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Klaus Holzkamp

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Träumerin - Rebellin - Friedenskämpferin

12.02.2015: Verspätetes Gedenken: Am 21. Juni vor hundert Jahren verstarb Bertha von Suttner

  
 

Forum Wissenschaft 4/2014

Das zu Ende gehende Jahr war geprägt vom Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Kaum eine Rolle spielte dabei die Erinnerung daran, dass es schon vor 1914 eine Friedensbewegung gab. Eine der wichtigsten Akteurinnen war Bertha von Suttner, die Friedensnobelpreisträgerin von 1905. Kurt Pätzold erinnert an die leidenschaftliche Kriegsgegnerin, die kurz vor Kriegsbeginn, am 21. Juni 1914, starb.

In den öffentlichen Räumen der Bundesrepublik lässt sich schwerlich der Name einer anderen Frau so oft finden wie jener der Bertha von Suttner. Selbst in früheren Zeiten, da mit Vorliebe an hochadlige Damen erinnert wurde, war den Luisen, Dorotheen und weiteren Königinnen, Prinzessinnen, Großherzoginnen bei Spaziergängen durch deutsche Städte nicht so oft zu begegnen wie der als Gräfin Kinsky von Chinic und Tettau geborenen, einem böhmischen Adelsgeschlecht entstammenden Frau, einer Bürgerin der K. u. k. Monarchie. Ihr 1889 erschienenes Buch, ein "Roman", machte sie weltberühmt. Dem Werk gab sie einen Titel, der wie ein Appell klang und es auch sein sollte. Das Buch Die Waffen nieder! war die Schrift einer leidenschaftlichen Militär-, Rüstungs- und Kriegsgegnerin, die nicht nur mit der Feder und dem gesprochenen Wort stritt, sondern auch Menschen in eine Front für eine friedliche Welt zu bringen suchte. 1905 erhielt sie als erste Frau den Friedensnobelpreis.

Auf ihren Namen sind in Städten aller deutschen Bundesländer Straßen getauft worden, in großen wie Berlin und Düsseldorf, ebenso in kleineren wie Großzimmern und Bad Vilbel. In Gotha gibt es einen nach ihr benannten Platz, in Rostock einen Ring und in Kaltenkirchen einen Weg. Lang ist auch die Liste der Schulen, die Bertha von Suttners Namen tragen, es gibt sie in Hannover, Köln, Oberhausen, aber auch in Geesthacht und Mechterstedt. In Schwerin, Bad Homburg und Gerbrunn heißen Wohnanlagen für Senioren nach ihr, in Backnang ein Kindergarten, in Nürnberg eine Kinder- und Jugendeinrichtung und in Sömmerda ein Bürgerzentrum. Die Annahme, dass diese Taufen meist nach dem zweiten der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts vorgenommen wurden, dürfte ohne Risiko sein. Gleiches gilt wohl dafür, dass die Zahl der Straßen, die nach zwei anderen, im Kampf gegen den Krieg herausragenden Frauen, nach Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, in den Bezirken der Deutschen Demokratischen Republik benannt wurden, größer gewesen sein dürfte als Namensgebungen für Bertha von Suttner. Das ging nicht auf Vorurteile gegen die Frau von Adel zurück, sondern auf die unterschiedliche Nähe zu den Vorschlägen, die diese und jene für den Kampf gegen den Krieg gemacht hatten und denen sie gefolgt waren. Davon später ein Wort.

Erinnerung an eine Unbekannte

An Bertha von Suttner ist in Deutschland und natürlich auch in Österreich zudem auf vielerlei andere Weise erinnert worden. Das taten die Post durch die Herausgabe von Briefmarken und die Staatsbanken durch die Edition von Münzen, wofür 2005 der hundertste Gedenktag an die Verleihung des Nobelpreises besonderen Anlass bot. Die Deutsche Friedensgesellschaft vergibt einen Kunst- und Medienpreis mit ihrem Namen. Und immer wieder waren die Frau, ihr Leben, ihr Verdienst und ihr Erbe das Thema von Veröffentlichungen.

Eine erhebliche Zahl von Biographien ist in Bibliotheken oder im Buchhandel greifbar. Eine jüngere mit dem Untertitel Kämpferin für den Frieden stammt von der deutsch-österreichischen Historikerin Brigitte Hamann und ist eine 2013 erschienene überarbeitete Fassung ihres Buches von 1986, damals mit dem Untertitel Ein Leben für den Frieden. Andere Lebensbilder künden sich ebenfalls mit charakterisierenden Zusätzen an: Herz der Welt (1964), Frieden ist meine Botschaft (1964), Die Vision vom Frieden (1988). 1996 wählte ein Autor für seinen Buchtitel die Bezeichnung Die Rebellin. In Österreich erschien 2005 der Band Die unbekannte Friedensnobelpreisträgerin. Mehrfach haben Schriftstellerinnen das Leben der von Suttner zum Gegenstand von Romanen gemacht. In Hamburg kam 1955 eine Biographie auf den Büchermarkt, die mit dem Titel Das Genie eines liebenden Herzens Leser warb. 1967 wurde in der DDR ein Suttner-Roman Wagnis einer Frau veröffentlicht. Die Österreicherin Herta Pauli, die 1938 nach dem "Anschluss" ihr Land verließ, nach Frankreich emigrierte und dann auf abenteuerlichem Weg in die USA gelangte, hatte ihren Roman Nur eine Frau im Jahr zuvor bei Fischer in Wien und Leipzig publiziert. In New York ließ sie eine Biografie Alfred Nobels folgen, der nach einer kurzen persönlichen Bekanntschaft einen lebenslangen Briefwechsel mit von Suttner pflegte. Ungezählt sind die Sammlungen, die Artikel oder Auszüge aus ihren Büchern enthalten, eine, schon zu Suttners Lebzeiten 1903 herausgegeben, nannte sie im Titel Die "Schwärmerin" für Güte.

Nur wenige Bücher deutscher Sprache sind in so viele Fremdsprachen übersetzt worden wie Die Waffen nieder, und nur wenige haben so viele Auflagen erlebt wie dieser "Roman". Manche erhielten lesenswerte Vorworte und ebensolche Einleitungen. Für eine 1977 in Hildesheim erschienene schrieb Willy Brandt, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschland und Präsident der Sozialistischen Internationale, ein Geleitwort. Darin heißt es, jeder Leser möge selbst entscheiden, ob er die Autorin für eine pazifistische Politikerin oder für eine "literarisch begabte, liebevolle Träumerin" hält (VI). Auf die nahe liegende Frage, wie sich Gedanken und Vorschläge von Suttners zu den gleichzeitigen der Sozialdemokratie verhielten und wie sich deren Verhältnis zueinander gestaltete, ließ sich Brandt nicht ein. Die gleiche Ausgabe erhielt eine Einführung des österreichischen Kulturhistorikers - der selbst auch ein Romanautor war - Friedrich Herr (1916-1983), der hervorhebt, dass dieses Buch von der Pflicht handele, für die Höherentwicklung der Menschheit zu kämpfen. Der Leser, schreibt er einstimmend und warnend, solle sich an einigen Einzelheiten des formalen Stils nicht "stoßen" (XIX). Das ist eine nachsichtige Bemerkung zu der Tatsache, dass der "Roman" eine sprachliche Verwandtschaft mit trivialliterarischen Texten aufweist, die ihm aber womöglich zusätzliche Leser verschafft haben könnte, anderen hingegen ein Ärgernis sein mag.

Leidenschaftliche Provokation

Die Waffen nieder hat seinen Platz in der Weltliteratur nicht nur als eine der großen leidenschaftlichen Bekenntnisschriften für den Frieden. Er ist auch 125 Jahre nach seinem ersten Erscheinen eine Provokation geblieben. Von Suttner hat Fragen gestellt, denen sich noch jede Generation nach ihr bis auf den heutigen Tag gegenüber sieht: Woher kommen die Kriege? Wer macht sie? Aus welchen Interessen heraus? Mit welchen Zielen? Und vor allem: Wie sind Kriege zu verhindern? Ihre Antworten waren schon nicht die ihrer Zeitgenossen, vor allem nicht die der Sozialdemokraten. Und sie sind mit Sicherheit nicht mehr die durchaus uneinheitlichen, die am Beginn des 21. Jahrhunderts gegeben werden. Geblieben ist freilich das von ihr wieder und wieder beklagte und entlarvte Interesse, alle Kriege betreffenden Fragen dicht einzunebeln und unausgesetzt ist die Raffinesse entwickelt worden - da das Fragen nicht verboten werden kann - irreführende Antworten unter die Leute zu bringen.

Als von Suttners Buch erschien, lag der deutsch-französische Krieg nahezu zwei Jahrzehnte zurück und der zwischen dem Zaren- und dem Osmanischen Reich, der im Kaukasus und auf dem Balkan ausgetragen worden war und zur Schaffung eines bulgarischen Staates führte, etwas mehr als ein Jahrzehnt. Europa war in diesem Moment ein Kontinent ohne Kriege und doch wurden viele Menschen angesichts der Hochrüstungen und des Entstehens immer modernerer, menschenmordender Waffen von der Vorahnung oder der Furcht beherrscht, dass ein geschichtlich beispielloser Krieg bevorstehe. Den sagte Friedrich Engels 1887 bei Fortdauer der Rüstungen voraus, davor warnte der preußisch-deutsche Generalstabschef Helmuth von Moltke in einer Reichstagsrede 1890 und auch Bertha von Suttner sah ein Vierteljahrhundert vor seinem Beginn den "über unseren Häuptern schwebenden Riesenkrieg" und ein Europa, das dem Ruin entgegen rüste (292).

Wer oder was aber trieb die Geschicke des alten Kontinents dahin? Dass das Menschen waren, konnte ihr nicht entgehen, wenn sie die nationalchauvinistischen Reden von Politikern hörte oder die gegen Nachbarn aufputschenden Artikel von Journalisten, die verlogenen Beschuldigungen der Gegner, die großsprecherischen Drohungen las, die sie u.a. in den Passagen ihres Romans nannte und zitierte, die von der Vorgeschichte des deutsch-französischen Krieges handeln. In jenen Monaten vor und während des Krieges hält sich ihre Romanheldin mit dem Ehemann, den beiden Kindern und einem zahlreichen Stab von Bediensteten, teils den Urlaub verbringend, teils Geschäften nachgehend, in einem Palais wohnend, in der französischen Hauptstadt auf. Dort erreicht sie auch die Kunde, dass in Deutschland "ein aus Volkskreisen stammendes Manifest veröffentlicht" worden sei, das auch Wilhelm Liebknecht unterzeichnet hat und in dem der "bloße Gedanke an einen deutsch französischen Krieg" zu einem Verbrechen erklärt wird. Besorgt und angewidert nimmt sie zur Kenntnis, dass und wie die Franzosen grundlos gegen die deutschen Nachbarn geistig und mental aufgepulvert werden.

Der Geist des Krieges

Woher also kommt dieser kriegerische Geist, was nährt ihn, wie wird aus den Gedanken ein Plan, aus diesem ein Entschluss, zu den Waffen zu greifen und schließlich die Tat? Die Antwort, die sich die Comtesse zurechtlegt, heißt: es ist der aus den frühen und wilden Zeiten der Menschheit mitgebrachte und nicht abgelegte kriegerische Geist, der den Menschen angeboren ist, sie beherrscht, von dem sie sich aber befreien könnten, würden sie sich nur dazu entschließen. Das werden sie auch tun, meinen die Eheleute in einem Gespräch. Ihre Meinungen gehen nur darüber auseinander, wann das geschehen werde. Die Comtesse meint in 500 Jahren, während ihr Ehemann den Wandel schon auf dem Wege zu sehen scheint und meint, "solange werden sie nicht mehr brauchen, um vernünftig zu werden." (272)

Zu diesem Bilde gehört, dass es unter den Menschen keine Kriegsschuldigen gibt. Zwar weiß die Comtesse, dass die Erklärungen Wilhelms I. und Napoleons III. zum Kriege verlogen sind, aber "über beiden waltet eine dritte Macht, die Macht des überkommenen alten Kriegsgeistes". Gegen den sollten alle, und eben auch die beiden gekrönten Häupter sich verbünden (272). Später wird mit Bezug auf die Ermordeten, als die auch die Hungertoten im eingeschlossenen Paris angesehen werden, geschrieben: es gebe keine Schuld "eines Einzelnen". Der Mörder sei "ein unpersönlich Ding, nämlich der Krieg" (286). Für keine Untat, die im Zusammenhang mit einem Krieg steht, sei eine Person verantwortlich zu machen, gegen niemanden der Zorn zu richten, an niemandem Rache zu üben. "Der allein Schuldige ist der Geist des Krieges" und nur dem könnte das "Verfolgungswerk" gelten (291).

Dann - zurück in die Chronologie - erlebt die Besucherin angesichts des Kriegsverlaufs und der Niederlage die Ernüchterung der Franzosen und ihre Frontstellung gegen jene Politiker, denen sie daran die Schuld zumessen. Doch in diesen dramatischen Tagen lässt die Autorin ihre Heldin, geschwächt und verwirrt von der Wucht der Ereignisse, in eine längere Nervenkrankheit fallen, die erst überwunden ist, als der Friede geschlossen, und "die Kommune überstanden ist". Mit dem nationalen ereignet sich ein familiäres Drama. Im Februar 1871, da schließt die Geschichte, wird ihr Ehemann als Spion angeklagt und, inzwischen war Napoleon schon abgesetzt und die Republik ausgerufen, standrechtlich erschossen.

Doch mit diesem düsteren Ausgang entlässt die Verfasserin die Leser nicht. Es wird - ein Sprung über die Zeiten - der verwitweten Comtesse 1889 ein Enkel geboren. Die hat, wiewohl sie die Trauerkleidung nie ablegt, inzwischen wieder schönere Zukunftsbilder zurechtgelegt und sich gar die Frage gestellt, ob der eben auf des früh verstorbenen Vaters Platz gelangte Kaiser Wilhelm II., dieser "begeisterungsglühende" und "Großes wollende", sich nicht auch "für das Friedensideal begeistern wird." (295) Derweil wird ein Enkelsohn getauft, was in standesgemäßer Gesellschaft gefeiert werden muss. So schließt der Band mit einem Gespräch, das bei dieser Gelegenheit sich über Krieg und Frieden entspinnt und an dem ein Minister, ein Oberst der K. u. k. Armee, ein Arzt und der junge Vater teilnehmen, von dem mitgeteilt wird, dass er die Gesinnung seiner Mutter teile, also wie sie dem Pazifismus huldigt. Ihm fällt auch die Schlussrede zu, mit der die Autorin ihre Leser verabschiedet. Sie gießt Optimismus aus: "Schon lebt vielleicht der Fürst oder Staatsmann ... der die allgemeine Abrüstung durchsetzt," sagt der Filius. Und: "Schon dämmert die Erkenntnis, dass die Gerechtigkeit als Grundlage allen sozialen Lebens dienen soll". Jedoch: ganz untätig muss man nicht bleiben. Dass es dahin komme, dafür wolle und solle sich die Taufgesellschaft auf eine nicht näher beschriebene Weise "stählen" (301).

Verdammung des Krieges

Das mit einem Appell einsetzende Buch endet mit der Verabreichung von - Beruhigungspillen. Und das lässt fragen, was die Mächtigen dazu bewogrn hat, über die Verfasserin dieses Buches derart herzufallen, wie sie das taten. Der Grund lag nahe und kein Angebot schiedlich-friedlichen Hineinwachsens in das künftige Friedensreich konnte darüber hinwegtäuschen: Diese Frau sprach ihnen rundheraus und ohne Einschränkungen das Recht ab, Kriege zu führen, die sie doch von Petersburg über Wien und Berlin bis Paris als ein unverzichtbares Mittel der Politik ansahen. Sie nannte den Krieg einen Ausdruck von Wildheit, Barbarei und Unkultur. Sie identifizierte wieder und wieder jene als Kriegstreiber, die in Zeitungen und Büchern für Kriege Propaganda machten und die Massen der Völker in sie hinein hetzten. Sie entlarvte die unausgesetzt vorgetragene These von der Verteidigung des Vaterlandes und vom ehrenvollen Tod auf Schlachtfeldern als Lüge. Als solche enthüllte sie auch die Verklärung des Soldatentodes und setzte dem die elenden Bilder vom Sterben tausender Männer entgegen. Und sie verdammte den Kriegsbeitrag der Kirchen, deren hauptberufliches Personal Gott anrief, damit er die Waffen segne. Dass eine adlige Frau, als Gräfin geboren, nun verheiratete Baronin, auf diese Weise die in ihrer Oberschicht geltenden Normen attackierte, die Tochter eines Generals der K. u. k. Armee obendrein, verursachte Hass und Spott nicht, verschärfte sie aber. Dass sie die Herrschenden nicht namentlich und in persona angriff, sondern unverschuldet als vom Kriegsgeist beherrscht beschrieb, verschaffte ihr keine mildernden Umstände.

Zudem hatte sich Bertha von Suttner, wie ihre berühmte Schrift verrät, nicht durchweg soweit ins Unrealistische entfernt wie das geschah, wenn sie sich auf das Feld von Theorie und Geschichte von Krieg und Frieden begab. Dass Kriege sich nicht nur aus Leidenschaften ergaben, sondern auch aus verfolgten "Sonderinteressen", erwähnt sie, ohne eine von ihnen zu benennen (301). Ebenso konnte ihrer Romanheldin im Paris des Vorkrieges und Krieges von 1870/1871 nicht entgehen, dass sich da eine ganze Kriegspartei formierte, über die Näheres auch nicht mitgeteilt wird (270). Ja, es habe in diesem Lande sogar innenpolitische Gründe gegeben, die dieses Interesse am Kriege speisten (263). Und einmal verlässt die grübelnde Comtesse den alles verursachenden und verschuldenden Kriegsgeist doch ganz und fragt sich, wozu überhaupt Krieg geführt werde, wenn sein Ausgang nicht für den "einen oder anderen Teil Gebietserweiterung zur Folge haben soll?" Und da wird sie gar konkret: für die Deutschen Elsass-Lothringen, für den Fall des französischen Sieges die Rheinprovinz.

Begrenzte Erkenntnis

Bertha von Suttner schildert ihre Heldin zwar als eine sich bis zur Selbstquälerei denkende Person, doch lässt sie diese nicht zu Antworten auf die "letzte Ursache" des deutsch-französischen Krieges gelangen. Wo der Gedankengang bei ihr anlangt, wird abgebrochen (280). Geprüft aber wird: "Habe ich alle Seiten der Frage beleuchtet", ich, die ihr Leben in "beschränkten Erfahrungs- und Empfindungskreisen" führte, worauf sie antwortet: "Gewiss nicht! Was weiß ich z.B. - ich reiche, hochgestellte - von den Leiden, die der Krieg über die Massen des Volkes verhängt? ... Und die wissenschaftlichen Grundlagen? Wie komme ich dazu, in ökonomischen Fragen bewandert zu sein, und diese sind es - so viel weiß ich nur - welche schließlich alle Umbildungen bestimmen." (296) In knapperen Worten besagt das: Mein Wissen reicht für die "letzten" Antworten nicht hin.

Das ist nicht nur der Romanfigur in Sinn und Mund gelegt. Diese Passage spiegelt auch die Situation der Verfasserin. Als die Kriege der sechziger Jahre ausgetragen wurden, befand sich die junge Dame an der Seite ihrer Mutter in Baden-Baden, Bad Homburg und Paris, von einem Erbe und einer Witwenpension lebend und eine geeignete Partie suchend. Sie entwickelte weder für das Geschehen an den Düppeler Schanzen noch in Königgrätz größeres Interesse. Und als, da war sie Augenzeugin in Berlin, die preußischen Truppen 1871 nach dem Sieg in Frankreich heimkehrten, hatte sich in ihr, wie sie später schrieb, keine Idee an eine andere und friedliche Welt geregt. Was sie von Kriegen wusste, hatte sie sich später als Schriftstellerin auf dem Wege zum Manuskript Die Waffen nieder! angelesen. Da lag ihr 45. Geburtstag hinter ihr.

Das Erscheinen des Buches wurde mit seinen Folgen zu einem Wendepunkt im Leben der Bertha von Suttner, aus der nun in Österreich und mehr noch über dessen Grenzen hinaus eine Friedensaktivistin wurde, Ideengeberin wie Organisatorin und unermüdliche Propagandistin für ein Leben der Menschheit in einer Welt ohne Krieg. Bis in die Monate, ja Wochen vor ihrem Tode sprach sie in Versammlungen. Sie nahm Anteil an den Vorbereitungen des Internationalen Friedenskongresses, der in Wien stattfinden sollte. Sie verstarb wenige Tage, bevor die Schüsse in Sarajewo fielen. Das Erlebnis nationalistischer Trunkenheit von Millionen und des Einschwenkens der Friedensbewegten und Sozialisten auf den Kriegskurs ihrer Regierungen blieb ihr erspart. Vollends überrascht wäre sie davon nicht gewesen. Am 13. Mai 1914 hatte sie noch geschrieben: "Die einzigen - weil sie eine Macht sind -, auf die man hoffen kann, dass sie den Massenkrieg abwenden, sind die Sozialdemokraten. Die ›bürgerliche‹ Friedensbewegung bei uns ist wirklich von einer Schlappheit, die ihresgleichen sucht."


Kurt Pätzold ist Historiker. Er arbeitet und lebt in Berlin. Seine jüngste Veröffentlichung: Der Zweite Weltkrieg, Reihe Basiswissen des papyrossa Verlages, Köln, 2014.

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