BdWi - Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

»Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen.«

Klaus Holzkamp

Newsletter abonnierenKontaktSuchenSitemapImpressum
BdWi
BdWi-Verlag
Forum Wissenschaft

Politische Philosophie – philosophische Politik

15.09.2006: Hannah Arendt zum 100. Geburtstag

  
 

Forum Wissenschaft 3/2006

Auch ein jüdisch-deutsches Leben: Am 14. Oktober 1906 in Linden (damals bei Hannover) hineingeboren in diese unsere Moderne mit ihren Welt-, Weltanschauungs- und Weltvernichtungskriegen, aufgewachsen im ostpreußischen Königsberg in einem liberalen deutschjüdischen Milieu. Richard Albrecht beschreibt dieses Leben.

Die junge Frau studiert in Heidelberg unter anderem bei Karl Jaspers, Martin Heidegger und Edmund Husserl. Sie engagiert sich nach ihrem flinken Doktorat 1928 in der zionistischen Bewegung in Deutschland. Das ist den neuen deutschen Herren nicht genehm: Flucht also nach Machtübergabe, -übernahme und -ausübung durch Nationalsozialisten schon 1933; Illegalität im Nachbarland Frankreich. Dort wieder aktiv in der jüdischen Rescue-Arbeit, um zu retten, wer immer aus Deutschland zu retten ist. Günther Anders – später bedeutender sozial-philosophischer Kritiker des Atomzeitalters – ist ihr erster Ehemann und Lebensgefährte. Beide können nach der Besetzung des größten Teils von Frankreich durch deutsche Truppen in die Vereinigten Staaten, die USA, fliehen. Wieder Arbeit in jüdischen Hilfskomitees – aber auch: Aufarbeitung all dessen als Intellektuelle, was geschah. Und all dessen, warum es so und nicht anders geschehen konnte: Zäh, verbissen, gegen Widerstände.

Bibel des Antitotalitarismus

Das wichtigste Ergebnis dieser Jahre auch des Zweifels an allen Möglichkeiten der conditio humana und unserer Mit-Menschlichkeit ist ein Buch, das bis heute als Bibel des Antitotalitarismus gilt: Hannah Arendts wissenschaftliche Trilogie The Origins of Totalitarism (1951). Das Buch erschien in erweiterter deutscher Fassung – inzwischen mehrfach wiederaufgelegt – 1955 als „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und ist ein Text, dem jede „tröstliche Moral“ (Manès Sperber) fehlt. Denn auch für Hannah Arendts Studie/n zur totalitären Herrschaft gilt als Angebot an uns (als) LeserInnen: Mit der Autorin „die Einsamkeit teilen“, also an einer paradoxen Form von Gemeinschaft teilhaben, in der, so Manès Sperber, „jene zueinanderfinden, die aus der gleichen Quelle den Mut schöpfen müssen, ohne Illusionen zu leben.“

In Kalten-Kriegs-Zeiten der 1950er Jahre wird Hannah Arendt bekannter, schließlich prominent und Professorin an der Exilhochschule New School for Social Research in New York. Bis sie endlich, nach zwei Jahrzehnten produktiver akademischer Lehr- und politischer Publikationstätigkeit, neunundsechzigjährig, Anfang Dezember 1975, stirbt.

Hannah Arendt und ihr zweiter Mann und Lebensgefährte, Heinrich Blücher, erfuhren im US-amerikanischen Exil in New York 1943 vom fabrikmäßig unternommenen Völkermord an europäischen Juden, den beide zunächst nicht glauben zu können glaubten. Hannah Arendt hat, zwei Jahrzehnte später, immer noch betont: „Dies hätte nie geschehen dürfen.“1

Auschwitz – was das war, wie es dazu kommen konnte und wie es künftig verhindert werden kann: Das bestimmte Hannah Arendts Denken und Handeln. Und das Wissen um diese (und ihre eigene) Vergänglichkeit war die einzige und letzte Gewissheit der politischen Zeitgenossin, Soziologin und Philosophin Hannah Arendt.

Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, so der deutsche Titel ihres Hauptbuchs, kann auch als ausgreifende Zeitdiagnose gelesen werden: Was die Autorin etwa zum Imperialismus ausführt, behandelt die auch ideengeschichtlich hergeleitete Zerstörung des alten Europa durch den und im Ersten Weltkrieg. Und der zweite Teil ihres 750-Seiten-Werks über Totalitarismus lässt sich auch heute immer noch lesen als kundige Variation über einen geschichtlich-allgemeinen Prozess der Ent-Bindung von Traditionsbeständen, Verweltlichung und Modernisierung, kurz: Es geht um das, was der deutsche Soziologe Max Weber als Schlagwort geprägt hat – Entzauberung der Welt –, ein Prozess, der im totalitär-bürokratischen Zeitalter von Massen und Zerfall wohl beschreibbar, aber, nach Hannah Arendt, nicht erklärbar ist:

„Zu erklären ist das totalitäre Phänomen aus seinen Elementen und Ursprüngen so wenig und vielleicht noch weniger als andere geschichtliche Ereignisse von großer Tragweite.“

Totalitäre Politik

Und auch wenn, oder vielleicht gerade weil, die politische Wissenschaftlerin und Publizistin Hannah Arendt immer einem beschreibend-identifizierenden Zugriff zum Totalitären verpflichtet blieb, insofern Erscheinungen beschrieb und phänomenologisch verfuhr, so können doch, auch heute noch, einzelne Seiten, Hinweise und Facetten ihrer kritischen Einschätzung von totalitärer Politik im 20. Jahrhundert wenn nicht in jeder Einzelheit, so doch wenigstens in der allgemeinen Tendenz stimmig klingen:

„Totalitäre Politik ist nicht Machtpolitik im alten Sinn, auch nicht im Sinn einer noch nie dagewesenen Übertreibung und Radikalisierung des alten Strebens nach Macht nur um der Macht willen: hinter totalitärer Machtpolitik wie hinter totalitärer Realpolitik liegen neue, in der Geschichte bisher unbekannte Vorstellungen von Macht und Realität überhaupt. Auf diese Begriffsverschiebung kommt alles an, denn sie und nicht bloße Brutalität bestimmt die außerordentliche Schlagkraft wie die ungeheuerlichen Verbrechen der totalen Herrschaft. Es handelt sich bei totalitären Methoden nicht um Rücksichtslosigkeit, sondern um die völlige Nichtachtung aller berechenbaren äußeren Konsequenzen, nicht um chauvinistische Greueltaten, sondern um die Nichtachtung aller nationalen Interessen und die völlige Wurzellosigkeit derer, die sich der Bewegung als solcher verschrieben haben, nicht um die vulgäre Durchsetzung irgendwelcher personaler oder Cliqueninteressen, sondern um die ruchlose Verachtung aller Zweckmäßigkeitserwägungen (…). Der unerschütterliche Glaube an eine ideologisch-fiktive Welt, die es herzustellen gilt, hat die politischen Verhältnisse der Gegenwart tiefer und entscheidender erschüttert, als Machthunger oder Angriffslust es je hätten tun können. Der Machtbegriff der totalen Herrschaft“ – so Hannah Arendt zusammenfassend über seine Wirksamkeit – „beruht ausschließlich auf der Kraft und der Stärke, welche durch Organisation und reibungsloses Funktionieren zu erreichen ist.“

Banalität des Bösen

In ihrem 1964 in Deutschland veröffentlichten Eichmann-Prozess-Bericht von der Banalität des Bösen hat Hannah Arendt in der Eichmann-Figur als Inkarnation des tüchtigen SS-Bürokraten und Völkermord-Organisatoren ihren Kerngedanken zur Beschreibung von Genozid und Massenmord, seiner Planung, Organisation und Durchführung im arbeitsteiligen Verfahren durch gewisse Staats-Beamte als gewissenhafte Exekutoren von Gewissenlosigkeit verallgemeinernd popularisiert… gerade so, als wollte sie, als Überlebende, am zwei Jahrzehnte vor Auschwitz und Treblinka verstorbenen Prager Juden Franz Kafka, über den sie schon 1948 schrieb und von dessen künstlerischen Visionen und Dystopien sie als Wissenschaftlerin und Publizistin viele Anregungen erfuhr, eine moralische Schuld abtragen – geht es doch in Kafkas Romanfragment Der Prozeß auch um die Festnahme eines Unschuldigen durch eine mächtige Organisation, die gegen einzelne Menschen ein sinnloses Gerichtsverfahren organisiert. Dies ist, so Franz Kafka: „Eine Organisation, die nicht nur bestechliche Wächter, läppische Aufseher und Untersuchungsrichter beschäftigt, sondern die weiterhin jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten Grades unterhält, mit dem zahllosen, unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen, vielleicht sogar Henkern.“2

Franz Kafka wird auch das mit Blick auf Hannah Arendts Bürokratie-Kritik nicht einmal unzutreffende Bonmot zugeschrieben, dass viele so genannte WissenschaftlerInnen, wenn sie nur die Welt von Dichter- und KünstlerInnen auf eine andere Ebene transponierten, zu Ansehen, Ruhm und Bedeutung gelangten – eine Kritik, die, so der Soziologe René König (1973), keineswegs nur Hannah Arendt betrifft. Und auch Hannah Arendts wissenschaftliche Wissensdefizite, gerade in ihrem Hauptfeld Totalitarismus- und Genozid-Beschreibung, -Analyse und -Kritik sind unverkennbar. Etwa immer dann, wenn sie alle Vor- und Zwischenformen des später Holocaust genannten staatlich geplanten, organisierten und exekutierten, fabrikmäßig ablaufenden Vernichtungskriegs und Massenmords gegen europäische Juden und Jüdinnen durch deutsche Staatsfunktionäre als „staatlich organisierten Verwaltungsmassenmord“ für einzigartig erklärt, damit auch so gar nichts von Vorläufern, also „Deutschsüdwest“ vor dem Ersten Weltkrieg – heute Namibia –, während des Ersten Weltkriegs gegen Armenier „hinten in der Türkei“ und während des Zweiten Weltkriegs gegen Serben im kroatischen Separatstaat, wissen will…

Vita Activa

Für intellektuell bedeutungsvoll, damit über bloß publizistisch-aktuelle Zeitdiagnose/n hinausgehend, halte ich nicht nur Hannah Arendts Antitotalitarimus-Buch wie ihren Eichmann-Prozess-Bericht, sondern auch ihr zuerst 1958 veröffentlichtes ‚modernes’ Lese-Buch The Human Condition, deutsch erschienen als Vita Activa oder Vom Tätigen Leben. In diesem Hannah-Arendt-Buch geht es um Bedingungen unseres im Kleinen vergemeinschafteten, im Großen vergesellschafteten Lebens, damit unserer conditio humana (und nichts anderes bedeutet der englische Originaltitel); etwa, wenn die Autorin als politische Philosophin im geschichtlichen Teil über die soziale Ordnung mittelalterlicher Ständegesellschaften ausführt: „Kein Eigentum haben hieß, keinen angestammten Platz in der Welt sein eigen zu nennen, also jemand zu sein, den die Welt nicht vorgesehen hatte.“

Und wer „Eigentum“ durch bezahlte Erwerbsarbeit ersetzt, befindet sich, nolens volens, plötzlich in unserer neuen Moderne, deren erwerbswirtschaftliche Maxime lautet: Wer hier und heute erwerbs-arbeiten kann und will und keine bezahlte Arbeit hat, der hat keinen angestammten Platz in dieser spätkapitalistischen Industriegesellschaft, ist also jemand, den diese soziale Welt nicht vorgesehen hat und damit überzählig, wenn nicht gar überflüssig. – Ähnlich „modern“ Hannah Arendts Hinweis zur zentralen Rolle des Konformismus als Merkmal aller Gesellschaft/en, damit jeder Vergesellschaftung von Menschen. Es geht immer um jene „zahllosen Regeln, die alle darauf hinauslaufen, die Einzelnen gesellschaftlich zu normieren, sie gesellschaftsfähig zu machen und spontanes Handeln wie hervorragende Leistungen zu verhindern.“

Freilich ging Hannah Arendt davon aus, daß Gesellschaft real-existiert und keine Fiktion ist, genauer Karl Marx, Grundrisse, 1859: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse, aus, worin diese Individuen zueinander stehen.“

Hätte Hannah Arendt zehn Jahre länger gelebt und jene intellektuell abenteuerliche These der Begründerin des britischen Thatcherismus erfahren (derzufolge Gesellschaft „ein Unding“ ist, weil es „nur einzelne Männer und Frauen und deren Familien“ geben könne: „There is no such thing as society, only individual men and women and their families“) – dann hätte sie wohl, wenn überhaupt, möglicherweise nur noch knapp-sarkastisch oder langanhaltend-ablachend auf diesen staatsfräuisch-kretinischen Schwachsinn reagiert.

Undenkbares denken

Hannah Arendts Lage ist tertial, also etwas Drittes zwischen Innen und Außen, zwischen Inside und Outside, nicht ausgeschlossen zu sein und auch nicht völlig dazugehören, ist jene Zwischenlage, die etwas, das ich für moralisch und erkenntnispraktisch zentral wichtig halte, ermöglicht: Ich meine das, was heutige Sozialwissenschaft zunehmend unterlässt, wenn nicht gar verachtet – nämlich intellektuell Unannehmbares anzunehmen, Unaussprechliches auszusprechen und damit auch: Undenkbares zu denken. Denn ohne das, was in der internationalen sozialwissenschaftlichen Destruktionsforschung, etwa zum Völkermord/Genozid, ‚thinking the unthinkable’ genannt wird, lassen sich gerade heute epochal-destruktive Vernichtungsprozesse und historisch-entgrenzte Destruktionsereignisse wie Genozid und Völkermordpolitik als Staatsverbrechen nicht angemessen beschreiben, erklären und begreifen.

Wenn es denn eine unverzichtbare Kernfunktion von SozialwissenschaftlerInnen, die diesen Namen verdienen, ist, bisher unsichtbare Prozesse in der Welt des Sozialen sichtbar zu machen – die Sozialpsychologin Maria Jahoda sprach 1986 davon, unsichtbare Dinge sichtbar zu machen – und bisher unverstandene soziale Vorgänge beschreiben, verstehen und begreifen zu lernen, dann war Hannah Arendt eine bedeutende politische Wissenschaftlerin im vergangenen 20. Jahrhundert. Und dass Staaten in unserer Zeit, namentlich der Holocaust-nationalsozialistische wie der Gulag-stalinistische, als solche und aktiv und bewusst Verbrechen begehen, nicht irgendwelche, sondern kapitale Verbrechen, Verbrechen an der Menschheit, dass also Staaten als solche kriminell – nämlich staatskriminell – handeln (können) – diese scheinbare Paradoxie musste auch erst mal wissenschaftlich durchdacht, intellektuell bewältigt und öffentlich ausgesprochen werden, ohne dass die moralische Persönlichkeit selbst an ihren Einsichten verzweifelt.

Der Preis ist die Preisgabe verbindlicher (staats-) bürgerlicher Sicherheiten und Gewissheiten. Hinter der glatten Fassade der Normalität kann sich, wie Hannah Arendt an ihrem Eindruck der SS-Spießer-Figur Eichmann vorführt, der Abgrund auftun: Das Böse kommt als Banalität daher, jede totalitäre Welt ist eine ungebändigt-furchtbare soziale Welt. Und zugleich im Sinne Franz Kafkas, weil und wenn „die Lüge zur Weltordnung gemacht“ wird, eine verkehrte Wirklichkeit und doch erweislich wirklich und strukturell eingelassen in jede bürgerliche Ordnungsnormalität.

So gesehen, gibt es, zu Ende gedacht, nur eine letzte bürgerliche Gewissheit: Dass unsere Leben endlich und unsere leiblichen Leben erst mit dem Tod (als Lebenssinn) zu Ende sind wie das Leben von Hannah Arendt, der US-amerikanischen Autorin deutsch-jüdischer Herkunft, die am 14. Oktober 1906 in (Hannover-) Linden geboren wurde und am 4. Dezember 1975 im New Yorker Exil starb.

Anmerkungen

1) Zit. nach www.rbb-online.de/_/zurperson/interview_jsp/key=zp_interview_638419.html

2) Zit. nach: Richard Albrecht, „Lebendige Menschen“ als „tote Registraturnummern…“ – Eine Bürokratie-Kritik nach Franz Kafka: hausarbeiten.de/faecher/vorschau/38287.html .


Dr. rer. pol. habil. Richard Albrecht, PhD, ist Sozialwissenschaftler und Editor des unabhängigen online-Magazins für Bürgerrechte in Deutschland: rechtskultur.de (de.geocities.com/earchiv21/rechtskulturaktuell.htm ).

Zum Seitenanfang | Druckversion | Versenden | Textversion