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Klaus Holzkamp

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Von der Knappheit zur Schwemme?

24.08.2014: Fracking, Ölsande und der neue fossile Energieoptimismus

  
 

Forum Wissenschaft 2/2014

Erdöl war und ist der zentrale Treibstoff der Weltwirtschaft. Aber wird das auch in Zukunft so sein? Noch vor drei Jahren sah es danach aus, als sei um das Jahr 2015 eine allmählich beginnende Ölknappheit zu erwarten.1 Zahlreiche Studien glaubten das baldige Eintreten des Ölfördermaximums (Peak Oil) prognostizieren zu können. Mittlerweile hat sich das Bild gewandelt. Norbert Nicoll beobachtet stattdessen einen neuen Energieoptimismus, der auf der Einführung neuer Fördermethoden beruht.

Peak Oil bedeutet, leicht vereinfacht, dass die Hälfte des Erdöls verbraucht ist. Konsequenz: Die Erdölförderung kann nicht mehr gesteigert werden. Früher oder später sinkt sie.

Eine wachsende Weltwirtschaft stützt sich auf einen wachsenden Ölverbrauch und damit auf eine wachsende Ölförderung. Wird das "schwarze Gold" knapp, könnten die Preise empfindlich steigen und jegliches wirtschaftliche Wachstum ersticken.

In den letzten Jahren hat jene Peak-Oil-Theorie, deren AnhängerInnen einen baldigen Niedergang der Ölförderung voraussagten und die oftmals die Kriege im Irak (2003) und Libyen (2011) als Ressourcenkriege verstanden, allerdings ein paar Schrammen bekommen.

Im Jahr 2013 hat die Welt im Schnitt täglich rund 89 Mio. Barrel Öl verbraucht.2 Die Ölförderung stieg. Ein wesentlicher Grund dafür ist das sogenannte Hydraulic Fracturing (kurz: Fracking). Es hat in den USA die Öl- und Gasförderung in einem überraschenden Ausmaß gesteigert. Eine andere Ursache befindet sich noch weiter nördlich auf der Landkarte: In der kanadischen Provinz Alberta sorgen die Ölsande für Furore. Kanada ist zur Energiemacht geworden.

Hinzu kommt: Der Ölverbrauch in den Industrieländern sinkt. Das hat wesentlich mit Fortschritten in den Bereichen Energieeffizienz und Energieeinsparung zu tun. Das Nachfragewachstum kommt fast ausschließlich aus Schwellen- und Entwicklungsländern, allen voran aus China.3

Eine unerwartete Entwicklung: Im Jahr 2005 schätzte die Internationale Energie-Agentur (IEA) mit Sitz in Paris die Öl-Nachfrage im Jahr 2030 auf rund 130 Mio. Barrel pro Tag. Im Jahr 2007 prognostizierte die IEA einen Ölbedarf von 116 Mio. Barrel pro Tag für 2030. Und in ihrem jüngsten Report, dem World Energy Outlook 2013, taxiert die IEA den weltweiten täglichen Ölbedarf für 2035 nur noch auf 101 Mio. Barrel.4

Ein steigendes Angebot steht einer gedämpften Nachfrage gegenüber. Stehen wir damit nicht länger vor einer Ära der Ölknappheit, sondern der Ölschwemme, wie manche VertreterInnen der Ölindustrie euphorisch behaupten?

Die folgenden Seiten versuchen diese Frage ein wenig zu erhellen. Sie zeigen: Die Zeit des billigen und im Überfluss vorhandenen Öls ist definitiv vorbei. Eine Ölknappheit ist kurz- und mittelfristig aber auch nicht zu erwarten. Vorausgesetzt, dass die Welt von politischen Krisen in wichtigen Förderländern verschont bleibt.

Zwei Formen von Öl

Wichtig für das Verständnis der nächsten Seiten ist die Unterscheidung zwischen konventionellem und unkonventionellem Öl. Mit konventionellem Öl sind die Ölmengen gemeint, die mit klassischen (Förder-)Methoden in flüssiger Form an die Oberfläche geholt werden können. Für die konventionellen Ölvorkommen variieren die meisten kritischen Reservenschätzungen5 zwischen 1.800 und 2.400 Mrd. Barrel. Regierungsnahe Organisationen gehen indes von deutlich höheren Werten um die 3.000 Mrd. Barrel (und teilweise noch sehr viel mehr) aus.

Unkonventionelles Öl ist ein recht unscharfer Begriff. Im engeren Sinne handelt es sich hierbei nicht um Öl. Dieses Öl ist nicht fertig, es bedarf eines energetischen und finanziellen Aufwands, um zu Öl zu werden.

Unkonventionelles Öl umfasst Ölsand, Schweröl, Ölschiefer sowie synthetisches Öl aus Biomasse, Erdgas und Kohle. Und eben das sogenannte Tight Oil, also jenes Öl, welches durch Fracking an die Erdoberfläche gebracht wird. Auch beim unkonventionellen Öl gehen die Reservenschätzungen teilweise extrem auseinander.

Reserven sind allerdings nicht alles. Für das Ölfördermaximum spielt die Menge der im Boden vorhandenen Ölreserven zwar eine wichtige Rolle. Von noch weitaus größerer Bedeutung sind aber zwei Fragen: In welcher Geschwindigkeit kann das Erdöl gefördert werden? Und welche Kosten verursacht die Förderung?

Unstrittig ist: Die bestehenden großen konventionellen Ölfelder geben immer weniger schwarzes Gold frei. Allerdings gibt es noch verschiedene konventionelle Ölfelder, die in Betrieb genommen werden können. Diese sind aber mehrheitlich viel kleiner und weniger ergiebig als die großen Elefantenfelder.<=>

Deshalb wird es, auch das ist recht unstrittig, eine Lücke zwischen der Ölnachfrage und dem Ölangebot aus konventionellen Ölquellen geben. Diese Lücke beziffert die Internationale Energie-Agentur in ihrem jüngsten Ausblick für das Jahr 2035 auf 14 Mio. Fass pro Tag. Ein Grund zur Beunruhigung? Nein, sagt die IEA, denn diese Lücke wird vollständig durch unkonventionelle Ölquellen geschlossen werden.6 KritikerInnen halten diese Einschätzung für zu optimistisch.7

Liebling der Wall Street

Die unkonventionellen Ölvorkommen gehören seit etwa fünf Jahren zu den Lieblingen der Wall Street. Die Citigroup lancierte vor einiger Zeit eine Studie, die das Ende von Peak Oil erklärte. "Das Peak-Oil-Konzept liegt in North Dakota begraben", erklärten die Banker euphorisch gleich im ersten Satz ihrer Untersuchung.8 North Dakota gilt als das neue Mekka der Ölindustrie.

Auch eine andere Größe der Finanzbranche stieß in das gleiche Horn: In einer kürzlich erschienenen Studie prognostizierte PriceWaterhouseCoopers ein in Zukunft wesentlich üppigeres Ölangebot. Die Ölpreise würden bis 2035 sinken, nicht steigen. Das Wirtschaftswachstum werde durch eine neue Energierevolution angekurbelt.9

Der Grund für die Euphorie ist das Hydraulic Fracturing. Jenes Verfahren ist nicht neu, rechnete sich in der Vergangenheit jedoch nicht. Hydraulic Fracturing kam zunächst vor allem bei Schiefergasvorkommen ("Shale Gas") zum Einsatz. Schiefergas steckt in einem sehr dichten Gestein fest. Dieses Gestein gibt das Gas nur unter großem Aufwand frei. Vereinfacht kann man sich das Verfahren wie folgt vorstellen: Erst werden die weiträumigen Lagerstätten horizontal angebohrt. Danach wird in das Gestein extremes Hochdruckwasser, das mit einem Chemikaliencocktail versetzt ist, eingeleitet. Der Druck des Wassers sprengt das Gestein auf, so dass das Gas entweichen kann.

In den USA hat das Fracking dazu geführt, dass mehr Gas zur Stromerzeugung verfeuert wird. Auf Kosten der Kohle. Weil weniger Kohle verbrannt wird, hat sich die offizielle Emissionsbilanz der USA verbessert. Allerdings ist diese Feststellung mit zahlreichen Fragezeichen verbunden. Beim Sprengen des Gesteins werden große Mengen Methangas freigesetzt. Wie viel Methan in die Atmosphäre gelangt, ist unklar, da dieser Freisetzungsprozess nicht überwacht wird. Die wissenschaftlichen Studien zu dieser Thematik sind zwar bisher eher dünn gesät, aber vieles spricht dafür, dass das Fracking nicht zum Klimaschutz beiträgt.10

Geradezu eindeutig sind dagegen die Schlüsse, die mit Blick auf das Grundwasser zu ziehen sind. In den USA wurden wichtige Umweltstandards beim Gewässerschutz aufgegeben, bevor das Fracking in den Vereinigten Staaten auf breiter Front zum Einsatz kommen konnte. Das blieb nicht ohne Folgen: In verschiedenen Gebieten kam es bereits zu Verunreinigungen des Grundwassers. Fracking schädigt nachweislich die Gesundheit von Menschen und Tieren. Im Frack-Abwasser lassen sich Rückstände von Schwermetallen nachweisen, die den Hormonhaushalt durcheinanderbringen. Endokrinologische Untersuchungen laufen. Erste Ergebnisse sind allerdings alarmierend.

Angesichts dieser Risiken ist es kaum verwunderlich, dass Bürgerinitiativen gegen die Öl- und Gasindustrie wie Pilze aus dem Boden schossen. Doch trotz aller Anwohnerproteste gibt es immer mehr Bohrungen. Die Ergebnisse sind aus Sicht der Industrie einfach zu gut. So gut, dass manche Industrievertreter in grenzenlose Euphorie verfallen. "Durch die Erschließung unkonventioneller Gase haben sich die globalen Vorräte vervielfacht und sichern die Versorgung für rund 300 Jahre. Die USA sind dank Shale Gas auf dem besten Weg zur Energieautonomie", meint Stephan Reimelt, CEO von General Electric Energy in Deutschland.11

Hydraulic Fracturing gilt nun auch seit einigen Jahren in der Ölindustrie als Hoffnungsträger. Manche Ölvorkommen stecken in extrem dichten Gesteinen fest, so dass sie nicht konventionell gefördert werden können - Fachleute sprechen vom Tight Oil.12

Jenes Tight Oil soll durch Hydraulic Fracturing freigepresst werden. Versuche des Öl-Frackings in einigen Bundesstaaten der USA, darunter auch in einer Schieferformation im Bundesstaat North Dakota, verliefen erfolgreich. In den letzten Jahren wurden sie im großen Stil ausgedehnt - was die Citigroup-Ökonomen zu der eingangs erwähnten Einschätzung zum Tod der Peak-Oil-Theorie veranlasste. Die Studienautoren von PriceWaterhouseCoopers glauben, dass bis zum Jahr 2035 pro Tag 14 Mio. Barrel Öl zusätzlich auf den Ölmarkt kommen.

Ein wackliges Geschäft

Entgegenzuhalten ist dieser Einschätzung jedoch eine ganze Menge: Die Erschließung unkonventioneller Öl- bzw. Gasvorkommen mittels Fracking ist nicht nur aufwändig und teuer, sondern die neuen Vorkommen erschöpfen sich auch noch sehr schnell. So schnell, dass sie keinem Vergleich zu konventionellen Öl- und Gasfeldern, die viele Jahrzehnte in Betrieb sind, standhalten.

Selbst beim vermeintlich sehr erfolgreichen Gas-Fracking geht die Förderung binnen eines Jahres nach der Produktionsaufnahme durchschnittlich um 60 bis 90 Prozent zurück, wie die Erfahrungen in den USA zeigen.13 Andere AutorInnen sprechen von einem Förderrückgang von 80 bis 95 Prozent nach drei Jahren.14

Ähnlich sind die Erfahrungen beim freigepressten Tight Oil: In North Dakota fällt die Produktion von neuen Bohrlöchern um durchschnittlich 50 Prozent nach einem Jahr. Nach vier Jahren ist nur noch rund ein Zehntel der Anfangsproduktion übrig. Dieser Förderverlauf ist eine direkte Konsequenz der Fracking-Technik und der durch sie geschaffenen bzw. erweiterten Risse im Gestein. Denn in den ersten Momenten nach dem hydraulischen "Fracken" sind die künstlich geschaffenen Risse am größten.15

"Wirtschaftlich ist das Fracking eine Katastrophe", schreibt dazu der US-Finanzjournalist Wolf Richter im Business Insider. "Die Bohrungen vernichten Kapital in erstaunlichem Tempo, und wenn der fatale Förderrückgang einsetzt, sitzen die Betreiber auf einem Berg von Schulden. Damit dieser Rückgang ihnen nicht die Bilanz verhagelt, muss der Ausfall der alten Quellen durch immer neue Bohrungen ersetzt werden - bis auch die trocken sind."16

Das Zitat ist allerdings primär auf das Gas-Fracking zu beziehen. Sehr viele Gas-Fracker sind finanziell im Minus, wesentlich besser ist das Bild beim Öl-Fracking.

Dennoch: Die zitierten Zahlen zum Fracking stellen die Wirtschaftlichkeit der neuen Fördertechnik grundsätzlich in Frage. Und dabei sind die erwähnten schwerwiegenden Umwelt- und Gesundheitsschäden noch gar nicht in eine Wirtschaftlichkeitsrechnung einbezogen.

Der international renommierte Geologe David Hughes ist überzeugt, dass sich viele Träume um Fracking als das erweisen werden, was sie seiner Meinung nach sind: Träume eben. Hughes legte eine 181-seitige Referenzstudie17 vor, die für Ernüchterung sorgt.

Gemessen an dem enormen Hype sind die in den USA durch Fracking geförderten Ölmengen relativ gering. Insgesamt belief sich die US-amerikanische Tight-Oil-Produktion im Jahr 2013 auf knapp 3,5 Mio. Fass pro Tag. Bis zum Jahr 2021 soll dieser Wert auf 4,8 Mio. Fass am Tag steigen.18 Das wirkt dem Förderrückgang der konventionellen Ölfelder zwar entgegen, rechtfertigt aber nicht die manchmal in den Medien von interessierter Seite geäußerte Einschätzung, die USA würden zum neuen Saudi-Arabien. Damit sind die optimistischen Prognosen der Citigroup und von PriceWaterhouseCoopers noch nicht widerlegt, aber zumindest geerdet. Die nächsten Jahre werden zeigen, welches Potenzial das Fracking in der Erdölwirtschaft entfalten wird.

Vieles spricht allerdings schon heute dafür, dass Fracking sich als eine Investmentblase erweisen wird. Der Energiejournalist Richard Heinberg meint, dass die Wall Street am meisten von dem Wirbel um das Fracking profitiert habe. Die Effekte auf das reale Geschäft der Öl- und Gasunternehmen seien gering, aber die Unternehmensbewertungen und die Aktienkurse an den Börsen seien stark gestiegen. Auch Investmentbanken wie Goldman Sachs hätten sich die Taschen gefüllt, indem sie Unternehmen aus der Ölbranche "gehypt" hätten. Für Heinberg ist klar: "Die wirklichen Profite dieser Technologie wurden stark übertrieben und die Risiken heruntergespielt."19

Ölsande in Kanada

All jene, die von einer künftigen Ölknappheit nichts wissen möchten, verweisen gerne und oft auf die enormen Ölsandvorkommen, die es in Venezuela (Orinoko-Region), aber vor allem in der Athabasca-Region (Provinz Alberta) in Kanada gibt. Allerdings: Warum sollte man Ölsande erschließen, wenn es nicht noch konventionelle, eher leicht zu erschließende Ölquellen in ausreichender Zahl geben würde? (Die gleiche Frage stellt sich natürlich auch mit Blick auf das Fracking.)

Die Ölsande im Nordosten der Provinz Alberta sind das größte Ölvorkommen der Welt. Zumindest theoretisch. Die Vorkommen erstrecken sich über eine Fläche von etwa 140.000 Quadratkilometern. Nach Angaben des großen kanadischen Ölkonzerns Syncrude lagern dort 1.700 Mrd. Barrel Bitumen, ein besonders schweres Ölgemisch. Immerhin 175 Mrd. Barrel davon sind laut Syncrude herkömmlich zu fördern, weitere 315 Mrd. mit zu erwartendem technischem Fortschritt.20

Die Ölsandvorkommen in Kanada sind höchst beachtlich. Allerdings ist dies eher eine theoretische Betrachtung. Denn anders als in den klassischen Ölförderländern sprudelt das Öl nicht einfach aus einem Bohrloch, sondern liegt unterhalb einer Tiefe von zumeist 30 Metern als ein zäh-klebriges, schweres Gemisch mit Sand, Ton und anderen Mineralien vor.

Ölsande galten lange Zeit als unwirtschaftlich. Der hohe Ölpreis hat die Ölsandverarbeitung allerdings zu einer Boomindustrie gemacht.

Die Ölproduktion in Kanada verschlingt viel Energie (vor allem Erdgas) und ist bedingt durch das Verfahren, das viele Gemeinsamkeiten mit dem Bergbau aufweist, relativ aufwändig.

Rund zwei Tonnen Ölsand müssen verarbeitet werden, um ein Barrel Öl zu gewinnen. Dafür werden nicht nur große Naturflächen in Mondlandschaften verwandelt, sondern auch etwa drei Barrel Wasser pro Fass Öl benötigt. Das Wasser wird dem Athabasca-Fluss entnommen.

Die Rückstände, immerhin 500 Mio. Liter pro Tag, sind so stark mit Arsen, Quecksilber und anderen Giften belastet, dass sie in speziellen Staubecken zurückgehalten werden. Bereits jetzt erstrecken sich Becken mit flüssigen Rückständen aus der Produktion über 50 Quadratkilometer, berichtet die Umweltstiftung World Wide Fund for Nature Canada.

Geplant ist, die Ölproduktion in Kanada bis 2030 auf sechs Mio. Fass pro Tag zu steigern. 18 Mio. Barrel Wasser würden bei gleich bleibender Technik pro Tag benötigt. Das wären unglaubliche 2,86 Mrd. Liter Wasser. Diese Menge würde ausreichen, um täglich rund 1,4 Mrd. Menschen mit der lebensnotwendigen Flüssigkeit zu versorgen.21

UmweltschützerInnen kritisieren außerdem, dass zum Gewinnen des Öls große Mengen Erdgas verbrannt werden und es daher einen immensen Ausstoß an Kohlendioxid gibt. Der Sand wird selbst im Winter bei Temperaturen von minus 30 bis minus 50 Grad Celsius eher aus dem Boden herausgebrochen als -gebaggert, die schweren Klumpen müssen zerkleinert und das für die Weiterverarbeitung benötigte Wasser muss erhitzt werden. Das alles verschlingt Energie. Jedes Jahr brüten bis zu 170 Mio. Vögel in den Waldgebieten. Diese könnten ihren Lebensraum an die Tagebaue verlieren, und damit büßten auch künftige Vogelgenerationen ihre Lebensgrundlagen ein.22

Und dennoch: Die kanadischen Ölsande werden nur einen relativ kleinen Beitrag zur Lösung der künftigen Energieprobleme leisten können. Entscheidend sind nämlich die vergleichsweise bescheidenen Fördertempi und -mengen. Die Internationale Energie-Agentur erwartet, dass die Ölproduktion aus Ölsanden von 1,8 Mio. Barrel pro Tag im Jahr 2012 auf 4,2 Mio. Barrel pro Tag im Jahr 2035 steigen wird.23 Die Canadian Association of Petroleum Producers (CAAP) ist noch etwas optimistischer und rechnet mit einer Ölsandproduktion von 4,2 Mio. Barrel schon im Jahr 2025. Für das Jahr 2030 wird eine Tagesproduktion von fünf Mio. Barrel vorhergesagt.24 Jene Prognosen werden von Skeptikern bezweifelt.25 Doch selbst fünf Mio. Fass am Tag aus Ölsanden würden allein nicht reichen, um den Förderrückgang bei den konventionellen Ölfeldern kompensieren zu können.

Außerdem besteht das Risiko, dass die großen Mengen Erdgas, die durch die Ölsandaufbereitungsanlagen strömen, umgelenkt werden. Derzeit ist Erdgas noch deutlich billiger als Öl. Ein deutlich steigender Erdgaspreis könnte dazu führen, dass das Erdgas auf andere Weise genutzt wird - zum Beispiel, um Häuser und Wohnungen zu beheizen oder um Strom zu erzeugen.26

Unverändertes Grundproblem

Es gibt freilich noch andere Formen, an Öl zu gelangen. Die Biokraftstoffe sind ein prominentes Beispiel. Auch ist es möglich, Öl mit Hilfe von Kohle und Gas herzustellen. Ferner existieren im Green River Basin (der größte Teil des Beckens liegt in den US-Bundesstaaten Utah und Colorado) erhebliche Ölschiefervorkommen, die sich verarbeiten lassen.

Zu jedem dieser Themen ließe sich ein weiterer Essay verfassen. Grundsätzlich gilt auch hier: Entscheidend sind nicht die Reserven, sondern die Fördergeschwindigkeit und die Förderkosten. Viele Ölfirmen brauchen mittlerweile einen Ölpreis von 120 bis 130 US-Dollar pro Barrel, um ihr Gewinnniveau und damit die Höhe ihrer Dividendenzahlungen halten zu können.27 Und verraten sei: Das Bild ist nicht besser als beim Fracking oder bei den Ölsanden.

Es spricht daher viel dafür, dass die derzeit viel gescholtenen VerfechterInnen eines Ölfördermaximums am Ende Recht behalten werden. Sie werden allerdings einen langen Atem brauchen. Die Zeit ist letzten Endes aber auf ihrer Seite. Öl ist ein endlicher Stoff. Derzeit liegt der Jahresölverbrauch der Welt bei etwa 30 Mrd. Fass, 14 Mrd. Fass pro Jahr werden neu gefunden.28 Am grundlegenden Problem hat sich also nichts verändert. Die Industrieländer praktizieren einen Lebensstil der Nicht-Nachhaltigkeit und verbrauchen die Ressourcen der Erde zu schnell. Das gilt für Energierohstoffe wie für Metalle. Das Öl wird uns nicht so schnell verlassen, aber es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass es endlich ist. Das unkonventionelle schwarze Gold hat uns im Verbund mit besserer Technik zusätzliche Zeit verschafft. Wir sollten diese Zeit nutzen, um alternative Energieinfrastrukturen aufzubauen.

Anmerkungen

1) Vgl. Nicoll, Norbert 2011: "Das Öl verlassen, bevor es uns verlässt", in: Forum Wissenschaft, Nr. 4, 2011: 10-13.

2) Barrel heißt übersetzt schlicht "Fass". Ein Barrel entspricht 158,98 Liter.

3) Vgl. Internationale Energie-Agentur (Hg.) 2013: World Energy Outlook 2013, Paris: 504.

4) Vgl. ebenda: 55.

5) Reserven sind als die Gesamtheit der Rohstoffvorkommen definiert, die nach heutigem Stand technisch und wirtschaftlich gewinnbar sind. Ressourcen sind dagegen all jene Rohstoffvorkommen, die derzeit technisch wie wirtschaftlich nicht gewinnbar sind.

6) Vgl. Internationale Energie-Agentur (Hg.) 2013: World Energy Outlook 2013, a.a.O.: 25f.

7) Alternative Einschätzungen finden sich u.a. bei der Energy Watch Group (www.energywatchgroup.org/) und bei der Association for the Study of Peak Oil & Gas (www.peakoil.net/).

8) Citigroup Global Markets (Hg.) 2012: Resurging North American Oil Production and the Death of the Peak Oil Hypothesis, o.O.: 1.

9) Vgl. PriceWaterhouseCoopers (Hg.) 2013: Shale oil: the next energy revolution, o.O.: 1 und 3. Online unter: www.pwc. com/en_GX/gx/oil-gas-energy/publications/pdfs/pwc-shale-oil.pdf[Stand: 3.2.2014].

10) Vgl. Wagner, Karl 2013: "Es werden keine Gefangenen gemacht: gegenwärtige Trends der Ausbeutung des Planeten", in: Bardi, Ugo: Der geplünderte Planet. Die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen, München: 21-28; hier: 23f.

11) Reimelt, Stephan 2012: "Versorgungssicherheit gefährdet", in: Die Welt vom 14. April 2012, Beilage Energie 2012 - Effizienz und Nachhaltigkeit: 1.

12) Als Laie muss man sich das so vorstellen: Öl verbringt nicht sein ganzes Leben lang am gleichen Ort. Es bildet sich in einem sogenannten Muttergestein und fließt dann in eine höhere Erdschicht, durchläuft ein poröses, gut durchlässiges Gestein. Jene von GeologInnen "Reservoir" genannte Schicht wird von einer weiteren Schicht überlagert - der sogenannten Erdölfalle. Dort sammelt sich das Öl im Idealfall in einer großen, gut förderbaren Menge. Beim Tight Oil findet sich das Erdöl nicht in der Erdölfalle, sondern eingeklemmt in einer tiefer liegenden Gesteinsschicht.

13) Vgl. King, David / James Murray 2012: "Oil's tipping point has passed", in: Nature, Nr. 481: 433-435; hier: 435.

14) Vgl. Hughes, David 2013: "A reality check on the shale revolution", in: Nature, Nr. 494: 307-308; hier: 308.

15) Vgl. Senz, Christoph: "Der Tight Oil Boom in den USA - Ein genauerer Blick! Teil 2". Online unter: www.peak-oil.com/2013/02/der-tight-oil-boom-in-den-usa-ein-genauerer-blick-teil-2/[Stand: 4.2. 2014].

16) Zitiert nach: Ahmed, Nafeez Mosaddeq 2013: "Die nächste Blase. Fracking löst das Energieproblem nicht", in: Le Monde diplomatique vom 12.4.2013.

17) Hughes, David 2013: "Drill, Baby, Drill: Can Unconventional Fuels Usher in a New Era of Energy Abundance?", Post Carbon Institute, Santa Rosa. Online unter: www.postcarbon.org/reports/DBD-report-FINAL.pdf[Stand: 2.1.2014].

18) Diese Angaben stammen von der U.S. Energy Information Administration.

19) Vgl. Heinberg, Richard 2013: Snake Oil. How Fracking's false promise of plenty imperils our future, Santa Rosa: 92.

20) Vgl. Resenhoeft, Thilo 2009: "Im Sand von Kanada lauern riesige Ölreserven", in: Die Welt online vom 2.3.2009. Artikel online unter: www.welt.de/wissenschaft/article3299733/Im-Sand-von-Kanada-lauern-riesige-Oelreserven.html[Stand: 14.7.2013].

21) Vgl. Wiesmann, Otto 2009: Chance Peak Oil?, München: 71.

22) Vgl. Resenhoeft, Thilo: a.a.O.

23) Vgl. Internationale Energie-Agentur (Hg.): "World Energy Outlook 2010. Fact Sheet". Online unter: www.worldenergyoutlook.org/docs/weo2010/factsheets.pdf[Stand: 8.11.2013].

24) Vgl. Canadian Association of Petroleum Producers (CAAP): "2012 Crude Oil Forecast, Markets and Pipelines Outlook". Online unter: www.capp.ca/forecast/Pages/default.aspx[Stand: 21.7.2013].

25) Der schon erwähnte Geologe David Hughes sieht sowohl die Prognose der IEA als auch der CAAP als übertrieben optimistisch an.

26) Vgl. Rubin, Jeff 2010: Warum die Welt immer kleiner wird: Öl und das Ende der Globalisierung, München: 49.

27) Das ist jedenfalls die Berechnung der Analysten von Douglas-Westwood Associates, einer renommierten Agentur im Energiebereich.

28) Das ist der Durchschnitt der letzten Jahre. Tendenziell haben sich die Neufunde stabilisiert.


Dr. Norbert Nicoll ist ein belgischer Politikwissenschaftler und Ökonom. Der Autor forscht u.a. zum Thema der Wachstumskritik und ist Lehrbeauftragter für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Duisburg-Essen.

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