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Klaus Holzkamp

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Fürsorgerationalität statt Wachstumslogik

18.06.2012: Das Konzept der Green Economy aus feministischer Care-Perspektive

  
 

Forum Wissenschaft 2/2012

Seit der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 wurde viel diskutiert über die Notwendigkeit soziale, ökologische, politische, kulturelle und ökonomische Fragen zusammenzudenken, um allen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen. Auch Geschlecht wurde dabei als eine entscheidende Querschnittskategorie anerkannt. Nachhaltigkeit als doppeltes Gerechtigkeitskonzept, das die Bedürfnisse heutiger und zukünftiger Generationen ins Zentrum rückt, war und ist ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht zu denken - so die Botschaft der Konferenz. Was nach 20 Jahren davon geblieben ist, untersucht Daniela Gottschlich1.

20 Jahre später haben sich die globalen Trends nicht verbessert, sondern verschlechtert: Armut und die Zerstörung von natürlichen Lebensgrundlagen sind weder überwunden noch weltweit rückläufig. Wirtschafts- und Finanzkrise, Klima-, Energie- und Ernährungskrise sind nur einige zentrale Bestandteile der aktuellen Vielfachkrise.

Mit der Green Economy setzt die UN für die Rio+20-Konferenz in 2012 nun ein Konzept auf die internationale Tagesordnung, das "menschliches Wohlbefinden" und "soziale Gleichheit" erhöhen soll bei gleichzeitiger Verringerung der "Umweltkrisen" und "ökologischer Knappheiten"2. Das Hauptaugenmerk liegt auf energie- und ressourceneffizienter industrieller Produktion und auf umweltgerechtem Konsum. Doch ist dieses Konzept, das auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert wird, in der Lage, den aktuellen Krisen zu begegnen und tatsächlich neue Impulse für einen notwendigen Wandel hin zu einem sozial und ökologisch gerechten Wirtschaftsmodell zu geben?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lautet die Antwort aus feministischer Care-Perspektive, in der das Sorgen für Mensch und Natur im Zentrum steht: Nein, denn keiner der bisher diskutierten Green-Economy-Ansätze führt einen grundlegenden Wandel herbei. Das Konzept bricht weder mit dem Wachstumsdogma noch mit der eindimensionalen Ausrichtung des Wirtschaftens auf Markt und Güterproduktion. Unbezahlte sorgende und pflegende Tätigkeiten für Mensch (aber auch Natur) kommen eben so wenig vor wie schlecht bezahlte personenbezogene Dienstleistungen. Notwendig aber wäre ein Perspektiv- und Prioritätenwechsel, der von Frauennetzwerken und feministischen Ökonominnen seit mehr als 20 Jahren gefordert wird3: Ausgehend von der Care-Perspektive der Lebensprozesse ist das Ziel von Wirtschaften nicht monetärer Profit und immer weiteres ökonomisches Wachstum, sondern human development und die Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen, die ohne eine nachhaltige Sicherung der Lebensgrundlagen nicht zu denken sind.

Hier spiegelt sich bereits das analytische und visionäre Potenzial einer Care-Perspektive, auf das ich im Folgenden eingehe. Am Beispiel des Umgangs mit den Erdölvorkommen im Yasuní-Nationalpark in Ecuador werde ich zudem zeigen, welche Konsequenzen eine Ausrichtung am Prinzip Care und damit an einer Rationalität der Fürsorge haben könnte, welche Fragen aber zugleich noch unbeantwortet bleiben, was zugleich zeigt, wie schwierig es ist, wirtschaftliches und politisches Handeln an einer Fürsorgerationalität auszurichten.

Care als Ausgangspunkt feministischer Ökonomie

Care ist einer der zentralen Bezugspunkt feministischer Ökonomie. Meistens ist von Care-Work die Rede. Gemeint sind damit die Sorge- und Pflegearbeiten, die wir für uns selbst, für andere Erwachsene (die theoretisch auch für sich selbst sorgen könnten), insbesondere jedoch für diejenigen leisten, die nicht oder nur bedingt für sich sorgen können: Kinder/Jugendliche, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, kranke und pflegebedürftige Menschen. In einem weitgefassten Verständnis von Care4 schließt der Begriff auch die Sorge(arbeiten) für zukünftige Generationen und Natur, Tiere und Pflanzen mit ein - also beispielsweise auch das Engagement im Rahmen eines Freiwilligen Ökologischen Jahres, das Krötensammeln-und-über-die-Straße-tragen oder die vegane Ernährung.

Care umfasst damit weit mehr als das, was bisweilen unter Hausarbeit oder Regeneration der Arbeitskraft zusammengefasst wird. Sorgearbeiten setzen uns in Beziehung zu anderen Menschen und unserer ökologischen Mitwelt, erfordern Empathiefähigkeit und Umsicht: Keine Krankenpflege ohne Trost, keine Kindererziehung ohne liebevolle Zuwendung. Die Care-Economy zeigt uns Menschen als soziale Wesen, die abhängig sind von anderen Menschen, die etwa in der einen Hälfte ihres Lebens auf die Unterstützung anderer angewiesen sind und die - idealtypisch gedacht - in der anderen Hälfte ihres Lebens Sorgearbeit für andere leisten können. Doch die Arbeitsteilung in diesem Bereich ist hochgradig vergeschlechtlicht. Weltweit werden diese Sorgearbeiten immer noch vorrangig von Frauen und zumeist unbezahlt geleistet. Bezahlt kennen wir sie als personenbezogene Dienstleistungen, die häufig schlecht bezahlt werden und eine vergleichsweise geringe gesellschaftliche Anerkennung genießen.

Dabei bündelt sich in diesen komplexen, von wechselseitigen Abhängigkeiten geprägten sozialen Beziehungen nicht nur all das, was auf individueller Ebene für unsere eigene Lebensgestaltung und -erhaltung bzw. der Person(en), für die wir sorgen, notwendig ist: Hier geht es immer auch um die Aufrechterhaltung des Sozialgefüges als Ganzes, um die (Wieder)Herstellung von Gesellschaft. Gemeinsam mit Natur bilden soziale und ökologische Sorgearbeiten damit die Grundlage allen Wirtschaftens. Zentral für eine nachhaltige Entwicklung sind sowohl der Erhalt dieser Grundlagen als auch die bewusste Gestaltung des Verhältnisses von marktvermittelten und lebensweltlich organisierten Produktions- und Reproduktionsprozessen.

Halbierte Perspektive

Nutzt man Care nun als Analysekategorie und fragt nach der Rolle des Sorgens in der Green Economy, dann fällt auf, dass weder das Ganze der Arbeit noch der Zusammenhang von Marktökonomie und Sorgeökonomie in diesem Konzept vorkommt. Das ist in mehrfacher Hinsicht problematisch: Erstens wird so die vielfach kritisierte "halbierte" Perspektive der vorherrschenden Ökonomik und der darin eingeschriebenen Dichotomisierung von "produktiv" und "reproduktiv", "öffentlich" und "privat" im globalen Nachhaltigkeitsdiskurs beibehalten. Zweitens geraten die miteinander verwobenen Krisen der Markt- und Versorgungsökonomie - beispielsweise die Auswirkungen der Finanzkrise auf alle Bereiche der Lebenswelt - kaum oder gar nicht in den Blick. Dabei wächst die Last der Überlebenssicherung gerade in ökonomischen Krisenzeiten durch neue Grenzziehungen zwischen öffentlichem und privatem Bereich. In Europa führt der Umbau des Sozialstaates in Folge neoliberal geprägter Politik und aktuell im Zuge der "Bewältigung" der Schuldenkrise zu Kürzungen im Bereich öffentlicher Infrastruktur. Dies hat zur Folge, dass einerseits Teile der öffentlichen Daseinsvorsorge und Fürsorge an privatwirtschaftliche Akteure übergeben werden, für deren Dienste die Bürger_innen nun als Kund_innen zahlen müssen.

Andererseits werden ehemals vergesellschaftete Aufgaben in die privaten Haushalte und damit an die Versorgungsarbeiter_innen und/oder ins Ehrenamt (zurück)verlagert. Sorgende Praktiken sind so vielfach das letzte sozial-ökologische Netz für nicht-nachhaltige Entwicklungen.

Ein dritter problematischer Aspekt zeigt sich, wenn durch diese Verschiebungen von Care-Arbeiten in den marktwirtschaftlichen Privatsektor die lebensbezogene Sorge in den Widerspruch zur Verwertungs- und Effizienzlogik der Marktökonomie gerät. Genau das erleben wir derzeit im Gesundheits- und Pflegebereich, der als größter Wachstumssektor gilt. Besorgniserregend ist, dass auch hier Effizienz im betriebswirtschaftlichen Sinne zum Maßstab der Arbeitsorganisation wird. Dahinter verbirgt sich aber keine qualitative Verbesserung in der Versorgung der Kranken und Pflegebedürftigen. Vielmehr geht es darum, möglichst zügig viele Patient_innen "abzuwickeln", sei es weil durch sogenannte Fallpauschalen für jede Tätigkeit nur ein bestimmter Betrag zur Verfügung steht, sei es weil nicht fürs "Reden", sondern nur für bestimmte mit zeitlichen Vorgaben versehene Pflegeleistungen gezahlt wird. Mit Menschenwürde und Lebensqualität hat diese kurzfristige Rationalität der (Geld-)Nutzenmaximierung nichts zu tun. Denn auch bezahlte Care-Arbeit in Gestalt personenbezogener Dienstleistungen hat die Zielsetzung, Hilfsbedürftige, Alte und Kranke in ihrer eigenen Lebensbewältigung zu unterstützen. Gefordert sind pflegende und sorgende Subjekte in ihrer ganzen Lebendig- und Menschlichkeit. Die Übertragung kapitalistischer Wirtschaftsprinzipien auf den Care-Bereich wirkt zerstörerisch sowohl auf die zu pflegende Person als auch auf die Person, die ihre Sorgearbeit ernst nimmt.

Mit Hilfe von Care als Analysekategorie lassen sich somit auch die normativen Grundlagen des herrschenden ökonomischen Denkens und Handelns hinterfragen und kritisieren. Green Economy hat bisher nur den ökologischen nicht aber den sozialen Raubbau im Blick. Wobei Natur in der Regel in grünen Ökonomiekonzepten nur als Kapital begriffen wird, das es effizient zu nutzen gilt, und nicht als lebendiger Akteur, der sich selbst immer wieder hervorbringt und der einen eignen moralischen Selbstwert besitzt. Zudem wird auch der aus einer Care-Perspektive notwendige Schwenk von "grünem Wachstum" zu der Sicherung der Lebensgrundlagen ("sustainable livelihoods") als Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung durch die Green-Economy-Ansätze nicht vollzogen. Genau hier liegt das zukunftsweisende Potenzial einer Care-Economy, die Wirtschaften als eingebettet in den sozial-ökologischen Kontext versteht und die die Alltagsökonomie und ihre Ausrichtung an den lebensdienlichen Prozessen ins Zentrum rückt.

Das Beispiel Yasuní-Nationalpark in Ecuador

Green Economy setzt vor allem auf Effizienz: Immer weniger Ressourcen sollen für die Herstellung von Produkten verwendet werden, bei gleichzeitig immer geringeren Emissionen, die dabei entstehen. Eine für- und vorsorgende Art zu wirtschaften geht weiter und verbindet das Streben nach Effizienz mit dem Gedanken der Suffizienz. Es geht nicht nur und zuallererst um die Frage: Ließe sich noch energiesparender und emissionsärmer produzieren, sondern darum, was überhaupt hergestellt werden soll und was nicht. Zu den ethischen Grundlagen einer weitgefassten Care-Economy gehört der Respekt vor allem Lebendigen sowie ein nicht-herrschaftlicher Umgang mit Natur - mit dem Ziel, soziale und ökologische Gerechtigkeit zusammenzudenken.

Die aktuellen Tendenzen der weltweiten Rohstoffpolitik sehen jedoch anders aus. Auch in vielen Ländern des globalen Südens, insbesondere in Lateinamerika, wird die Armutsbekämpfung über wirtschaftliches Wachstum im Allgemeinen und über eine Politik des "Neo-Extraktivismus" im Besonderen verfolgt. Gemeint ist mit diesem Begriff, der auf den uruguayanischen Sozialökologen Eduardo Gudynas zurückgeht, dass Einnahmen aus der Förderung von Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas, Mineralien und Agrarprodukten, die vor allem in Länder des globalen Nordens exportiert werden, für die Finanzierung von sozialpolitischen Maßnahmen eingesetzt werden. Ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit hat nach dieser Logik einen hohen Preis: die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen sowie damit einhergehende Umweltzerstörung und die Abhängigkeit von Rohstoffpreisen auf internationalen Finanzmärkten.

Dass es Möglichkeiten gibt, sich diesem ressourcenintensiven, am Weltmarkt und ökonomischen Wachstum orientierten Entwicklungsmodell, das auf Natur und die in den Abbaugebieten lebende indigene Bevölkerung keine Rücksicht nimmt, zu widersetzen und soziale und ökologische Gerechtigkeit zu verbinden, zeigt das Beispiel Yasuní-Nationalpark in Ecuador. Dort wurde das größte noch unangetastete Ölfeld Ecuadors, das Ishpingo-Tambococha-Tiputini (ITT), gefunden. Die 850 Millionen Barrel Öl entsprechen einem Fünftel des Gesamtbestandes in Ecuador, ihr Wert beträgt gut 7,2 Milliarden Dollar. Erdöl ist die wichtigste Geldquelle des Staates5. Doch die Erdölförderung würde sowohl den Regenwald zerstören, als auch die dort lebende indigene Bevölkerung der Waorani bedrohen.

Ecuador wäre bereit, das Öl im Boden zu belassen und auf die Hälfte der Einnahmen zu verzichten, wenn die internationale Staatengemeinschaft die andere Hälfte in Form von Kompensationsleistungen, die in einen von den UN verwalteten Fonds fließen, erstattet. Das Geld soll für eine nachhaltige Landwirtschaft und die Erschließung alternativer Energiequellen eingesetzt werden. Hinter dieser Idee des Naturerhalts als (globales) Gemeingut und der Nicht-Erschließung fossiler Energiequellen in Kombination mit Ausgleichszahlungen, die für soziale Zwecke und nachhaltige Entwicklung eingesetzt werden sollen, lässt sich durchaus eine Care-Logik identifizieren, die jedoch dem herrschenden Leistungsgedanken widerspricht. Daher ist es zwar bedauerlich, aber nicht verwunderlich, dass der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel jede Unterstützung ablehnt. Er zahle nicht fürs Nichtstun6. Er verkennt dabei, dass sowohl begrenzte, schonende Nutzung als auch explizite Nichtnutzung wichtige Bestandteile einer vorsorgenden Wirtschaftsweise sind, um sozial-ökologische Qualitäten zu erhalten oder sogar auszubauen.

Prinzip der Vorsorge

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Vorsorgeprinzip. Während der Emissionshandel Staaten belohnt, die einen zerstörten Wald aufforsten, geht es aus einer Care-Economy-Perspektive darum, auch und gerade die Länder - ggf. eben auch monetär - zu unterstützen, die ihren Wald von vornherein stehen lassen. D.h. zur effizienteren Ressourcennutzung, wie sie die Green Economy vertritt, und zur Orientierung des Wirtschaftens an Kreisläufen, die die Wiedergewinnung und Wiederverwendung der genutzten Ressourcen in den Mittelpunkt stellen, tritt als dritter entscheidender Aspekt die Schonung, die Rationierung und die Nichtnutzung von Natur für kommerzielle, großindustrielle Zwecke. Die Vielzahl von kleinen Initiativen zum Yasuní-Nationalpark auch in Deutschland, die nicht zuletzt aus Protest und Gegenbewegung zur deutschen Entwicklungspolitik entstanden sind, ist ermutigend aus einer Care-Perspektive. Zeigt sich doch, dass die Idee einer gemeinsamen Verantwortung für die sozial-ökologischen Grundlagen jenseits von nationalstaatlichen Grenzen auf breite Zustimmung stößt.

Gleichzeitig wirft das Beispiel zahlreiche Fragen auf, über die es sich zu diskutieren und reflektieren lohnt: Macht sich die Weltgemeinschaft nicht erpressbar, wenn sie für jede Nichtzerstörung von Natur zahlt? Wird wirklich eine Care-Logik verfolgt, wenn nur geschützt wird, wenn auch Geld fließt? Was nützt es, wenn außerhalb des Nationalparks trotzdem ungemindert Erdöl abgebaut wird und die Logik der Naturausbeutung gerade nicht gestoppt, sondern vorangetrieben wird? Wird hier nicht Ressourcenschutz zur Ware, um die gefeilscht wird, und handelt es sich bei dem angestrebten Fonds für Yasuní nicht um genau so ein ökonomisches Instrument wie das umstrittene REDD-Programm (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation)7, das waldreichen Ländern des Südens Kompensationen für aktiven Waldschutz oder Aufforstung verspricht, aber gleichzeitig die (Nutzungs)Rechte der lokalen Bevölkerung einschränkt? Ginge es aus einer Care-Perspektive nicht gerade darum, die Monetarisierung von Natur und ihren "Leistungen" zu problematisieren? Wird nicht auch das Schützen und Nützen von Natur erneut getrennt statt der Logik des "erhaltenden Gestaltens"8, das in der Regel eine nachhaltige Nutzung beinhaltet, zu folgen?

Zur Beurteilung der Frage, ob die im Fall des Yasuní-Nationalparks verfolgte Politik als Teil eines (vor)sorgenden Wirtschaftens bewertet werden kann oder nicht, ist es von zentraler Bedeutung, ob dadurch die sozial-ökologischen Qualitäten erhalten oder verbessert werden und in wessen Interesse die Maßnahmen umgesetzt werden. Die hier vertretene Position von Care geht von einer untrennbaren Verbindung von ökologischer und sozialer Gerechtigkeit aus. Dem würden ökologische Sorgemaßen für Natur widersprechen, die das Soziale nicht in den Blick nehmen. Im Fall Yasuní wird die soziale Dimension in zweierlei Hinsicht berücksichtigt: Erstens werden durch die Nichtausbeutung der fossilen Erdölvorkommen die Lebensgrundlagen (livelihoods) der indigenen Bevölkerung bewahrt, zweitens sollen die Ausgleichszahlungen für die nachhaltige Entwicklung des Landes und damit für das Gemeinwohl verwendet werden. Nicht unerheblich für die Bewertung ist dabei, ob diese Ankündigungen auch umgesetzt werden. Einem Staat wie Ecuador, der in seiner Verfassung von 2008 das gute Leben für alle Menschen in Gemeinschaft und Vielfalt und in Harmonie mit der Natur in Form des "Buen vivir" festgeschrieben hat9, ist dies sicherlich eher zuzutrauen als einem autoritären Regime, das ökonomische Instrumente wie REDD strategisch nutzt und dafür Menschen ohne Entschädigung zwangsumsiedelt und sie so von ihren Lebensgrundlagen abschneidet.

Für eine sorgende Lebens- und Wirtschaftsweise

Eine vorrangig ökologische Erneuerung von Ökonomie, die Gerechtigkeitsfragen weitestgehend außen vor lässt, reicht nicht aus für eine nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise. Wenn sie zudem nicht mit der Logik der Profitmaximierung, des Leistungsdenkens und des beständigen Wirtschaftswachstums bricht, bleibt auch eine Green Economy krisenverursachend und krisenverschärfend.

Statt Gier und Konkurrenz ist nachhaltiges Wirtschaften auf der individuellen Ebene auf Empathie, Kooperation, gemeinsames Lernen und Handeln angewiesen und nicht zuletzt auch auf den Mut "etwas anderes zu tun, als wir es gelernt haben"10. Statt Sorg- und Maßlosigkeit braucht nachhaltiges Wirtschaften auch Unternehmen, die sich an sozial-ökologischen Qualitäten orientieren. Statt der Privatisierung und Feminisierung von Sorgearbeit braucht es die Vergemeinschaftung von sozialer und ökologischer Sorgeverantwortung; braucht es eine politische Kultur, die kooperative und partizipative Werte schätzt. Der Deutsche Frauenrat spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen "Gesellschaftsphilosophie geteilter und gerechter Sorge", die einer institutionellen Verankerung und materiellen Absicherung durch staatliche Stellen bedarf11 - sei es durch neue Formen der Grundsicherung für jede Person, sei es durch die Bereitstellung öffentlicher Versorgungsleistungen ("public services") sowie einer lebensdienlichen Infrastruktur, die individuelle und kollektive Beteiligungen an der Gestaltung einer sorgenden (und nicht sorglosen) Lebens- und Wirtschaftsweise ermöglicht und unterstützt.

Anmerkungen

1) Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte und überarbeitete Version des Hintergrundpapieres Nachhaltiges Wirtschaften: Zum Verhältnis von Care und Green Economy, das für das von genanet initiierte G3 Projekt "Green Economy: geschlechter_gerecht" erstellt wurde. Die Langfassung kann heruntergeladen werden bei: www.genanet.de.

2) UNEP 2011: Towards a Green Economy: Pathways to Sustainable Development and Poverty Eradication - A Synthesis for Policy Makers, www.unep.org/greeneconomy (Zugriff: 21.5.12).

3) Angefangen von der Womens Action Agenda 1991 über die verschiedenen Plattformpapiere des transnationalen Frauennetzwerkes DAWN, die Arbeiten zahlreicher feministischer Ökonominnen weltweit bis hin zum deutschsprachigen Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften oder der AG Frauen im Forum Umwelt und Entwicklung.

4) Vgl. z.B. Joan Tronto 1993: Moral Boundaries. A political argument for an ethics of care, New York/ London: 103.

5) Vgl. die ZEIT vom 16.6.2011, www.zeit.de/2011/25/DOS-Ecuador-Yasuni-Nationalpark] (Zugriff: 21.5.12).

6) Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 12.11.2011.

7) Der in den Wäldern gespeicherte Kohlenstoff wird im REDD-Modell monetär bewertet, Emissionen aus der Entwaldung werden errechnet und anschließend Kompensationszahlungen zugewiesen. Zur vielfältigen Kritik siehe www.globalwitness.org/campaigns/environment/forests (Zugriff: 21.5.12).

8) Der Begriff des erhaltenden Gestaltens wurde von Adelheid Biesecker und Sabine Hofmeister geprägt. Vgl. grundlegend Adelheid Biesecker / Sabine Hofmeister 2006: Die Neuerfindung des Ökonomischen. Ein (re)produktionstheoretischer Beitrag zur sozial-ökologischen Forschung, München.

9) Vgl. República del Ecuador 2008: Constitución de la República del Ecuador, Quito: Asamblea Constituyente.

10) Friederike Habermann 2011: "Ecommony statt Economy. Wir werden nicht als Egoist_innen geboren", in: Frauenrat. Informationen für die frau: Green Economy. Gerechtigkeit oder Begrünung des Kapitalismus? Heft 5/ 2011:17-19, hier: 19.

11) www.genanet.de/fileadmin/downloads/Green_Economy/17.11.11_Diskussionspapier_end.pdf (Zugriff: 13.1.12).


Daniela Gottschlich ist Politikwissenschaftlerin. Seit 2008 leitet sie die vom BMBF im Rahmen des Programms "Sozial-ökologische Forschung" geförderte Forschungsnachwuchsgruppe "PoNa - Politiken der Naturgestaltung" an der Universität Lüneburg.

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