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Klaus Holzkamp

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Kühnl versus Opitz?

08.10.2015: Wissenschaft versus Propaganda?

  
 

Forum Wissenschaft 3/2015; Foto: Torbz – fotolia.com

Am 10. Juli 2015 fand auf Anregung des BdWi in Marburg ein Symposium zur "Aktualität der Faschismustheorie" statt. In Erinnerung an den Faschismusforscher und BdWi-Mitbegründer Reinhard Kühnl wurde heftig und kontrovers debattiert, auch über die Geschichte der wissenschaftlichen Forschung zum Faschismus in der BRD und der DDR. Dabei blieben natürlich noch Fragen offen, wie Joachim Hösler im Folgenden anmerkt.

Das erste und hoffentlich nicht letzte Symposium zu Ehren von Reinhard Kühnl (1936- 2014) fand an dessen langjähriger Wirkungsstätte, im Hörsaal H der PhilFak an der Philipps-Universität Marburg, statt. Freundschaftliche Atmosphäre, analytischer Blick und Bezugnahme auf gegenwärtige Gefahren von rechts prägten wesentlich Vorträge und Diskussion - ganz im Stil von Reinhard Kühnl. Es gab allerdings auch Befremdliches.

So hat Axel Schildt aus Hamburg dem Faschismusforscher Reinhard Opitz (1934-1986) abgesprochen, wissenschaftlich gearbeitet zu haben. Auch wenn Opitz ehrlich von seinen Ansichten überzeugt gewesen sei, sei er anders als Kühnl Propagandist der DKP, aber nicht Wissenschaftler gewesen.

Bekanntlich haben Kühnl und Opitz auch Kontroversen ausgetragen, z.B. über Bündnistheorie vs. Diktatur des Großkapitals, Dysfunktionalität der Shoa vs. ökonomische Rationalität der Judenvernichtung. Aber sie taten dies auf dem festen Fundament des antifaschistischen Konsens': Der Meinungsstreit wurde stets mit dem gemeinsamen Ziel ausgefochten, die Ursachen rechtsextremer und faschistischer Bewegungen besser zu verstehen und abwehren zu können. Keiner der beiden hat dem anderen abgesprochen, wissenschaftlich zu arbeiten.1 Reinhard Kühnl wusste durch die Angriffe Ernst Noltes und der hessischen CDU, gegen die sich der BdWi zu Recht und mit Erfolg gewehrt hat, aus eigener Erfahrung um die Infamie solcher Attacken.2

Im zurückliegenden Jahr hat die etablierte Historikerzunft in Deutschland nahezu unisono dem 895-Seiten-Werk Die Schlafwandler von Christopher Clark zugejubelt. Clark, der überwiegend mit nationalen, kaum mit sozialökonomischen Kategorien arbeitet, erlaubt sich, was man keinem Studenten im Grundstudium durchgehen lassen würde: ohne sich in seinem Werk ernsthaft mit Fritz Fischer auseinanderzusetzen und indem er diesen am Ende verkürzt wiedergibt, diffamiert er dessen Analyse der Ursachen des Ersten Weltkriegs als "anklägerische[n] Ansatz", der "Konspirationsnarrative" hervorbringe.3 Mainstream-Historiker wie Herfried Münkler und Jörg Baberowski haben deutlich gemacht, dass es nicht nur darum gehe, Deutschland bzw. Deutschlands Oberschichten hinsichtlich des Kriegsbeginns 1914 zu entlasten. Die Jahrestagspublizistik sollte genutzt werden, um Fritz Fischer, den man eigentlich "nicht widerlegen kann" (so Clark in einer Fernsehdiskussion mit Guido Knopp)4 als Wissenschaftler zu diskreditieren: er habe mit seinen zugespitzten Thesen ja nur gegen seine eigene Belastung aus der Zeit vor 1945 angeschrieben; er habe lediglich die deutschen Quellen untersucht; er habe die internationalen Beziehungen nicht berücksichtigt usw.5

Wer Fischer gelesen hat, weiß, dass er nicht von Alleinschuld, sondern von dem "entscheidenden Teil der historischen Verantwortung" sprach, dass er diese nicht Deutschland, sondern den politischen, militärischen und wirtschaftlichen Führungsgruppen zugesprochen hat;6 dass er die Quellenbestände aller relevanten Archive Deutschlands und die einschlägigen Quelleneditionen im Hinblick auf die am Krieg beteiligten Staaten untersucht hat. Fischer hat sich mehrfach über längere Zeit in den USA und in England aufgehalten, er war international anerkannt. Besonders wichtig ist: Fischer hat es nicht beim Griff nach der Weltmacht bewenden lassen, sondern er hat in seinen Werken Krieg der Illusionen und Bündnis der Eliten zunehmend deutlicher aufgezeigt, dass die Geschichte Deutschlands von 1871 bis 1945 von einer besonderen Kontinuität der Machtstrukturen geprägt sei, was sich vor allem auf die Außenpolitik ausgewirkt habe.7 Der Versuch, Fischer als überholt darzustellen, zielt also im Wesentlichen darauf, diese These der Kontinuität für obsolet zu erklären.8

Kühnls Bündnistheorie und seine Darlegung des Sonderwegs Deutschlands9 sind kompatibel mit Fischers quellengesättigten Erkenntnissen über die kontinuierliche Aggressivität deutschen Kapitals und Militärs, die kaum an Aktualität verloren haben.

Und Opitz? Seine zugespitzte Definition des Faschismus an der Macht als "diejenige terroristische Form der politischen Herrschaft des Monopolkapitals", die alle Organisationen mit divergierenden Interessen "der Illegalisierung und Verfolgung aussetzt",10 mag kritisieren, wer ideologische u.a. Motive stärker gewichtet. Opitz' Schilderungen der Vorgänge 1932/33, als Vertreter der Großbanken und Großunternehmen Hitler ins Kanzleramt hievten, und der vom Reichsaußenministerium initiierten Aktivität seit 1943, da (zum Teil die gleichen!) Politiker, Diplomaten, Bankiers und Unternehmer begannen, die Weichen für den europäischen Einigungsprozess unter deutscher Führung zu stellen, sind von ihm und anderen Wissenschaftlern belegt.11 Opitz' Schlussfolgerung, die von Fischer konstatierte Kontinuität reiche über 1945 hinaus, steht auf festem Grund: "Noch ehe Deutschland kapituliert hatte, war in einem Kreis von Industriellen, die bis zuletzt für die gewaltsame Einigung Europas durch Deutschland gekämpft hatten, die Idee der EWG geboren worden, die dann ab 1949 zum Inhalt der Westeuropapolitik aller Bundesregierungen wurde.12 Die Militarisierung der Außenpolitik Deutschlands seit den 1990er Jahren, die fortgesetzte ökonomische Penetration Süd- und Ostmitteleuropas durch deutsches Kapital, die vor allem geopolitisch motivierte EU- und NATO-Ost-Erweiterung, die Rolle der Regierung Merkel in den Krisen um die Ukraine und um Griechenland sowie die fortschreitende Aushöhlung der Demokratie (Merkel spricht von "marktkonformer Demokratie", Colin Crouch nennt dies "Postdemokratie") - dies alles verweist auf die Brisanz und die Aktualität der Forschungsergebnisse Fischers, Opitz' und Kühnls. Dies gilt insbesondere für die Perspektive auf Liberalismus und Faschismus als den beiden Hauptformen bürgerlich-kapitalistischer Herrschaft.13 Auch die von Opitz geprägte Kategorie "Formierung" - deren Scheitern "die akut faschismusträchtige Situation" generiere - könnte sich noch als erkenntnisfördernd erweisen.14

Wer wie Schildt versucht, Reinhard Opitz als Wissenschaftler zu diskreditieren, liegt fachlich falsch und betreibt wissenschaftspolitisch nolens volens Geschichtsrevisionismus im Interesse der Marktliberalen und der Bellizisten.

Anmerkungen

1) Vgl. Kurt Gossweiler, Reinhard Kühnl, Reinhard Opitz 1972: Faschismus - Entstehung und Verhinderung. Texte zur Demokratisierung 4, Frankfurt/M.; Reinhard Opitz 1974: "Über die Entstehung und Verhinderung von Faschismus", in: Das Argument 87: 543-603; Reinhard Kühnl 1979: Faschismustheorien. Texte zur Faschismusdiskussion 2. Ein Leitfaden, Reinbek: 213-240.

2) Siehe BdWi Sektion Marburg (Hg.) 1977: Sozialwissenschaft und Arbeitnehmerinteresse. Die Auseinandersetzungen um den Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Marburg, Marburg.

3) Siehe Christopher Clark 2015: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, München: 715-718, hier: 716. Vgl. Wolfram Wette 2014: "1914 - ›Der deutsche Wille zum Zukunftskrieg‹", in: Blätter für deutsche und internationale Politik 1/2014: 41-53; Volker Ullrich 2013: "Zündschnur und Pulverfass", in: Die Zeit, Nr. 38.

4) Siehe Wer war schuld? Der Weg in den Ersten Weltkrieg unter www.youtube.com/watch?v=7ujbkXuQDfY Zugriff: 3.8.2015).

5) Siehe Dirk Kurbjuweit 2014: "Der Wandel der Vergangenheit", in: Der Spiegel, Nr. 7, S.112-117.

6) Siehe Fritz Fischer 2009: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Düsseldorf [zuerst 1961]: 85.

7) Fritz Fischer 1978: Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914, Kronberg; ders. 1979: Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871-1945, Düsseldorf.

8) Diese Stoßrichtung wird besonders deutlich bei Ulrich Sieg 2013: Deutsche Geschichte ist nicht tiefschwarz. Der Mythos vom deutschen Sonderweg, unter www.cicero.de/salon/kriegsschuld-mythos-vom-deutschen-sonderweg-1914-weltkrieg/56591(Zugriff: 5.8.2015).

9) Siehe Reinhard Kühnl 1996: Deutschland seit der Französischen Revolution. Untersuchungen zum deutschen Sonderweg, Heilbronn.

10) Opitz 1974: 601.

11) Siehe Reinhard Opitz 1999: Liberalismus, Faschismus, Integration. Edition in drei Bänden. Band II: Faschismus, hg. von Ilina Fach und Roland Müller, Marburg: 278-291; 467-68; vgl. ders. (Hg.) 1994: Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945, Bonn: 954 ff. passim; Ulrike Hörster-Philipps (Hg.) 1978: Wer war Hitler wirklich? Großkapital und Faschismus 1918-1945. Dokumente, Köln: 348-353; Eberhard Czichon 1995: Die Bank und die Macht. Hermann Josef Abs, die Deutsche Bank und die Politik, Köln: 352 ff.

12) Opitz 1999: 468.

13) Vgl. Reinhard Kühnl 1971: Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus - Faschismus, Reinbek; Reinhard Opitz 1999a: Liberalismus, Faschismus, Integration. Edition in drei Bänden, Band I: Liberalismus, Integration, hg. von Ilina Fach, Marburg.

14) Opitz 1974: 588.


Dr. Joachim Hösler ist apl. Prof. für Neuere und Osteuropäische Geschichte an der Philipps-Universität Marburg sowie Lehrer für Geschichte und Politik/Wirtschaft an der hiesigen Carl Strehl-Schule.

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