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Klaus Holzkamp

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Das Glück im Märchen

  
 

Forum Wissenschaft 1/2012

Im realen Leben spielen Glücksphantasien und -wünsche eine große Rolle. Die negativen Erlebnisse und Momente, die es im Leben mehr oder weniger häufig gibt, sollen - so der Wunsch - möglichst vermieden werden. Glücksphantasien können bisweilen auch kollektiven Charakter annehmen und sich in Mythen, Legenden und Geschichten äußern. Eine spezielle Form dieser Geschichten sind Märchen. Die Rolle des Glücks im Märchen beleuchtet Wilhelm Solms.

Das Glück1 gilt sicher zu Recht als Charakteristikum der Märchen, genauer: der Zaubermärchen, die man mit Wilhelm Wundt auch als "Glücksmärchen"2 bezeichnen kann. Das Glück tritt zwar erst beim Ende, beim sprichwörtlichen Happy End, in Erscheinung, bestimmt aber seine Handlung von Anfang an. Die Handlung des Zaubermärchens ist der wunderbare Weg des Helden oder der Heldin zum Glück. Die "Märchen mit schlechtem Ausgang" sind die Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Auch wenn die Helden und Heldinnen zu Beginn Not leiden oder unterwegs ins Unglück stürzen, der Erzähler lässt niemals Zweifel aufkommen, dass sie zuletzt das Glück gewinnen. Und er verspricht im letzten Satz, dass dieses Glück von Dauer sein wird. "Dieses Epos endigt immer, indem es eine endlose Freude aufthut", so Jacob Grimm in der Vorrede zur Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen von 1812. Dass Grimms Märchen seit nunmehr zweihundert Jahren so beliebt sind, dürfte auch daran liegen, dass in ihnen der Traum der Menschen von einem ungetrübten und andauernden Glück in Erfüllung geht.

Verdientes Glück

Warum gewinnen allein die Märchenhelden und -heldinnen das Glück, während ihre älteren Geschwister leer ausgehen oder ins Unglück stürzen? Weil nur sie die gestellten Aufgaben lösen können. Da diese Aufgaben genau betrachtet unlösbar sind, kann ihnen dies nur durch wunderbare Hilfe gelingen. Und warum erhalten nur sie diese Hilfe? Weil sie den außerirdischen Figuren, die ihnen vorher begegnet sind, geholfen und dadurch ein Anrecht auf deren Hilfe erworben haben. Sind alle Aufgaben gelöst, alle Aufträge erfüllt und alle Hindernisse überwunden, ist der Weg zum Glück frei. Demzufolge ist das Glück in den Zaubermärchen nicht einfach Glücksache oder Zufall, sondern der Lohn für eine gute Tat oder ein verdientes Glück.

Nachdem ich diese Auffassung veröffentlicht hatte3, wurde mir von Heinz Rölleke das Märchen Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich (KHM 1)4 als Gegenbeispiel vorgehalten. Die schöne Königstochter verstößt zwar gegen die Gebote ihres Vaters, doch indem sie den Frosch wider die Wand wirft, befördert sie ihn in ihr Bett, womit sie, wenn auch gegen ihren Willen, ihr drittes Versprechen und damit die dritte Bedingung für seine Erlösung erfüllt hat. Die moralischen Belehrungen durch einzelne Figuren oder den Erzähler und die Lehre, die sich aus der Handlung der Märchen ergibt, darf man also nicht gleichsetzen.

Hermann Bausinger hat ebenfalls erkannt, dass die Moral mit dem Glück zusammenhängt. Er ist der Meinung, dass in einigen Märchen "das Glück der Moral erliegt"5, während in anderen "das Glück von der Moral nicht eingeholt" werde. Er kommt deshalb zum Ergebnis: "Die eigentliche Moral dieser Geschichten ist das Glück."6 Die Märchenmoral ist aber weder mit dem Märchenglück identisch noch ihm entgegengesetzt, sie ist vielmehr das Mittel, um das Glück zu gewinnen.

Reines Glück wie ein Sechser im Lotto weckt Neid, verdientes Glück wird dagegen als gerecht empfunden und findet Anerkennung. Das Glück der Märchenhelden und -heldinnen ist aber ebenso wenig gerecht wie das Unglück ihrer Widerparts. Das Märchenglück ist nicht angemessen, sondern übersteigt jedes Maß, das Unglück ebenso. Das Glück ist phantastisch, das Unglück entsetzlich.

Materielle Formen des Märchenglücks

Das Glück hat in den Zaubermärchen drei Formen, die Held und Heldin einzeln oder gemeinsam zuteil werden: Hochzeit, Krone und Gold. Die Hochzeit, der krönende Abschluss der meisten Zaubermärchen, ist das Symbol für dauerhafte Liebe, die Krone das Attribut für Herrschaft und das Gold steht für Reichtum. Wenn ein armer Junge die Hand einer Königstochter gewinnt, erhält er das Gold als Mitgift und erbt künftig die Krone. Dieser dreifache Gewinn ist die extremste und damit zugleich die unwahrscheinlichste Form des Glücks.

Diese materialistische Vorstellung vom Glück hat, wie zu erwarten, in der Märchenforschung Anstoß erregt. Dass "der Besitz äußerer Güter auch schon Glück und Zufriedenheit bedeutet", ist für Hans Naumann ein "primitiver Charakterzug" des Zaubermärchens7. Dass für Hänsel und Gretel (15) mit den "Perlen und Edelsteinen", die sie vom Hexenhaus mitbringen, "alle Sorgen ein Ende" haben, hält er offenbar für belanglos. Von psychologischen Märchenforschern werden alle drei Glücksphänomene als Metaphern für innere Werte betrachtet. Das Gold zum Beispiel kann in den Märchen auch Schönheit bedeuten wie in Die Goldkinder (85) oder königliche Abstammung verraten wie in Der Eisenhans (127). Wenn man aber davon ausgeht, dass alle Symbole des Märchens "innerseelische Regungen" darstellen8, übersieht man die Bedeutung, die sich aus dem Kontext des jeweiligen Märchens ergibt. Wenn man dagegen dem Wortlaut der Märchen folgt, kann man erkennen, dass auch das Märchenglück in allen drei Formen zerbrechlich ist - "Glück und Glas, wie leicht bricht das" - und woran es zu zerbrechen droht oder, wie in den Märchen mit schlechtem Ausgang, tatsächlich zerbricht.

Ein überzeugendes Happy End?

Die schönste und beliebteste Form des glücklichen Endes ist die Hochzeit. Der Erzähler beschließt die Schilderung der Hochzeit häufig mit Sätzen wie "Da lebten sie zusammen in Seligkeit bis an ihr Ende" (6. Der treue Johannes), "und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt" (12. Rapunzel), "Und nun fehlte nichts mehr zu ihrem Glück, solange sie lebten" (57. Der goldene Vogel). Dies ist kein Tatsachenbericht, sondern ein Versprechen. Denn mit der Hochzeit fällt der Vorhang. Was danach geschieht, der Ehealltag, gehört zu den Themen der Schwänke und wirkt dort ganz und gar nicht glücklich. Ob das Glück des Märchenpaars von Dauer ist, bleibt völlig offen.

Die Zuhörer oder Leser können aber, statt blind dem Erzähler zu folgen, die Vorgeschichte der Hochzeit rekapitulieren und überlegen: Passen die beiden zusammen? Ist ihre Liebe gegenseitig? Wird er ihr treu bleiben und auch in schlechten Tagen beistehen? Wird sie, wenn ihre Eltern ihn ablehnen, an seiner Seite stehen? In mehreren Zaubermärchen werden eine "wahre" und eine "falsche Braut" konfrontiert. Die "wahre Braut" verlobt sich mit einem Königssohn (186. Die wahre Braut) bzw. einem Trommler (193. Der Trommler). Dieser verspricht ihr die Treue, vergisst sie aber kurz darauf und will eine andere heiraten bzw. folgt dem Willen seiner Eltern. Die verlassene Braut folgt ihm nach und gewinnt ihn zurück. Er feiert mit ihr Hochzeit und lässt die zweite Braut einfach stehen. Warum lässt der Erzähler keine Zweifel aufkommen, dass der Bräutigam seiner Braut erneut untreu wird? Und warum bewertet er die zweite Braut, die nicht wusste, dass er bereits verlobt war, als "falsch"? Offenbar will er uns unbedingt ein Traumpaar vorführen.

Auch manche Schlussbilder lassen Zweifel am dauerhaften Glück des Märchenpaares aufkommen. Am Ende von Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich (1) nimmt der erlöste Prinz die Prinzessin mit in sein Reich, von einer Hochzeit ist aber keine Rede. Und wer ist "voller Freude"? Der treue Diener Heinrich. Die Hochzeit von Schneewittchen (53) wurde, so der Erzähler, "mit großer Pracht und Herrlichkeit" angeordnet. Bei der Feier wird der Bräutigam gar nicht und Schneewittchen nur am Rande erwähnt, aber umso ausführlicher die Folterung der Stiefmutter geschildert. Ein überzeugendes Happy End sieht anders aus. Wer bei solchen Bildern aufmerkt und sich die Vorgeschichte dieser Märchen genauer ansieht, dürfte auch hier am Glücksversprechen des Erzählers zweifeln. Der Frosch wollte die Prinzessin vergewaltigen, sie wollte ihn töten, und in Schneewittchen hatte sich der Königssohn in den schönen Körper einer Scheintoten verliebt.

Es gibt aber auch Märchen mit einem plausiblen Happy End, sogar solche, die wider alle Erwartung glücklich enden. So gewinnen der Diener in Die weiße Schlange (17) und der Dummling in Die goldene Gans (64) trotz der lebensbedrohenden Hindernisse, die ihr Vater errichtet, zuletzt die Hand und das Herz einer Königstochter.

Das getrübte Glück der Schwankmärchenhelden

Außer den Zaubermärchen haben auch die Schwankmärchen ein Happy End. Und weil dies ein Charakteristikum des Märchens ist, bilden sie keine Unterform des Schwanks, sondern ein eigenes Märchengenre. Der Held des Schwankmärchens, der stets niedriger Herkunft ist, gewinnt das Glück nicht dank wunderbarer Hilfe, sondern aus eigener Kraft, nämlich durch Klugheit und Mut. Er kämpft gegen übermächtige Gegner wie Teufel oder Riesen, weshalb ihm vom Erzähler wie von den Zuhörern der Einsatz jedes Mittels erlaubt wird, und besiegt sie durch Prahlen (20. Das tapfere Schneiderlein), Lügen (Anhang Nr. 5. Der gestiefelte Kater) oder Stehlen (192. Der Meisterdieb). Wenn er das Glück in Gestalt der schönen Königstochter gewonnen hat, ist er in Gefahr, dass ihn seine Vergangenheit einholt.

Im tapferen Schneiderlein fürchtet sich sogar der König vor diesem "tapferen Kriegsherrn". Weil er ihm aber die "versprochene Belohnung", seine Tochter, geben muss, wird die Hochzeit "mit großer Pracht und kleiner Freude gehalten". Hier geht auch der Erzähler auf Distanz. Der Schneider hat damit die Hand, aber nicht das Herz der Königstochter gewonnen, weil sie merkt, wo er herkommt. Und als er scheinbar im Traum mit seinen Taten prahlt, überkommt auch sie eine "große Furcht", aber nicht Liebe. Wenn der Müllerssohn König geworden ist, wird er vom Kater, seinem ersten Minister abhängig sein, weil er dessen Lügen gedeckt hat. Und wenn der Meisterdieb den Diebstahl als Kunst zelebriert, bleibt er trotzdem für seinen Vater wie für den Grafen "immer ein Dieb", weshalb er nicht sein Glück macht, sondern nur seine Haut rettet.

Ist Hans im Glück?

Es gibt in der Grimmschen Sammlung aber auch Geschichten, in denen von einem ideellen Glück erzählt wird. So wünschen sich ein armer Mann die "ewige Glückseligkeit" (87. Der Arme und der Reiche) und ein armes Mädchen das "ewige Himmelreich" (135. Die weiße und die schwarze Braut). Dies sind zwar nur Wünsche, da sie aber von Gott gewährt werden, lässt der Erzähler keine Zweifel zu, dass sie in Erfüllung gehen.

In Hans im Glück (83), dem bekanntesten und beliebtesten aller Schwänke, empfindet Hans im Unterschied zu den Helden der Zaubermärchen nicht das Gold, sondern die Befreiung von der Last des Besitzes als Glück. Wenn man seine Tauschgeschäfte betrachtet - er tauscht den schweren Goldklumpen, den er für seinen siebenjährigen Dienst erhalten hat, auf dem Heimweg über ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein und eine Gans in einen Wetzstein und einen Feldstein ein, die ihm bei seiner letzten Rast in einen Brunnen fallen -, möchte man meinen, dass er jedes Mal übers Ohr gehauen wurde, und über ihn wegen seiner Dummheit lachen. Hans ist aber über jeden Tausch nicht nur zufrieden, sondern glücklich und ruft zuletzt aus: "So glücklich wie ich [...] gibt es keinen Menschen unter der Sonne." Und der Erzähler fügt hinzu: "Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war", und lässt uns durch den beschwingten Rhythmus seiner Worte Hansens Glück nachempfinden. Da das Glück kein objektiver Sachverhalt, sondern eine subjektive Vorstellung ist, heißt dies: Hans fühlt sich nicht nur, er ist glücklich.

Der Schwank zeigt aber auch, was seine Anhänger gern übersehen, dass das Glück nur ein momentaner Zustand ist. Ist auch Hansens Mutter glücklich, als er mit leeren Händen nach Hause kommt? Und wird Hans sich immer noch glücklich fühlen, wenn er sich nach einem neuen Dienstherrn umsehen muss?

Die Brüder Grimm haben zu diesem Schwank angemerkt: "Mit einem anderen Schluß, wonach dem Hans der Handel zum Glück ausschlägt bei Zingerle". Mit diesem Schluss hat der Handel dem Hans nach ihrer Meinung kein Glück gebracht. Der Titel Hans im Glück wäre demnach wie die Schwanktitel Der gescheite Hans (32) und Die kluge Else (34) ironisch zu verstehen. Hans hat auch in der Tiroler Fassung von Zingerle9 zunächst alles verloren, er schließt aber dann eine Wette um hundert Gulden ab, dass ihm seine Frau keine Vorwürfe macht, und gewinnt. So finden sich in den Grimmschen Märchen und in den von ihnen angegebenen Varianten immer wieder Gegenbeispiele, die vor allzu schnellen Schlüssen warnen.

Das Unglück

Um das Glück noch zu steigern, stellt ihm der Erzähler in vielen Märchen das Unglück voraus oder gegenüber. Sind der Held und die Heldin höchster Herkunft, also Königskinder, so führt ihr Weg zum Glück zuerst tief nach unten und dann, nach einer plötzlichen Wendung, steil nach oben. Die Königskinder stürzen ins Unglück, sie werden gefangen oder verzaubert oder müssen als ein männliches oder weibliches Aschenputtel dienen, und wenn sie die Zeit ihrer Not überstanden und damit ihre Prüfung bestanden haben, werden sie befreit oder erlöst und in den Stand eines Königs oder einer Königin erhoben. Je mehr das Publikum an ihrem Unglück Anteil nimmt, desto mehr freut es sich am Ende über ihr Glück.

Oder der Erzähler stellt neben das Glück des Helden und der Heldin das Unglück ihrer Gegenspieler. Solange man sich vom Erzähler leiten lässt, wird man auch deren Unglück gerecht finden. So wird man in Aschenputtel (21) die Blendung der Stiefschwestern als verdiente Strafe "für ihre Bosheit und Falschheit" ebenso akzeptieren wie in Frau Holle die Stigmatisierung der zweiten Tochter mit Pech - dabei hat sie nicht Pech gehabt, sondern wurde für ein geringfügiges Vergehen, das Faulenzen, übermäßig hart bestraft - oder das Todesurteil des Königs für die beiden älteren Brüder in Der goldene Vogel (57) und Das Wasser des Lebens (97). Wenn man dagegen versucht, sich in die Situation der unglücklichen Nebenbuhler zu versetzen, erkennt man, dass es der Vater oder die Mutter waren, die den Wettstreit zwischen den Geschwistern inszeniert haben. Das Unglück der Rivalen ist ebenso wenig gerecht wie das Glück von Held und Heldin, wird aber vom Erzähler und seinem Publikum, die sich mit ihnen identifizieren, als gerecht empfunden.

Die Kontrastierung von Glück und Unglück wird auf die Spitze getrieben, wenn beides sich zur selben Zeit und am selben Ort ereignet. Während Schneewittchen mit dem Königssohn Hochzeit feiert, muss die böse Stiefmutter in glühenden Eisen-Pantoffeln tanzen, bis sie tot ist. Während Aschenputtel mit dem Königssohn in die Kirche geht und nach der Trauung aus der Kirche herauskommt, picken die Tauben den neben ihnen schreitenden Stiefschwestern die Augen aus. Die Heldin darf dies, obwohl es vor ihren Augen geschieht, nicht merken, damit sie von jedem Makel frei bleibt. Und während in Die Gänsemagd (89) das Brautpaar mit den Gästen beim Hochzeitsmahl sitzt, muss die Gegenspielerin sich selbst das Todesurteil sprechen, das sofort vollstreckt wird. Ob dieses Schauspiel den Appetit der Hochzeitsgäste gesteigert oder verdorben hat, wird nicht erzählt.

Die Parabel Das Unglück (Nachlass Nr. 26) stand in der 4. bis 6. Auflage der Kinder- und Hausmärchen, wurde aber für die 7. und letzte Ausgabe leider herausgenommen. Denn sie wäre ein Korrektiv zu den Belehrungen des Märchenerzählers über das Glück und das Unglück gewesen.

Das Unglück
Wen das Unglück aufsucht, der mag sich aus einer Ecke in die andere verkriechen oder ins weite Feld fliehen, es weiß ihn dennoch zu finden. Es war einmal ein Mann so arm geworden, dass er kein Scheit Holz mehr hatte, um das Feuer auf seinem Herde zu erhalten. Da ging er hinaus in den Wald und wollte einen Baum fällen, aber sie waren alle zu groß und stark; er ging immer tiefer hinein, bis er einen fand, den er zu bezwingen dachte. Als er eben die Axt aufgehoben hatte, sah er aus dem Dickicht eine Schar Wölfe hervorbrechen und mit Geheul auf ihn eindringen. Er warf die Axt hin, floh und erreichte eine Brücke. Das tiefe Wasser aber hatte die Brücke unterwühlt, und in dem Augenblick, wo er darauftreten wollte, krachte sie und fiel zusammen. Was sollte er tun? Blieb er stehen und erwartete die Wölfe, so zerrissen sie ihn. Er wagte in der Not einen Sprung in das Wasser, aber da er nicht schwimmen konnte, sank er hinab. Ein paar Fischer, die an dem jenseitigen Ufer saßen, sahen den Mann ins Wasser stürzen, schwammen herbei und brachten ihn ans Land. Sie lehnten ihn an eine alte Mauer, damit er sich in der Sonne erwärmen und wieder zu Kräften kommen sollte. Als er aber aus der Ohnmacht erwachte, den Fischern danken und ihnen sein Schicksal erzählen wollte, fiel das Gemäuer über ihm zusammen und erschlug ihn.

Das Unglück des armen Mannes ist im doppelten Wortsinn unfassbar: nicht zu ertragen und nicht zu begreifen. Nachdem er sich selbst vor den Wölfen gerettet hat und dann vom Ertrinken gerettet wurde, wird er doch noch getötet. Führt die Handlung der Zaubermärchen vom drohenden Unglück zum Glück, so trifft hier das drohende Unglück nach der vermeintlichen Rettung doch noch ein. Über den Betroffenen erfahren wir nur, dass er in extreme Armut geraten war, dass ihn das Unglück also schon vorher getroffen hatte. Damit verbietet sich der Gedanke, dass er sein Unglück verdient hätte. Man möchte für diese Kette von so genannten Schicksalsschlägen auch nicht den lieben Gott verantwortlich machen. Die Erklärung, dass es das "Schicksal" gewesen sei, wird vom Erzähler im letzten Satz dem Betroffenen zugeschrieben. Und was meint er selbst?

Er hat im ersten Satz, dem einzigen, in dem er zu dem Geschehen Stellung nimmt, das Unglück personifiziert. Das Unglück wird nicht von Gott oder vom Schicksal verhängt, es verhängt sich selbst. Es sucht einen auf und weiß einen, wohin auch immer man flieht, zu finden. Warum gerade ihn? Darauf gibt es in der Geschichte keine Antwort. Diese Parabel oder "Vergleichung" erhellt nicht einen anderen Sachverhalt wie das Gleichnis, sondern das in ihr dargestellte Geschehen. Auch wenn der Erzähler sich einer rhetorischen Figur, der Personifikation, bedient, zeigt er, dass das Unglück nicht erklärbar ist. Und dies trifft ebenso auf das Glück zu.

Wir neigen dazu, für das eigene Unglück andere Menschen oder Gott oder die anonyme Macht des Schicksals verantwortlich zu machen, das eigene Glück dagegen für unser Verdienst zu halten - "Jeder ist seines Glückes Schmied" - und lassen uns durch die Märchen in dieser Einbildung gerne bestätigen. In der antiken Mythologie wird das Glück durch die Göttin Fortuna personifiziert, die die Gaben mit verbundenen Augen aus ihrem Glückshorn verteilt. An wen, weiß sie nicht und will sie auch nicht wissen. Wir müssen deshalb jederzeit darauf gefasst und vorbereitet sein, dass uns das Glück oder das Unglück treffen kann.

Anmerkungen

1) Zu diesem Thema ließen sich viele Beiträge anführen. Empfehlen möchte ich den Aufsatz "Märchenglück" von Hermann Bausinger, in: Zs. f. Lit.wiss. u. Linguistik 50, 1983: 17-27) dessen Titel ich gerne selbst verwendet hätte.

2) Wilhelm Wundt 1914: Völkerpsychologie 5, Leipzig.

3) Wilhelm Solms 1999: Die Moral von Grimms Märchen, Darmstadt.

4) Die Texte aus den Kinder- und Hausmärchen werden mit der Nummer aus der Ausgabe letzter Hand zitiert, so dass sie sich sowohl in der Reclam-Ausgabe von Heinz Rölleke als auch in der Ausgabe des Diederichs Verlags von Hans-Jörg Uther bequem nachschlagen lassen.

5) Hermann Bausinger: Märchenglück (Anm. 1): 23.

6) Ders.1987: Märchen, Phantasie und Wirklichkeit, Frankfurt a. M.: 36.

7) Hans Naumann 1929: Grundzüge der deutschen Volkskunde, Leipzig: 144.

8) Hans Dieckmann 1969: "Die symbolische Sprache des Märchens", in: Märchenforschung und Tiefenpsychologie, hrsg. v. Wilhelm Laiblin, Darmstadt: 446.

9) Zusammengefasst in Bolte/Polívka 1931/32: Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Leipzig, Bd. 2: 201.


Wilhelm Solms ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg und forscht im Ruhestand über Märchen, Goethe und den Antiziganismus.

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