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Klaus Holzkamp

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Unterstellungen oder Argumente?

29.09.2014: Herfried Münkler und die Entsorgung deutscher Verantwortung

  
 

Forum Wissenschaft 3/2014

Unter den zahlreichen Autoren mit Publikationen zum Jubiläum des Ersten Weltkriegs finden etwa eine Handvoll in der deutschen medialen Öffentlichkeit besondere Beachtung. Neben Christopher Clark ("Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog") betrifft dies vor allem den Politikwissenschaftler Herfried Münkler, dessen Band "Der große Krieg. Die Welt 1914-1918" mit hoher Auflage erschien und wohlwollende Kritik auf vielen Kanälen fand. Warum eigentlich? Kurt Pätzold analysiert, wie Herfried Münkler Fritz Fischers Bild von Deutschlands Rolle beim Weg in den Ersten Weltkrieg zu entsorgen trachtet.

Noch figuriert Christopher Clarks Legende von den in den Ersten Weltkrieg schlafwandelnd hineintapsenden Politikern auf deutschen Bestsellerlisten. Doch ist fraglich, ob die seit Monaten unternommenen Anstrengungen die Reanimateure jenes Geschichtsbildes an ihr Ziel führen werden, das Deutschlands Rolle auf dem Weg in diesen Krieg minimiert. Zudem drängt die Zeit. Nach dem Augustanfang wird sich das öffentliche Interesse alsbald anderen Jahrestagen zuwenden. Diesem Zeitdruck scheint ein Artikel Rechnung zu tragen, den der auf dem Feld der Geschichte wildernde Politikwissenschaftler Herfried Münkler unlängst in einer bürgerlichen Zeitung (Süddeutsche Zeitung, 20. Juni 2014) unter der lärmenden Überschrift "Neuentdeckung des Ersten Weltkrieges" veröffentlichte. Seinen Gegenstand bildete der Streit um das Erbe des 1999 verstorbenen Hamburger Historikers Fritz Fischer, einen Vorgang, der in den meisten Äußerungen wissenschaftliche Kontroverse nicht genannt zu werden verdient. Dazu fehlt ihm die Substanz.

Unsaubere Geschichtsschreibung?

Fischers Name, soviel voraus, bezeichnet in der Geschichte der bürgerlichen Historiographie den radikalsten Bruch mit der schon am 1. Kriegstag vertretenen These von Deutschlands Unschuld am Eintritt in das Menschenschlachthaus. Er schrieb dem Kaiserreich nicht nur eine Teil-, sondern die Hauptverantwortung für den Beginn und die jahrelange Fortsetzung des Massenmordens auf den Schlachtfeldern Europas und noch jenseits von dessen Grenzen zu. Das sei, lässt nun der Berliner Hochschullehrer verlauten, nicht das Resultat von Forschungen gewesen, wie Fischer überhaupt als nach wissenschaftlichen Grundsätzen und Methoden arbeitender Historiker nicht angesehen werden könne. Er habe sich die Geschichte so zurechtgemacht, dass sie seinen vorgefassten Bildern entsprach und Interessen dienen konnte, die er verfocht. Mit seiner Kennzeichnung der Rolle, die Deutschland 1914 gespielt habe, hätte er den (West-)Deutschen jene bußfertige Haltung erleichtern oder ermöglichen wollen, die für die Hinnahme einer angeblichen Spätfolge des Ersten Weltkrieges wenn nicht notwendig, so doch hilfreich gewesen sei; gemeint ist der Verlust der ehemals deutschen Ostgebiete jenseits der Oder. Da inzwischen aber die Bundesrepublik zur Mustertochter friedlichen Daseins geworden und die Revanchisten so viel wie einflusslos geworden seien, wäre jeder Grund entfallen, der Fischerschen politisch intendierten Sicht länger im Geschichtsdenken der Deutschen noch einen Platz einzuräumen.

Auf die Argumente und namentlich auf die Dokumente, auf die Fischer seine Erkenntnisse gründete, lässt Münkler sich nicht ein. Stattdessen schilt er ihn, weil er angeblich nicht vergleichend gearbeitet, die "geopolitischen Lagen" und den "Zeitdruck" der Akteure nicht berücksichtigt habe. Von einer Analyse, wie sie Münkler vorschwebt, so sein Verdikt, "sind Fischers Arbeiten meilenweit entfernt". Sodann hatte Fischer, anders als der Politikwissenschaftler selbst, "von politischen Entscheidungs- und Beratungsprozessen nichts verstanden". Er habe in die Entscheidungsabläufe an der Spitze des Kaiserreichs eine Kohärenz "hineinerzählt", also doch erfunden, die es so nicht gegeben habe. "Danach werden die Quellen gebürstet." Wer an den Positionen Fischers festhalte, heißt es abschließend, blockiere die Beschäftigung mit offenen Fragen. Für keine dieser Behauptungen wird auch nur ein Beweis erbracht.

Die Beschuldigung, Fischer hätte nicht verglichen, ist lächerlich. Seine These ist das Ergebnis eines Vergleichs und die Feststellung der deutschen Hauptverantwortung für den Weg und den letzten Schritt in den Krieg beruht auf Tatsachen, die sich in Schulgeschichtsbüchern nachlesen lassen: 1. die Spitzen des Kaiserreichs haben den österreichisch-ungarischen Verbündeten auf dem Weg zur Eröffnung eines Krieges gegen Serbien vorangestoßen. 2. Sie taten das im Bewusstsein der Möglichkeit, ja EURscheinlichkeit der Ausweitung dieses Krieges. 3. Sie versicherten Wien für diesen Fall der deutschen Kriegspartnerschaft. 4. Sie erklärten unter einem Vorwand Russland den Krieg. 5. Sie erklärten Frankreich unter einem weiteren Vorwand den Krieg. 6. Sie waren vor Kriegsbeginn entschlossen, Luxemburg und Belgien, zwei neutrale Staaten, zu überrennen. Es bedufte keiner archivarischen Tiefenforschung, um festzustellen, dass keine andere Großmacht eine vergleichbare Liste von Plänen und Handlungen vorzuweisen hatte. Das wusste Fischer, als er Griff nach Weltmacht schrieb, und weder Münkler noch Clark vor ihm haben eine solche vorgewiesen.

Fehlende Fragen

Und was soll der Verweis auf die "geopolitschen Lagen"? Keine wie immer gedachte zwang die Regierenden im Kaiserreich "zum Schwert" zu greifen. Und aufgrund welchen "Zeitdrucks", den Fischer angeblich zu berücksichtigen vergaß, hätten sie handeln müssen, ausgenommen jenen, den sie selbst als Bedingung für den militärischen Sieg sahen und befolgten. Diese "Argumente" reproduzieren nur Entschuldigungen, wie sie schon die Akteure vortrugen: den Verweis auf die angeblich missliche deutsche Mittellage und den Zeitdruck, der ihnen durch die Rüstungen der anderen Mächte entstanden sei. Die Fragen nach Kriegsursachen, Kriegszielen und Kriegsinteressen oder gar nach Kontinuitäten der deutschen Außenpolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Fischer stellte, verkneift sich Münkler oder sie gehören nicht zu seinem Frageraster, das von jenem der Historiker nun wirklich meilenweit entfernt ist. Das erweist sich auch an den Vorschlägen, die er für künftige, von der Fischer-Blockade befreite Forschungen sich ausgedacht hat. Geklärt werden solle, warum keine der kriegführenden Mächte im Herbst 1914, als die Kriegspläne gescheitert waren, den Versuch zur Beendigung des Krieges gemacht hat. Darüber lassen sich Seiten füllende Abhandlungen lesen, die freilich davon ausgehen, dass nicht die Kriegspläne schlechthin, sondern die deutschen Anfang September sich mit dem Rückzug von der Marne erledigt hatten. Und weiter solle ergründet werden: Warum die Soldaten so lange weitergekämpft haben, womit jedoch er sich derweil selbst beschäftigt habe und, was unerwähnt bleibt, vor ihm auch einige andere Autoren.

Münklers Vorsatz, Fischers Arbeiten über Deutschlands Rolle auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg aus dem Geschichtsbild der Nation zu entsorgen, stehen ein paar, nicht eben viele Historiker entgegen, die ihm widersprechen. Denen geht es nicht besser als dem Hauptfeind. Sie werden außerwissenschaftlicher Interessen bezichtigt und mit dem Anwurf bedacht, es gehe ihnen nicht um Argumente, sondern um die "Diskreditierung" jener, die Fischers Thesen "bezweifeln". Das ist freilich ein schwaches Wort für die Attacken wider den Toten und das aus dem Wortschatz eines Mannes, der sich auch in Fragen der Sprache auszukennen vorgibt. Unerhört sei die gegen ihn, Münkler, und seinesgleichen erhobene Feststellung des "Revisionismus". Zwar gebe es in der Geschichte der Wissenschaft "Revision", "Revisionismus" aber nur in der Politik und der ihr dienenden Geschichtsideologie. Der Lärm ist grundlos. Fischer hatte das bürgerliche Geschichtsbild revidiert, wie nun ein halbes Jahrhundert später das seinige zu revidieren versucht wird. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die eine Korrektur einen Fortschritt bedeutete, die aktuelle aber einen Rückschritt bezeichnet.

Wissenschaftliche Errungenschaften

Mit diesem Blick hatte Volker Ulrich von "Errungenschaften" Fischers und der sich an seine Publikationen anschließenden Kontroverse geschrieben. Er wird dafür von Münkler belehrt, dass der Begriff "Errungenschaften" in der Wissenschaft nichts zu suchen habe. Wer ihn für die Geschichtswissenschaft benutze, "nagele sie ans Kreuz". Dem Mann sei die Benutzung des Dudens empfohlen. Dort hätte er zur Verdeutlichung der Verwendung des Begriffs beispielsweise lesen können "eine Errungenschaft der Forschung" und in der Reihe der Synonyme wäre er auf "Durchbruch, Durchstoß, Erfolg, Fortschritt, Leistung, Sieg, Triumph, Volltreffer" gestoßen.

Noch mehr erregt hat den Sprachwächter aber, dass Hans-Ulrich Wehler im Zusammenhang von Fischers Hervortreten von "Zivilcourage" geschrieben hatte. Das hatte der Gründe viele. Nur wer von den Anfeindungen, denen sich Fischer ausgesetzt sah und von denen in vielen Darstellungen der Fischer-Kontroverse gelesen werden kann, so wenig weiß oder wissen will, wie Münkler, kann an der Verwendung dieses Begriffs überhaupt Anstoß nehmen. Und dass, wie behauptet, Wehler diese Courage zum Kriterium für den EURheitsgehalt von Fischers Geschichtsbild habe machen wollen, ist eine miese Unterstellung.

Auf sie folgt die Entdeckung Münklers, dass genau genommen nicht von der Fischer-, sondern von der Fischer-Ritter-Debatte gesprochen werden müsse. Das ist der Versuch, die Konfrontation auf die Ansichten zweier Personen zu fokussieren und vom Ausmaß des Ereignisses, das Wellen bis zum Internationalen Historiker-Kongress 1965 in Wien schlug, und davon wegzulenken, dass damals schon die Truppe der Fischer-Gegner bis in die Niederungen der Politik reichte. In diesem Streit ist Ritter, der namhafteste unter den Kontrahenten aus der Zunft, mit dem Versuch gescheitert, die deutsche Kriegsverantwortung allein einigen führenden Militärs und deren zu großem Einfluss im Staate zuzuordnen, womit - und da lag gleichsam der Knackpunkt - die anderen Elitegruppen in Politik, Wirtschaft und Geistesleben freigesprochen waren.

Fischer, muss Münkler einräumen, sei aus der Kontroverse als Sieger hervorgegangen, jedoch nicht als Forschender, sondern "geschichtspolitisch". Auch Ulrich und Wehler verfolgten nicht die Verteidigung eines wissenschaftlichen Standpunktes, sondern angeblich das Ziel, ein geistiges "Regime" und ihre "Deutungsmacht" aufrecht zu erhalten und zu monopolisieren. Das erweckt den Eindruck, als hätte in der Bundesrepublik fünfzig Jahre hindurch ein solches von Fischer ausgehendes Regiment geherrscht. Schulbücher für höhere Klassenstufen liest Münkler nicht. Anders wäre er auf jene Seiten gestoßen, auf denen Fischers und Ritters und anderer Standpunkte nebeneinander gestellt sind. Den Schülern wird unter "Aufgaben" dann abverlangt, sich aus den wenigen zitierten Sätzen, die sie überzeugende Ansicht herauszusuchen. Man möge sich, dies nebenbei, ein Physik- oder Geographie-Buch vorstellen, das Schüler anregt, sich zwischen dem Bild der Erde als einer Scheibe oder eines kugelähnlichen Gebildes zu entscheiden. Die Behauptung eines zu beseitigenden "Regimes", soll Münklers, seine und seiner Kollegen Initiative gleichsam die höhere Weihe eines Befreiungsaktes verleihen. Die von ihm namentlich genannten Mitstreiter sind Christopher Clark, dem wir die Entdeckung der Schlafwandler verdanken, und der nach eigenem Bekenntnis bekehrte Sönke Neitzel, der die Politiker des Jahres 1914 als Zocker aufspürte.

Verbannung der Schuldfrage

Schließlich kommt Münkler zu dem Thema, das ihn am meisten umtreibt. Er möchte die Frage nach der Schuld an einem beliebigen Kriege aus der Geschichtswissenschaft verbannen und allenfalls noch Forschungen zulassen, welche die jeweilige politische Verantwortung betreffen. Doch ließe sich darüber erst reden, "wenn die Schuldthesen erledigt sind". Was geht in einem Kopfe vor, der weiß, dass nach einem Verkehrsunfall mit einem tödlichen Opfer die Schuldfrage und nicht nur die nach irgendeiner Verantwortung gestellt und nötigenfalls juristisch beantwortet wird, der aber, wenn eine Tat Millionen Tote zur Folge hat, sich dieser Fragestellung verweigert? Die Schuldfrage gehöre, verkündet Münkler, in den Bereich von Moral und Religion, die Juristerei gerät dem Politikwissenschaftler da auch aus dem Blick, aber nicht in den Bezirk der Clio. Selbst das unterschiedliche Maß an Verantwortung lasse "sich nicht einmal auf Grundlage einer quellengestützten Analyse ihrer (der Politiker) Absichten und Ziele bestimmen."

Das ist das wenig verpackte Plädoyer dafür, dass sich die Historiker von jeglichem Versuch verabschieden, Urteile über die Rolle von Personen zu fällen, die auf geschichtliche Entscheidungen und Prozesse vom Rang Krieg oder Frieden einen maßgeblichen Einfluss besaßen oder besitzen. Und das wird mit der Scheinbegründung gerechtfertigt: Non possumus. Da steht dem Lehrer nun freilich eine Figur im Wege, auf die sich Millionen und Abermillionen, wenn auch in einer Verengung der Sicht, als auf einen Kriegsschuldigen geeinigt haben und das mit unabweisbaren Gründen. Er hieß Adolf Hitler. Doch bringt der Münkler nicht in Verlegenheit: "Hitler ist ein Sonderfall", postuliert er, und könne daher als "Analysegröße", was immer das sein mag, nicht benutzt werden. Das lässt sich ernsthaft nicht kommentieren, sondern nur mit den von Lichtenberg entliehenen Worten: "Mit größerer Majestät hat noch nie ein Verstand stillgestanden."

Man wird in der Geschichte der Berliner Humboldt-Universität lange suchen und weit zurückgehen müssen, eine an Niveau und Stil vergleichbare Attacke eines Hochschullehrers gegen einen Wissenschaftler zu entdecken. Mindestens sieben Jahrzehnte.


Kurt Pätzold ist Historiker. Er arbeitet und lebt in Berlin. Seine jüngste Veröffentlichung: Der Zweite Weltkrieg, Reihe Basiswissen des papyrossa Verlages, Köln, 2014.

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