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Klaus Holzkamp

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"Elite" gegen "Masse" oder: Legitimation sozialer Ungleichheit

(Morus Markard; Auszüge aus einem Beitrag auf dem Hochschultag der Rosa-Luxemburg-Stiftung, 18.11. 2000, TU Berlin)

Wenn man etymologisch, also vom Wortstamm her vorgeht, kann man "Elite" als mehr oder weniger harmlose Bezeichnung des Umstandes ansehen, dass Menschen "ausgewählt" oder auch "erwählt" wurden. Die Frage ist dann die, auf welche Weise wer wofür ausgesucht wird. Offenkundig führt aber nicht jedes Ergebnis einer Auswahl dazu, dass die Erwählten als "Elite" bezeichnet werden oder sich zur "Elite" rechnen. Wer sich z.B. um den Posten einer Klofrau beim Berliner Bahnhof Zoo bewirbt und genommen, also ausgewählt wird, zählt bzw. zählt sich deswegen noch lange nicht zur Elite. Wohl aber führt die Perfektion in der Tötung von Menschen zur Subsumtion der potenzieller Täter unter den Begriff der Elite: Man redet ja von Elitetruppen. Für besonders fähige Metzger wiederum gilt nicht, dass sie als Elite bezeichnet werden. Es gibt also, können wir sagen, Eliteschlächter, nicht aber Eliteschlachter. Das heißt: Es müssen schon Menschen - als Krone der Schöpfung - die Opfer sein, damit von Tötungs-Eliten die Rede sein kann. Wie man aber auch sieht: mit bloßer Etymologie kommen wir schon bei einfachen Beschreibungen nicht besonders weit.

Doch bleiben wir zunächst bei der Beschreibungsebene: Hier unterscheidet die Soziologie Eliten nach den Kriterien der Auswahl: z.B. Geburtseliten (etwa der Adel; ein Beispiel wäre der Prinz von Hannover, den man dann als Elite-Schläger bezeichnen könnte), Machteliten (in Politik, Militär und Ökonomie) oder Funktionseliten, die über beruflich-fachliche Leistungen definiert werden. Es ist wohl davon auszugehen, dass für den Bereich, mit dem wir uns zu beschäftigen haben, ein Zusammenhang von Leistung und Macht, also von Funktions- und Machteliten relevant ist.

Wenn ich dem weiter nachgehe, will ich zunächst darauf aufmerksam machen, dass es überhaupt nicht zwingend ist, über Macht und Leistung unter Nutzung des Terminus "Elite" zu reden. Vielmehr will ich zeigen, dass die Rede von "Eliten" in diesem Zusammenhang eine bestimmte gesellschaftspolitische Funktion hat. Ich will also den Elitebegriff bzw. die heutige Rede davon funktionskritisch analysieren.

Dazu scheint mir wesentlich zu sein, dass schon in der Antike, genauer gesagt: in Sparta, "Elite" ein Relationsbegriff war, also ein Begriff, der nur verständlich wird, wenn man ihn als Teil eines Begriffspaars sieht: In Sparta steht "Heloten" für den Gegenbegriff: Heloten waren die Nachkommen unterworfener Bevölkerungsgruppen, die - quasi Staatseigentum - auf dem Feld schufteten, mindestens die Hälfte des dabei erwirtschafteten Ertrages abzuliefern hatten und zu Kriegszeiten als Waffenknechte benutzt wurden. In Sparta also keine Elite ohne Heloten.

Dieser eindeutige Unterwerfungs- und Unterdrückungszusammenhang zwischen der Elite und dem Rest geht in Geschichtsschreibung und Sozialtheorie leicht unter, wie Marx an der von ihm so bezeichneten mythologischen Fassung der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals feststellte: Die "ursprüngliche Akkumulation spielt in der politischen Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie. Adam biss in den Apfel, und damit kam über das Menschengeschlecht die Sünde. Ihr Ursprung wird erklärt, indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird. In einer längst verfloßnen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andren faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen ... In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle." In dieser von Marx persiflierten Mythologie löst sich also der strukturelle Unterwerfungs- und Unterdrückungszusammenhang in Personalisierungen auf: Herrschaft verschwindet in unterschiedlichen Eigenschaften von Menschen, bzw. das Vorhandensein von Oben und Unten, von Elite und Lumpen, soll verständlich werden aus unterschiedlichen, entgegengesetzten Eigenschaften - und ist insofern nicht bloß eine Tatsache, sondern eine quasi sachlogische Notwendigkeit.

Wenn Bourdieu etwa von "Kapitalsorten" redet, versucht er, den Gedanken struktureller Ungleichheit mit personalen Bewältigungsmöglichkeiten in der Verbindung zu bringen; aber dass man Elite auch unter Bezug auf unterschiedliche "Kapitalsorten" fassen kann, ist nicht unser Thema.

Sofern nun die da unten, also die Lumpen, gegen die da oben, die Elite, aufbegehren, stellt dies die natürliche, sachgerechte und insofern eben auch gesellschaftlich gerechte Ordnung der Dinge in Frage. Diese praktische Infragestellung systematisierte sich z.B. im Zuge organisierter sozialistischer Bestrebungen und Umtriebe im 19. Jahrhundert. Die Rechtfertigung und Aufrechterhaltung der natürlichen Gerechtigkeit der kapitalistischen Ordnung der Dinge oblag (und obliegt) den empirischen Sozialwissenschaften bzw. der Psychologie, welche - offenkundig nicht zufällig - auch zu dieser Zeit entstanden und das Konzept der social control erdachten.

Für unseren Zusammenhang der Funktionskritik des Elitebegriffs ist nun wesentlich: Der Begriff der social control ist so konzipiert, dass die schon Mächtigen das Steuer keinesfalls aus der Hand geben müssen. Die sog. "Masse", die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht als Subjekt, sondern als Objekt der Kontrolle vorgesehen, ein Objekt, dessen Befindlichkeit aber nun insofern ernster genommen wurde, als diese ins Herrschaftskalkül einbezogen wurde - zum Beispiel über sog. Meinungsumfragen: ‚Meinen können Sie viel, zu sagen aber haben Sie nix‘.

Wie wir wissen, gibt es auch gegenwärtig im Hochschulbereich den Trend, Möglichkeiten der Mitwirkung und Mitbestimmung an den Hochschulen durch Meinungsumfragen zu ersetzen. Dieses Konzept entspricht dem Interesse, die "Massen" - hier die Studierenden - zwar irgendwie in die Regelung universitärer Angelegenheiten einzubeziehen, ihnen aber gleichzeitig realen Einfluss zu entziehen bzw. diesen Einfluss völlig kontrollieren zu können. Die Erhebung einflusslosen Meinens und Dafürhaltens korrespondiert mit der Aufrechterhaltung des Status quo. Insofern gehört der Abfrage der sog. Meinung zum ideologischen Ensemble der demokratieförmigen Absicherung bürgerlicher Herrschaft, auch in den Hochschulen.

War schon generell, wie der Soziologie Martindale das einmal formulierte, die Entstehung der Soziologie eine "konservative Antwort" auf den Sozialismus als Bewegung, gilt das allemal für die Entstehung einer dezidierten "Massenpsychologie", deren wesentliche Aussage darin bestand, die Auf- und Widerständigkeit der "Lumpen" zu irrationalisieren und zu pathologisieren - und eben den Lumpen im Plural, vor allem organisierte Lumpen, als "Masse" zu bezeichnen.

Mit der Rede von der "Masse" sind wir beim Gegenbegriff zur Elite (wieder) angelangt: Wie in Sparta keine Elite ohne Heloten, so heute keine Elite ohne Masse. Wer also von einer Elite redet, darf von der damit mitgemeinten Masse nicht schweigen. Die Rede von der Elite impliziert die Abwertung des Restes; sonst ist die Rede von der Elite sinnlos. Wenn man also über Macht und - hier vor allem interessierend - über Leistung unter Verwendung des Elitebegriffs redet (was, wie gesagt, sachlich nicht zwingend ist), ist damit soziale Selektion und Abwertung der anderen mitgemeint.

Elite ist eben kein bloßer Beschreibungsbegriff, sondern ein historisch gewordenes und historisch belastetes Konzept, dessen systematische Verwendung heute m.E. wohl kalkuliert ist, auf jeden Fall den gezeigten Abwertungs-Effekt der "anderen" hat, ein Effekt, der sich auf den Begriff des Anti-Egalitarismus bringen lässt: Die Rede von der Elite dient der Legitimierung systematischer gesellschaftlicher und sozialer Ungleichheit. In der "Zeit" vom 14. September dieses Jahres hat Ernst Tugendhat angesichts der Nietzsche-Renaissance vor der "Verharmlosung" der anti-egalitaristischen Tradition von Nietzsche bis Hitler gewarnt. Für Nietzsche, darauf hat Safranski kürzlich deutlich hingewiesen, war Kultur nur auf der Basis einer ausgebeuteten und selber von Kultur ausgeschlossenen Masse möglich: Nietzsche, so Safranski, "erblickte im sozialen Fortschritt eine Bedrohung für die Kunst", wenn er schrieb, die "Auflehnung der unterdrückten Massen gegen drohnenartige Einzelne" werde die "Mauern der Kultur" umreißen. Nietzsche scheute sich allerdings nicht, die Elite als - allerdings kultur-notwendige - "Drohnen" zu bezeichnen.

Ein weiterer Aspekt des Redens von Eliten, der ja auch insofern ein selbstferenzieller Begriff ist, als sog. Leistungsträger sich selber gerne als Elite bezeichnen: In der kapitalistischen Gesellschaft zur (sich eben selbst so nennenden) Elite zu gehören, ist, wie gesagt gleichbedeutend damit, im Resultat der Auswahl, also in der Zugehörigkeit zur Elite, Erfolg zu repräsentieren. Nun ist "Erfolg" in der bürgerlichen Gesellschaft ja damit belastet, weniger "sachdienlich" zu sein, als im Wesentlichen im konkurrenziellen Ausstechen, Ruinieren oder Übertölpeln Anderer zu bestehen. "Diesen Vorgang als Leistung darzustellen und die Gewinner als Elite und nicht als Gauner, ist die Aufgabe der bürgerlichen Moral." - wie das Scharang formulierte. Wie gesagt: Von Leistung zu reden, impliziert keineswegs, von Elite zu faseln. Eher deutet die Rede von "Elite" auf gesellschaftliche Zustände hin, in denen Leistungen von allgemeiner gesellschaftlicher Nützlichkeit abgekoppelt gedacht werden. Leistende Eliten haben auf Lumpen und Massen und deren Nützlichkeitserwägungen keine Rücksicht zu nehmen. Das wäre dann durchaus das, was Nietzsche mit der erwähnten Drohnenhaftigkeit der Eliten meinte.

Die neue Alltäglichkeit der Rede von Elite und Masse möchte ich schließlich an einer Überschrift im Berliner "Tagesspiegel" vom 11. August verdeutlichen, die folgendermaßen lautete: "Keine Angst vor der Massenausbildung. Breitenbildung und Förderung der Eliten - ein Widerspruch, der nach 40 Jahren Zickzackkurs gelöst werden kann". Hier haben wie die behandelten Begriffe schön beisammen: die Masse, die in Kombination in der "Breitenbildung" auch noch die breite Masse wird, und die "Eliten", die jenseits der Breite-Massen-Bildung offenkundig noch gesondert gefördert werden. Und dass die Verwendung von Begriffen wie Masse und Elite gesellschaftlichen Konjunkturen unterliegt und je nach diesen Konjunkturen gesellschaftspolitische Intentionen bedient, deutet sich an der Klage über den Zickzackkurs an. Denn als es seinerzeit um die Erschließung von Bildungsreserven ging, war das Elitegerede mehr oder weniger "out".

Darüber hinaus aber, und darauf kommt es mir vor allem an, wird an dieser Überschrift auch deutlich, dass in der gegenwärtigen hochschulpolitischen Debatte der Begriff der Elite in einer bestimmten Hinsicht ausgeweitet wird, wenn man davon ausgeht, dass die Elite als Funktionselite ja eigentlich Resultat einer Auswahl oder auch Förderung sein soll. In dieser Überschrift sind Eliten aber nicht das Resultat von Förderung, sondern deren Gegenstand. Ihre Elitenhaftigkeit muss diesen Eliten, obwohl sie als Funktionseliten (s.o.) angesehen werden müssen, schon vor den Resultaten der Förderung anzumerken sein, diese Eliten müssen also eigentlich eine Art Geburtselite sein in der Weise, dass sie - und zwar im Unterschied zum Rest - von Geburt an zu elitenhafter Leistung befähigt wie bestimmt sind, womit wir als neue soziologische Kategorie die Geburts-Funktions-Kombi-Elite anbieten könnten. Das müssen wir aber deswegen nicht, weil es für diesen Gedanken schon ein sprachlich einfacheres und allgemein bekanntes Konstrukt gibt: das der Begabung.

Ich gehe also davon aus, dass der Begriff der "Begabung", insbesondere der gegenwärtige noch beliebtere Begriff der "Hochbegabung" das individualpsychologische Pendant zum gruppenbezogenen Begriff der Elite ist, zumindest im Bildungsbereich. Die Elite bestünde so gesehen also vor allem aus den Begabten (das würde sie dann von sog. Promis unterscheiden, denen ja nicht unbedingt Begabung attribuiert wird) - wobei der Begriff der Begabung übrigens nicht einen so klaren Gegenbegriff wie die Elite besitzt. Als "unbegabt" wird man die Masse nur ungern bezeichnen, man würde wohl eher von den "Normalen" reden - es geht also um die normale breite Masse und die begabte Elite.

Wer auf welche Weise auf Begriffe wie Intelligenz / Begabung / Hochbegabung / Elite rekurriert, hängt, auch davon ab, ob dabei politisch motiviert Bildung für die Bevölkerung gedrosselt oder ausgeweitet werden soll, ob man meint, das bürgerliche Bildungsprivileg durchbrechen zu müssen oder nicht, ob man also meint, strukturell erzeugte gesellschaftliche Ungleichheit relativieren oder stabilisieren zu müssen. Begabung / Intelligenz / Elite sind immer auch politische Kampfbegriffe - und in ihren Gegenteilen eben auch Schmähbegriffe.

Ein diesbezüglicher kleiner Exkurs, was die Geschichte der FU Berlin angeht: 1949 hieß es in einem Bericht eines SPD-Politikers namens Neumann: "Im großen und ganzen sind die Studenten wahrscheinlich der größte einzelne Aktivposten, den die FU vorweisen kann. Sie sind intelligent, politisch aufgeweckt, fleißig und liebenswürdig". Intelligenz und Liebenswürdigkeit dieses politisch aufgeweckten Aktivpostens wurden allerdings vor allem in seinem zuverlässigen Antisozialismus diagnostiziert. Denn als die Studierenden später wirklich politisch aufgeweckt wurden, galten sie gar nicht mehr als liebenswürdig, auch nicht mehr als intelligent. Die Missliebigkeit des FU-Aktivpostens dämmerte herauf mit der Affäre um den Journalisten Kuby (ebd., 311ff) von der Süddeutschen Zeitung: Dieser hatte sich schon 1949 herausgenommen, also zur Anfangs-Zeit der real existierenden FU, zu schreiben, die "Ostberliner" Humboldt-Universität bereite mit Erfolg Jugendliche aus der Arbeiterklasse auf ein Studium vor, sei also um die Brechung des bürgerlichen Bildungsprivilegs bemüht, sie kümmere sich also - typisch marxistisch - um die materiellen Voraussetzung im Dasein der Menschen, die Konzerne durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft finanzieren. Knapp 10 Jahre später, 1958, warf Kuby der FU eine Negativ-Fixierung auf die HU vor. Von da an wurden ihm im Rahmen des deutsch-amerikanischen Freiheitsverständnisses Reden an der FU untersagt. 1965 nun lud der AStA der FU, der das Verbot nicht mehr akzeptierte, Kuby trotzdem ein. Dieser musste dennoch auf die TU Berlin ausweichen, und er bescheinigte den Deutschen bei dieser Gelegenheit, das "dümmste Volk Europas" zu sein, und zwar wegen der stramm antikommunistischen Entwicklung der BRD. Wenn man weiß, dass es nach den Akten des Office of Military Government (U.S.) for Germany (OMGUS) "vierzig nüchterne und entschlossene Deutsche" (ebd. 144) waren, die FU gründeten, kann man sich vorstellen, dass deren Nachfolger sich über Kuby dessen Diagnose der Dummheit ärgerten und ihrerseits die Verblödung der Studierenden beklagten. Nun ja. Kampf- und Schmähbegriffe eben.

(...)

Ich komme zum Schluss: Begabung und Elite sind auf Gruppen bzw. Individuen bezogene Konzepte, deren wissenschaftliche Problematiken mit ihrer Eignung zu Kampfbegriffen harmonieren. Das macht ihre spezifische Parteilichkeit aus. Sie legitimieren, verbergen und transportieren gesellschaftlich erzeugte Ungleichheit und die dafür erforderlichen Selektionsprozesse. Emphatisch hieß es diesbezüglich schon 1992 - also zu einer Zeit, zu der die CDU noch von Helmut Kohl geführt wurde, von einem Menschen also, der Elite und Masse wohl einzigartig als psychophysisches Gesamtkunstwerk repräsentiert: "Wer Qualität sagt, der muss ... Selektion hinzudenken."

Erfolgreiche Selektion beruht in dieser Ideologie auf der möglichst frühen Diagnose der Masse- bzw. Elitenzugehörigkeit der Individuen, ein Gedanke, der in Spannung steht zum Gedanken des allgemeinen Rechts auf Bildung ist. Wenn man nun daran zurückdenkt, dass - gerade im neoliberalen Kontext - "Elite" über eine von gesellschaftlichen Nützlichkeitserwägungen abgekoppelte abstrakte Leistung organisierter Gaunerei zu begreifen ist, soll der Erfolg im Selektionsprozess auch die Einübung eben dieser Abstraktion von gesellschaftlicher Nützlichkeit gewährleisten. Dies aber ist gleichbedeutend mit dem Aufgeben jenes emanzipatorischen Gedankens von "Bildung", der auf die Reflexion und zumindest gedankliche Aufhebung von Entfremdung und von arbeitsteiligkeitsbedingter Partikularisierung drängte. Eine kapitalistisch funktionierende Elite hat damit nichts am Hute. Sie ist demgegenüber kleingeistig und zementiert Ungleichheit, sie ersetzt Moral durch abstrakte Effektivität, repräsentiert Anti-Egalitarismus und ist antidemokratisch. Wenn die sog. Masse nicht theoretisch und praktisch zu sich findet und Widerstand leistet, wird es ihr so dreckig gehen wie Marx‘ "Lumpen".

Personen:
>Morus Markard

27.06.2017
Torsten Bultmann: Wem gehört die Wissenschaft?
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