt beherrschten, sondern weil sie ihn in den Dienst eines überzeugenden Themas stellten: der Grieche die Freiheit Athens gegen Philipp von Makedonien, der Römer die Integrität der Republik gegen Verres, Catilina und Caesar. Bei Walter Jens war es die Demokratie. Sie behandelte er vor den unterschiedlichsten Auditorien, bis hin zu einer Jubiläumsveranstaltung des Deutschen Fußball-Bundes.

Wie die antiken Vorbilder beließ Jens es nicht beim Reden. Er war auch Akteur.

Walter Jens und der BdWi

Radikaldemokratische Professoren waren in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre selten. Sie kannten sich über große räumliche Entfernung und wussten, dass sie sich aufeinander verlassen mussten. Es gab eine Verbindung zu Wolfgang Abendroth in Marburg. Als Werner Hofmann 1968 den Bund demokratischer Wissenschafter (so hieß der damals: zunächst ohne "l" und viele Jahre noch ohne -"innen") ins Leben rief, war Walter Jens dabei. Die Wiedergründung 1972 wäre ohne ihn vielleicht gescheitert.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Erich Frister, war dagegen. Er hatte seine Organisation nach links geöffnet und wollte mit ihr auch an den Universitäten Fuß fassen. Dass es daneben einen BdWi geben sollte, kam ihm dabei in die Quere. Er beließ es aber nicht bei seinen immerhin nachvollziehbaren verbandspolitischen Bedenken, sondern warnte zudem vor einer "Volksfront". Das war ein Fehler. Im Gründungssenat der Universität Bremen war Walter Jens befremdet über rechten und linken Antikommunismus. Außerdem nervte ihn das - wie er es nannte - ewige "Frister Unser" der BdWi-Gegner. Als der Neugründungskongress zu platzen drohte, entschied er sich. Selbst Mitglied der IG Druck und Papier, hielt er ein Organisationsmonopol der GEW in den Hochschulen für unrealistisch. Zusammen mit Reinhard Kühnl und Helmut Ridder wurde er Mitglied im dreiköpfigen Engeren Vorstand des BdWi. In diesen vier Jahren 1972 - 1976 hatte der Bund demokratischer Wissenschaftler seine höchste öffentliche Präsenz. Die Stellungnahmen dieser Organisation - vom Engeren Vorstand erarbeitet und öffentlich vertreten - gegen die Berufsverbote und zur Hochschulgesetzgebung fanden breite Resonanz. Walter Jens war kein Weg zu weit und kein Telefonat zu viel. Zu den Vorstandssitzungen in Frankfurt/Main kam er mit dem Taxi und berechnete nur die Eisenbahnfahrt. Herbert Wehners Aktentasche konnte nicht abgetragener sein als seine. Seine Sakkos sahen nach Studierstube aus und machten sich doch auch im Fernsehen gut.

1976 schied er aus dem Vorstand aus und wurde Präsident des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. Er blieb aktives Mitglied des BdWi, der ihm in den nächsten Jahren Sorgen machte. 1976 lehnte der Verband eine Stellungnahme zur Ausbürgerung Biermanns ab, da dieser Fall nicht den Wissenschaftsbereich betreffe und man sich nicht zu inneren Angelegenheiten der DDR äußern wollte. Walter Jens hatte 1961 Ernst Bloch und 1963 Hans Mayer in Tübingen begrüßt und 1974 Solschenizyn gepriesen. Viele Liberale verließen den BdWi, er blieb.

Die nächste Probe kam 1977, als Rudolf Bahro verhaftet wurde. Zumindest konnten wir uns nicht mehr damit herausreden, dies sei kein Problem der Wissenschaftsfreiheit. Auf der Delegiertenkonferenz 1978 in Tübingen verlangte Walter Jens eine Stellungnahme. Sich selbst und alle Anwesenden einschließend, appellierte er: es gebe kein Ausweichen, man - "wir Sozialisten" - müsse für Bahro eintreten. Jetzt äußerte sich der BdWi tatsächlich und teilte der Gewerkschaft Wissenschaft der DDR seine Besorgnis mit, allerdings ohne eine Antwort zu erhalten.

Die Breite weltanschaulicher Positionen, die der Bund demokratischer Wissenschaftler für sich reklamierte, verkörperte Walter Jens in seiner Person eher als der Verband. Sein Bekenntnis zum Sozialismus stand neben seinem protestantischen Christentum, seine Übersetzung des Neuen Testaments neben den Republikanischen Reden.

Auch als er nicht mehr im BdWi-Vorstand war, hielt er engen Kontakt, vermittelt vor allem von Helga Koppel, der Geschäftsführerin. Ihr Nachfolger, Rainer Rilling, fand ebenfalls immer wieder den Weg nach Tübingen. Bei der Verleihung des Wolfgang-Abendroth-Preises 1988 in Marburg hielt Walter Jens die Laudatio auf Carl von Ossietzky und dessen Biografin Elke Suhr.

Bedrängnis und Heiterkeit

Als Präsident der Akademie der Künste ab 1989 sorgte er dafür, dass die Ost-Akademie unter Heiner Müller sich nicht unterwerfen musste, sondern ein gleichberechtigter Zusammenschluss zustande kam. Biermann quittierte dies mit einer seiner unflätigsten Rempeleien.

Im Alter stellte sich noch einmal ein großer Bucherfolg ein, jetzt auf literaturgeschichtlichem Feld. Walter Jens war kein Archivarbeiter, im Unterschied zu seiner Frau Inge Jens, der Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit wurde das Buch Eine deutsche Universität (1977) über Tübingen. In dieser Stadt war Walter Jens sehr präsent, mit mehr lokalem Bezug als bei den meisten Professoren üblich. Im Dezember 1978 führte er die Delegierten des BdWi durch ihre Gassen. 2003 veröffentlichten Inge und Walter Jens den Bestseller Frau Thomas Mann, 2005 folgte Katias Mutter.

Wer ihn in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren wahrnahm, erinnert sich an Heiterkeit. Die öffentliche Kommunikation brauchte er, der bedrängter war, als Viele wussten, wie die Luft zum Atmen, und diese Befreiung teilte sich denen, die ihm zuhörten und mit Vergnügen etwas kapierten, mit. Mancher gesetzte Ordinarius sah ihn vielleicht eher als einen Bruder Leichtfuß. Wo er sprach, wurde gelacht. Konservative verübelten ihm die Leichtigkeit, mit der er sie in den Sand setzte. So könne man das doch nicht sagen, meinten sie, auf seine Kritik lasse sich gar nicht antworten. Ja, das konnten sie tatsächlich nicht.

Diese Heiterkeit hatte ihre schwierigen Produktionsbedingungen. Nicht erst im Alter litt Walter Jens unter schweren Depressionen, gegen die er sich behandeln ließ und über die er gelegentlich sprach. Es konnte vorkommen, dass er den Vorschlag für ein Treffen nicht annahm und dies damit begründete, dass er Rekonvaleszent sei.

Vor-Vergangenheit

2003 wurde eine Karteikarte aus dem Jahr 1942 bekannt, auf der Walter Jens als NSDAP-Mitglied geführt worden ist. Er erklärte, seiner Erinnerung nach habe er keinen Aufnahmeantrag gestellt. Götz Aly, nicht dafür bekannt, gern fünf gerade sein zu lassen, gutachtete, dass statutenwidrige summarische Aufnahmen in die Nazi-Partei ohne eigenhändige Anmeldung während des Krieges tatsächlich vorgekommen seien. Vor die What-if-Frage gestellt, antwortete Walter Jens, dann solle man bitte beim Urteil über einen Neunzehnjährigen von 1942 dessen gesamtes späteres Leben berücksichtigen. Das begann schon vor 1945 mit einem Bekenntnis zu Thomas Mann. Ein Referat, in dem von "entarteter Literatur" die Rede gewesen sein soll (1942), dürfte wohl so charakteristisch für ihn gewesen sein wie die Beiträge von uns Jüngeren in Schülerzeitschriften. Es ist schade, dass er mit dieser Vor-Vergangenheit erst in hohem Alter und am Ende seiner Kräfte konfrontiert war. Zehn Jahre früher, als er noch über seine volle Souveränität verfügte, hätte er etwas über die Alterskohorte der zwischen 1919 und 1927 Geborenen sagen können, in der die (vor allem) männlichen Jugendlichen aus nichtjüdischen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Familien entweder in die NSDAP eintraten oder eher zufällig nicht. Die Frage, weshalb diejenigen, die es getan haben und 1945 ein neues Leben angefangen haben, fast alle keinen Anlass sahen, darüber zu sprechen, müsste zu einem bislang ungeschriebenen Teil der Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik führen. Noch Jüngere waren in der Regel im Jungvolk und bei der Hitlerjugend, und die Selbstverständlichkeit, mit der dies geschah, beruhte nicht nur auf Zwang. 1945 wurde das alles offenbar rückstandslos abgestreift, und über die Frage, wie das möglich war, hätte sich mit Walter Jens, wäre es nur früher geschehen, gewiss gut reden lassen. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung 2003 hat er es ansatzweise ja getan.

Im selben Jahr stellten Inge und Walter Jens Frau Thomas Mann auch in Marburg vor. Am anderen Morgen kam er von sich aus auf die Karteikarte zu sprechen, erwog Alys Urteil und stellte seine BdWi-Arbeit in den positiven Teil seiner Bilanz.

Die letzten Jahre

Dann folgten das Verstummen und die Hilflosigkeit in der Demenz, auch dies, wie sein ganzes erwachsenes Leben, öffentlich. Jetzt, anhand eines Themas, das sie in der einen und anderen Weise betraf und beunruhigte, erfuhren sogar Menschen, die mit Literatur nichts zu schaffen hatten, von ihm. Was da enthüllt wurde, kannten sie entweder selbst, oder sie fürchteten es. Diese Zeit liegt vor dem Rückblick wie ein Filter über seinen besten Jahren. Das wird sich ändern. Seine Wohnadresse in Tübingen war: Sonnenstraße 5. Wer dies wusste, fand: das passt.


Georg Fülberth war 1972 bis 1979 und 1982 bis 1991 Mitglied im BdWi-Bundesvorstand.

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