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Klaus Holzkamp

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Zukunftsperspektiven

15.12.2006: Denkauslöser, Realitäten, planende Kreativität bei Marx (1)

  
 

Forum Wissenschaft 4/2006

Wie wird bei Marx (und Engels) Zukunft gedacht? An wenigsten, wie es ihre Nicht-LeserInnen ihnen zuschreiben: als schwärmerischer Utopismus. Viel eher als das, was Menschen in ihren konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen und Beziehungen und aus ihnen machen. Richard Albrecht gibt Hinweise zum Nachlesen.

Denken und Werk von Karl Marx (1818-1883) stehen in zahlreichen komplexen Zusammenhängen und dialektischen Spannungsfeldern: Auf der intellektuell-wissenschaftlichen Ebene zum Beispiel sind zentrale Problemfelder die philosophische Subjekt-Objekt-Problematik, die Wissenschaftsmethodologie von Besonderem und Allgemeinem, das richtungsweisende Verhältnis von gesellschaftlichem Gesetz und sozialer Tendenz und schließlich das widersprüchliche Verhältnis von Theorie und Empirie. Auf der publizistischen Ebene sind zum Beispiel Moral und Wissenschaft - hier vor allem Kritik der politischen Ökonomie und/als Schlüssel zum Verständnis der Analyse der Anatomie der ‚bürgerlichen Gesellschaft' (G.F.W. Hegel), ihrer Veränderung durch soziale Bewegungen, schließlich Studium und Beeinflussung dieser - zwei zentrale Interessensfelder.

Der moralische Ausgangspunkt und Impetus ist im Werk von Marx leicht erkennbar, zum Beispiel in seinem anonymen Artikel ("Von einem Rheinländer") über die Verhandlungen des sechsten rheinischen Landtags zum Holzdiebstahl in Form des "Holzdiebstahlsgesetz[es]" (1842). Marx verweist hier auf die - zeitgemäß ausgedrückt - gesellschaftliche Bedeutung und Wirksamkeit von Definitionsmacht: Wenn nämlich den Armen das bisher durch Gewohnheitsrecht garantierte Recht "der Armut in allen Ländern", das "seiner Natur nach nur das Recht dieser untersten besitzlosen und elementarischen Masse sein kann"1, genommen wird, dann werden sie nicht nur entrechtet, sondern auch einer für ihr (Über-) Leben zentralen Handlungsmöglichkeit, nämlich (Feuer-)Holz zu schlagen, beraubt - mit allen Wirksamkeiten fürs wirkliche Leben (früheres Sterben eingeschlossen ...). In einem weiteren "frühen" Text - der damals so unvollendeten wie unveröffentlichten Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1844) - skizziert Marx seinen aus seiner Kritik der Religion entwickelten kategorischen Imperativ: Wenn der "Mensch das höchste Wesen für den Menschen" ist, dann gilt es, so Marx, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" (MEW 1, 385).

Diese emphatische moralische Sendung findet sich im, auch literarsprachlich bedeutsamen, "Manifest der Kommunistischen Partei" (1848) von Karl Marx und Friedrich Engels (1820-1895).

Widersprüche und Zukunft

Nicht nur, dass eine dichte Beschreibung weltgeschichtlicher Entwicklung versucht wird mit der Bourgeoisie als geschichtlicher Vorreiterklasse, die "alle Nationen zwingt", sich ihre, nämlich die kapitalistische, "Produktionsweise anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen" und sich insofern "eine Welt nach ihrem eigenen Bilde schafft" (MEW 4, 466), dass der "Weltmarkt" nicht nur abstrakt gedacht, sondern konkret im Zusammenhang mit technischen Fortschritten und kommerzieller Internationalisierung als "fortwährende" Revolutionierung "sämtlicher gesellschaftlicher Verhältnisse" (MEW 4, 465) vorgestellt wird - Marx/Engels kritisieren nicht nur die damit einhergehenden neuen und erweiterten Ausbeutungsverhältnisse, sondern erkennen auch in der durch kapitalistische Produktions- und bürgerliche Herrschaftsverhältnisse geschaffenen neuen (Mehrheits-) Klasse, dem Proletariat (oder der Arbeiterklasse), die Möglichkeit der Abschaffung aller klassenbezogenen Herrschaft überhaupt (MEW 4, 472).

Der "reife" Marx schließlich analysiert als Sozialwissenschaftler diese gesellschaftlichen "Verhältnisse" genauer und entwickelt, wie zuerst an der Bedeutung des "Holzdiebstahl" skizziert, (s)einen Begriff von Gesellschaft als Ensemble, als Gesamtheit, schließlich als ‚konkrete Totalität' im übergreifend-allgemeinen Sinn, indem er die Hegelsche dialektische Methode, "vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen" und sich das Konkrete intellektuell anzueignen, "es als ein geistig Konkretes zu reproduzieren" (MEW 13, 632), benützt: Aus dieser Sicht besteht Gesellschaft - so Marx 1857/58 in seinen Vorarbeiten zu seinem wissenschaftlichen Hauptwerk "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie" - "nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehn".2

Auch wenn sich im verdienstvollen "Etymologischen Wörterbuch des Deutschen" von Wolfgang Pfeifer u.a. (München ³1995) kein direkter Hinweis darauf findet, was Zukunft sein soll - "kunft" (auch kumft) als mittelhochdeutsche Vorform hat mit dem neuhochdeutschen (An-)Kommen zu tun und verweist auf (Noch-)Nichtgegenwärtiges. Insofern ist Zukunft im allgemeinen auch eine Zeit, die nicht Gegenwart oder Jetztzeit, sondern kommende, der Jetztzeit oder Gegenwart folgende Zeit ist.3 Eine Metapher für Zukunft, die meist zeitlich Naheliegendes meint, ist (das) Morgen. Insofern ist es nicht mit ‚dem' Morgen oder dem nächsten (morgigen) Tag zu verwechseln. Im 1888 entstandenen Lied "Die Internationale"4 kommt weder Zukunft noch (das) Morgen vor - wohl aber in der (1918 von Hermann Scherchen besorgten) deutschen Fassung des russischen Volkslieds "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit". In der ersten Strophe wird bis heute als Ausdruck künftig erwarteter Befreiung "Hell aus dem dunklen Vergangnen / leuchtet die Zukunft hervor" refrainhaft zwei Mal gesungen.5

Während sich im "Manifest der Kommunistischen Partei" (1848) in Verbindung mit dem großindustriell produzierten und bürgerlich institutionalisierten Weltmarkt durchaus zukunftsbezogene und insofern prognostische Aussagen finden - etwa zur Entwicklung des Proletariats oder zur freilich so abstrakt vorgestellten wie empirisch unzutreffenden Aufreibung der "Mittelstände" zwischen den beiden Hauptklassen; MEW 4, 468-472 -, so drückt sich in der marxistischen Entwicklung des theoretischen "Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" auch ein intellektueller Verzichtsprozess auf Voraussagen oder Prognosen aus - auch in Texten, in denen noch am ehesten prognostische Aussagen auf und subjektive Erwartungen an zukünftige Entwicklungsprozesse erwartbar wären, wie etwa in den "Grundrissen" oder, wesentlich später, im "Fragebogen für Arbeiter" (1880), dessen 104 Fragen keine einzige nach zukünftigen Prognosen oder Erwartungen der Arbeiter enthält (MEW 19, 230-237).

Handeln und Zukunft

Auf Zukunftsprognosen lässt sich Marx hingegen in seiner kurzen Stellungnahme zur Agrarfrage (MEW 18, 59-62) ein,6 indem er einerseits allgemein betont, dass "die Zukunft der Arbeiterklasse" von der Lösung der Eigentumsfrage an Grund und Boden abhängt (MEW 18, 59) und andererseits gesellschaftliche Zukunft nur dort und dann sieht, wo und wenn Grund und Boden "nationales Eigentum" sind (MEW 18, 62). Im antizipativen Sinn gedanklicher Vorwegnahme möglicher Entwicklungen und Ereignisse erwartet Marx von der "Nationalisierung des Grund und Bodens [...] eine vollkommene Änderung in den Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital" und schließlich die Beseitigung der "gesamte[n] kapitalistische[n] Produktion [...], sowohl in der Industrie wie in der Landwirtschaft. Nur dann werden die Klassenunterschiede und Privilegien verschwinden, zusammen mit der ökonomischen Basis, der sie entspringen, und die Gesellschaft wird in eine Assoziation freier ‚Produzenten' verwandelt werden". Wobei es in der englischsprachigen Veröffentlichung des Textes anstatt "Die Zukunft wird entscheiden" heißt: "Die soziale Bewegung wird entscheiden" ...

Sowohl Karl Marx als auch Friedrich Engels haben von ihren Früh- bis zu ihren Spätschriften immer wieder die bedeutende Rolle des humanen Intellekts und der kreativen Kraft intellektueller Antizipation betont: Wie es der "junge" Marx war, der als rheinländischer Publizist den strukturanthropologischen Unterschied zwischen dem unter Tieren als "Baumeister" geltenden Biber (ein tierischer "Baumeister mit einem Fell") und einem Architekten (als menschlicher Baumeister eben kein "Biber ohne Fell") ironisch betonte (MEW 1, 63), als Philosoph den "Menschen als bewusstes Gattungswesen", das im Gegensatz zum Tier "universell produziert" und dabei "auch nach den Gesetzen der Schönheit" formiert, vorstellte,7 so war es der analytische Sozialwissenschaftler Marx als Kritiker der politischen Ökonomie, der als Kennzeichen des besonderen menschlichen Arbeitsprozesses die Antizipation des (später zur Ware formverwandelten) Arbeitsprodukts erkannte (MEW 23, 193): "Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war."

Friedrich Engels schließlich verallgemeinerte die universelle Sonderstellung des Menschen - humane Naturbeherrschung -, als er in einem Manuskriptfragment 1875/76 (zur Entwicklungsgeschichte der menschlichen Hand bei der "Menschwerdung des Affen") betonte (MEW 20, 322/323): "Auch Tiere im engem Sinne haben Werkzeuge, aber nur als Glieder ihres Leibes - die Ameise, die Biene, der Biber; auch Tiere produzieren, aber ihre produktive Einwirkung auf die umgebende Natur ist dieser gegenüber gleich Null. Nur der Mensch hat es fertiggebracht, der Natur seinen Stempel aufzudrücken, indem er nicht nur Pflanzen und Tiere versetzte, sondern auch den Aspekt, das Klima seines Wohnorts, ja die Pflanzen und Tiere selbst so veränderte, daß die Folgen seiner Tätigkeit nur mit dem allgemeinen Absterben des Erdballs verschwinden können."

Hier liegt die anthropologische Begründung dessen, was Karl Marx als "general intellect" bezeichnete und was als praktische gesellschaftliche Vernunft bis heute uneingelöst ist (Grundrisse, 594): "Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, electric telegraphs, selfacting mules etc. Sie sind Produkte der menschlichen Industrie; natürliches Material, verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder seiner Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns; vergegenständliche Wissenskraft."

Ohne dass ich die für mich nach wie vor problematische Begründung oder Setzung aus sozio-anthropologischer Sicht hier vorstellen oder diskutieren will, soll doch erwähnt werden, dass der deutsche Soziologe Arnold Gehlen später einen wesentlichen Funktionsaspekt aller Humananthropologie unter den Stichworten "Handlungsdruck" und "Entlastungstendenz" angesprochen hat. Aus Gehlens Grundthese, dass "der Mensch infolge seines Mangels an spezialisierten Organen und Instinkten in keine artbesondere, natürliche Umwelt eingepasst und infolgedessen darauf angewiesen ist, beliebige vorgefundene Naturumstände intelligent zu verändern", schlussfolgert Gehlen zum einen: "Sinnesarm, waffenlos, nackt, in seinem gesamten Habitus embryonisch, in seinen Instinkten verunsichert", ist der Mensch entsprechend seiner Gattungsspezifik "existentiell auf die Handlung angewiesen". Dies meint vor allem die "Veränderung der Außen-Welttatsachen". Für Gehlen ergibt sich aber auch aus der (dynamischen) Handlungserfordernis die Notwendigkeit (stabilisierend wirkender und insofern auch statischer) gesellschaftlicher Regelungen und Einrichtungsformen, eben von Institutionen.8 Hier wirkt bei Gehlen zum zweiten das anthropologisch allgemein gültige Prinzip der Entlastungstendenz als "weitere fundamentale menschliche Gesetzlichkeit".9

Anmerkungen

1) Marx Engels Werke (MEW), Berlin 1962 ff.; hier MEW 1, 115. In dieser Kurzform zitierte MEW-Nachweise stehen im Folgenden i.d.R. im Text.

2) Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie [Rohentwurf 1857/58], Berlin 1974, hier 176

3) de.wikipedia.org/wiki/Zukunft

4) Text: Emil Luckhardt; Musik: Pierre Chrétien Degeyter

5) viadrina.euv-frankfurt-o.de/~jusohsg/lieder/brueder/brueder.htm

6) Über die Nationalisierung des Grund und Bodens (1872)

7) Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844); MEW 40, 516-517

8) Die angesonnene Funktion solcher Institutionen wäre nach dem Grundmuster von Beichte und Absolution Entlastung der Handlungssubjekte, freilich auch von zurechenbarer personaler Verantwortung; vgl. Montada, Leo: Verantwortlichkeit und das Menschenbild in der Psychologie; hrsg. von B. Jüttemann, Weinheim: Beltz, 1983, 162-188. Dieses Grundproblem ist auch noch in der entwickelten (spät-)bürgerlichen Gesellschaft wichtig, etwa wenn Suizidale von Versicherungen entschädigt werden (sollen). Hier lautet die Grundfrage dann: Zwangshandlung oder freier Willensentscheid.

9) Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft, Reinbek bei Hamburg 1957, hier zitiert 8, 17, 18.


Dr. habil. Richard Albrecht, PhD, ist kulturanalytischer Sozialpsychologe, historisch arbeitender Politikwissenschaftler und online-Editor von rechtskultur.de (de.geocities.com/earchiv21/rechtskulturaktuell ). - Der zweite Teil von "Zukunftsperspektiven" erscheint in Forum Wissenschaft 1/2007.

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